Aber heute hatte sie ausnahmsweise nichts dagegen. Seitdem die Gouvernante aus dem Hause war, gab es niemand, der sich richtig um die Kleine kümmerte, und wer wusste schon zu sagen, welche Streiche sie wieder ausheckte oder sie blamierte, wenn die Muirheads nachher kamen. »Also gut, geh mit«, sagte sie darum gnädig.
Valora stieß einen Freudenschrei aus und zog ihren Vater schnell aus dem Zimmer. Sie hatte Angst, ihre Mutter würde es sich vielleicht noch einmal anders überlegen.
Murdock hatte sich eine Zigarre angezündet und es sich auf der Terrasse in einem Stuhl bequem gemacht. Er überlegte, ob es nicht das Beste wäre, seiner Mutter gleich sein Anliegen vorzutragen. Sie schien heute recht guter Stimmung zu sein, – und dann hatte er es wenigstens hinter sich. Ihn störte nur die Gegenwart seiner Schwester, denn die brauchte ja nichts von seinen finanziellen Schwierigkeiten zu wissen. Aber Wendelle schien gar keinen Wert darauf zu legen, sich mit ihrer Mutter oder ihm zu unterhalten.
»Ich möchte noch einen Brief an meine Freundin schreiben, ehe ich mich für den Besuch umkleide. Wenn die Muirheads eingetroffen sind, lasst mich einfach rufen«, sagte sie kurz und ging fort.
Besser konnte er es gar nicht treffen.
Seine Mutter hatte sich ebenfalls auf einem Stuhl niedergelassen und trank ihren Tee in kleinen Schlucken.
Nachdem sich das Gespräch zunächst um einige belanglose Alltäglichkeiten gedreht hatte, nahm Murdock entschlossen Anlauf und sagte: »Ich muss dir etwas gestehen, Mutter. Ich habe Dummheiten gemacht …«
Erschrocken fuhr sie hoch. »Um Gottes willen, was hast du getan?«
Beruhigend strich er ihr über den Arm. »Kein Grund zur Aufregung. Ich habe halt etwas mehr ausgegeben, als ich eigentlich durfte. Du weißt ja selbst, wie das ist: Wenn man in einer teuren Verbindung ist, muss man allerhand mitmachen. Und dann habe ich auch noch einem armen Kommilitonen etwas vorgestreckt und es bislang nicht zurückbekommen, … und, nun ja, … jetzt sitze ich selbst in der Patsche.« Er hütete sich natürlich zu erwähnen, dass hauptsächlich die kleine Kimberly daran schuld war, wenn er nicht mit seinen Mitteln auskam - denn dafür hätte seine Mutter überhaupt kein Verständnis gehabt.
Erleichtert atmete sie auf. Im ersten Moment hatte sie schon gefürchtet, ihr Sohn habe sich auf irgendein Abenteuer mit einer Frau eingelassen. Instinktiv hatte sie an ein uneheliches Kind gedacht, aber zum Glück ging es nur um Geld! Dennoch wollte sie ihrem Sohn nicht merken lassen, was sie dachte, denn sonst wurde er zu leichtsinnig. Daher versuchte sie, einen leicht vorwurfsvollen Ton anzuschlagen, als sie sagte: »Ich finde, du hast in den letzten Monaten reichlich viel verbraucht, Murdock! Du weißt, ich habe dir immer gern ausgeholfen, aber schließlich sind auch noch deine beiden Schwestern da, die deinetwegen nicht zu kurz kommen dürfen.«
»Nein, nein, … das sollen sie ja auch nicht, Mutter«, beschwichtigte er direkt, »und ich verspreche dir, es ist bestimmt das letzte Mal, dass ich dir mit einer solchen Bitte komme. Aber diesmal hilfst du mir doch, nicht wahr?« Er war aufgestanden und hatte sich auf einem Hocker neben ihrem Stuhl niedergelassen. Schmeichelnd nahm er ihre Hände in die seinen und lachte sie aus seinen dunklen Augen an. Er wusste nur zu gut, wie wenig sie ihm in solchen Momenten etwas abschlagen konnte.
»Also gut, … wieviel brauchst du?«, fragte sie, und es klang alles andere als streng.
»Einhundert Pfund …«, sagte er nach kurzem Zögern. Seine Schulden betrugen zwar deutlich weniger, aber es konnte nicht schaden, wenn er einen ordentlichen Überschuss behielt. Nachher ärgerte er sich, dass er nicht mehr verlangt hatte.
Seine Mutter erhob sich, ging ins Haus und kam nach einigen Minuten mit einem Scheck zurück.
