Schwere Schritte. Schwarze Hosenbeine wirbelten um sie herum. Die Personenschützer stürmten die improvisierte Bühne auf den Eingangsstufen der Villa.
»Ich habe einen Puls!« Laut. Kraftvoll. Souverän. Die Stimme von Andreas Amendt. »Ruft jetzt endlich jemand den verdammten Notarzt?«, setzte er im gleichen Ton hinterher.
Notarzt, Notarzt … Verdammt, wie sollte der Rettungswagen durch die ganzen Menschen durchkommen?
Katharina biss die Zähne zusammen; die Schmerzen in ihrer Schulter jagten erneut Blitze durch ihren Körper. Endlich gelang es ihr, sich aufzusetzen.
»Wir müssen ihn reinbringen!« Wieder Andreas Amendt. Das Gewirr der Beine um sie herum hatte sich gelichtet und Katharina konnte ihn endlich sehen, über Vogel gebeugt, die Hand auf die Wunde unter dem Kinn gepresst. Blut rann zwischen Amendts Fingern hindurch. Mit knappen Worten wies er sechs Personenschützer an, wie sie Vogel anheben mussten. Ein Siebter stemmte das schwere Eichenportal der Villa auf. In einer makabren Mischung aus einer Leichenprozession und einer Partie Twister bewegten sich die Männer, noch immer angeleitet von Andreas Amendt, durch die Tür, Vogels Körper zwischen sich tragend, ohne seine Haltung auch nur um einen Millimeter zu verändern.
Aber … Ach ja, der Notarzt. Katharina blickte sich um. Endlich entdeckte sie Harry. »Wir müssen die Zuschauer rauslotsen! Und den Weg für den Rettungswagen freimachen!«
Harry nickte beruhigend. Natürlich. Er wusste schon längst, was zu tun war. Zusammen mit Darian und Oswald ging er zielstrebig die Treppe hinab. Auf die Menschenmenge zu. Höflich, freundlich, hartnäckig drängten die drei die Besucher in Richtung Ausgang. Die Menge gehorchte, doch langsam, als würden sich die Menschen durch Treibsand kämpfen.
Totenbleiche Gesichter. Paare, die einander festhielten. Kinder, rasch auf den Arm genommen.
Katharina fischte ihr Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Den Beamten, der antwortete, kannte sie nicht. Aber er sie: »Wir haben die Meldung gerade bekommen, Frau Kriminaldirektorin«, vermeldete er zackig.
Dennoch wiederholte Katharina stur die Forderung nach dem Notarzt, nach mehr Beamten. Und nach allen Psychologen und Seelsorgern, die sich an einem Sonntagnachmittag auftreiben ließen.
***
»Frau Klein! Sind Sie verletzt?«
Katharina wünschte sich, es wäre wirklich eine Walküre, die da zu ihr herangesegelt kam, um sie nach Walhalla zu bringen. Doch es war Oberbürgermeisterin Walpurga Grüngoldt, die jetzt neben ihr niederkniete.
»Gestolpert«, antwortete Katharina knapp.
Mit einem Schwung, den man der matronenhaften Gestalt gar nicht zugetraut hätte, sprang Walpurga Grüngoldt wieder auf. »Rühren Sie sich nicht von der Stelle. Nicht, dass was gebrochen ist! Ich hole Hilfe!«
Mit schweren Schritten eilte sie zur großen Eichentür, wuchtete sie auf, wollte hineingehen. In diesem Augenblick machte Arnulf Sturmer den Fehler, den Kopf hinauszustecken. Die Oberbürgermeisterin packte ihn am Ärmel und zog ihn ins Freie. »Sie! Tun Sie was! Bringen Sie Ihre Kollegin nach drinnen! Sie ist verletzt!«
Verdattert gehorchte Sturmer. Katharina konnte ihm gerade noch zurufen »Vorsicht! Schulter und Bein!«, da hatte er sie schon hochgehoben und sich über die Schulter gelegt. Walpurga Grüngoldt hielt ihnen die Tür auf.
***
Im Foyer der Karl-Kreutzer-Villa rannten Personenschützer und verstörte Politprominenz durcheinander, ohne sie zu beachten.
»Sie warten hier!«, befahl Walpurga Grüngoldt Arnulf Sturmer und verschwand in der Menge.
Katharina wollte ihren Kollegen gerade bitten, sie abzusetzen, da kehrte die Oberbürgermeisterin auch schon zurück, Jeannie am Arm hinter sich her schleifend: »Sehen Sie doch! Tun Sie was!«
***
Jeannie hatte Arnulf Sturmer und seine unfreiwillige Passagierin in ein geräumiges Behandlungszimmer im medizinischen Flügel der Villa geführt und erklärt, sie würde Andreas Amendt so schnell wie möglich schicken. Doch der sei noch beschäftigt. Mit dem Justizminister.
