»Mir ist so bange, wenn ich an die Zukunft denke«, seufzte das junge Mädchen und tupfte sich verstohlen noch einige Träne ab, die sich in ihre Augen gedrängt hatte.
»Ach, komm, Gwenaëlle! Ich bin schließlich auch noch da«, lächelte Miss Abernathy. »Und wenn du wirklich einmal gar nicht mehr aus und ein weißt, dann wende dich getrost an mich. Ich werde dir immer helfen, sofern es in meiner Macht liegt.«
Impulsiv sprang Gwenaëlle auf und umarmte ihre Lehrerin herzlich. »Vielen, lieben Dank, gute Miss Abernathy! Ich werde nie vergessen, wie gütig Sie immer zu mir waren … Sie vergessen mich nicht ganz, nicht wahr, wenn ich von hier fort bin?«, versicherte sie sich noch einmal.
»Wie kannst du so etwas überhaupt denken!«, wehrte ihre Lehrerin entrüstet ab. »Jetzt, wo ich pensioniert bin, habe ich mehr als genug Zeit, an alle meine ehemaligen Zöglinge zu denken, und da du mir immer eine besonders liebe und brave Schülerin warst, werde ich deinen zukünftigen Lebensweg natürlich mit besonderem Interesse verfolgen. Schreibe mir nur recht ausführlich, wie es dir auf › Castle Ballantyne ‹ ergeht, hörst du?«
»Ja, natürlich, das werde ich ganz bestimmt tun«, versprach sie. »Sie sind der einzige Mensch hier in der Stadt, an dem ich hänge und von dem mir der Abschied wirklich schwerfällt«, setzte sie leise hinzu.
»Nun, du hast doch auch Freundinnen, zum Beispiel die Pamela Catherwood, mit der du dich immer sehr gut verstanden hast«, meinte Miss Abernathy.
»Ach, die haben alle schon bestimmte Pläne für die Zukunft. Und Pamela geht nächsten Monat nach Birmingham, da wird sie bald genug neue Bekannte finden«, meinte Gwenaëlle betrübt. »Aber ich muss mich jetzt verabschieden, liebe Miss Abernathy, denn ich möchte noch einmal auf den Friedhof, ehe ich morgen abreise.«
»Tu das nur, mein Kind«, stimmte Miss Abernathy ihr lächelnd zu. »Ich würde dich gern begleiten, aber gerade heute habe ich wieder so arge Schmerzen in meinen Beinen. Du kannst aber ohne Sorge sein: Ich werde regelmäßig nach der Grabstelle deiner Eltern sehen und dafür Sorge tragen, dass sie gepflegt wird.«
Gwenaëlle konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie nun endgültig Abschied von ihrer alten Lehrerin nahm.
Auch Miss Abernathy kämpfte mit ihrer Rührung, als sie ihre ehemalige Schülerin in ihre Arme schloss, und strich ihr mit einer mütterlichen Bewegung über die rotgoldenen Locken. »Bleibe mir nur so, wie du bist, mein Kind«, flüsterte sie sanft und gab ihr einen Kuss auf die Wange, ehe sie Gwenaëlle freigab »Etwas Besseres kann ich dir nicht wünschen, … und nun lebe wohl, Liebes!«
*
Wie im Traum ging Gwenaëlle durch die Straßen der Stadt, die sie nun auf immer verlassen sollte. Sie achtete nicht auf die Blicke der vorübergehenden Passanten, die sie in ihrem schwarzen Kleid und mit dem blassen Gesicht oft recht mitleidig streiften. Ihre Gedanken waren weit fort. Sie fragte sich, was ihr die Zukunft bringen würde? Unendlich verlassen und einsam kam sie sich vor, und die Aussicht, nun auf › Castle Ballantyne ‹ zu den ihr unbekannten Verwandten gehen zu müssen bedrückte sie mehr, als sie sich einzugestehen wagte.
Als sie den Friedhof erreicht hatte und vor dem Grab ihrer Mutter stand, wollte die Verzweiflung sie fast übermannen. Sie sank neben dem Hügel nieder, auf dem noch einige halbverwelkte Kränze lagen; man hatte die Tote erst vor knapp zwei Wochen zur letzten Ruhe gebettet. Wieder liefen dicke Tränen über Gwenaëlles Wangen.
»Ach, Mom, warum nur? Warum musstest du so früh gehen?«, klagte sie leise. »Hättest du mich doch nur mitgenommen, anstatt mich hier allein zurückzulassen!«
Unwillkürlich stiegen die Bilder ihrer glücklichen Kindheit vor ihr auf. Da war ihr Vater, den sie nie anders als froh und strahlend gekannt hatte, wie er ihre Mutter mit rührender Liebe umsorgte und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen suchte. Und die kleine, zarte Frau hing mit den gleichen zärtlichen Gefühlen an ihm. Sie war auf ihn als Mann genauso stolz wie auf seine Kunst. Nie hatte es zwischen den beiden ein böses Wort oder gar Streit gegeben.
