Als sich die drei Gefährten über das weitere Vorgehen einig waren, begab sich Clarissa zum Haus ihrer Großmutter. Während die dunklen Halbwesen der jungen Frau erneut heimlich folgten, stellten sie mit boshafter Freude fest, dass das Ziel ihrer Begierde nun völlig auf sich allein gestellt war. Noch war der Zeitpunkt, sie zu überwältigen, aber nicht gekommen. Obwohl alles in ihnen danach schrie, ihrer endlich habhaft zu werden, musste das noch ein wenig warten.
Trotzdem Clarissa sie nicht sah, erzeugte die Anwesenheit der düsteren Geschöpfe in ihr ein bedrohliches Gefühl. Daher hatte sie es auch sehr eilig zum Haus ihrer Großmutter zu gelangen. Sobald sie durch die Haustür trat, atmete sie erleichtert auf und wusste nicht, warum das so war. Um sich von dem eigenartigen Gefühl der Bedrohung abzulenken, ging sie in den Keller und suchte dort nach dem verbotenen Buch. Tatsächlich fand Clarissa es auch sehr schnell in einem Wandregal, das in der Nähe des Schreibtisches stand. Als sie gleich darauf noch die Notizen ihrer Großmutter zusammen gesucht hatte, ging sie nach oben, um von dort aus den Antiquitätenhändler anzurufen und zu bitten, den dunklen Spiegel wieder zurück in das Haus ihrer Oma zu bringen. Dieser wollte sich anfangs nicht so richtig darauf einlassen, weil er wohl schon einen Käufer für das antike Stück in Aussicht hatte, aber nachdem Clarissa ihm etwas Honig um Mauls geschmiert und ihm ein wenig Geld für seine Mühen geboten hatte, sagte er dann doch zu, den Spiegel bis spätestens halb eins zurückzubringen.
Demnach hatte sie jetzt noch eine Stunde Zeit, um sich etwas zu Essen zuzubereiten und die Notizen ihrer Großmutter in Ruhe durchzulesen. Clarissa machte sich ein paar Spaghetti mit Olivenöl und Knoblauch und trank dazu einen Schluck guten Rotwein. Während sie aß begann sie in den Notizen ihrer Großmutter zu lesen:
Das dunkle Reich war seit Anbeginn aller Zeiten eine Parallelwelt zu unserer Welt, allerdings war dessen Existenz immer nur sehr wenigen Eingeweihten bekannt. Die einzige Möglichkeit für einen Menschen aus der Welt des Lichts in das dunkle Reich zu gelangen, führte über einen der sieben dunklen Spiegel, die verteilt in der ganze Welt zu finden waren. Zum Öffnen des Zugangs in das dunkle Reich benötigte der Reisende aber darüber hinaus noch eine magische Beschwörungsformel. Die Halbwesen des dunklen Reiches konnten dagegen über jeden beliebigen Spiegel sowohl in die Welt der Menschen wechseln als auch in ihre Welt wieder zurückkehren.
Jeder dunkle Spiegel hatte sein Gegenstück im dunklen Reich und war dort in einem Schrein der dunklen Mächte untergebracht. Diese Zugänge wurden durch die Wächter der dunklen Spiegel bewacht. Die Wächter waren tote Seelen, denen der Übergang in das Reich der Toten verwehrt wurde und die dadurch irrsinnig große Schmerzen erleiden mussten. Durch dieses unerträgliche Leid wurden sie nicht nur wahnsinnig, sondern auch blutrünstig und abgrundtief böse. Auch ihr äußeres Erscheinungsbild veränderte sich dadurch. Ihr Hass und ihre furchtbare Verzweiflung wurden Teil ihrer Körper und ihrer Gesichter. Sie entwickelten sich dadurch zu monströsen Gestalten mit furchtbaren Deformationen und Entstellungen.
Das dunkle Reich wurde durch die drei dunklen Göttinnen beherrscht. Das waren Nyx, die Göttin der Nacht und Herrscherin der Dunkelheit, Eris, die Göttin der Zwietracht und des Streites, und Lethe, die Göttin des Vergessens. Den dunklen Göttinnen gelang es vor langer Zeit die Wächter der dunklen Spiegel zu umgarnen und sie seitdem für ihre Zwecke auszunutzen. Sie hatten die grausamsten und widerwärtigsten von ihnen zu ihrer Leibgarde ernannt und im Laufe der Jahrhunderte ein immer größer werdendes Heer aus den immer zahlreicher werdenden Wächtern gebildet, das dem Machterhalt und der Unterdrückung von Aufständen diente. Diese riesige Armee von Elitekämpfern wurde auch die dunkle Horde genannt und unterstand dem direkten Befehl von Nyx, der Urgöttin.
