Gerade hatte Clarissa wieder einen der zahlreichen Berichte zu Ende gelesen, als sie ein seltsam kratzendes Geräusch hörte. Erst vermutete sie, dass ihre Wächterinnen zurückgekehrt waren und sie erneut überfallen wollten. Aber dann horchte sie nochmals genau hin. Das Geräusch hörte sich eher an, als ob zwei Steine aneinander reiben würden. Auch kam es nicht aus dem Gefängnisflur, sondern von der Zelle nebenan. Einen Moment blieb es still, dann hörte sie nochmals dieses schiebende Geräusch und danach auf einmal ein Poltern, als ob etwas Schweres auf den Boden gefallen war. Voller Schreck fuhr sie nun zusammen, so laut hallte dieses Geräusch in der dunklen Stille.
Dann hörte Clarissa unverhofft eine leise Stimme, die nach ihr rief. Clarissa folgte dem leisen Rufen und entdeckte einen kleinen unscheinbaren Spalt in der Mauer, durch den die Stimme ihres Zellennachbarn zwar leise, aber doch klar und deutlich zu verstehen war.
„Junge Frau, hörst Du mich?“ fragte der Unbekannte immer wieder.
„Mein Name ist Gaius und bin hier ebenso ein Gefangener wie Du. Kannst Du mich verstehen?“
Nach anfänglichem Zögern antwortete Clarissa dem Gefangenen aus der Nachbarzelle vorsichtig:
„Ja, ich kann Dich hören, was willst Du von mir?“
„Schön, dass Du mich hören kannst. Ich wollte wissen, ob es Dir gut geht. Es hat sich eben so angehört, als ob Du von den Wächterinnen misshandelt worden wärst. Artepa und Eniba gehen nie sehr zimperlich mit den Gefangenen um. Die meisten davon sind schon nach ein bis zwei Wochen gänzlich wahnsinnig oder tot.“
„Danke für Deine Nachfrage, ich bin zwar völlig durchnässt und mir ist auch ziemlich kalt, aber ansonsten geht es mir gut.“
„Das freut mich zu hören, ich habe hier schon so viel Leid und Tod erlebt, dass es für mich schon sehr erfreulich ist, eine so nette Stimme, wie die Deine hören zu können, und jemanden kennen zu lernen, der noch nicht völlig verzweifelt ist.“
Clarissa, die durch seine netten Worte nun etwas mehr Vertrauen zu ihrem Zellennachbarn fasste, ließ sich, obwohl sie das anfänglich nicht vorhatte, nun doch auf ein Gespräch mit ihm ein:
„Gaius, Du scheinst ja jetzt schon eine Weile hier gefangen zu sein. Wieso bist Du denn dann überhaupt noch am Leben?“ Clarissa hörte Gaius lachen, bevor er ihr antwortete, aber dieses Lachen hatte einen bitteren Unterton:
„Ja, da kommst Du ja ohne Umschweife auf den Punkt und legst Deine Finger tief in eine blutende und schmerzende Wunde. Nun, es stimmt, dass ich schon seit ungefähr zwanzig Jahren hier gefangen bin und in dieser Zeit schon viele Gefangene kommen und gehen gesehen habe. Ich war vor langer Zeit der Geliebte von Nyx.
Allerdings verlor sie eines Tages das Interesse an mir und nahm sich einen neuen Geliebten. Sie spürte aber, wie sehr ich sie weiterhin begehrte und daher meinte sie, dass es qualvoller für mich sei, mich mit diesen sehnsuchtsvollen Gedanken an sie und der Gewissheit, dass sie in den Armen eines anderen Geliebten lag, dahin vegetieren zu lassen als mich einfach nur zu töten. Die schwarze Seele in ihr entschied daher, ihre Enkelin Lethe zu beauftragen, mich in dieses Gefängnis werfen zu lassen. Damit ich möglichst lange am Leben bleibe, genieße ich hier sogar ein paar Vorzüge. Meine Zelle ist etwa dreimal so groß wie die eines normalen Gefangenen und ich darf auch über ein paar persönliche Gegenstände verfügen. Außerdem ist es verboten mich zu foltern und ich bekomme dreimal täglich etwas zu Essen. Übrigens ein schauriger Fraß, aber er hat mir geholfen zu überleben.“
„Hast Du denn nie versucht zu fliehen?“
„Doch, schon viele dutzend Male. Ein- oder zweimal bin ich sogar in die Nähe eines dunklen Spiegels gelangt, doch jedes Mal, ehe ich in die Welt des Lichts wechseln konnte, sind die Wächter meiner habhaft geworden und haben mich wieder hierher zurückgebracht. Ja und langsam werde ich zu alt, um noch ausreichend Kraft für eine Flucht aufbringen zu können. Aber jetzt erst einmal genug von mir und meiner eintönigen und gleichzeitig grausamen Lebensgeschichte. Entschuldige meine Neugierde, aber jetzt würde ich auch gerne von Dir wissen, wer Du bist und wie Du dazu kommst, die Gastfreundschaft von Ennova, Herrin der dunklen Kerker genießen zu dürfen?“
„Mein Name ist Clarissa Mandel. Ich komme aus der Welt des Lichts und bin hierher entführt worden, um meinen Geliebten dazu verleiten in das dunkle Reich zu reisen und ihn damit in eine Falle zu locken.“
„Oh, das hört ganz nach einem Plan der Herrscherin der Dunkelheit an. Sie legt wohl großen Wert darauf, Deinen Geliebten in die Gewalt zu bekommen. Wenn sie so viel Aufwand betreibt, ihn zu fangen, scheint Dein Geliebter ja eine sehr wichtige Persönlichkeit zu sein.“ Dann fuhr er mit einem Hauch Hoffnung in der Stimme fort: “Ist er etwa unser zukünftiger Befreier, der uns vom Joch der Herrschaft der drei dunklen Göttinnen befreien und unsere beiden Welten wieder in Einklang bringen wird?“
„Ich kann nicht sagen, ob er wirklich dieser Befreier ist, aber feststeht, dass ich ihn liebe und ich nicht möchte, dass er bei dem Versuch, mich zu befreien, gefangen genommen oder getötet wird. Daher wäre es sehr wichtig für mich, ihm irgendwie eine Botschaft übermitteln zu können und ihn zu warnen.“
„Nun, das dürfte in Deiner derzeitigen Situation etwas schwierig sein.“
„Tja, da hast Du leider recht.“, sagte Clarissa mit sichtlichem Bedauern.
