Von Politik war zuhause eigentlich nie die Rede. Meine Mutter vertrat die Armen, die Unterprivilegierten und die einfachen Arbeiter und sie hasste und verachtete die reichen Bauern, die Fabrikherren und die Unternehmer vom Typ des Onkels. Aber da die Frauen damals in der Schweiz kein Mitspracherecht hatten interessierte sie sich nicht für den Politkram.
Onkel Otto war einer der Unternehmer, der sich nur für den Profit interessierte. Die Arbeiter hatten gute Arbeit zu leisten, das Maul zu halten und mit dem Lohn zufrieden zu sein. Wer anderer Meinung war, wurde gefeuert. Da er sehr schlechte Löhne bezahlte, hatte er auch entsprechend schlechte Arbeiter, das heisst, dass ausser dem Vorarbeiter niemand vom Fach war. Um die Rendite möglichst gross zu halten, waren seine Forderungen an die Kunden meist übertrieben hoch. Er nannte das stolz: „Meine liberale Haltung.“
Dass so eine Firma keine grosse Überlebenschance hat, war sogar mir klar, aber mein Onkel schwamm immer obenauf (mit seinem Leibesumfang erklärbar).
Er bekam vor allem die Aufträge der öffentlichen Hand, also von Kirche, Gemeinde und Schule, da er politisch am rechten Ort war, bei der „Bauern und Gewerbepartei“, die in der Gemeinde das Sagen hatte. Von „Liberalismus“ war da wohl kaum die Rede.
Er sass im Gemeinderat, im Kirchenrat und in der Schulpflege und hatte zudem überall auch noch seine Spezialfreunde, die er mit guten Worten, mit Geschenken und vor allem mit Erpressung auf seine Seite zu bringen wusste, wenn es nötig war.
Er war gewissermassen einer der ganz Grossen im Dorf neben den grossen Bauernfürsten. Er beeinflusste die politische Wetterlage im Dorf, die Lehrerwahl, das Armenwesen, die Beamtenlöhne, das Steueramt und kontrollierte auf seine Art die Gemeindekasse.
Seine Frau war sein Aushängeschild, eine stattliche (dicke) Frau, gut (teuer) gekleidet und immer mit irgendetwas Glitzerigem behängt (Perlenkette, goldener Armreif, goldene Ohrringe mit Diamanten, schwere, plumpe Fingerringe, die ihre dicken Wurstfinger so richtig zur Geltung brachten.
Ich nannte sie damals „Onkel Ottos glitzernder Weihnachtsbaum“, was sie mir sehr übel nahm, weil ich es im Dorf in Umlauf gebracht hatte und sie nun, hinter ihrem Rücken „Ottos Weihnachtsbaum“ genannt wurde. Sie machte auch sonst auf „Vornehm“. In ihrer Wohnung stapelte sie glitzernden Kitsch in rauen Mengen, als ob sie eine Elster wäre.
Ihrem Stand entsprechend begann sie sich auch einer gepflegten Redeweise zu befleissigen, gespickt mit Fremdwörtern die sie sehr fremdartig verwenden konnte. Zu ihrem Glück war sie so dumm und einfältig, dass sie nicht merkte, dass sich alle über sie lustig machten.
Wie man wohl merkt, war sie nicht meine Freundin, die Antipathie war gegenseitig.
Als der Onkel erfahren hatte, dass ich mit den „Roten“ verkehre, wohl gar schon einer der ihren sei, zitierte er mich in seine Wohnung wo ich eine Lektion in Staats – und Bürgerkunde erhielt, die sich gewaschen hatte.
Er begann gleich einmal mit Drohungen, sprach vom mich enterben (er hatte keine Kinder mit dem Christbaum), mich in den Knast zu bringen, mich aus der Gemeinde ausweisen zu lassen samt meiner Mutter, die mich zum roten Halunken gemacht habe. Dann kam eine detaillierte Aufzählung der Gräueltaten der Roten von Julius Cäsar, über Blum und Liebknecht (der seiner Meinung nach den deutschen Reichstag abgefackelt hatte) bis zu einem amtierenden sozialdemokratischen Bundesrat und Stalin. Alle dieselben Schweine und Mörder und Landesverräter.
Als ich ihn hier unterbrach und ihm empfahl einmal mit Hilfe eines Geschichtsbuches seine Irrtümer zu korrigieren, wollte er auf mich losgehen, besann sich aber einen Augenblick lang und schmetterte dann voller Wut eine Porzellanfigur zu Boden.