Es herrschte eine strenge Hierarchie im dunklen Reich. Nur die obersten Kasten hatten immer ausreichend Nahrung zur Verfügung und genossen gewisse Freiheiten, die dem normalen Volke vorenthalten blieben. Bei den niederen Kasten herrschten häufig Hungersnöte und auch Seuchen waren dort weit verbreitet. In seiner Gesamtheit litt ein Großteil der Bewohner des dunklen Reiches unter der strengen Herrschaft ihrer Göttinnen, deren Regentschaft durch die blutige Brutalität der dunklen Horden am Leben erhalten wurde. Die ausreichende Versorgung aller Bevölkerungsgruppen mit Nahrung stellte ein großes Problem im dunklen Reich dar. Wie schon der Namen sagte, gab es im dunklen Reich kein Sonnenlicht.
Es herrschte dort eine immerwährende dämmrige Finsternis, dadurch gab es kaum pflanzliche Nahrung. Die wenigen Bäume und Sträucher, die dort wuchsen waren fleischfressenden Pflanzen, die kein Sonnenlicht zum Überleben benötigten, sondern Blut.
Im Vergleich zur Welt des Lichts war das dunkle Reich eine kleine überschaubare Welt mit etwa 50.000 Bewohnern. Die Lebensenergie und die geistige Energie der Menschen der Welt des Lichts hatten sich zum Hauptnahrungsmittel der Halbwesen des dunklen Reiches entwickelt. Wie ein stets hungriger und gefräßiger Parasit hingen das dunkle Reich und seine Bewohner von der Welt des Lichts ab und war ohne sie nicht überlebensfähig. Der Hunger des dunklen Reiches und seiner Bewohner war fast unstillbar. Um ihren Hunger zu sättigen, verfeinerten die Halbwesen des dunklen Reiches permanent ihre Methoden, den Menschen der Welt des Lichts ihre Energie zu entziehen.
Eine dieser Methoden war die Übertragung der Energie über alle möglichen Arten von Spiegeln mit Hilfe eines abgewandelten, eines dunklen und verwerflichen Zauber des Vergessens. Dieser entzog den Menschen der Welt des Lichts völlig unbemerkt ihre geistige Energie, während sie schliefen. Betroffen waren davon meist ältere Menschen, da diese nicht mehr genügend Abwehrkräfte gegen den Zauber entwickeln konnten. Aus diesem Grund nahm die Zahl der Demenzerkrankungen in der Welt des Lichts fortwährend zu. Das war aber nur eine der Auswirkung des vermehrten Hungers des dunklen Reiches auf Energie.
Daneben waren immer wieder Gerüchte zu hören, dass Menschen der Welt des Lichts in das dunkle Reich entführt wurden, um dort wie Vieh gehalten zu werden und der Ernährung der Halbwesen zu dienen. Es sollte ganze Höfe mit versklavten Menschen in einigen abgelegen Gegenden des dunklen Reiches geben. Aber all das waren allerdings nur Geplänkel im Vergleich zu den Plänen von Nyx. Denn sie plante, die totale Herrschaft über beide Welten zu übernehmen, um damit die Nahrungsprobleme ihres Volkes ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Diese Pläne waren schon sehr weit fortgeschritten und näherten sich ihrer Vollendung.
Clarissa war so vertieft in das Studium der Notizen ihrer Großmutter, dass sie zuerst gar nicht bemerkte, wie es an der Haustür klingelte. Erst nach dem dritten Klingeln registrierte sie es und beeilte sich, nun schnell zur Tür zu gelangen und sie zu öffnen. Vor der Tür erwartete sie, mittlerweile schon etwas ungeduldig, der Antiquitätenhändler zusammen mit einem Helfer, um ihr den dunklen Spiegel zurückzubringen. Nach einer kurzen Begrüßung und dem Ausdruck ihres Dankes für die vielen Mühen, ließ sie den Spiegel wieder dort anbringen, wo er lange Jahre stand, nämlich im Flur im Erdgeschoss des Hauses. Als sie den beiden Männern dann noch einen kleinen Geldbetrag in ihre Hände gedrückt und sich von ihnen verabschiedet hatte, war sie recht schnell wieder allein.
Nun konnte sie sich endlich wieder den Notizen ihrer Großmutter zuwenden und ging dazu zurück in die Küche. Gerade wollte sie erneut beginnen zu lesen, da hörte sie auf einmal ein leises Klirren im Flur und dann ein paar flüsternde Stimmen. Waren der Händler und sein Helfer nochmals zurückgekehrt, weil sie etwas vergessen hatten? Aber Clarissa war sich ziemlich sicher, dass sie die Tür hinter ihnen abgeschlossen hatte, als die beiden gegangen waren. Wie sollten sie also in das Haus gelangt sein? Außerdem würden sie sicherlich nicht verschämt wie Diebe flüstern. Als sie an das Wort Dieb dachte, wurde ihr plötzlich ganz heiß und etwas mulmig zumute. Wer war hier mit ihr in dem Haus? Konnte es sein, dass jemand in das Haus eingebrochen war, um eine der vielen Antiquitäten aus dem Haus zu stehlen? Ja, das war gut möglich. Und es war niemand in der Nähe, der ihr helfen konnte. Sie war völlig auf sich selbst gestellt. Dessen wurde sie sich soeben bewusst.
Читать дальше