Eine Methode, um diese Maxime zu simulieren, bestand darin, jede noch so unbedeutende Aktivität aufzublähen – dies lernte Philipp bei einem Bewerbungstraining, das von einer prekär beschäftigten Soziologin geleitet wurde. Zwar gab es selbst da bei Philipp nicht allzu viel zu holen, aber er wurde angehalten, sein Praktikum beim Amt für Migration und Flüchtlinge für die Beschreibung in seinem Lebenslauf in einzelne, bedeutungsvolle Aktivitäten zu zerlegen, die über Kaffeekochen und Internetsurfen hinausgingen, um damit ein wenig Berufserfahrung zu simulieren. Nachdem auch das Bewerbungstraining wenig gefruchtet und er auf seine Bewerbungen bislang keine Antworten erhalten hatte, wurde Philipp die Kostenübernahme für eine Fortbildung gewährt, in der ihn prekär beschäftigte Werbefachleute, Webdesigner und Mediengestalter in die Geheimnisse der PR-Arbeit und des Internetmarketings einweihten, damit er ein wenig praktische Erkenntnisse erwarb, die er der Realität entgegensetzen konnte. Einen Vorteil zumindest hatte diese Fortbildung: Philipp hatte das Gefühl, „beschäftigt“ zu werden.
Nach acht Monaten war der Arbeitsvertrag seiner früheren Beraterin im Jobcenter ausgelaufen, und Philipp bekam eine neue Mitarbeiterin zugeteilt, eine Germanistin, mit der er sich gut verstand und der, wie sie ihm verriet, ihr Job durch ihren ehemaligen Betreuer im örtlichen Jobcenter vermittelt worden war. Natürlich auf ein Jahr befristet, aber immerhin. Sie versicherte Philipp, ihm sofort neue Stellenausschreibungen weiterzuleiten, falls im örtlichen Jobcenter eine Stelle frei wurde und er Interesse an einer Tätigkeit als Arbeitsvermittler beziehungsweise „Fallbetreuer“ habe.
„Na, spätestens in einem Jahr wird Ihre Stelle frei, dann können Sie mich kurz vorher gerne vermitteln“, scherzte Philipp, merkte jedoch, dass seine Bemerkung bei der Mitarbeiterin nicht ganz so gut ankam. Auch wenn Philipps Ambitionen, als Arbeitsvermittler beziehungsweise Fallbetreuer zu arbeiten, relativ begrenzt waren, entwickelte er aufgrund dieser Episode im Geiste ein geniales politisches Konzept zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit, das offenbar in Teilen bereits umgesetzt wurde und nur noch darauf zu warten schien, von einer mutigen Regierung zur offiziellen Agenda erklärt zu werden: Wie wäre es denn, wenn die eine Hälfte der Arbeitslosen befristet für ein Jahr als Arbeitsvermittler eingestellt wird, um die andere, arbeitslos gebliebene Hälfte zu vermitteln, und zwar – so der verblüffende Clou in Philipps Konzept – als (und an dieser Stelle spielten Philipps Gedanken einen geistigen Tusch) Arbeitsvermittler ? Und zwar nach genau einem Jahr in die nunmehr vakant gewordenen Positionen der bis vor kurzem arbeitsvermittelnden Hälfte der nunmehr von Arbeitslosigkeit bedrohten Ex-Arbeitsvermittler, die nun ihrerseits zu Kunden der frischgebackenen, glücklichen neuen Arbeitsvermittler wurden! Die wiederum nach genau einem Jahr von den Ex-Arbeitsvermittlern abgelöst wurden, die daraufhin fröhlich ihre Ex-Kunden begrüßen durften und diese nach einem Jahr in die, man höre und staune, tatsächlich wieder vakant gewordenen Positionen der Ex-Ex-Arbeitsvermittler vermitteln konnten. So müsste sich Philipps Analyse zufolge ein perfektes Kreislaufsystem ergeben, das die Arbeitslosigkeit schon einmal grundsätzlich um die Hälfte reduzieren würde. Ein erstaunliches Konzept. Genial. Einfach. Und vor allem „beschäftigungswirksam“. Und jeder würde gewinnen: die Politiker, weil sie sich die Reduzierung der Arbeitslosigkeit auf die Fahnen schreiben dürften und die Langzeitarbeitslosigkeit, die definitionsgemäß nach einem Jahr begann, komplett abgeschafft hätten, die Arbeitslosen, weil ihre Aussicht auf eine Beschäftigung nach spätestens einem Jahr sprunghaft gestiegen wäre, und die Arbeitsvermittler, weil sie regelmäßige Vermittlungserfolge vorweisen könnten (die Verträge dürften natürlich nicht alle auf einen Schlag auslaufen, die Befristungen müssten also über das Jahr verteilt auslaufen).