Das allerdings hätte sie Katharina gar nicht zu sagen brauchen. Der Operationsraum lag direkt nebenan; Amendts Stimme war trotz der dicken Wände klar und deutlich zu vernehmen: »Ich brauche Klemmen! – Halten Sie die Infusion höher! – Wo bleibt der verdammte Notarzt? – Verfluchte Scheiße!«
Sturmer legte Katharina auf die Behandlungsliege und schloss die Tür. Gemeinsam schafften sie es nach einigen Bemühungen, Katharina das Jackett auszuziehen. Dann wandte sich Sturmer ihren Stiefeletten zu.
»Sie … Sie brauchen nicht –«, wollte Katharina widersprechen.
Sturmer hob nicht einmal den Kopf: »Doch! Wenn der Fuß weiter anschwillt, kriegen wir die Dinger später nur noch mit einem Schwingschleifer runter. Und das wäre doch schade um die guten Stücke.« Endlich war es ihm gelungen, den Reißverschluss der Stiefelette an Katharinas linkem Fuß zu öffnen. Jetzt streifte er behutsam den Schuh ab. Katharina biss die Zähne zusammen, als ihr Knöchel wieder Schmerzensflammen durch ihren Körper jagte, das Bein hoch bis hinter ihre Schläfen. Endlich war es geschafft. Welch eine Wohltat!
Und in letzter Sekunde: Katharina hatte vorsichtig den Kopf gehoben, bis ihre Schulter rebellierte. Aber es gelang ihr trotzdem, einen Blick auf ihren Fuß zu erhaschen. Der Knöchel war bereits mächtig angeschwollen.
Sturmer durchsuchte die Schränke, bis er fand, was er suchte. Es knackste laut, als er die kleinen, blauen Päckchen zurechtbog.
»Achtung! Kalt!« Dann presste er die Eiskompressen auf Katharinas Knöchel und fixierte sie mit einer Binde. Augenblicklich ließ der Schmerz nach.
»So, das sollte reichen, bis der Arzt kommt.« Sturmer zog sich einen fahrbaren Hocker heran und setzte sich neben Katharinas Kopf.
»Wir sind ja verdammt gut ausgestattet.« Er deutete auf die zahlreichen Geräte, die an einer Wand in Reih und Glied auf ihren Einsatz warteten. »Ultraschall. EKG. Und … – Aber«, wechselte er plötzlich das Thema. »Sollen wir uns hier nicht um Tote kümmern? Das hier … Der Raum ist doch nur für lebende Patienten.«
Die schlichte Wahrheit war, dass Katharina und Andreas Amendt die Begeisterung von öffentlichen Stellen kannten, Anforderungen von Material und Räumlichkeiten gnadenlos zusammenzustreichen. Als ihnen daher aufgetragen worden war, doch bitte Listen mit dem gewünschten Inventar einzureichen, hatten sie einfach alles aufgeschrieben, was nur im Entferntesten in ihre jeweiligen Fachgebiete fallen könnte. Doch dann hatten sich die ganzen Sponsoren gefunden. Geld und Materialspenden im Überfluss. So gab es nicht nur diesen Behandlungsraum, sondern auch einen voll ausgestatteten Operationssaal nebenan und daneben ein intensivmedizinisches sowie ein normales Krankenzimmer.
Katharina erinnerte sich, wie sie und Amendt an einem Tisch im Freien gesessen hatten. Unter afrikanischer Sonne. Lachend und feixend, einander in immer utopischer klingenden Anforderungen für die Sonderermittlungseinheit überbietend. Damals hatten sie sich noch gut verstanden. Beziehungsweise überhaupt miteinander gesprochen. War das wirklich erst drei Monate her?
»Hey, alles im Lack?« Sturmer hatte sich über Katharina gebeugt. Im Strudel ihrer Gedanken hatte sie völlig vergessen, ihm zu antworten.
»Ja, ja«, antwortete Katharina zögernd. »Wir müssen in der Sonderermittlungseinheit auch darauf vorbereitet sein, mit lebenden Patienten umzugehen.« Schlimmer hätte es auch die Pressestelle nicht formulieren können. »Deswegen sind wir auf alle Eventualitäten vorbereitet.«
Sturmer verzog sein Bulldoggengesicht zu einem freudlosen Grinsen: »Und die Sponsoren haben ja auch nur so mit Geld um sich geworfen. Hab sogar den ganzen psychologischen Testkram bekommen, den ich angefordert habe.« Mit der Eleganz eines Formel-1-Fahrers in einer zu engen Kurve wechselte Sturmer das Thema: »Stimmt das eigentlich, was man im Präsidium so flüstert? Dass du und dieser Amendt ein Paar seid?«
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