Als er dann die Tonart wechselte und mir einen salbungsvollen Vortrag hielt, was er und was die Welt und was mein verstorbener Vater von mir erwarteten, nämlich, dass ich mit ehrlicher Arbeit und guter, patriotischer Gesinnung ein angesehener Bürger des Ortes werde und einst diesen Betrieb wieder zum Florieren bringe …
… damit du dich weiterhin daran bereichern kannst … unterbrach ich ihn.
Nun wurde ich ein saufrecher Rotzbengel genannt, der keine Ehrfurcht und keinen Anstand besitze.
Dabei ging der zweite Porzellanzwerg in Scherben.
Jetzt wurde er plötzlich leise und meinte, ich sei offensichtlich von dieser roten Brut bereits verdorben und gegen ihn aufgehetzt worden, aber er werde dafür sorgen, dass dieses Übel mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde. In unserer Gemeinde sei kein Platz für dieses Gesindel, da werde er dafür sorgen. Da müsse endlich die Kantonspolizei her oder das Militär und mit eisernem Besen ausmisten, diesen Austernstall.
„Augiasstall“ korrigierte ich ihn und brachte ihn aus dem Konzept.
Eine Porzellangruppe flog an die Wand und brach in zwei Stücke, statt in tausend Scherben zu zerspringen. Er stutzte einen Moment und ich sagte ihm: „Steingut aus Langenthal und kein Porzellan aus Meissen, nicht schade drum.“
Jetzt war auch der starke Otto am Ende und er sagte in friedlichem Ton: „Ach du verdammter Klugscheisser hast doch immer das letzte Wort. Aber jetzt hol einen Besen und eine Schaufel und wisch diese Scherben weg. Das Scheisszeugs hält auch gar nichts aus. Aber schau, dass kein Splitter übrig bleibt, der Christbaum würde es uns sonst noch übelnehmen.“
Beim Wort Christbaum fielen wir beide in ein schallendes Gelächter und dann meinte er: „Komm, wir trinken noch ein kühles Bierchen zusammen.“
„Gerne, aber noch bevor die Weihnachtszeit anbricht“ …
Er verbot mir nun einfach und rundweg mit diesen Leuten Umgang zu haben und ich erklärte ihm ebenso bestimmt, dass ich mich nicht daran halten werde, möge er noch so viele Porzellanungeheuer zersch(Meissen). Ich wisse was ich tue und werde auch selber die Verantwortung dafür tragen, was auch immer draus werden möge.
Er schaute mich an, gab mir die Hand und sagte: „Das mag ich, das ist ein Wort eines Mannes, und nun das kühle Bier und die Friedenszigarre.“
Dabei kramte er aus seiner Zigarrenschachtel zwei dicke Havannas und zeigte mir, wie man die Dinger präpariert vor dem Anzünden, wie man den Prügel vorsichtig aber bestimmt in Brand steckt und wie man den Rauch in den Mund zieht und ihn geniesst wie eine gute Speise.
Wir hatten während der Schulzeit immer wieder im Versteckten geraucht um uns auf unser Männerdasein vorzubereiten aber dies war meine erste Zigarre kurz vor meinem Schulabschluss und sollte nicht die letzte sein, aber es war das einzige Mal, dass ich nach dem Hochgenuss kotzen musste wie ein Gerberhund und mit rasendem Puls nach Luft schnappte (im Geheimen natürlich)
Während der Sekundarschulzeit war mir Ida langsam und unmerklich entglitten. Sie war nicht in meiner Klasse und ich zog anderen Umgang vor. Das war vor allem Paul und später auch sein Vater Alfred mit seiner Riesenbibliothek mit Büchern über die Arbeiterbewegung, über die Weltkriege, vor allem über den ersten, denn der zweite war ja kaum recht vorbei und über den Spanienkrieg. Da waren Bücher und Schriften von Marx, Engels, Lenin, Rosa von Luxemburg, von Platten, und dann vieles über die russische Revolution und über Russland im Allgemeinen.
Unter der kundigen Hand von Alfred las ich mich in diese Literatur ein und nach jedem Buch diskutierte er mit mir darüber. Es war eine faszinierende Welt und Alfred war ein faszinierender Mann.
Wenn er erzählte, dann konnte man nur gebannt zuhören.
Er hatte im Spanienkrieg gekämpft, war vorher in der Sowjetunion ein Politkommissar in der Roten Armee, seine Frau, Pauls Mutter war Parteivorsitzende gewesen in einem Gebiet an der Wolga, bis sie in einer der brutalen Säuberungen unter Stalin ermordet wurde.
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