Allmählich näherte sich jedoch auch Philipp der Schwelle zur Langzeitarbeitslosigkeit, und in seiner Umgebung fiel immer öfter der Begriff des Einkommenssünders . Sein Schuldgefühl, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben, wuchs nun doch stark an, aber auf seine gut 150 Bewerbungen, die er innerhalb eines Jahres verschickt hatte, antworteten die Stellenausschreiber stets mit den gleichen Worten: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass …“
Philipp war das Leider leid. Von einem Leider konnte er sich nichts kaufen, und das Stigma des Einkommenssünders blieb. Doch Philipps Situation sollte sich am 19. September 2029 schlagartig ändern. An diesem Datum verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Stimulanz zukünftiger Arbeitskräfte. Damit wurde zum ersten Mal auf Bundesebene ein Gesetz geschaffen, das Einfluss auf die Gestaltung von Kindertagesstätten nehmen sollte. Hintergrund war, dass in einer globalisierten, hochtechnisierten Welt die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland als Speerspitze der Eurokratie bereits auf der Ebene der frühkindlichen Förderung und Evaluierung gesichert werden musste. Im Zuge dessen sollte das Berufsbild des Kindergärtners den modernen Herausforderungen angepasst werden, was bedeutete, dass in Zukunft für den Beruf des Kindergärtners ein akademischer Grad erforderlich sein würde. Für den Übergang wurden Arbeitsgemeinschaften zwischen Bund und Ländern geschaffen, die damit beauftragt wurden, Evaluations- und Stimulanzprogramme für die zukünftigen Arbeitskräfte zu entwerfen und zum Zwecke der Durchführung dieser Programme Akademiker einzustellen, die keine Scheu vor Kindergeschrei hatten und gleichzeitig über die analytischen Fähigkeiten verfügten, das Programm sowohl theoretisch mitzuentwickeln als auch praktisch vor Ort durchzuführen. Neben Pädagogen kamen dafür grundsätzlich auch Geistes- und Sozialwissenschaftler infrage. Und damit eben auch – wie ihm seine Fallbetreuerin versicherte – Philipp.
Telefonprotokoll ReConAcT Personalservices 12/456
„Das ist ein High Potential. Sehr umsatzstark. Ich hoffe, er lässt uns nicht hängen, wenn ich ihm verrate, für welchen Kunden wir suchen.“
„Meinst du? Mit den richtigen Benefits werdet ihr den schon an Land ziehen können. Sonst geht doch nochmal aggressiver in den Research. Kann doch nicht so schwer sein, so ´ne Position zu besetzen. Oder ist die ganze Greenwashed-Scheiße inzwischen out?“
„Haha, mach dich nur drüber lustig. Ich weiß ja, was du davon hältst. Ich bin froh, dass wir heute Corporate Responsibility haben. Du kannst das nicht so einfach als Ökoscheiße abtun. Das ist ein Geschäftsfeld, das ist auch ökonomisch sinnvoll. Das mit dem ewigen Wachstum kann ja nicht so weitergehen, und dann sind da auch die Unternehmen gefragt, darauf zu reagieren.“
„Erspar mir die Predigt, okay? Ich glaube nicht, dass dein High Potential auch so denkt, sonst wär er kein High Potential.“
„Wir müssen alle umdenken, auch und gerade diejenigen in verantwortungsvollen Positionen. Grüne Finanzdienstleistungen gibt’s nicht erst seit gestern, mein Lieber. Das ist in den letzten Jahren immer größer geworden, und seitdem die Amis die Finanztransaktionssteuer eingeführt haben, weht auch hier ein anderer Wind. Keiner will mehr deinen klassischen Gierschlundkapitalisten, der nie genug bekommen kann, sich mit Geld vollstopft, bis ihm alles aus den Ohren wieder herausquillt und ohnehin nur virtuelle Luftbuchungen vornimmt. Ich könnt mich schon wieder über dich aufregen, du bist echt von gestern, man ey, nix gelernt habt ihr.“
„Jetzt reg dich wieder ab, Süße, ok? Ich hab momentan echt andere Sorgen. Mein Kunde will ´nen Leiter für die Entwicklung, und ich hab noch keinen einzigen geeigneten Kandidaten. Einen, der infrage gekommen wäre, wollte der Kunde nicht, und jetzt steh ich hier wieder mit leeren Händen. Ich hab schon vor Wochen meine Studenten drauf angesetzt, aber die bekommen nur Schrott raus. Schon zig Firmen mehrmals haben die abgeklappert, aber der Markt gibt gerade nix her.“
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