Clarissa wurde in ihren Gedankengängen unterbrochen, als sie von dem Halbwesen, das sie bisher trug, heruntergelassen und der Schlangenfrau übergeben wurde.
„Nun, dann werde ich die blonde Schönheit mal in ihr Zimmer bringen lassen. Ich habe zwei besonders gut geeignete Wächterinnen, die die Bewachung unseres neuen Gastes übernehmen werden.“ sagte Ennova zu Lethe gewandt. Danach drehte sie leicht den Kopf und rief mit lauter Stimme in Richtung des linken Ganges:
„Artepa und Eniba, kommt zu mir und bringt die neue Gefangene in ihr Verlies!“
Kurz darauf hörte man Schritte im linken Gang erklingen und dann sah man zwei Gestalten, die sich gemächlich der Gruppe in der Eingangshalle näherten. Je näher sie kamen, desto deutlicher konnte Clarissa erkennen, wie schrecklich verunstaltet ihre zukünftigen Wächterinnen waren. Die eine Gestalt war groß und unförmig und ähnelte der Mischung zwischen einer Wildsau und einer menschlichen Frau. Borstige Haare bedeckten fast ihren gesamten Körper und sie hatte einen gewaltigen, keilförmigen Kopf und eine sehr bewegliche lang gestreckte Schnauze. Außerdem besaß sie zwei sehr große Eckzähne und kleine schwarze Augen. Die andere Wächterin war halb Mensch halb Hyäne. Sie hatte das tupfige Fell einer Hyäne und ging leicht gebückt auf zwei Beinen. Außerdem verfügte sie über einen wuchtigen Kopf und einen kräftigen Nacken. Auch ihre Schnauze war recht breit und darin war ein sehr kräftiges Gebiss zu sehen.
Als die beiden Wächterinnen bei der Gruppe ankamen, befahl Ennova ihnen, Clarissa in die für sie vorgesehene Gefängniszelle zu bringen, die sich im rechten Trakt des Gefängnisbaues befand. Die größere von beiden nahm daraufhin das Seil, mit dem Clarissa immer noch gefesselt war, in ihre riesigen Pranken und begann, sie voller Gewalt hinter sich her zu ziehen, während die andere ihnen dichtauf folgte und immer wieder mit einer neunschwänzige Katze auf Clarissa einschlug, um sie zum schnelleren Gehen zu bewegen.
Die schrecklichen Schmerzen, die das verursachte, ließen Clarissa oftmals zu Boden stürzen und voller Verzweiflung darauf hoffen, dass sie bald zu ihrem Ziel, der Zelle gelangen würden. Nach einer kleinen Ewigkeit, so kam es zumindest Clarissa vor, hatten sie endlich ihr Verlies erreicht. Die Hyänenfrau schloss die Zellentür auf, während die Wildsaufrau Clarissa voller Brutalität mit den Worten
„Willkommen in der Hölle der dunklen Kerker!“ in ihre Zelle warf und dann die Tür laut zuschmiss.
Jetzt war Clarissa also endgültig gefangen. Als erstes musste sie versuchen, sich von diesen Fesseln zu befreien, die ihr das Blut in Armen und Beinen abschnürten. Das gelang ihr glücklicherweise schon nach kurzer Zeit mit Hilfe einer kleinen Scherbe, die sie auf dem Boden der Zelle fand. Danach betastete sie ihren Rücken, der voller blutiger Striemen war, die wie Feuer brannten und bei deren Berührung sie jedes Mal laut aufstöhnte. Sie hoffte darauf, dass sich die Wunden nicht entzünden würden, denn das würde ihr wahrscheinlich ein noch schnelleres Ende bereiten als die Folter der Wächterinnen.
Nun erst sah sie sich in ihrer Zelle um. Es war ein kleiner dunkler Raum mit einem Steinpodest, der wohl ihr Bett darstellen sollte, und einem kleinen Hocker. Dann befand sich in einer Ecke des Verlieses ein Loch im Boden, was scheinbar zur Verrichtung der Notdurft dienen sollte. In dem Raum war es sehr kühl, außerdem roch es feucht und modrig. Auch hier wuchs Moos an den Wänden Beleuchtet wurde die Zelle durch eine blauflammige Fackel, die aber keine Wärme spendete. Während sie sich näher in der Zelle umschaute, entdeckte Clarissa an den Wänden teils im Laufe der Zeit und durch die Feuchtigkeit unkenntlich gewordene, teils aber auch noch lesbare Schriftzeichen, die hier offenbar von den Gefangenen, die vor ihr in dieser Zelle saßen an die Wände geschrieben worden waren. Auch der kleinste Raum der Wände ihrer Gefängniszelle war mit Schriftzeichen bedeckt.
Zu ihrer Verblüffung konnte sie diese Schriftzeichen ohne Probleme entziffern und lesen, obwohl sie in einer ihr unbekannten Sprache verfasst waren. Was war mit ihr geschehen, als sie von den Halbwesen durch den Übergang von der Welt des Lichts in das dunkle Reich gebracht wurde? Weshalb verstand sie plötzlich ihre Sprache und wieso konnte sie, ohne darüber nachdenken zu müssen, ihre Schrift lesen und verstehen? Vielleicht hing das mit dem Amulett ihrer Großmutter und den darin steckenden Zauberkräften zusammen? Ja, das wäre gut möglich.
