Wenn Waynette gewollt hätte, wäre es ihr sicher gelungen, dieses endgültige Zerwürfnis zwischen ihrem Vater und ihrer Schwester zu verhindern. Aber statt ihr beizustehen, tat sie alles, um den alten Herrn noch mehr gegen Tempest aufzuhetzen.
Ein heißes Gefühl des Triumphs bemächtigte sich ihrer, als Tempest das Anwesen verlassen hatte. Nun war für sie der Weg frei, dachte sie, und keinen Moment störte sie an dem Gedanken, dass sie bereits einem anderen ihr Jawort gegeben hatte. Die Verlobung würde eben wieder aufgelöst. Ihr Vater würde schon dafür sorgen. Baron of Brackenridge bedeutete ihr ja sowieso nicht das Geringste, und das Gerede, das darauf entstehen würde, wollte sie wohl gern in Kauf nehmen, wenn sie dadurch nur zu ihrem Ziel kam.
Aber aus diesem Glückstraum wurde sie jäh herausgerissen. Der Marquis of Roseberry war durch Tempests Absage so schwer getroffen, dass er über Nacht sein Gut verließ und sich umgehend ins Ausland begab. Die Verwaltung seines schottischen Besitztums überließ er einem entfernten Verwandten.
Von dieser Stunde an war in Waynette etwas zerbrochen. Sie war zwar zu stolz, um sich ihre Enttäuschung anmerken zu lassen, aber sie verbannte jedes weiche Gefühl aus ihrem Herzen.
Nach Ablauf der Verlobungszeit heiratete sie den Baron of Brackenridge und bezog mit ihm › Castle Ballantyne ‹, das ihr ja nun allein gehören würde, wenn der Vater einmal starb – denn ihre Schwester war vom Erbe ausgeschlossen worden.
Tempest hatte ihr mehrmals geschrieben und sie herzlich gebeten, ihren doch Vater zu veranlassen, sich wieder mit ihr zu versöhnen und seine Einwilligung zu ihrer Heirat mit dem Maler zu geben. Aber sie antwortete gar nicht darauf und verheimlichte die Briefe. Ihr Vater glaubte infolge, seine jüngste Tochter sei zu verstockt, um den Weg zurück ins elterliche Haus zu finden, und Waynette verstand es auf äußerst geschickte Weise, ihn in dieser Ansicht zu bestärken. Da Tempests Mutter, seine zweite Frau, bereits kurz nach der Geburt verstorben war, gab es auch niemand, der vermittelnd hätte eingreifen können. Als ihn dann selbst ein Herzschlag ereilte, starb er, ohne sich mit seiner Tochter ausgesöhnt zu haben.
Waynettes Ehe mit dem Baron of Brackenridge war nach außen hin mustergültig. Sie schenkte ihrem Gatten drei Kinder. Murdock, der Älteste, war ihr besonderer Liebling und der einzige, dem gegenüber sie sich nachgiebig und herzlich zeigte. Wendelle, die jetzt achtzehnjährige Tochter, sah ihrer Mutter sehr ähnlich und hatte neben ihrer Schönheit auch ihr kühles, hochfahrendes Wesen geerbt. Sie war bis vor kurzem in einem vornehmen Schweizer Mädchenpensionat gewesen und sollte nun im kommenden Herbst in die aristokratische Gesellschaft eingeführt werden.
Nur Valora, der zehnjährige Nachkömmling, schien etwas aus der Art geschlagen. Sie hatte weder die bedächtige Ruhe des Vaters, noch die äußeren Vorzüge der Mutter geerbt, sondern war ein ganz ungebärdiges, wildes Kind, das mit seinen unberechenbaren Streichen nicht nur ihre Eltern, sondern auch die jeweiligen Erzieherinnen, die fortwährend wechselten, andauernd zur Verzweiflung brachte. Gerade jetzt hatte die letzte Erzieherin gekündigt und bei ihrem Abschied erklärt, lieber sechs Jungen beaufsichtigen zu wollen, als sich noch länger mit diesem ›boshaften, kleinen Frauenzimmer‹, wie sie Valora nannte, herumzuärgern.
Die Baroness musste sich darauf nach einer neuen Kraft umsehen, hatte jedoch bislang niemanden gefunden. Als sie nun völlig unerwartet die Nachricht vom Tod ihrer Stiefschwester erhielt, zugleich mit einem Brief der Verstorbenen, in dem diese die dringende Bitte aussprach, ihrem einzigen Kind eine Heimat auf › Castle Ballantyne ‹ zu gewähren, tauchte der Plan in ihr auf, der Nichte das Amt der Gouvernante zu übertragen.
