Philipp fühlte sich bei solchen Ansprachen wie einer der letzten freien Denker der westlichen Welt, der die Dinge noch aus eigenem Antrieb tat und dabei ganz im Inhalt seines Studiums aufging, anstatt dieses lediglich als Eintrittskarte in eine Welt zu sehen, die aus beruflichen und finanziellen Zwängen bestand. Er interessierte sich tatsächlich für sein Studium, und anders als seine Kommilitonen aus anderen Fachbereichen redete er während der Freistunden oder auf dem Weg zur Uni mit seinen Mitstudenten nicht darüber, wie viele Creditpoints es bis zum nächsten Level braucht und auf welcher Stufe man seinen Checkpoint setzen sollte, um einer möglichen Rückstufung nach der nächsten Klausur zu entgehen – nein, Philipp diskutierte tatsächlich über den Inhalt seines Studium, über die Zeichenlehre Saussures, über Marcel Mauss‘ Theorie der Gabe oder die kulturübergreifenden Gemeinsamkeiten im Inzestverbot. Auch Philipps Prüfungsleistungen konnten sich sehen lassen: Er erzielte in einigen Klausuren fast die perfekte Punktzahl und sah sich in einigen Jahren bereits auf einem Lehrstuhl in Sprachwissenschaft oder Ethnologie sitzen und bis an sein Lebensende anregende Diskussionen mit seinen Studenten und Kollegen führen, Fachartikel und Bücher veröffentlichen und anthropologische Feldforschung betreiben.
Ach ja, die Feldforschung. Auch wenn Philipp sich vor seinem geistigen Auge ausmalte, wie er als unerschrockener Ethnologe Kontakte mit fremden Völkern in Papua-Neuguinea oder Madagaskar knüpft, dort neue Freunde findet und ganz selbstverständlich mit ihnen auf die Jagd geht, um später von seinen Feldforschungen nicht nur der wissenschaftlichen Gemeinde, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit zu berichten, so musste sich Philipp im Laufe seines Studiums, als das verpflichtende Praxissemester wie ein widerspenstiger, unausweichlicher Block von Realität im Raume stand, eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens ein Schisser war. In seiner Fantasie, die sich seinen Wünschen widerstandslos zu fügen pflegte, war er der kühne Ethnologe, der darauf brannte, mehrere Monate lang mit wildfremden Menschen in einer völlig unbekannten, ja teils feindlichen Umgebung zu leben. Doch als es so weit war und er sich ganz konkret um einen Praktikumsplatz kümmern musste, brachte er bereitwillig sämtliche Argumente in Stellung, die gegen eine ethnologische Feldforschungsübung in Kenia, Bali, Madagaskar oder auch nur in einem sibirischen Dorf sprachen: zu weit, zu aufwendig, zu teuer, am Ende leidet noch das Studium und außerdem könne er das im Rahmen seiner angestrebten Promotion doch immer noch nachholen.
Letzten Endes bewarb sich Philipp beim Büro für Migration und Flüchtlinge der Stadt Köln – seinem Heimat- und Studienort.
Anstatt mit den Ureinwohnern von Papua-Neuguinea auf die Jagd zu gehen, mit ihnen abends gemeinsam ums Lagerfeuer zu sitzen und sich Geschichten über andere Sitten und fremde Götter anzuhören, musste Philipp nun gegen störrische Beamte, streikende Kaffeemaschinen, leere Druckertoner und genervte Anrufer kämpfen. Sein Praktikumsplatz hatte ihn an den Schreibtisch verbannt, wo er Anfragen zu Integrationskursen beantwortete und verarbeitete – falls überhaupt etwas zu tun war. Meistens saß er vor seinem Schreibtisch und dankte Gott dafür, dass es das Internet gab. Früher hätte er in einer solchen Situation aus dem Fenster starren und vor sich hinträumen müssen, im Jahr 2028 dagegen konnte er auf einen Bildschirm starren und das Träumen dem World Wide Web überlassen, dieser gewaltigen Assoziations- und Standardisierungsmaschine. Vielleicht aufgrund einer stillschweigenden Übereinkunft schien es an Philipps Arbeitsplatz niemanden zu stören, wenn er stundenlang privat surfte. Immerhin gab ihm dies die Möglichkeit, Beschäftigtsein zu simulieren, wenngleich unterschwellig ein schlechtes Gewissen an ihm nagte, dass er auf diese Art und Weise sinnlos Arbeitszeit verplemperte. Wenn Philipp tatsächlich etwas zu tun hatte, gewöhnte er sich an, sich möglichst viel Zeit zu lassen mit der Bearbeitung der Unterlagen, die auch im 21. Jahrhundert erstaunlich oft genug auf dem Postweg bei seinem Arbeitgeber eintrafen. Auf diese Weise schuf Philipp sich ein Alibi, auf das er für eine gewisse Zeit zurückgreifen konnte, um geschäftig zu wirken, wenn seine Vorgesetzten an seinem Arbeitsplatz vorbeischauten. Andererseits war er nicht der Einzige, der diese Strategie verfolgte, wie Philipp im Laufe der sechs Monate, die er hier absitzen musste, feststellte. Vielleicht, so dachte Philipp, waren sich auch die Vorgesetzten im Klaren darüber, dass es schlicht und ergreifend nicht genug zu tun gab. Vielleicht waren sogar seine Chefs selber von dieser Misere betroffen und hatten die Arbeitssimulation zur Perfektion gebracht? Ja vielleicht, so Philipps weiterer Gedankengang, simulierte der Großteil der gesamten westlichen Welt Arbeit – vielleicht befinden wir uns alle in einer gewaltigen Arbeitssimulationsmaschine und spielen uns ähnlich wie der nackte Kaiser und seine Untertanen in dem berühmten Märchen von des Kaisers neuen Kleidern lediglich etwas vor, nämlich stets beschäftigt, wichtig, gehetzt zu sein, weil wir uns die Leere und Sinnlosigkeit unserer „Beschäftigung“ nicht eingestehen wollen? Der Sprachwissenschaftler in Philipp begann zu erkennen, dass eine gewisse Wahrheit in dem Satz lag: Wir arbeiten nicht, sondern werden beschäftigt. Und nahm sich vor, der Herkunft des Begriffs „Beschäftigung“ nachzuspüren.
