»Die sagen was ?«
»Dass ihr ein Paar seid. Und so, wie ihr euch eben bei der Feier ostentativ ignoriert habt … Sah aus, als hättet ihr gerade eine heiße Nacht miteinander verbracht. Und keiner darf’s wissen.«
»Nein, Doktor Amendt und ich sind nur Kollegen«, sagte Katharina hastig.
»Gut.« Sturmer schien erleichtert. »Don’t be intim in the team, sag ich immer. Gibt nur Scherereien. Und dann landen die jedes Mal bei mir. Zur psychologischen Beratung. Oder jetzt bei meinem Nachfolger. Wer auch immer das arme Schwein ist. Ich bin so froh, dass ich das nicht mehr machen muss. Ich meine, ich bin genauso Bulle wie ihr. Spezialisiert auf forensische Psychologie. Und was kriege ich den ganzen Tag zu tun? Liebeskummer. Mobbing. Dienstunfähigkeitsgutachten. Zum Kotzen. – Apropos: Was denkst du, warum er es getan hat?«
»Warum wer was getan hat?«
»Na, warum dieser Minister sich umbringen wollte.«
Endlich verstand Katharina. Und schämte sich im nächsten Augenblick. Jan-Ole Vogel hatte sich vor ihren Augen in den Kopf geschossen. In aller Öffentlichkeit. Sie hatte es nicht verhindern können. Wegen dieser verdammten wackligen Stufe.
Nein, wegen ihrer Unachtsamkeit. Sie hätte nicht stolpern dürfen!
Dann wäre sie rechtzeitig am Rednerpult gewesen, um Vogel die Waffe aus der Hand schlagen.
»Also?«, fragte Sturmer erneut. »Irgendeine Idee?«
Katharina wollte mit den Schultern zucken, doch schon der Ansatz der Bewegung tat so weh, dass sie Luft durch die Zähne einziehen musste. »Nein. Keine Ahnung. Ist das nicht eher dein Metier?«
»Man steckt halt nicht drin. Suizide sind meistens ziemlich vertrackt. Schulden. Eheprobleme. Oder einfach nur gekränkter Narzissmus. Das zeigt ja auch das Wie.«
»Wieso das Wie?«
»Na ja, sich in aller Öffentlichkeit die Knarre an den Kopf zu setzen. ›Jetzt seht her, was ihr davon habt.‹ Spricht nicht gerade für besondere emotionale Reife.«
***
Eine Stunde später.
Endlich wurde die Tür des Behandlungszimmers aufgestoßen. Hereingestürmt kam Andreas Amendt. Er würdigte Katharina keines Blickes. Stattdessen riss er zornig Schubladen auf und schob sie mit einem Knall wieder zu: »Natürlich. Auch hier. Es ist zum Kotzen.«
»Was?«, fragte Katharina mürrisch.
»Keine Kleininstrumente. Keine Skalpelle, Klammern, Scheren … Supertoller OP, aber kein Besteck! Tolles Omen, wenn einem gleich der erste Patient auf dem Tisch verreckt, weil man kein Material zum Arbeiten hat.«
»Ist Vogel tot?«
Amendt blieb stehen und holte tief Luft. »Ja. Ist er. Der Notarzt hat es gerade bestätigt und ist sofort wieder abgerauscht. Die Leiche haben sie uns natürlich dagelassen. Klasse. Jetzt darf ich mich auch noch um den Abtransport bemühen.«
»Das hier ist doch ein rechtsmedizinisches Institut?«, mischte sich Sturmer ein. »Dann liegt er hier doch genau richtig.«
»Ja, ist aber …« Amendt stockte. Dann endlich schien er Katharina wahrzunehmen. Er stöhnte theatralisch auf. »Katharina, na klar! Du musst natürlich wieder in Schwierigkeiten geraten. Kannst du dir das nicht endlich mal abgewöhnen?«
Seine Worte waren die Funken, die Katharinas angestaute Wut zur Explosion brachten. Ruckartig setzte sie sich auf: »Sie duzen mich nicht! Sie nennen mich nicht Katharina! Am besten reden Sie nur mit mir, wenn Sie gefragt werden! – Und ziehen Sie sich erst mal was anderes an, bevor Sie an mir herumdoktern. Ich will nicht auch noch Blut auf meinen Anzug kriegen.«
Erschrocken sah Andreas Amendt an sich herab. Offenbar fiel ihm erst jetzt auf, dass Brust und Ärmel seines Hemdes blutgetränkt waren. Dann eilte er aus dem Raum.
Katharina ließ sich zurücksinken. Das hatte verdammt gutgetan.
Sturmer hob die Mundwinkel zu einem Grinsen. »Ist wohl doch was dran am Präsidiums-Flurfunk. Ex-Freund?«
»So was Ähnliches, ja.« Katharina war nicht in der Stimmung, jemandem ihre komplizierte Beziehung zu Andreas Amendt zu erklären.
