In einem ganz schönen Schlamassel steckte ich, alleine in der Silvesternacht mit meinen Kelchen inmitten Trucks und Coupés geparkt. Offenbar hatte ich einschneidende Änderungen vorzunehmen, um aus ihm herauszukommen.
Mir war klar, dass die schwierig werden würden, es zwar bergauf, aber eben gegen einen Anstieg gehe. Und momentan brach ich noch häufig ein. Doch einzubrechen hieße auch, dass ich mich, zumindest hin und wieder, besserfühlen musste, was Mut machte.
Mein bisschen Mut reichte gerade bis in mein Zimmer. Abwesend schloss ich die Terrassentür, stellte mich rücklings an den Tresen vor der Kochecke, lehnte mich an. Ich starrte auf die Wand. Sie erschien mir wie die Wand einer Gruft, in der ich begraben lag. Ich verspürte Ekel, zündete mir eine Zigarette an.
War mir doch schnuppe, dass man hier nicht rauchen durfte!
Ich trat die Terrassentür auf und schaute auf den Kies.
Überall dieser verdammte Kies. Wie ein hinterfotziger Büßer war ich zwischen den Kieselsteinen herumgeschlichen, als wären sie die verdorrten Tränen meines trägen Dumpfseins, dumpfe Tränen, die ich dieser parfümierten Verwesung nachschniefte. Scherben heulen sollte ich, und meine Visage so lange durch die Scherbenpfützen schleifen, bis es mir die Augen aufrisse und ich endlich sähe, dass mich Angst in diesem zersetzenden Schleim waten und bald ersaufen ließe.
Ich schlurfte ins Bad, sah in den Spiegel, in meine Augen, und spuckte mich angewidert an.
Loswerden musste ich diese verfluchte Angst. Wovor überhaupt hatte ich Angst? Zu verlieren, was ich längst verloren hatte? – Meine Frau? Meine Familie? – Zu verlieren, was ich verlieren müsste, um wenigstens den Kindern näher zu sein? – Meinen Beruf? ... Oder alles, damit endlich Ruhe wäre. Ich endlich frei wäre?
Ich musste an die Geschichte, die Gonzalo mir über Cortés erzählt hatte, denken. Und mit einem Male kam es mir:
Am besten würde ich meine Furcht verbrennen. So, wie Cortés seine Schiffe verbrannte hatte. Möglicherweise wäre das die einzige Chance, mich meiner Fesseln zu entledigen, und keine Kieselsteine mehr zu weinen. Dann müsste ich nur noch mein Näschen putzen. Und zwar gründlich.
Ich ging zurück in den Wohnraum, nahm die halbvolle Flasche Cava, ging wieder raus, setzte sie an, sog sie leer, rülpste aus vollem Herzen, und knallte die Pulle in den Kies. Ich liebte Scherben!
Wie es aussah, war ich in dieser Nacht erneut ein wenig überspannt. Zum Glück wurde ich müde, bevor ich auf dem Parkplatz zu randalieren begann, und übereignete mich frustriert meinem Schlummer. In dieser Nacht schlief ich unruhig und hatte einen fürchterlichen Traum:
Zuerst fing er vielversprechend an. Ich war ein weltberühmter Pianist (die neue Hoffnung des E–Musik Genres sozusagen) und hatte just ein Konzert gegeben. Beethovens Appassionata, soweit ich mich entsinne. Mit meinen letzten Takten, die mir besonders gut gelungen waren, brach die Begeisterung der tobenden Massen alle Dämme. Ich verbeugte mich befriedigt lächelnd vor ihnen (den Massen) und meine schönen, frisch frisierten Haare wehten wild im tosenden Applaus. – Da juckte es unverhofft an meiner rechten Hand. Ich schaute nach und entdeckte eine leicht irritierte Stelle. So etwas wie ein Pickelchen, das da vorher nicht gewesen war.
In der nächsten Sekunde sah ich mich der ernsten Miene des Leiters eines international renommierten Ärzteteams gegenüber, der mich um Fassung ringend aufklärte, dass es sich bei meinem Pickel um ein malignes Melanom handele. Im Frühstadium, zum Glück. Aber man müsse amputieren.
Ich war zerschmettert. Doch warum sollte es mir anders gehen als anderen Ikonen menschlicher Kultur. Die Besten sterben eben früh. Ich wollte dann aber doch noch nicht sterben und willigte in den Eingriff ein.
