Wie vereinbart begann Devius nun, zusammen mit Silvia Adler den Zauber der Unsichtbarkeit zu üben, während Clarissa in dieser Zeit im Haus ihrer Großmutter nach dem verbotenen Buch und den Notizen ihrer Großmutter suchte. Silvia Adler war eine sehr strenge Lehrmeisterin und ließ Devius bis zum Rande der Erschöpfung den Zauber üben. Immer wieder musste er sich auf ihr Drängen die Beschwörung des Zaubers üben. Aber es klappte einfach nicht. Er schaffte es nicht, auch nur die kleinste Reaktion auszulösen.
Selbst Silvia Adler, die normalerweise die Geduld in Person war, verlor langsam die Nerven angesichts der Erfolglosigkeit von Devius. Irgendetwas fehlte, um den Zauber beschwören zu können, nur was war es? Keiner von beiden konnte es sich erklären. Vielleicht war ja Devius doch nicht der Auserwählte, der das dunkle Reich von seinen Unterdrückern befreien würde. Langsam verlor Devius seinen erst vor kurzem gewonnenen Glauben daran wieder. Was wenn das alles doch nur die Spinnereien einer alten Frau waren? Ja, was dann? Aber sein Eintauchen in das dunkle Reich war kein Traum gewesen. Möglicherweise war er einfach nur zu erschöpft, um den Zauber richtig ausführen zu können. Ja, vielleicht war das tatsächlich so, aber seine Zweifel wuchsen trotz dieses Gedanken immer weiter.
In diesem Moment fühlte Devius, dass es nicht so weitergehen konnte. Er brauchte eine Pause und das sofort. Daher weigerte er sich die Übungen weiter fortzuführen. Jetzt erst fiel Silvia Adler auf, wie erschöpft und unkonzentriert der junge Mann wirkte, und gönnte ihm daraufhin die erste Pause nach vielen Stunden des Übens. Er nutze diese Gelegenheit, um nach draußen in den Flur zu gehen und sein Handy auf Anrufe und Nachrichten zu kontrollieren.
Dabei stellte er voller namenlosen Schrecken fest, dass Clarissa ihm schon vor mehr als einer Stunde eine Nachricht geschickt hatte. Sie hatte ihm darin panikerfüllt mitgeteilt, dass Kreaturen aus dem dunklen Reich in das Haus ihrer Großmutter eingedrungen waren und versuchten sie gefangen zu nehmen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Warum hatte er Clarissa nur alleine gehen lassen? Es wäre seine Aufgabe gewesen, sie zu beschützen. Es war seine Schuld, dass sie nun entführt worden war. Denn dass sie entführt worden war, stand für ihn fest. Welchen anderen Zweck sollte dieser feige Überfall sonst gehabt haben? Devius drohte völlig durchzudrehen und war ganz aufgelöst. Was sollte er jetzt nur tun? Er musste sofort aufbrechen, um sie zu retten. Eine andere Möglichkeit gab es für ihn nicht.
Als Silvia Adler kurz darauf in den Flur kam, um Devius zu fragen, wann sie mit den Übungen fortfahren wollten, fiel ihr im gleichen Moment auf, wie aufgeregt und nervös er war und sprach ihn daher voller aufrichtiger Sorge an:
„Was ist los mit Dir, Devius, was ist passiert?“
„Die Halbwesen sind in das Haus von Clarissas Großmutter eingedrungen und es sieht so aus, als ob ihnen Clarissa in die Hände gefallen ist.“, schrie er fast hinaus, um dann beinahe im gleichen Moment anzufangen zu schluchzen und seine Hände vor sein Gesicht zu schlagen.
„Wie konnte das nur passieren? Warum habe ich nicht besser auf sie aufgepasst?“
„Es ist nicht Deine Schuld, Devius, wir haben die Gefahr einfach unterschätzt. Und vielleicht ist es ihr ja auch noch gelungen zu fliehen.“ sagte Silvia Adler, während sie Devius sanft ihre Hand auf die Schulter legte und versuchte ihn damit zu beruhigen.
„Nein, das glaube ich nicht, sonst hätte sie sich ganz sicher nochmal bei mir gemeldet. Außerdem spüre ich, dass etwas mit ihr nicht stimmt und sie sich in großer Gefahr befindet. Ich muss ihr unbedingt folgen und sie da raus holen, egal wie. Das bin ich ihr schuldig.“ Darauf erwiderte Silvia Adler in einem eindringlichen Tonfall:
„Devius, bitte hör mir nun ganz genau zu. Beim ersten Schritt, den du durch den dunklen Spiegel machen würdest, wärst Du schon tot. Mit diesen Mächten ist nicht zu spaßen. Ich denke, wir können davon ausgehen, dass Clarissa noch lebt und es ihr einigermaßen gut geht. Denn hätten die Halbwesen geplant, Clarissa zu töten, dann wäre sie jetzt schon tot. Scheinbar hatten sie aber von Anfang an andere Pläne mit ihr. Um sie aus der Gefangenschaft der Halbwesen befreien zu können, musst Du die sieben Zauber des Lichts beherrschen, ansonsten setzt Du Eurer beider Leben völlig umsonst aufs Spiel.“ Devius hatte sich aufgrund der Worte von Silvia Adler tatsächlich etwas beruhigt und fing nun langsam an zustimmend zu nicken.