Als sie ihrem Gatten diesen Entschluss mitteilte, wagte dieser allerdings einige Einwendungen zu machen, obwohl ihm längst bewusst war, dass sich seine Frau niemals von dem abbringen ließ, was sie einmal in den Kopf gesetzt und als richtig befunden hatte.
»Ich verstehe dich nicht, Waynette … Warum willst du denn dieses junge Mädchen, das durch den Tod der Eltern so hart vom Schicksal geprüft ist, mit einer solchen Verantwortung belasten?«, fragte er vorsichtig. »Schließlich ist sie doch das einzige Kind deiner Schwester und hat jetzt niemand weiter als uns.«
»Tempest war nur meine Stiefschwester, vergiss das nicht!«, unterbrach Waynette ihn rasch. »Außerdem hat sie sich durch ihre Heirat mit diesem bürgerlichen Maler selbst um das Recht gebracht, irgendwelche Forderungen stellen zu können. Mein Vater hat schon genau gewusst, warum er sie vom Erbe ausgeschlossen hat.«
Ihr Mann schüttelte den Kopf. »Ich habe eigentlich nie so recht begreifen können, warum sich der alte Herr in dieser Sache derart unversöhnlich zeigte. Er war zuvor immer sehr großzügig und soweit ich das beurteilen kann, frei von Vorurteilen.«
Waynette hütete sich natürlich, ihrem Mann einzugestehen, dass sie selbst es gewesen war, die alles dazu getan hatte, um eine Aussöhnung zwischen den beiden zu verhindern.
»Er hatte eben andere Pläne mit ihr und konnte es nicht verwinden, dass Tempest diesen Herrn Niemand geehelicht hat«, sagte sie wegwerfend.
»Ein Niemand stimmt aber nicht. Mr. McMasters hat sich in der Kunstwelt durchaus einen beachtlichen Namen gemacht«, konnte sich ihr Mann nicht enthalten ihr zu widersprechen. »Er hätte sicher noch so manches Meisterwerk geschaffen, wäre er nicht so früh verstorben.«
»Und dennoch hat er es anscheinend nicht vermocht, seine Familie so zu stellen, dass ihre Tochter jetzt nicht auf die Gnade von Verwandten angewiesen ist.«
»Du bist ungerecht«, erwiderte seine Lordschaft. »Außerdem war es den Zeilen deiner Schwester deutlich anzumerken, wie schwer es ihr gefallen ist, dich um Hilfe zu bitten.«
»Wie man sich bettet so liegt man«, erwiderte sie hart. »Jedenfalls denke ich überhaupt nicht daran, dieser Gwenaëlle zu gestatten, hier ein Faulenzerleben zu führen. Ich werde ihr von vornherein klarmachen, dass sie für das Unterkommen, das wir ihr gewähren, auch etwas zu leisten hat. Wenn sie sich nicht willig und bescheiden fügt, mag sie sehen, wo sie bleibt.«
Ihr Mann konnte ein leichtes Seufzen nicht unterdrücken, aber er wagte keine weitere Widerrede. Dennoch erfasste ihn ein gewisses Mitleid mit der jungen Vollwaisen, die mit der Hoffnung in dieses Haus kam, hier eine neue Heimat zu finden, und wohl sehr enttäuscht sein würde, wenn sie merkte, wie unerwünscht ihr Kommen war. Leider würde er ihr nur wenig helfen können, denn er selbst hatte es längst aufgegeben, seinen Willen durchzusetzen. Warum Waynette ihn damals überhaupt geheiratet hatte, wusste er auch heute noch nicht zu beantworten – aber dass es nicht aus Liebe war, die sie dazu veranlasst hatte, ihm ihr Ja-Wort zu geben, das war ihm inzwischen mehr als bewusstgeworden. Er war ihr zwar von ganzem Herzen zugetan, aber allmählich stumpften seine Gefühle an ihrer so überaus kalten, herrischen Natur ab, und er zog sich immer mehr in sich selbst zurück.
Sie gab ihm auf ihre Art immerzu deutlich zu verstehen, dass sie sich eigentlich zu ihm herabgelassen habe, und wagte es sogar von Zeit zu Zeit zu betonen, dass sie durchaus eine glänzendere Partie hätte machen können. Immer wieder brachte sie zum Ausdruck, dass ihr › Castle Ballantyne ‹ gehöre und alles, was ihr Vater hinterlassen habe. Er wäre nichts weiter als nur ein armer Schlucker gewesen, der außer seinem adeligen Namen nichts sein Eigen nannte und auch sonst nicht viel vorzuweisen hatte.
Darum wäre es nicht mehr als recht und billig, wenn sie die Entscheidungen über alle wichtigen Dinge träfe und auch die Erziehung der Kinder nach ihren Grundsätzen durchgeführt würde.
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