Bei meinem letzten Frühstück vor der Operation – ich hatte mir zart geröstete Croissants mit Heidelbeergelee servieren lassen – stand der Arzt auf einmal vor mir. Er eröffnete:
„Ich habe Ihren Fall nochmals mit einem Kollegen diskutiert. Eindeutig wird Ihr Körper durch die geplante Maßnahme seiner Harmonie beraubt. Es fehlt dann einfach die rechte Hand. Einzig zu verhindern ist diese Unausgewogenheit, indem wir auch das linke Bein entfernen. Beide Amputationen können wir in einer OP durchziehen. Kein Problem, Herr Zucker, wirklich gar kein Problem. Und Sie wären wieder in Ihrer Gesamtkomposition äquilibriert.“
Das war natürlich einleuchtend und ich stimmte dem erweiterten Eingriff schweren Herzens zu.
Im folgenden Moment sah ich mich auf dem Operationstisch. Ich hatte ein lila Puffhöschen an. Eigentlich hätte es eher als eine seltsam kolorierte Operationshaube durchgehen können, wenngleich dies nicht der wesentliche Punkt war. Der war, dass mein Operateur wie selbstverständlich mit einem Skalpell auf mich zugeschritten kam. Beiläufig bemerkte der Herr:
„Ich muss nur schnell die Linie markieren, an der wir absetzen. Wollen Sie’s hier haben? Oder lieber da?“
Und er begann, mit seinem Skalpell an meinem linken Oberschenkel herumzukratzen. Wenigstens hatte der Mann sich nicht in der Seite geirrt. In der Boulevardpresse hört man ja von manch peinlichem Schnitzer in dieser Richtung. Ob der Seite beruhigt, fand ich es indessen nicht so toll, dass dieser Typ schon jetzt anfing, mit diesem Skalpell an meinem Bein herumzufummeln. Hätte er damit nicht warten können, bis ich in der Narkose war. Barbarisch! Ich wies ihn auf diese Geschmacklosigkeit hin. Er erwiderte:
„Das versteh ich. Tschuldigung. Hatte gerade nichts anderes zur Hand. Haben Sie eventuell einen Kugelschreiber?“
Das Maß war voll! Energisch wies ich den Arzt darauf hin, dass ich keinen Kugelschreiber hätte. Und hätte ich einen, gäbe ich diesen ihmbestimmt nicht. Überdies könne er sich die Amputation meines Beines abschminken. Das beziehungsweise die gehe nun beileibe zu weit – Harmonie hin, Harmonie her. Da wäre ich ja außerstande gesetzt, dahin zu gehen, wohin ich gehen wolle. Und ich erwachte erschüttert aus meinem Traum.
Meine Hand kriegt der Lump auch nicht! , war mein erster Gedanke in der wiederbetretenen Realität. Noch als ich frühstückte, war ich deutlich konsterniert. Zwar war mein Traum nur ein Traum – ein beklemmender zweifelsohne –, allerdings dachte ich über ihn nach.
Absurde Idee, das mit dem Bein. Die Hand ließe ich mir auch nicht abschneiden. Schließlich brauchte ich sie noch für die angesetzten Konzerte. Ich durfte doch meiner Gefolgschaft nicht diese letzte Chance nehmen, meinen sphärischen Klängen zu lauschen. Und mir auch nicht. Nein. Mich um genau das zu bringen, was mir am wichtigsten war, wäre keine Option. Dann lieber früher sterben.
Während der folgenden Tage versuchte ich zu einer Normalität zurückzukehren. Morgens ging ich ins Institut und verbrachte den Tag mit Lesen und Planen. Spätabends kam ich „nachhause“ und bereitete den nächsten Tag vor, den ich wieder an der Uni verbrachte. Dort war es weitgehend menschenleer, obwohl sich in einigen weiterentfernten Laboren das Leben bereits anzukurbeln begann; hauptsächlich Chinesen, die waren am fleißigsten. Und so fleißig müsste ich jetzt mindestens sein, wollte ich mein Labor nochmals auf Touren bringen!
In der Tat hatte ich mein Labor im Vorfeld meines geplanten Weggangs fast aufgelöst! Meinen Mitarbeitern hatte ich – bis auf Laura, meiner Sekretärin – gekündigt, meine Forschungsgelder waren größtenteils „umkanalisiert“ worden, meine kollaborativen Forschungsprojekte hatte ich abgeschlossen oder abgeblasen, und meine Stelle hatte ich schon im September zum Ende des Jahres gekündigt. Dass ich die Stelle so kurzfristig wiederbekommen hatte (am 12. Dezember um zehn Uhr dreißig hatte ich meinen Head of Department gefragt, am 12. Dezember um zehn Uhr fünfzig hatte ich sie wieder!), war verdammtes Glück gewesen. Warum es geklappt hatte, war mir selbst nicht ganz klar. Bedeutend war sicher gewesen, dass ich kontinuierlich und gut publiziert hatte. Der Hauptgrund aber waren, wie ich denke, die exquisiten Forschungsergebnisse gewesen, die ich in dem Projekt mit Günter Kaufmann, einem anderen Professor an UT Austin, eingefahren hatte. Bill, mein Head of Department, hatte diese Entwicklung natürlich mitbekommen.
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