»Das ist viel Geld, mein Junge«, bemerkte sie, als sie ihm das Papier gab und fügte mahnend hinzu: »Sage deinem Vater nichts davon!«
»Ich werde mich hüten!«, lachte Murdock und küsste ihre Hand. »Tausend Dank, Mutter … Und jetzt erlaubst du wohl, dass ich mich umkleide, damit ich rechtzeitig fertig bin, wenn nachher die Muirheads kommen.« Fröhlich pfeifend richtete er sich auf und winkte ihr noch einmal zu, ehe er die Terrasse verließ.
Sie lehnte sich mit einem befriedigten Seufzen in ihrem Stuhl zurück. Es stimmt schon, Murdock ist etwas leichtsinnig, … aber warum soll er nicht das Leben genießen? , dachte sie. Er war ihr immer ein zärtlicher und lieber Sohn, der ihrem Herzen viel näherstand, als die Töchter, da konnte sie ihm ruhig auch mal eine Extrafreude gönnen.
***
3
G
wenaëlle McMasters war froh, als sie sich endlich dem Ziel ihrer langen Reise näherte. Sie fühlte sich müde und zerschlagen. In der letzten Nacht hatte sie kaum ein Auge zugemacht, weil ihr der Abschied von der Heimat und den Gräbern ihrer Eltern unsagbar schwerfiel. Hinzu kam ihr große Unbehagen, wenn sie an die kommende Zeit dachte. Doch dann erinnerte sie sich an die Ermahnungen ihrer alten Lehrerin, und sie fasste den festen Vorsatz, alles zu tun, um sich in ihrer neuen Heimat schnell einzugewöhnen.
In Inverness stieg sie aus dem Zug, und schon war das Klima so anders, dass sie das Gefühl verspürte nicht nur nach Norden, sondern ins Ausland gefahren zu sein. Es war zwar ein schöner Tag, aber als sie ihren Wohnort verlassen hatte, war es so warm wie im Juni gewesen – die Luft hatte gestanden und war ihr leicht muffig vorgekommen. Jetzt kam sie in eine Welt, die im Licht der Sonne nur so glitzerte, und über ihr wölbte sich ein hoher und wolkenloser Himmel von hellem und klarem Blau. Viel kühler war es auch.
Hier musste sie gut zwei Stunden auf den anderen Zug warten, der sie weiter nach Norden bringen würde. Sie schlug die Zeit damit tot, dass sie in einen kleinen Gasthof schräg gegenüber dem Bahnhof ging, etwas zu sich nahm und dann wieder zurückschlenderte. Der Zeitungskiosk hatte geöffnet. Sie erstand ein Journal und schritt auf den Bahnsteig zurück, wo inzwischen ein kleinerer Zug wartete und sich allmählich mit Passagieren füllte. Schnell suchte sie sich einen Platz, verstaute ihr weniges Gepäck, und schon bekam sie Gesellschaft – denn eine nett aussehende Frau nahm ihr gegenüber Platz. Sie trug einen Mantel mit einer Brosche am Aufschlag und einen weichen roten Filzhut. Zu ihrer Reisetasche gesellte sich ein Korb, der einige Einkäufe zu enthalten schien.
Ihre Augen trafen sich und Gwenaëlle lächelte höflich.
»Ach, was für ein kalter Tag!«, bemerkte die Frau. »Ich musste eine Weile auf meine Droschke warten. Dabei sind meine Beine ganz kalt geworden.«
»Aber irgendwie ist der Tag auch schön«, erwiderte Gwenaëlle.
»Oh ja, richtig schön«, entgegnete die Frau. »Immer noch besser als Regen, sage ich immer.« Der Bahnhofsvorsteher rief etwas Unverständliches, seine Pfeife schrillte und die Türen der Waggons schlugen zu. »Es geht los und recht pünktlich, wie ich finde. Wollen Sie weit?«
Gwenaëlle, die schon zu ihrem Journal gegriffen hatte, ergab sich in ihr Schicksal, legte es wieder weg und unterhielt sich.
»Fodderty«
»Da will ich auch hin. Ich bin zwei Tage bei meiner Schwester gewesen. Zum Einkaufen. Sie haben hier ein schönes Geschäft. Habe meinem Mann ein Hemd gekauft. Wollen Sie in Fodderty bleiben?«, fragte sie, aber es war keine Neugier, sondern schlicht menschliche Anteilnahme.
»Ja«, antwortete Gwenaëlle, und weil sie davon ausging, dass die Frau sicherlich weiterfragen würde, ergänzte sie aus freien Stücken: »Ich fahre zu meinen Verwandten, auf › Castle Ballantyne ‹.«
»Das Anwesen kenne ich gut. Ich bin dort mit einer der Bediensteten befreundet. Wir sticken gemeinsam neue Kniekissen für die Kirche. Sie hat mir gar nicht erzählt, dass man auf dem Castle Besuch erwartet. Aber vermutlich hat das dort noch nicht die Runde gemacht … Sind Sie zum ersten Mal hier?«
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