Ich lächelte, zückte meinen Schlüsselbund, und schloss die Labortür auf, vor der ich inzwischen stand. In mein Büro – meine Habseligkeiten standen dort – gelangte man nur über mein Labor oder über Lauras Büro. Mein Büro hatte zwar auch eine Tür zum Flur, aber die hatte ich entgegen den Feuervorschriften mit einem Aktenschrank verrammelt. Ich wollte „ungefilterten“ Besuch vermeiden, meine Ruhe zum Arbeiten haben. ( War schon genug, dass ich in meinem eigenen Büro nicht rauchen durfte. Dann konnten mir auch die Feuervorschriften egal sein! )
Einen Meter vor meinem Büro blieb ich stehen, drehte mich um, und ließ den Blick über mein mit Geräten vollgestopftes Labor gleiten. Wie immer sah es aus, als zöge man gerade ein oder aus. Genüsslich inhalierte ich die reingefilterte, nur von zarten Xylol– und Diethylpyrocabonat–Duftschlieren durchzogene Luft. Ich konnte mich gar nicht sattriechen an diesem Laborbukett! Nie!
Auch sonst schien alles in Ordnung zu sein (nichts fehlte, keine Flaschen umgekippt, der radioaktive Müll war leer), wobei mich gewundert hätte, wenn es anders gewesen wäre, denn der Komplex war exquisit be– und überwacht.
Einzig meine Mitarbeiter fehlten! , seufzte ich. Na ja, musste ich eben von vorne anfangen. Oder fast von vorne.
Ich riss mich aus meiner Melancholie und sperrte die Tür zu meinem Büro auf. Meine Sachen standen auf dem Schreibtisch und wie erwartet konnte ich sie mit einer Fuhre auf meinem Laborkarren zu meinem Wagen transportieren. Ich fuhr zurück zu meinem Hotel.
Endlich dort und alles abgestellt, betrachtete ich meine Habseligkeiten. Wieder erfasste mich Melancholie.
Okay, wie es aussah, musste ich in mehrerlei Hinsicht von vorne anfangen. Ich runzelte die Stirn und nickte: Aber ich hatte noch meinen Beruf! Und in einem Moment äußerster Klarheit schloss ich lächelnd: Das Wichtigste also war mir geblieben!
Die folgenden Tage verbrachte ich hauptsächlich im Labor. Am späten Nachmittag des 31. Dezembers fiel mir ein, dass an diesem Tag Silvester war. Ich wollte den Abend nicht auf einer lauten Fete verbringen, den Jahresausklang aber etwas „feierlich“ begehen. So fuhr ich in meinen „H–E–B“, mir eine Flasche Cava zu kaufen.
Die Atmosphäre des Ladens mochte ich. Wie glühende Eisenbahnschienen hingen endlose Reihen Neonröhren von den werkshallehohen, stahlträgerdurchzogenen Decken. Flugs begab mich auf das „Schienennetz“. Ich kannte mich gut aus, in meinem „H–E–B“, und steuerte zielstrebig die Schaumweinauslagen an. Am 11. Dezember war ich zum letzten Mal hier gewesen. Ich erinnerte mich genau an den Tag. Ich hatte vorgehabt, Sekt für den Geburtstag meiner Frau einzukaufen, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits einige Male von mir getrennt gehabt hatte. Am 11. Dezember waren wir gerade wieder „zusammen“ gewesen. Damals waren mir, auf die Sektauslagen zugehend, Bedenken gekommen, ob sie es ernst meine, mit diesem „Zusammensein“. Und auf einmal hatte ich gedacht:
Die will dich verarschen. Am besten vergisst du den Sekt und sorgst dafür, dass sie nicht mit den Kindern ausreist und du deine Stelle wiederbekommst. Sonst ist alles weg!
Nach dieser Eingebung hatte ich mich schon entschlossen gehabt, zum Ausgang zu gehen, war bereits abgebogen gewesen, aus dem Flur zu den Sektregalen, da war es mir wie von einem wuchtigen Hammer geschlagen in den Kopf geschossen:
Wenn du vom richtigen Weg abweichst, siehst du den Tod. Bring die Angelegenheit sauber zu Ende!
Erschreckt von diesem Gedanken, war ich auf den Flur zurückgekehrt.
Kurz darauf mit der Flasche Sekt an der Kasse stehend hatte ich mich gefragt, was denn der richtige Weg sei. Was, außerdem, sollte diese Sülze mit dem Tod? Den sähe ich ohnehin, wie jeder andere Penner auf diesem Planeten auch.
