Von diesem Augenblick an war Gwenaëlles glückliche Kindheit zu Ende. Wohl gab sich ihre Mutter alle Mühe, ihren Kummer um den toten Gatten zu tragen und ihr den Vater zu ersetzen, aber es war, als sei der Lebensnerv in ihr zerrissen. Sie, die immer schon zart und anfällig gewesen war, verfiel zusehends und vermochte nur mit Mühe die täglichen Pflichten des kleinen Haushalts zu erfüllen. Dazu gesellten sich bald auch noch äußere Sorgen, denn auch wenn ihr Mann ein bekannter Maler gewesen war, Reichtümer hatte er nicht ansammeln können. Dazu war er noch zu jung gewesen und voller Schaffenskraft. – Wie hätte er da an Krankheit und gar Tod denken sollen?
Da ihr Mann ihr stets alle finanziellen Dinge abgenommen hatte, war sie recht unerfahren und musste ihre Unkenntnis nun teuer bezahlen. Das kleine Vermögen schmolz rasch zusammen, und sie sah sich verzweifelt nach irgendeinem Erwerb um. Aber was sollte sie tun, wo sie doch nichts Richtiges gelernt hatte? Zudem war ihre zarte Gesundheit keiner schweren Arbeit gewachsen.
Endlich besann sie sich auf ihre Fertigkeiten, feine Handarbeiten herzustellen, und sie fand sogar ein Geschäft, das ihr diese abnahm. Es war zwar eine mühselige Arbeit, die nur wenig einbrachte, aber immerhin reichte es für das Nötigste. Gwenaëlle sollte wenigstens die höhere Schule beenden, damit ihr später bessere Möglichkeiten offenstanden – auch wenn sie vermutlich nie eine Universität besuchen und studieren würde.
Und Gwenaëlle selbst kannte keinen sehnlicheren Wunsch, als so bald wie möglich auf eigenen Füßen zu stehen, damit sie der geliebten Mutter die Sorgen abnehmen und ihr das Leben ein wenig erleichtern konnte.
Ihre Mutter hatte sich von den wenigen Bekannten, mit denen sie und ihr Vater früher verkehrt hatten, vollkommen zurückgezogen. Einerseits erlaubten ihre bescheidenen Mittel ihr keinerlei Nebenausgaben, die nun einmal auch mit der einfachsten Geselligkeit verbunden waren, andererseits fühlte sie sich noch immer außerstande, mit Fremden über ihren Gatten zu reden – und das hätte sich wohl kaum vermeiden lassen. Sie hatte den Verlust noch nicht verwunden und trauerte mit unverminderter Stärke um ihn.
Nur mit ihrer Tochter vermochte sie über den geliebten Entschlafenen zu reden, ohne dass es ihr allzu wehtat. Je mehr Gwenaëlle heranwuchs, umso tiefer wurde deren Verständnis und Bewunderung für die Mutter, die mit so unerschütterlicher Liebe an ihrem toten Vater hing. Nicht oft genug konnte sie davon hören, wie sich ihre Eltern damals kennengelernt hatten, und welche Schwierigkeiten sie hatten überwinden müssen, bis es zur Heirat kam.
Auch von ihrer glücklichen Jugendzeit auf › Castle Ballantyne ‹ erzählte ihre Mutter, aber nie kam ein vorwurfsvolles oder gar anklagendes Wort gegen Vater oder Stiefschwester über ihre Lippen, die ihr später die Heirat mit dem bürgerlichen Maler nie verziehen und sie darum vom Erbe ausgeschlossen hatten.
Aber trotz aller Liebe und Zärtlichkeit, mit der Gwenaëlle ihre Mutter umsorgte, entging es ihr nicht, dass diese immer mehr in sich verfiel. Es war wohl so, dass sie sich einfach in Sehnsucht nach ihrem toten Ehemann verzehrte, und da ihr Herz ohnehin immer sehr schwach gewesen war, bedurfte es nur eines geringfügigen Anlasses, um sie auf das Krankenlager zu werfen, von dem sie nicht aufstehen sollte.
Gwenaëlle wehrte sich mit verzweifelter Anstrengung gegen diesen neuen Schicksalsschlag Hilflos musste sie dabei zusehen, wie das Leben ihrer Mutter langsam aber stetig verlöschte – gleich einer Kerzenflamme, die sich selbst verzehrte.
Ehe sie jedoch für immer die Augen schloss, vertraute sie sich ihrem Kind an und berichtete ihr, dass sie sich an ihre Stiefschwester Waynette auf › Castle Ballantyne ‹ gewandt habe mit der Bitte, ihre Tochter, nach ihrem Tod, bei sich aufzunehmen.
