Katharina nahm der Reporterin kurzerhand den Rechner ab und scrollte durch das Dokument. Medizinische Unterlagen und Gutachten, Auszüge aus ihrer Ermittlungsakte … Unglaublich.
»Können Sie mir die E-Mail weiterleiten?«
Lisa Riedtmann zog beflissen ihr iPhone aus der Jacke. Das gleiche Modell wie Katharinas, nur steckte es in einer violetten, mit Strasssternchen verzierten Schutzhülle. Katharina gab ihr ihre private E-Mail-Adresse. Wer wusste, wer ihren Dienst-Account mitlas. Zufrieden drückte die Reporterin auf Senden. Katharina holte ihr eigenes iPhone hervor und sah in den Posteingang. Die E-Mail war wohlbehalten eingetroffen. Die ursprüngliche Absenderadresse gehörte zu einem Provider, der Wert auf Anonymität legte und an dem sich selbst das FBI die Zähne ausgebissen hatte.
»Wissen Sie, von wem das kam?«
»Nein, keine Ahnung. Auch die Kollegen haben es nicht gewusst. Hat eine riesige Debatte gegeben, ob sie dieses Material verwenden sollen.«
»Und der Journalist, der mich befragt hat?«, mischte sich Andreas Amendt ein.
»Das war ganz merkwürdig«, sagte die Reporterin. »Natürlich wollten alle mit dem sprechen. Woher er die Infos hat und so. Aber der war einfach verschwunden. Angeblich kam er vom Spiegel, aber …«
»Aber?«, bohrte Katharina nach.
»Na ja, mein Schatz … also, mein Freund … mein Lebensgefährte … nein, mein Verlobter …« Versonnen sah sie auf den Ring an ihrer linken Hand. »Sorry, bin noch nicht dran gewöhnt. Er hat mich erst letzte Woche gefragt und –«
»Herzlichen Glückwunsch«, unterbrach Amendt sie ungehalten. »Was ist mit Ihrem Verlobten?«
»Ach so, ja, also, der ist Schlussredakteur beim Spiegel. Und er hat die PK im Fernsehen gesehen. Ich habe ihn gleich danach angerufen. Und er meinte, den hat er noch nie gesehen. Glauben Sie«, ihre Stimme wurde zum verschwörerischen Flüstern, »er arbeitet vielleicht für den Focus?«
Nach einem Moment des Schweigens sagte die Reporterin plötzlich: »So, ich muss dann mal weiter.« Sie nahm Katharina ihr Notebook wieder ab und schob es zurück in die Umhängetasche. »Aber, eins noch …«, begann sie wie ein sechzehnjähriges Schulmädchen, das ihren Lieblingsstar um ein Autogramm bitten will. »Doktor Amendt? Darf ich … also … über all das … darf ich darüber schreiben?«
Amendt lächelte. Lisa Riedtmann errötete.
»Natürlich«, sagte er. »Wir haben Pressefreiheit.«
Verlegen wollte sich die Reporterin umdrehen, doch Amendts Frage hielt sie zurück. »Sagen Sie, was wissen Sie über Jan-Ole Vogel? Sie haben doch bestimmt gute Informationen.«
Seine Stimme klang so schmeichelnd, dass Katharina beinahe erschrak.
Lisa Riedtmann erstrahlte im hellsten Reporterstolz: »Also, bisher weiß ich nicht viel. Vita und so weiter. Ich wollte ja immer gerne eine Homestory über ihn machen, aber … so schwer, an ihn heranzukommen. Sein Presseagent blockt immer alles ab. Dieser Ulf Marbert.« Unwillkürlich schüttelte sie sich. »Ganz unangenehmer Typ. Hat aber alle Politiker unter Vertrag.« In ihren Augen leuchtete ein kriminalistischer Geistesblitz auf. »Den sollten Sie mal unter die Lupe nehmen.«
Ulf Marbert. Der Kommunikationsberater mit dem Teflonlächeln. Katharina sah ihn vor sich, wie er mit seinem Kind auf dem Schoß dagesessen hatte. Auf der Eröffnungsfeier. Sie notierte sich in Gedanken, dass sie tatsächlich mit ihm sprechen sollte, auch wenn sie sich nicht viel davon versprach. Marbert war ein Meister in nichtssagender Beredsamkeit.
»Und seine Frau?«, fragte Amendt weiter.
»Monica Marbert? Die Eisprinzessin?«
»Nein, ich meinte eigentlich Frau Vogel«, korrigierte Amendt sich.
»Ach, die ist so wunderschön. Die Haut, die sie hat, und das mit Mitte vierzig? Und dann diese langen roten Haare.«
»Wissen Sie, wo sie steckt?«
»Nein. Ich hatte gehofft, sie wäre zu Hause. Wir, also das Team von ›Mademoiselle‹, waren große Fans ihres Mannes, da wollte ich ihr wenigstens mein Beileid aussprechen.«
Und für eine kleine Homestory recherchieren. Katharina sprach den Gedanken nicht aus.
»Gab es denn keine Gerüchte über Jan-Ole Vogel? Ich meine, es wird doch gerade bei Prominenten immer etwas gemunkelt«, fragte Amendt weiterhin freundlich lächelnd.
»Ich berichte doch nicht über Gerüchte«, erwiderte die Reporterin empört. Amendt hatte wohl den Bogen überspannt. »Obwohl …« Oder doch nicht? »Na ja, das ist aber wirklich nur ein Gerücht. Und ich glaube das nicht.«
»Nämlich?«
»Angeblich«, schamvoll senkte Lisa Riedtmann die Stimme, »angeblich soll Vogel gerne Frauenkleider getragen haben. Aber nein!« Ihre Stimme wurde wieder fester. »Nein. Das glaube ich nicht.«
Oh süße Unschuld, dachte Katharina.
»Und dann war da noch diese Sache«, fuhr Lisa Riedtmann fort. »Eine Kollegin, die den Vogel nicht mag, hat behauptet, dass sie mal gesehen hat, wie er auf einer Party mit einer kurzhaarigen Blondine rumgeknutscht hat.«
»Und?«
»Seine Frau hat doch lange rote Haare.«
***
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