Zumindest nutzte Philipp die Gelegenheit, um sich im Internet in allerlei abseitigen verschwörungstheoretischen Foren herumzutreiben. Was es da nicht alles gab! Einerseits die nimmermüden Klassiker wie Nine eleven, Mondlandung, Chemtrails und AIDS-Verschwörung, die sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuten. Andererseits gab es auch etliche jüngere Theorien, allesamt faszinierende Beispiele dafür, mit welcher Hingabe insbesondere Männer die verrücktesten Ideen zu einem konsistenten gedanklichen Konstrukt ausarbeiten können. In den letzten Jahren hinzugekommen war etwa die Theorie, wonach das Weihnachtsfest erst vor einigen Hundert Jahren von den Illuminaten oder, in der antisemitischen Variante der Erzählung, von einer jüdischen Finanzelite erfunden worden sei, um die Menschen bereits in jungen Jahren an das heraufkommende Konsumzeitalter zu gewöhnen. Demnach hatte Weihnachten nie etwas mit Jesu Geburt zu tun (diesbezügliche Herleitungen sind im Nachhinein gefälscht, waren sich die Verschwörungstheoretiker sicher), sondern diente lediglich der Züchtung einer neuen Menschheit, der man im Kindesalter in Form von mit religiösem Tamtam gesellschaftsfähig gemachten Weihnachtsgeschenken einen ersten kostenlosen Schuss der zukünftig zu begehrenden Droge – nämlich Konsum – verabreicht, um den solcherart abhängig Gemachten in späteren Jahren nur noch gegen Geld das konsumistische Bedarfsgut zu gewähren und jene damit zu folgsamen Arbeitskräften zu erziehen.
Die Vertreter einer anderen Verschwörungstheorie erzählten ihren Jüngern, dass der Einbruch des chinesischen Wirtschaftswachstums, der den ökonomischen Siegeszug der eine Zeitlang führenden Wirtschaftsmacht vor einigen Jahren ziemlich abrupt beendet hatte, auf ein Komplott der amerikanischen Regierung zurückzuführen sei. Deren pazifistisch-ökologische Ideologie sei lediglich die Fassade, hinter der sich weiterhin das alte Amerika verberge: ein weltmachthungriger, kapitalistischer Schläfer, der nur darauf warte, wieder zu alter Größe aufzuerstehen, und deshalb nach möglichen Wegen suche, seine neuen Konkurrenten auf dem Markt der Großmächte auszustechen. Einige vertraten dabei eine USA-freundlichere Variante der Theorie, wonach die Amerikaner heute ernsthaft von der Überlegenheit ihres neuen Lebensstils überzeugt seien (genauso wie sie früher von der Überlegenheit des klassischen American Way of Live überzeugt waren), sich mithin tatsächlich zu pazifistischen, Bio-Joghurt schlürfenden, Gemüse anbauenden, Car-sharenden Linksliberalen gewandelt hätten und nun versuchten, die kapitalistische Weltmacht China in ihre Schranken zu verweisen, damit diese nicht dieselben Fehler wiederhole wie das alte Amerika. Beiden Varianten der Erzählung war gemeinsam, dass sie nicht ohne eine bemerkenswerte Anzahl verrückter Wissenschaftler auskamen, die in einem Geheimlabor in den USA in jahrelanger Arbeit ein Virus gezüchtet haben sollen, das jedem Infizierten den Mut, die Schaffenskraft und die Intelligenz raubt und dadurch jeden aufstrebenden Unternehmerstar in Windeseile zu einem depressiven, ängstlichen und sicherheitsbedürftigen Low-Performer macht. Und dieses Virus habe man unter dem Kommando der CIA vor etlichen Jahren in die Trinkwasserversorgung Chinas eingespeist, woraufhin es sich unbemerkt ausgebreitet habe, um genau in dem historischen Moment, in dem sich die chinesische Wirtschaft von einer Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft zu wandeln im Begriff war, die menschlichen Ressourcen des Landes zu attackieren und dadurch zu einem unerhörten Einbruch des Wirtschaftswachstums innerhalb von drei Jahren – in der jüngeren Geschichte unter dem Begriff Drachenwende bekannt – zu führen.
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