»Du musst mir versprechen, mein liebes Kind«, bat sie mit versagender Stimme, »dass du dort hingehen wirst. Eher kann ich nicht ruhig sterben.«
Gwenaëlle versprach es, wenn auch schweren Herzens, denn sie fühlte eine heftige Abneigung gegen die unbekannten Verwandten, die sich bisher nie um sie und ihre Mutter gekümmert hatten.
Und nun kniete sie hier vor dem kleinen, sorgsam aufgeschütteten Hügel, der das Liebste verbarg, das sie besessen hatte. Noch immer schien es ihr unfassbar, dass sie nie wieder die leise, zärtliche Stimme hören sollte, die ihr bis jetzt Sinn und Inhalt des Lebens gewesen war.
Plötzlich war es ihr, als ob eine Hand sie leicht streifte. Sie blickte auf und bemerkte, dass ein Zweig des Rosenstrauches, der nebenan auf dem Grab ihres Vaters wuchs, sich in einem leichten Windhauch neigte, und mit dessen duftenden Blütenblättern ihre Wange berührt hatte.
Auf seltsame Weise fühlte sie sich getröstet. Augenblicklich dachte sie an ihr Lieblingsmärchen, das ihr ihre Eltern so oft vorgelesen hatten. Und unter Tränen kamen Gwenaëlle die letzten Worte in den Sinn, die die Mutter in ›Aschenputtel‹ zu ihrer Tochter sprach, bevor sie für immer die Augen schloss: › Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein. ‹
In diesem Moment hatte sie das Gefühl, als seien ihr ihre Eltern ganz nah und schickten ihr einen Stillen Gruß aus dem Jenseits.
Sie sprach noch ein inniges Gebet, ehe sie sich langsam erhob und auf den Heimweg machte.
***
2
B
aroness Waynette of Brackenridge konnte man noch immer als eine schöne Frau bezeichnen, obwohl sie schon kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag stand. Aber es war eine Schönheit, die jeden kalt ließ, weil ihr jede Herzlichkeit fehlte. Man brauchte ihr bloß in die kalten, strengen Augen zu sehen, um zu wissen, dass ihr ganzes Wesen ausschließlich vom Verstand und nie vom Gefühl diktiert wurde.
Sie war es auch, die unbestritten ihre Familie und das gesamte Haus beherrschte. Ihr Mann, Baron Stratton, schien sich längst damit abgefunden zu haben, denn nur selten äußerte er eine eigene Meinung. Er vermied es nach Möglichkeit auch, irgendwelche Entschlüsse zu treffen, da er genau wusste, wie eigenwillig seine Frau war und sowieso nur das tat, was sie für richtig hielt.
Zu Beginn ihrer Ehe war das freilich einmal anders gewesen. Damals hatte er noch geglaubt, dass Waynette ihn aus Liebe geheiratet hatte. Doch schon bald darauf musste er einsehen, dass dies eine Täuschung gewesen war.
Der ›schönen Waynette‹, wie sie allgemein in ihrer Jugend genannt worden war, hatte es keineswegs an betuchten Freiern gefehlt. Aber sie sah und liebte nur einen einzigen, den Marquis Romney of Roseberry, der unweit des väterlichen Anwesens ein großes Besitztum besaß. Auf allen Gesellschaften und Festlichkeiten war er ihr Tischherr. Sie ritten fast täglich zusammen aus und spielten ›Lawn Tennis‹, und jeder, der sie kannte, war davon überzeugt, dass es in Kürze zu einer Verlobung zwischen ihnen kommen würde. Auch der junge Marquis machte keinen Hehl daraus, dass ihm die Baroness gefiel. Dennoch zögerte er aus einem ihm selbst unbegreiflichen Grund, sich ihr diesbezüglich zu erklären.
Dann kam eines Tages Waynettes Stiefschwester, die um mehrere Jahre jüngere Tempest, aus dem Internat nach Hause. Sie war fast noch ein Kind mit ihren siebzehn Jahren und besaß keineswegs die auffallende Schönheit der Älteren. Aber es ging ein unendlicher Liebreiz von der zarten, kleinen Gestalt mit den großen, verträumten Augen und den leuchtendroten Locken aus. Als sie zum ersten Mal in der Gesellschaft erschien, flogen ihr sofort alle Herzen zu.
Als ihr der gutaussehende Marquis of Roseberry vorgestellt wurde, starrte dieser sie wie ein Wesen aus einem Märchen an, und ab dieser Minute existierte Waynette für ihn nicht mehr. Und obwohl Tempest ihn nicht im Geringsten ermutigte, ihn auch nicht um eine Spur freundlicher behandelte als all die anderen adeligen jungen Gentlemen, mit denen sie tanzte oder Konversation betrieb, ließ er sie keinen Moment mehr aus den Augen und war unaufhörlich um ihre Gunst bemüht.
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