Vogel fasste sich rasch wieder. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem spöttischen Grinsen, er deutete mit einem kleinen Kopfnicken zu dem gedrungenen Mann am Rednerpult und verdrehte die Augen. Katharina hielt rasch die Luft an, um den Lachanfall zu unterdrücken. Der kleine Ruck reichte aus, um die wackelige Stufe unter ihr erneut zum Schwanken zu bringen. Nur mit Mühen gelang es Katharina, sich zu fangen.
Selbst der Polizeipräsident hatte die Unruhe bemerkt und warf ihr einen tadelnden Blick zu. Katharina hob rechtfertigend die Schultern und deutete auf die Stufe. Sie glaubte nicht, dass der Polizeipräsident verstand, doch er war offenbar zufrieden, sich Respekt verschafft zu haben, und fuhr in seiner Rede fort.
Vogel formte mit seinen Lippen lautlos ein »Entschuldigung!«. Dann senkte er wieder den Blick auf den kleinen Aluminiumkoffer auf seinem Schoß.
Vielleicht hat er in dem Koffer sein Pausenbrot, dachte Katharina sehnsüchtig. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen.
Der Polizeipräsident war inzwischen beim Höhepunkt der Ermittlungen gegen den »Bahnhofsviertel-Ripper« angekommen. Bei dem Tatzeugen, den man nur durch »umfänglichste kriminalistische Arbeit« hatte aufspüren können und dessen Identität durch »energischste Bemühungen meiner Person« hatte geheim gehalten werden können. »Bis zum heutigen Tag!«, wiederholte Drechsel gleich mehrfach. »Bis. Zum. Heutigen. Tag!«
Dann die dramatische Festnahme, bei der er, Drechsel, »von meiner Schusswaffe habe Gebrauch machen müssen. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben!«
Der Polizeipräsident schnaufte, als hätte er eben erst die noch rauchende Pistole zurück in das Holster gesteckt. Dann fuhr er fort: »Zusammenfassend möchte ich daher sagen …«
***
»Und das soll uns für die Zukunft Lehre und Leitsatz sein, auch und gerade in der Sonderermittlungseinheit, die wir heute eröffnen«, kam der Polizeipräsident nach weiteren endlosen Minuten zum Ende. »Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!«
Katharina hätte um ein Haar vor Erleichterung laut aufgeseufzt.
Während der Polizeipräsident wieder umständlich auf seinem Stuhl Platz nahm, erhob sich Jan-Ole Vogel. Er trat gemessenen Schrittes an das kleine Rednerpult, legte seinen Aktenkoffer vor sich und ließ die Schlösser aufschnappen, öffnete ihn aber nicht.
Als er anhob zu sprechen – seine Stimme natürlich ein sonorer Bariton –, verstummte die Menge andächtig.
»Sehr geehrte Damen und Herren!« Die so angesprochenen Damen reckten sich gleich und betonten vorteilhaft ihre Figuren, während die Herren in ihrer Begleitung den Stich von Eifersucht weglächelten.
»Sehr geehrter Herr Innenminister!« Vogel würdigte den Angesprochenen keines Blickes. Er und Hanfried de la Buquet waren Todfeinde, durch eine Koalition dazu verdammt zusammenzuarbeiten. In ihrem aktuellen Streit hatte Vogel den Innenminister als »faschistoiden Undemokraten, dessen Amtseid auf die Verfassung den Straftatbestand des Meineids erfüllt« bezeichnet. De la Buquet hatte sich revanchiert, indem er Vogel als »idealistischen Träumer, der auch den revolutionärsten Sozi links überholt« beschimpft hatte. Der Landtagspräsident hatte die beiden daraufhin als »Hessens Pat und Patachon« tituliert, was wiederum das Führungsduo der Landtagsfraktion der Alternativen aufbrachte, die diesen Spitznamen bereits für sich beanspruchten.
Der Vergleich mit Pat und Patachon war nicht ganz von der Hand zu weisen. Vogel war so groß und schlank wie der Innenminister klein und – höflich ausgedrückt – untersetzt war. Wo Vogel Eleganz, Finesse und Charme versprühte, setzte der Innenminister auf Pomp und »das direkte Wort, das man in Hessen pflegt«, das außerhalb der Landesgrenzen jedoch gerne als Kriegserklärung aufgefasst wurde. Jetzt wühlte er missmutig mit den Fingern in seinem langen, buschigen Bart, der ihm den Spitznamen »Máximo Líder« eingetragen hatte.
»Werte Frau Oberbürgermeisterin!« Vogel schenkte Walpurga Grüngoldt einen seiner Blicke, der die robust gebaute Mittfünfzigerin beschämt zu Boden blicken ließ wie ein Schulmädchen.
»Sehr geehrter Herr Polizeipräsident!« Vogels Stimme bekam etwas Schneidendes. Karl Ernst Drechsel war nicht gerade ein Freund des Ministers.
