Noch fünf Minuten früher hätte ich geschworen, dass diese junge Frau noch Jungfrau sei, aber als ich sie anschaute musste ich über meine Naivität lächeln. War ich denn auch so konservativ, so voreingenommen und so verlogen wie die ganze Gesellschaft hier?
Nach ein paar Stunden des Zusammenseins war schon so etwas wie Freundschaft zwischen uns, wir verstanden uns wie alte Weggefährten, ja mir schien, ich hätte Rosa schon immer gekannt, obschon sie etwa sechs oder sieben Jahre älter sein musste als ich. (es waren sogar mehr als 10)
Auch der Chef staunte über unsere Vertrautheit als er hereinplatzte, in der Art des immer beschäftigten eifrigen Geschäftsmannes, immer auf Draht, immer in Eile, denn Zeit ist Geld.
Otto schnupperte im Büro herum und hätte sich offensichtlich gerne etwas aufgespielt und dem Fräulein Winkler etwas vorgespielt, und falls sie noch ein Problem hätte so würde er gerne zur Verfügung stehen.
„Rosa, ich glaube er will dir noch die Kaffeemaschine erklären, aber da muss jetzt eine neue her, eine, die auch wirklich Kaffee macht. Übrigens ist die Flasche mit dem Schnaps für den Chefkaffee hinter jenen Ordnern.“ …
Er tat erstaunt und etwas beleidigt, dass wir schon per „du“ waren, aber ich sagte ihm, dass wir da „unten“ fest zusammenhalten müssten gegen die da „oben“.
Rosa lachte ihr helles Lachen und Otto knurrte: „Lass dich nicht einwickeln von dem verdammten Klugscheisser da.“
Da fragte ich ihn, ob er auch schon per „du“ wäre mit der Neuen, das sei sonst aber nicht Sitte bei uns.
Manchmal kam Rosa zu mir herüber nach Feierabend weil sie irgendwelche Probleme hatte und an Problemen mangelte es nicht. Eine ordentliche Buchführung existierte nicht, es fehlten Belege, Abrechnungen, Quittungen und vor allem die Kasse stimmte nie. Wenn Rosa dem Chef eine Bemerkung machte, so tröstete er sie damit, dass die nötigen Papiere im Tresor seien, er hatte aber nur die Schlüssel nie bei sich oder er hatte den Code vergessen oder er war wie immer in Eile.
Als sie mir das Übel klagte, beschlossen wir am nächsten Wochenende einmal in aller Ruhe über die Bücher zu gehen, denn dann musste er mit seiner Frau die alte Schwiegermutter besuchen.
Die Schlüssel zum grossen Geldschrank und zum geheimen Safe hatte ich noch vom Vater her und die Codes machten mir auch keine Mühe. Die Panzerschränke enthielten nur Schuldverschreibungen, Mahnungen, Zahlungsbefehle, ruinöse Hypothekarschulden und private Kreditschulden aber nichts positives, vor allem kein Geld oder Geldeswert.
Genau besehen war der Betrieb schon lange bankrott und man mogelte sich so von Hand zu Mund durch.
„Mein“ zukünftiger Besitz war nur ein riesiges Schuldenloch und ein scharfes Fuchseisen das auf ein Opfer wartete. Irgendwo in ferner oder naher Zukunft war da sogar auch ein Zimmer im Gefängnis schon reserviert, denn was da an betrügerischen Aktionen begangen worden war, reichte gut und gern für ein paar Jährchen. (Und die alte Klapperschlange kam als Schuldige wohl kaum in Frage)
War gut zu wissen.
Wir beschlossen dicht zu halten vorläufig und der Sache ihren Lauf zu lassen, hielten aber immer Augen und Ohren offen um im Notfall beizeiten abzuspringen.
Dass Rosa und ich Gefallen aneinander hatten und uns immer näher kamen war eine Tatsache und schliesslich wurde eine Liebschaft daraus, die ich nie vergessen werde.
Wir verstanden es, die Beziehung und unser Glück geheim zu behalten, was uns auch gut gelang.
Freilich war Ida manchmal misstrauisch wenn ich sie traf, aber sie vertraute mir blindlings und zudem hätte sie mir eine solche Schandtat nie zugetraut.
Was ich aber auch nicht wusste, dass Otto die Rosa handfest anbaggerte, ihr die Ehe versprach und tatsächlich die Scheidung vom Christbäumchen verlangte. Als schuldiger Teil der Scheidung hätte er seine Pleite nicht mehr verheimlichen können, also liess er dem (schuldigen) Weihnachtsbäumchen am Dorfrand eine Prunkvilla errichten, versprach ihr eine schöne monatliche Rente solange er lebte und erreichte damit wirklich die Trennung von seiner Frau. Sie unterschrieb alles was man ihr vorlegte, wenn sie nur ihre Porzellanfigürchen behalten durfte.
