Schon beim nächsten Tanz sagte der Sonnenhöfler zu mir, dass er mich ja eigentlich nicht um Erlaubnis bitten müsse, denn ich sei ja noch nicht Idas Verlobter und dann zog er das Mädchen ziemlich derb mit sich auf die Bühne. Ich nickte Ida zwinkernd zu und liess die beiden gehen.
Ich hatte begriffen, dass die zwei sich abgesprochen hatten mir Ida auszuspannen und mich zu zweit gnadenlos zu verdreschen, damit ich sie laufen lasse.
Nun allein mit dem anderen, begann ich den gegen den Sonnenhöfler aufzuhetzen und setzte ihm manchen Floh ins Ohr, der ihn kränkte oder schwer beleidigte.
Als Ida zurück war stürmte der Eicheliunder mit ihr auf die Tanzfläche, weil ich ihm verraten hatte, dass Ida ihn ganz gut möge und immer gut von ihm gesprochen habe.
Ich nahm nun den anderen in die Kur, verschlang dabei noch die zweite Hälfte des Bratens und verleitete den schmucken Bauernsohn zum Trinken. Dazu erzählte ich ihm allerlei über seinen sauberen Freund und brachte ihn so allmählich in Fahrt.
Bevor der Tanz vorbei war, kamen die zwei Tänzer zurück. Der Bursche etwas verlegen und mit einer eindeutigen Marke von Idas Hand im Gesicht.
Idas Augen leuchteten verräterisch, sie hatte meinen Plan durchschaut und unterstützte ihn.
Wir liessen noch zwei Tänze lang unser Spiel laufen als der Sonnenhöfler mitten im Tanz herbeistürmte und über seinen Freund herfiel.
Ich nahm Ida an der Hand und wir verliessen fluchtartig die Szene, denn nun begann die eigentliche grosse Kirchweihschlägerei, in der jeder gegen jeden kämpft und am Ende keiner als Sieger dasteht, aber jeder mit einem deutlichen Zeichen seiner Teilnahme am grossen Krieg nach Hause wankt.
Am Montagmorgen wurden dann die Beulen gepflegt, der Arzt nähte die Schrammen und Risse, die allzu sichtbar gewesen wären, Hausmittel und Hexensalben fanden reichliche Anwendung. Einige etwas weniger lädierte Kämpfer halfen dem Rössliwirt den Kampfplatz aufzuräumen, denn am Abend gehörte die Tanzfläche ausschliesslich der einheimischen Bevölkerung auch in der Gartenwirtschaft wurden kein Fremder geduldet. Wer da Rang und Namen hatte, musste dabei sein und so seine Volksverbundenheit demonstrieren, der Pfarrer, der Arzt und auch der Lehrer wurden da erwartet, aber auch der Gemeindeschreiber und der Gemeindepräsident durften nicht fehlen, wenn sie im Amt bleiben wollten.
Auf der Tanzfläche waren eigentlich nur verheiratete Paare, ausser denjenigen jungen Pärchen, die in der nächsten Zeit ihr Aufgebot bestellten.
Da ich noch Ferien hatte, fragte ich Ida, ob ich sie zum „Montagstanz“ einladen dürfe. Sie schaute mir lange in die Augen und meinte dann, wir sollten vielleicht noch ein paar Jährchen warten, wir seien ja beide noch „Stifte“, also Lehrlinge, zudem habe sie keine Ferien mehr am Montag. Ich gab mich fürs Erste geschlagen und las an jenem Abend einen Roman von Dostojewski.
Ich war schon im dritten Lehrjahr, als mich mein Onkel an einem Samstagnachmittag aufsuchte.
Da musste etwas Wichtiges im Gange sein, dass er zu mir kam, statt wie üblich mich herzubestellen.
Er war (wieder einmal) in der Klemme, weil seine Sekretärin Knall auf Fall gekündigt hatte, einfach so, unverständlicherweise …
„Du wirst ihr an die Wäsche gegangen sein, wie üblich“ meinte ich trocken.
Er sagte nur, dass wir schliesslich Männer seien und die Weiber sollten nicht so zickig tun und überhaupt sei ja nichts geschehen und mit einer alten Klapperschlange sei er übrigens noch nie ins Bett gegangen.
Ich fand, er sei so oder so ein alter Schweinigel und ob ich ihn jetzt vielleicht beim Christbäumchen herausreden solle, ob er ein Alibi brauche.
Erschrocken meinte er, die Alte brauche doch von der Entlassung nichts zu wissen, die würde sonst noch auf weiss ich was für welche blöden Gedanken kommen und die hätte gar so schwache Nerven.