»Lieber Herr Professor Schnitzer!«, begrüßte Vogel nun den Direktor der Universitätskliniken Frankfurt am Main, einen untersetzten, kleinen Mann mit pathologisch guter Laune.
»Sehr geehrter Doktor Burgholzer!«, fuhr Vogel in seiner Begrüßungsarie fort, und das mit einer Freundlichkeit, die so gar nicht zu der menschgewordenen Bulldogge passen wollte, an die sich dieser Gruß richtete. Burgholzer war der Generalstaatsanwalt Hessens. Vogel hatte ihn auf diesen Posten befördert.
»Und natürlich verehrte Vertreter der Sponsoren, die unsere neue Institution so großzügig mit Tat und Technologie unterstützen!«
Katharina hatte auf dem »Rundgang für Mitarbeiter, Entscheider, Sponsoren und ausgewählte Presse« alle ihre Hände geschüttelt.
Dem schlanken, hochgewachsenen, weißhaarigen Mann mit liebevoll kultiviertem Schnauzbart, der den großen Magnetresonanztomografen und die Röntgeneinheit von Siemens Medical so stolz präsentiert hatte wie ein Großwildjäger das eben erlegte Nashorn.
Dem knubbeligen Menschen, der eine fatale Ähnlichkeit mit Dr. Bunsenbrenner aus der Muppetshow hatte. Im Labortrakt der Sonderermittlungseinheit hatte er begeistert den »OMA 2015« enthüllt – ohne jedoch zu erläutern, wozu der große grünweiße Kasten dienen sollte.
Dem breitschultrigen Herrn von JCN Technologies: gemeißelte Gesichtszüge, eisgraue Haare, in seinem schwarzen Anzug so aussehend, als sei er in der gleichen Fabrik gefertigt worden wie die von seinem Unternehmen zur Verfügung gestellten Serverschränke im Rechenzentrum der Sonderermittlungseinheit. Leider hatte er einen schweren S-Fehler und mit Wörtern wie »Schupercomputerfähischkeiten« und »Poschteingangschverarbeitungschschtrasche« unvermutete Heiterkeit ausgelöst.
Neben ihm saß Morticia Addams. Zumindest hatte Katharina sie so getauft. Figurbetonter, schwarzer Businessanzug, schwarze Haare, kajalumflorte Augen, blutrot lackierte Fingernägel. Amelita Thalbein, die Seniorchefin der »Thalbein Thanato- und Pathologietechnik GmbH«, hatte auf dem Rundgang die von ihrer Firma ausgestatteten Autopsieräume im Souterrain präsentiert und schließlich aus einem der Leichenkühlfächer ein Huhn hervorgezaubert, dass dort ihren Worten zufolge bereits seit drei Wochen lag und »dank der präzisen und zuverlässigen Kühl- und Entkeimungstechnologie so verzehrfrisch war wie direkt nach der Schlachtung«.
Und zuletzt hatten sich auch Ulf und Monica Marbert eingefunden, Geschäftsführer von Marbert Communications, einer der angesehensten PR- und Political-Consulting-Firmen des Landes.
Er: Frettchengesicht, Teflonlächeln, Samtpfotenhändedruck.
Sie: Schraubstock und die Eiseskälte einer Scharfschützin.
Die beiden saßen auf zwei Stühlen hinter den anderen Sponsoren und wechselten sich damit ab, ein mokkabraunes Kind zu halten. Eigentlich hatten die Marberts ein genetisch optimiertes Wunderkind haben wollen, zur Welt gebracht von einer Leihmutter. Doch Katharina und Andreas Amendt hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Also hatten sie adoptiert. Natürlich ein Kind aus einem afrikanischen Land. »Besser fürs Image«, hatte Ulf Marbert Katharina auf dem Rundgang erklärt.
Auch sonst schienen die Marberts beängstigend wenig nachtragend: Sie hatten der Sonderermittlungseinheit nicht nur eine gut sortierte rechtsmedizinische Bibliothek spendiert, sondern auch die anderen Sponsoren zusammengetrommelt. Doch mit welchem Hintergedanken?
Vogel räusperte sich, blickte kurz auf den in der Sonne silbrig glänzenden Aktenkoffer vor ihm, als läge dort ein Redemanuskript. Dann endlich sprach er weiter: »Wir haben heute schon viel gehört über Joint Ventures und Public Private Partnerships, über transparente Verwaltung und Prozessoptimierung, über neueste Ermittlungsmethoden und Paradigmenwechsel, über Bürgernähe und soziale Netzwerke, über Kommunikation, Kooperation, kommunikative Kooperation sowie über kooperative Kommunikation. Und ich glaube, wenn Sie noch einmal das Wort ›Synergieeffekt‹ hören, laufen Sie schreiend davon.«
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