Und in dieser Atmosphäre des Glücks und der Geborgenheit war Gwenaëlle aufgewachsen, umsorgt und behütet.
Doch dann hatte das Unglück die kleine Familie wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel getroffen. Gwenaëlle erinnerte sich noch genau daran, wie stolz und glücklich ihre Mutter gewesen war, als ihr Vater die Einladung bekam, seine letzten Bilder auf einer großen Glasgower Kunstausstellung zu zeigen. Das bedeutete die Bestätigung seines Könnens und würde ihm sicher viel Anerkennung und Ehren bringen. Bis jetzt hatte man immer noch recht bescheiden gelebt, aber nun wurden Pläne für die Zukunft geschmiedet und ein Umzug in die nahe Großstadt erwogen, wo sich künstlerisch ein besseres Tätigkeitsfeld bot.
Anthony McMasters war allein nach Glasgow gefahren, weil sich seine Frau Tempest den Anstrengungen der weiten Reise bei dem kalten Winterwetter nicht aussetzen wollte. Aber Gwenaëlle, obwohl sie noch ein halbes Kind war, spürte genau, wie sehr ihre Mutter unter der kurzen Trennung litt, und sie selbst konnte es kaum erwarten, bis der geliebte Vater zurückkam. Endlich traf das ersehnte Telegramm ein, das seine Rückkehr anmeldete. Erwartungsvoll eilten sie beide zur Bahnstation, um ihn in Empfang zu nehmen. Doch die gebeugte, müde Gestalt, die sich mit sichtlicher Anstrengung aus dem Waggon tastete – war das wirklich der stets so vergnügte, strahlende Vater, der sein Kind sonst bei jedem Wiedersehen jubelnd auf seinen Armen emporgehoben hatte? Gwenaëlle wagte kaum nach seiner Hand zu fassen und warf nur einen ängstlich fragenden Blick zu ihrer Mutter hinüber. Auch auf deren Gesicht malte sich das Erschrecken über das veränderte Aussehen ihres Ehemannes.
»Um Gottes willen, was ist mit dir?«, fragte sie rasch. »Bist du krank?«
Ihr Gatte winkte mit einer hilflosen kleinen Gebärde ab. »Ach, es ist wohl nichts Schlimmes. Ich habe mich anscheinend in Glasgow ein bisschen erkältet, und da ist mir die Rückreise nicht bekommen. Aber zu Hause wird das sicher bald besser werden.«
Doch schon die kurze Fahrt zur Wohnung, die sie mit einer Droschke zurückgelegt hatten, schien ihn sehr anzustrengen, denn er lehnte mit geschlossenen Augen in einer Ecke, und sein Gesicht überzog sich mit einer fahlen Blässe. Nur mit Hilfe des Droschkers gelang es ihrer Mutter, ihn ins Haus zu bringen, und der biedere Kutscher erbot sich von selbst, sofort bei einem Arzt vorbeizufahren und ihn herzuschicken.
Kurz darauf erschien der Mediziner und stellte nach eingehender Untersuchung eine schwere Lungenentzündung fest. Einen Augenblick erwog er, ihn in ein Hospital zu überführen, aber bei dem Zustand erschien ihm das letztlich zu gefährlich – auch hätte sich die Familie einen teuren Krankenhausaufenthalt kaum leisten können. So gab er rasch einige Anordnungen und versprach, eine erfahrene Pflegerin vorbeizuschicken.
Ihre Mutter wollte nichts davon wissen, doch als Dr. Porterfield ihr eindringlich klarmachte, dass sie auch an ihr Kind denken müsse, gab sie schließlich nach.
Wenn Gwenaëlle später an diese Tage zurückdachte, erschienen sie ihr wie ein böser, schmerzhafter Traum. Nur auf ein paar Augenblicke durfte sie ihren Vater sehen, wenn sie auf Zehenspitzen an sein Bett schlich. Sie rief ihn leise an, aber er erkannte sie bereits nicht mehr. Das Fieber hatte ihn gepackt, und stoßweise kam der Atem aus seiner Brust.
Mit übermenschlicher Anstrengung widmete sich ihre Mutter seiner Pflege und versuchte, dem Tod seine Beute abzujagen. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Nur eine Woche nach seiner Rückkehr aus Glasgow erlag er der tückischen Krankheit und ließ Frau und Kind in unsagbarem Schmerz zurück.
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