„Dann habt ihr also schon den ganzen Schmeissener Porzellan zerschmissen? , fragte ich ihn grinsend.
Nein er wollte mich nur anfragen ob ich übers Wochenende ihm helfen könnte ein paar Briefe zu schreiben und ein paar Rechnungen und vielleicht noch die Offerte für die Arbeiten am Kindergarten durchzulesen.
Ich hatte wirklich nichts vor an diesem Wochenende weil Ida an einer Wanderung mit ihrer „Jungen Kirche“ teilnahm und ich nicht mitgehen wollte, also willigte ich ein.
„Gut, aber vorerst müssen wir die Bezahlung regeln,“ erklärte ich ihm.
„Bezahlung?“ rief er sichtlich entrüstet, „schliesslich wird es ja einmal deine Firma sein, da kannst du es machen wie ich, nämlich gratis Überstunden.“
„Und dann mache ich es wie du, bevor du ins Casino von Konstanz gehst, ich greife einmal tief in die Geschäftskasse.“
Otto erbleichte und fragte mich, wer mir das gesagt habe, was ich da flunkere, wie ich …dann schwieg er und sagte: „Also was verlangst du?“
Briefe abtippen 2 Franken der Bogen, Briefe aufsetzen und tippen 5 Franken, Rechnungen schreiben auch 5 und die Offerte für den Kindergarten „schnell“ durchlesen und überarbeiten 50 Franken.
„Bist du wahnsinnig?“ schrie er mit hochrotem Kopf und dann begann er über meine Geldgier zu schimpfen.
„Lieber Otto, ich will nur was mir zusteht und du weisst dass ich sogar unter dem Tarif geblieben bin, aber wenn du einen andern Schafskopf findest, der das für dich macht, bitte sehr, ich dränge mich nicht vor,“
Ich gab ihm noch den Rat, wieder eine Sekretärin anzuschaffen, das käme billiger, aber er solle diesmal eine siebzigjährige, triefäugige Hexe anheuern oder ein Strichmädchen.
Ich erhielt natürlich das Geld (Vorauszahlung) und erledigte die Arbeit in der Nacht zum Sonntag.
Die neue Sekretärin war auch bald da, wie ich ihm empfohlen hatte … aber es war keine Oma und auch keine alte , giftige Klapperschlange, es war eine verdammt hübsche und adrette Person.
Es war Rosa, eine ehemalige Verkäuferin im Coop, die, so sagte man, in ihrer Wohnung häufig geheimnisvolle Männerbesuche empfange, Champagner inbegriffen. Aber Rosa hatte keine „Kunden“ oder gar Freier, sie hatte nur gute Freunde und zwar alles handverlesene. Ihre Freunde hatten keine Namen aber hohe Stellungen in der Gesellschaft in welcher Rosa einen denkbar schlechten Ruf hatte. Aber sie machte sich nichts draus und sie sagte mir später einmal, dass sie weder Gott noch den Teufel fürchte, die Menschen schon gar nicht.
Da stand sie vor mir, die Rosa. Eine junge äusserst hübsche Frau mit offenem Wesen. Man konnte ihr grade in ihre dunklen Augen schauen, sie hielt dem Blick stand, und sie erwiderte den Händedruck mit einem gewinnenden Lächeln begleitet. Das sollte dieser schändliche Vampir von der Bahnhofstrasse in Effretikon sein?
Ich musste ihr am folgenden Samstagnachmittag „das Büro übergeben“, weil ich eine Ahnung hatte, wo was gelagert oder abgelegt wurde und mich im Betrieb ein wenig auskannte. Otto liess sich offenbar verleugnen, aber wie ich schon gemerkt hatte, war er in „unserem“ Betrieb gar nicht heimisch, denn das Geschäftliche war Sache der Sekretärin, der Betrieb war Sache des Vorarbeiters und Otto war der grosse Boss.
Rosa war entsetzt und fragte mich, ob denn sowas funktioniere. Scheinbar doch. Sie schien eine kluge Frau zu sein und in Geschäftssachen gar nicht so unbedarft, wie sie sich anfänglich gegeben hatte.
Ich wollte sie auch noch auf ihren neuen Chef und seinen stinkfingerischen Charakter aufmerksam machen, da lachte sie und sagte, dass sie den nur allzu gut kenne, denn der sei doch ein alter Freund von ihr. „Bei meinem Geschäft lernt man die Menschen gut kennen, denn ein nackter Mensch kann nichts verbergen, nicht einmal seine jämmerliche Gestalt.“
Ich war entsetzt, wie sie über diese Dinge sprechen konnte, so frei und offen, ohne Scham.
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