„Gesetzt den Fall, Du würdest es schaffen, aus diesem Gefängnis zu entkommen, was würdest Du dann tun?“
„Ich würde versuchen, wieder in die Welt des Lichts zu gelangen und meinen Liebsten vor den Gefahren, die hier auf ihn lauern, warnen.“
„Aber hatte er nicht von vornherein vor, in das dunkle Reich einzudringen, um die drei Göttinnen zu besiegen.“
„Das stimmt, aber wenn er so besorgt um mich ist, wie ich es vermute, und er nur mein Wohlergehen und meine Rettung im Sinne hat, vergisst er unter Umständen jede Vorsicht und geht unnötige Risiken ein.“
„Ja, da muss ich Dir recht geben. Aber meinst Du nicht, dass es für Dich sehr gefährlich wäre, Dich allein hier im dunklen Reich zu bewegen und nach einem Übergang in die Welt des Lichts zu suchen? Das dunkle Reich befindet sich in einer Art Kriegszustand und Menschen aus der Welt des Lichts fallen hier schnell auf.“
„Nun, dieses Risiko würde ich eingehen, außerdem glaube ich nicht, dass alle Bewohner des dunklen Reiches böse sind und mir nach dem Leben trachten werden.“
Gaius hörte den großen Kummer, der in Clarissas Stimme anklang, aber auch die wilde Entschlossenheit, die sie zum Ausdruck brachte. Daher entschied er sich, ihr bei ihrer Flucht zu helfen, auch wenn er dadurch den Zorn der Göttin der Nacht auf sich ziehen würde. Aber was konnte Nyx ihm noch antun, was sie ihm nicht schon angetan hatte? Ihn töten? Vor dem Tod hatte er schon lange keine Angst mehr. Vielleicht waren die Chancen von Clarissa im dunklen Reich zu überleben, doch nicht so schlecht, wie er dachte, und vielleicht konnte er ein klein wenig dazu beitragen, dass das dunkle Reich irgendwann in Freiheit leben konnte. Ja, er musste ihr helfen. Unter Umständen hatte dann sein Leben doch noch irgendeinen Sinn gehabt.
Clarissa hatte gerade vor Augen, wie Devius beim Übergang in das dunkle Reich grausam von irgendwelchen Untieren abgeschlachtet wurde und fühlte Tränen der Hoffnungslosigkeit in ihr aufsteigen, als Gaius ihr ihre Hoffnung durch ein paar wenige Worte wiedergab.
„Clarissa ich merke, dass Du über ein sehr starken Willen und große Kraft verfügst, um diverse Gefahren zu bestehen. Daher vertraue ich Dir jetzt ein Geheimnis an. Kurz bevor Nyx das Interesse an mir verloren hatte, habe ich per Zufall die Konstruktionspläne dieses Gefängnisses in der Bibliothek der Göttin entdeckt und mir voller dunkler Ahnungen die wichtigsten Einzelheiten davon eingeprägt. Später als ich hier eingekerkert wurde, habe ich aus dem Gedächtnis einen kleine Kopie des Planes gezeichnet. Was mir dabei besonders am Herzen lag, waren die diversen Geheimgänge, die hier zur Sicherheit mit eingebaut wurden. Und einer dieser Geheimgänge hat seinen Eingang in Deiner Zelle. Ich habe diese Zeichnung über viele Jahre im Geheimen aufbewahrt, doch nun ist der Augenblick gekommen, sie Dir zu geben und Dir damit die Chance auf eine baldige Flucht zu geben.“, mit diesen Worten schob Gaius den Plan durch den Spalt in der Mauer zu der jungen Frau.
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