Clarissa schaute auf ihre Uhr und stellte fest, dass es erst kurz nach zwei war. Es kam ihr durch die dämmrige Düsternis im dunklen Reich schon sehr viel später vor. In dem Moment, als sie daran dachte, wurde ihr bewusst, wie müde und erschöpft sie sich fühlte. Sie entschloss sich, sich etwas hinzulegen. Nachdem sie sich erst einmal ausgeruht und etwas geschlafen hatte, würde sie sich anschließend näher mit den Schriftzeichen an den Wänden befassen. Vielleicht konnte sie ja in den Texten ein paar Hinweise darauf finden, wie sie aus diesem schrecklichen Gefängnis entkommen konnte. Außerdem musste sie sich Gedanken darüber zu machen, wie sie Kontakt zu Devius aufnehmen und ihn warnen konnte.
Mit diesen Gedanken legte sie sich auf die kalte und feuchte Steinpritsche und schlief fast sofort ein. Kaum war sie eingeschlafen, fing sie auch schon an zu träumen. Sie träumte davon, dass ihre Großmutter wie ein Geist durch die Zellentür glitt, sie in den Arm nahm und dann zu sprechen begann:
„Clarissa, es tut mir sehr leid, dass ich Dich in eine so große Gefahr gebracht habe und Du diese schrecklichen Dinge erleiden musst, sei aber sicher, dass dies nicht umsonst sein wird. Vertraue auf Dich und die Kraft Deiner Liebe. Denn die Stärke Deiner Liebe birgt die Macht Dich aus diesem Gefängnis zu befreien.“ Ehe Clarissa ihrer Großmutter etwas erwidern konnte, wurde sie durch die Kälte eines Schwall Wassers und die höllischen Schmerzen, die das Salz in diesem Wasser in ihren Wunden auslöste, geweckt. Als Begleitmusik dazu ertönte noch das höhnische Lachen ihrer Wächterinnen, die ihr das voller Bosheit angetan hatten. Im gleichen Moment hörte sie folgende voller triefendem Hass hervorgestoßene Worte:
„Ach, unsere blonde Schönheit hat sich zum Schönheitsschlaf hingelegt, aber wir möchten nicht, dass sie sich ausruht und es ihr gut geht. Wir möchten, dass sie bitterlich friert und sie vor Schmerzen schreit.“
Als Clarissa nun von ihrer Pritsche aufschreckte, sah sie die beiden Wächterinnen vor ihrem Bett stehen und sie triumphierend angrinsen. Im Hintergrund stand Ennova die Schlangenfrau und lächelte bösartig und falsch. Sie schien sehr zufrieden über die Tat ihrer Untergebenen zu sein. Langsam stand Clarissa nun von der Pritsche auf und sagte sehr leise und ohne Zorn zu zeigen:
„Verlasst meine Zelle und lasst mich in Ruhe!“ Scheinbar war in ihren Worten und ihrem Blick aber so viel Kraft und Selbstbewusstsein, dass die beiden Wächterinnen zusammenzuckten und schnell gemeinsam den Raum verließen. Kurz bevor die Tür wieder in Schloss fiel, konnte sie auch noch einen Blick auf Ennova werfen und auch ihr bösartiges Lächeln war nicht mehr ganz so selbstbewusst wie zu Beginn. Dann war Clarissa wieder allein. Als sie so dastand, bemerkte sie, dass das Amulett auf ihrer Brust angefangen hatte, ganz leicht zu leuchten. Und sie wusste, das war gut so.
Als sie eine Weile ihren Gedanken nachgehangen war, nahm Clarissa wahr, wie bitterkalt es ihr dank der durchnässten Kleidung war und wie furchtbar sie die Wunden auf ihrem Rücken schmerzten. Um sich davon abzulenken, wollte sie sich die Texte an den Wänden näher anschauen. Also begann sie die Schriftzeichen eingehend zu studieren. Je länger Clarissa las, desto gebannter war sie von den vielen unterschiedlichen Geschichten. Es war kaum zu fassen, wie viel Leid in diesem Gefängnis schon geschehen war und wie viele Wesen hier schon gefoltert und getötet wurden. Jeder einzelne Text schilderte die Geschichte eines einsamen und furchtbaren Schmerz erleidenden Geschöpfs und allein in dieser Zelle gab es hunderte, vielleicht sogar tausende davon. Fast alle wurden aufgrund harmloser Vergehen gefoltert und getötet. Es war furchtbar, was für eine Schreckensherrschaft durch die drei Göttinnen hier im dunklen Reich herrschte. Außerdem war unschwer zu vermuten, dass Clarissa bald das Schicksal dieser bedauernswerten Kreaturen teilen würde, was ihr trotz der herrschende Kälte den Angstschweiß auf ihre Haut trieb.
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