***
Zehn Minuten später kehrte Amendt zurück ins Behandlungszimmer. Er trug jetzt blaue OP-Kleidung. Auch seine Hände hatte er geschrubbt. Er trat an die Untersuchungsliege. »Ich weiß, ich soll nicht reden, aber trotzdem muss ich fragen, wo es weh tut.«
»Knöchel und rechte Schulter«, antwortete Katharina kurzangebunden.
Amendt nahm sich zunächst den Knöchel vor. Behutsam betastete er ihn, drehte den Fuß vorsichtig hin und her. »Tut das weh?«
Katharina bejahte, die Zähne zusammengebissen. Amendt legte den Fuß langsam wieder zurück und wandte sich der Schulter zu, die er gleichfalls vorsichtig untersuchte.
Dann richtete er sich auf. »Wir müssen sie runterbringen«, wandte er sich an Sturmer.
»Runter?« Katharina lief ein Schauer über den Rücken. Unten waren die Obduktionsräume.
»Zum Röntgen. Kann sein, dass da was gebrochen ist. Unsere Geräte sind besser als alles, was die Uniklinik so zu bieten hat. Außerdem nehme ich mal an, dass Sie die nächsten Stunden nicht unbedingt in der Notaufnahme verbringen wollen, oder?«
***
Amendt betrachtete Katharinas Röntgenbilder auf dem großen Plasmaschirm im Behandlungszimmer. »Gebrochen ist nichts. Auch keine Sehne gerissen. Der Fuß ist nur verstaucht. PECH!«
»Pech?«, fragte Katharina verärgert.
»Er meint Pause – Eis – Compression – Hochlegen«, erklärte Sturmer, bevor Amendt antworten konnte. »Das solltest du eigentlich wissen. Ist Bestandteil unserer Ersthelferausbildung.«
Amendt rief das nächste Bild auf. »Und die Schulter … Setzen Sie sich mal auf.«
Gemeinsam richteten er und Sturmer Katharina auf.
Amendt legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. »Es tut mir leid.«
»Jetzt wollen Sie darüber reden? Ausgerechnet jetzt?«
»Nein. Das meine ich nicht.«
»Sondern?«
»Das!«
Beherztes Zupacken.
Knacken.
Der weißglühende Schmerz trieb Katharina die Tränen in die Augen. Am liebsten hätte sie sich übergeben.
Dann war es vorbei.
Amendt lehnte sich an die Liege, seine Hand wieder locker in den Kittel geschoben, als hätten sie nur gemütlich geplaudert. »Ich hätte Sie ja vorgewarnt, aber dann hätte es richtig wehgetan.«
Richtig wehgetan? Katharina rieb sich die Schulter.
»Das Schultergelenk war disloziert – verrenkt«, dozierte Amendt. »Nichts Dramatisches. Aber trotzdem bitte ein paar Tage nur behutsam belasten. Kein Sport und nicht schießen.«
»Ich kann auch mit links schießen.«
»Das überrascht mich nicht. – Ich gebe Ihnen gleich noch zwei Spritzen gegen die Schwellung. Das heißt, wenn …« Gespannt zog er eine weitere Schublade auf. »Na, Spritzen und Kanülen haben wir zumindest in ausreichender Menge.«
Er öffnete einen Medikamentenschrank, nahm zwei Ampullen heraus und füllte zwei Spritzen, die er dann in ihre Schulter und ihren Knöchel injizierte. Zufrieden warf er Spritzen und Tupfer in einen Behälter für medizinischen Abfall. »So, das war’s.«
Er ging noch einmal zum Medikamentenschrank und nahm zwei Packungen heraus. Die eine öffnete er, riss zwei Tabletten vom Blisterpack ab und stellte die Packung zurück in den Schrank. »Die Pillen in der Packung heute und morgen zu den Mahlzeiten nehmen. Sind gegen die Schwellung und reduzieren die Reizung. Die hier«, er deutete auf die beiden einzelnen Tabletten, »die sind gegen Schmerzen. Also nur nach Bedarf. Achtung, die machen ziemlich müde.«
Katharina schob beides in ihre Handtasche. »Und jetzt?«
Wie zur Antwort wurde die Tür des Behandlungszimmers aufgerissen.
Máximo Líder Hanfried de la Buquet stapfte herein. Er fixierte Amendt und Katharina. »Wir erwarten Ihren Bericht über diesen Vorfall bis morgen früh«, bellte er im Pluralis Majestatis. Dann machte der Innenminister auf dem Absatz kehrt. Seine Bodyguards hatten wenigstens den Anstand, die Tür hinter sich zu schließen.
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