Ich hatte dann meinen Sekt bezahlt, mein Wechselgeld eingesteckt, war zu meinem Wagen getrottet, eingestiegen, hatte den Zündschlüssel herumgedreht, und war nachhause gefahren. Schließlich war ich mit meiner Frau verabredet gewesen und hatte nicht zu spät kommen wollen.
Jetzt, an diesem Silvesterabend, schoss mir, auf das Regal zulaufend, kein unerwarteter Gedanke in den Kopf. Auch „schoss“ nichts, als ich mit meinem Cava an der Kasse stand. Ich erinnerte mich indes an diesen 11. Dezember. Und ich zweifelte:
Hatte ich damals richtig gehandelt? Hätte ich nicht besser eine harte Gangart einschlagen und die Ausreise der Kinder verhindern sollen, sowie die Situation mit meiner Frau klar gewesen war, und bis ich eine schriftliche Regelung des weiteren Vorgehens in Händen gehalten hätte?
Die Kassiererin unterbrach mein Grübeln. Ich zahlte meinen Cava. Und ich fragte mich, warum ich zweifelte. Hatte ich Grund zu zweifeln? Irgendwann würde ich das merken. Irgendwann würde ich wissen, ob ich mich richtig verhalten hatte, damals, an diesem 11. Dezember, in meinem „H–E–B“.
Jetzt – wie damals – steckte ich mein Wechselgeld ein, ging zu meinem Wagen, stieg ein, und drehte den Zündschlüssel herum. Aber dann stockte ich. Ich musste an den wenig harmonischen Ausklang jenes 11. Dezembers denken.
Damals war sich meine Frau doch noch mal unsicher geworden über unsere gemeinsame Zukunft. Ich hatte in dieser Nacht keine Lust mehr gehabt, mich auf weitere Diskussionen einzulassen, sondern war auf einen Wein in das „Lion & Rose“ gegangen, eine auf englisches Pub getrimmte Bar in der Nähe.
Ich hatte mich zu Fuß aufgemacht. In mir hatten Angst und Wut ein schrilles Duett gesungen. Kurz vor der Kneipe war ich unter dem ausladenden Astwerk eines großen, dunklen Baums hindurch gelaufen. Ganz und immer einzutauchen in dieses Dunkel hatte ich mir gewünscht, als ich in es eingedrungen war. In dem Moment aber, als ich am Stamm des Baums vorbei gegangen war, war eine Schar in den Ästen schlafender Grackles durch etwas aufgeschreckt worden und in die Nacht geflattert. Der Baum war danach kahl gewesen, sodass ich den Sternenhimmel durch das spärliche, wie von Flammen geschwärzte Geäst hatte erkennen können. Ich war froh gewesen, dass mir keines dieser Viecher auf den Kopf geschissen hatte.
Im „Lion & Rose“ hatte ich Leere empfunden, nichts denken können. Ich hatte mein Glas Rosé zügig in den Zustand überführt, in dem ich mich befunden hatte, und mich auf den Weg nachhause begeben.
Dort hatte mich meine Frau mit den Worten begrüßt, mir habe da ein Vogel auf den linken Schuh geschissen, ob ich nicht einMal aufpassen könne. Und ich hatte mich besser gefühlt. Da hatte ich gewusst, dass ich mich richtig verhalten gehabt hatte, am Mittag, in meinem „H–E–B“. Zweifel hatte ich damals nicht mehr gehabt.
Jetzt, vom Parkplatz meines „H–E–Bs“ wegfahrend, merkte ich, dass ich noch immer keine Zweifel hatte.
Ich traf spät ein im Hotel, damit meine „Silvesterfeier“ nicht zu früh begönne und ich noch Cava für Mitternacht hätte. Weil ich mit mir auf das neue Jahr anstoßen wollte, hatte ich zwei Sektgläser besorgt. Zur feierlichen Stunde eilte ich auf die Terrasse. Gläser und Flasche hielt ich bereit und betrachtete die Dächer der auf dem Parkplatz abgestellten Wagen und die umgebenden Gebäude, kalte Klötze, viel Beton, wenig Glas. Die dünnen Bäumchen zwischen den Parkreihen wirkten wie zur Dekoration in den Grund gehämmert.
Punkt Mitternacht war es soweit: Ich stieß mit mir an. Und lief auf dem Parkplatz umher, das Feuerwerk zu schauen. Ich kam mir – mit meinen Kelchen an den Wagen vorbei stapfend und in den tiefen Wolken die Explosionen der Feuerwerkskörper suchend – schon ein wenig lächerlich vor. Viel zu sehen war nicht von dem Geknalle. Meinen Hals reckend lief ich auf dem Parkplatz umher, eine Stelle zu finden, von der aus ich besser sehen könne. Es gab keine. Ich blieb auf dem Kies zwischen zwei Parkreihen stehen und sinnierte:
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