Die Villa war schliesslich mit dem vielen Geld des rasch und rechtzeitig verstorbenen Schwiegervaters gebaut worden, Geld, das auch die Firma noch einige Zeit über Wasser halten konnte.
Aber eine Million Franken ist am Spieltisch rascher verloren als gewonnen.
Ich kam ins vierte und letzte Lehrjahr und hatte mich in letzter Zeit wieder vermehrt der Arbeit in der Gewerkschaft gewidmet und sowohl Rosa wie Ida nur noch selten gesehen.
Im Frühjahr jenes Jahres heirateten Rosa und Otto, im August wurde der Kleine geboren und das Gerede und Gemunkel im Dorf war auch Ende Jahr noch nicht verstummt.
Ida sprach nicht mehr mit mir und ich hörte, dass sie jetzt mit dem Eicheliunder gehe und das war mir eigentlich ganz recht..
Am ersten Mai trat ich erstmals als Redner auf an der Maifeier der Gewerkschaften in E.
Man hatte mir eine Redezeit von zehn Minuten zugeteilt und ich arbeitete monatelang an diesen zehn Minuten. Immer wieder kamen mir neue Gedanken, die ich einbauen wollte, fand immer wieder Sätze die ich streichen musste, die nicht passten, die missverstanden werden könnten, die zu schwülstig waren oder die sich wiederholten. Wie oft bereute ich, zugesagt zu haben.
Auch Alfred geizte nicht mit Ratschlägen, schliesslich war er ja Profi, aber seine Vorschläge verwirrten mich mehr als dass sie mir geholfen hätten
Am Vorabend diskutierte ich noch mit meinem Lehrmeister über den Inhalt meiner Rede.
Als erstes fragte er mich, an wen ich mich eigentlich richte.
Na, klar, an die Jungen, an die anderen Stifte.
Ob wir untereinander auch so geschwollen redeten, wollte er noch wissen.
Dann gab er mir seine Ansichten preis, alles vernünftige Argumente und machte mich plötzlich unsicher.
Nun fand auch ich bei mir, dass das ganze Gerede von Klassenkampf, Klassenfeind, Bourgeoisie und Arbeiterklasse eigentlich gar nicht mein Problem war. Wir Stiften hatten ganz andere, praktische Probleme. Ich hatte eine schlaflose Nacht vor mir, das war klar, aber was sollte ich tun? Meine Rede war schon in der morgigen Ausgabe des „Vorwärts“ und der Gewerkschaftszeitung abgedruckt, auf allen Plakaten stand mein Name …
Kurz nach Mitternacht zündete ich eine von Ottos Havanna an mit der ersten Seite meiner Rede, die mir als Fidibus diente und genoss den Duft jener fernen grünen Insel mitten in einem türkisblauen Meer unter einem tiefblauen Himmel und mit tanzenden schwarzen Mulattinnen bevölkert, so wie es auf die Zigarrenkiste gemalt war.
Als ich um punkt elf Uhr in Effretikon die Rednertribüne bestieg, ohne Manuskript aber mit starkem Herzklopfen und dann die Menschenmenge überblickte, verliess mich schlagartig jegliche Angst.
Vor mir sah ich die applaudierende Menge, ein Meer von Köpfen, von Gesichtern, von Hüten die alle zu einer einheitlichen Masse verschmolzen und als ich die Hand hob, herrschte Stille und ich begann zu reden, das heisst ich hörte mich reden als wäre da noch ein Anderer in mir.
Ich redete zu den andern Lehrjungen und Lehrmädchen ganz natürlich als ob wir miteinander diskutieren würden, ich redete von unsern alltäglichen und den allgemeinen Problemen, ich rief auch zur Solidarität auf, zum festen Zusammenhalt und ich landete auch manchen Seitenhieb gegen die Begriffe wie „Klassenkampf“, denn wir lebten in einer friedlichen Gesellschaft, die keinen Kampf sondern gegenseitige Anerkennung, Achtung voreinander und Problemlösung verlangt, aber ausnahmslos mit friedlichen Mitteln..
Als ich meine zehn Minuten gesprochen hatte hiess man mich weiterreden und mein Nachfolger am Rednerpult gab mir noch seine zehn Minuten hinzu.
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