Als Silvia Adler das sah, fuhr sie mit ihren Ausführungen in einem etwas sanfteren Tonfall fort:
„Es scheint sich zwischen Dir und Clarissa innerhalb kürzester Zeit eine sehr starke Verbindung aufgebaut zu haben, sonst könntest Du nicht spüren, ob sie sich in Gefahr befindet. Diese Verbindung ist vielleicht auch der Schlüssel zum Hervorrufen all Deiner verborgenen Fähigkeiten und Kräfte, Devius.“
„Ja, das kann sein. Ich glaube in meinem ganzen Leben war mir noch niemand so wichtig wie Clarissa. Solange wir zusammen waren, fühlte ich mich so, als ob mir alles gelingen könnte. Jetzt fühle ich allerdings nur noch eine unendliche Schwärze in mir. Soviel Verzweiflung wie im Moment habe ich, glaube ich, noch nie gespürt.“
„Dann spricht vieles dafür, dass wir das fehlende Puzzlestück endlich gefunden haben, Devius. Lass uns doch bitte noch ein weiteres Mal den Zauber der Unsichtbarkeit ausprobieren, aber diesmal denkst Du während Du die Beschwörung aussprichst an Clarissa.“
„Gut, ich werde es probieren.“
Die beiden gingen gemeinsam zurück in das Sprechzimmer, dort stellte sich Devius erneut in Position und begann mit der Übung. Er fing an sich zu konzentrieren, um kurz darauf in eine leichte Trance zu fallen. Wieder hielt er den Rutilquarz in seinen geöffneten Handflächen. Aber als er das Wort zur Beschwörung des Zaubers laut aussprach, hatte er diesmal Clarissas Gesicht vor Augen. Nun erschien schon nach wenigen Augenblicken in seinen Händen eine Kugel aus hellem gelbem Licht, die immer größer wurde und immer intensiver leuchtete. Nach wenigen Sekunden war sein ganzer Körper von der leuchtend hellen Lichtkugel umgeben. Dann war plötzlich das Licht verschwunden und er war unsichtbar.
Devius konnte es kaum glauben, dass er das nur mittels seiner Gedankenkraft erreicht hatte. Es hatte geklappt, er konnte wirklich zaubern. Ein großes Glücksgefühl durchströmte ihn. Auch wenn er vorher vielleicht noch Zweifel gehabt hatte, dann war er jetzt überzeugt davon, dass es ihm möglich war, Clarissa aus der Gewalt der Halbwesen zu retten. Auch auf Silvia Adlers Gesicht hatte sich nun ein strahlendes Lächeln ausgebreitet. Sie hatte schon immer an Devius und seine Fähigkeiten geglaubt, sogar schon bevor sie ihn kennenlernte. Und jetzt begann er zu zeigen, welche Macht und welche Fähigkeiten wirklich in ihm steckten.
„Sehr gut, Devius, wir sind auf einem guten Weg. Jetzt konzentriere Dich darauf wieder sichtbar zu werden.“ Kaum hatte Silvia Adler Devius darum gebeten, schon wurde er wieder sichtbar.
Als Devius diesen Zauber dann irgendwann solange wiederholt hatte, bis seine Lehrmeisterin endgültig zufrieden war und er ihn fast bis zur Perfektion beherrschte, war das Einüben des Zaubers des Vergessens an der Reihe.
Bevor Devius mit dem Üben des Zauber des Vergessens begann, erklärte Silvia Adler ihm, dass dieser Zauber je nach Stärke der Anwendung verschiedene Wirkungen hatte. Bei einer kurzen Anwendung und gleichzeitig schwachen Dosis des Zaubers war der Betroffene kurz desorientiert und konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er im nächsten Augenblick hatte tun wollen, es war also nur in einem kleinen Umfang das Kurzeitgedächtnis betroffen. Je länger und je stärker der Zauber wirkte, desto größere Teile des Gedächtnisses wurden in Mitleidenschaft gezogen. Kam der Zauber in seiner stärksten Form zur Anwendung, dann führte das zur einer mehrstündigen Ohnmacht mit gleichzeitig stattfindendem Totalverlust des Gedächtnisses. In diesem Falle war dann bis auf alle lebensnotwendigen Funktionen das gesamte Gedächtnis gelöscht. Feindliche Kämpfer konnten somit völlig ihrer Orientierung und ihres Kampfwillens beraubt werden. Bei Menschen, die an Gedächtnisstörungen litten oder an Alzheimer erkrankt waren, wirkte der Zauber allerdings auf eine ganz andere, fast gegenteilige Art und Weise. So konnten durch den Zauber zumindest für einen kurzen Zeitraum gewisse Erinnerungen wieder hergestellt oder herbeigerufen werden. Das würde dann hoffentlich auch bei seinem Vater so sein.
Читать дальше