Für mich, als Kind, war es nicht einfach, diese Worte zu verstehen. Aus dem Biologieunterricht wusste ich damals schon, was ein Kokon war und wie er entstand. Aber wie sich ein erwachsener Mensch darin einhüllen konnte, war mir absolut unklar. So wie die Offenbarung, dass dieser Kokon, den man noch nicht einmal berühren konnte, aus Hass bestand. Das klang für mich durchweg rätselhaft. Genauso hatte ich noch nie gehört, dass sich ein Mensch in einer Wolke befinden konnte. Nur Engel schwebten im Himmel und zwischen den Wolken. Wir lebten doch auf der Erde. Wie kam es dazu? Merkwürdig und geheimnisvoll. Trotz meiner vielen Fragen brachte ich Geduld auf und hörte weiterhin aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Ich hoffte, später würde alles viel verständlicher.
„Du denkst wahrscheinlich, dass Erwachsene ein viel einfacheres Leben als Kinder haben?“ Die Großmutter streichelte mit ihrer weichen Hand zärtlich durch meine zerzausten Haarwirbel, mit denen ich selbst sehr zufrieden war. Ohne eine Antwort von mir zu bekommen, fuhr sie fort, um keine Zeit an unnötiges Warten zu verlieren.
„Jedes Alter ist interessant, da es seine eigene Beziehungs- und Verständnisebene hat, von der aus es das Leben betrachtet. Der Mensch wird mit jedem Jahr, jedem Tag immer weiser. Dabei schaut er sein Lebensgepäck durch: Was er weiterhin mittragen und was er als unnötig empfunden wegwerfen soll. Selbst dann, wenn wir erwachsen werden, versteht nicht jeder von uns: Je weniger Sorgen wir in unserem Inneren haben, je weniger Konflikte, Probleme und Unzufriedenheit mit dem alltäglichen Leben uns begleiten, desto einfacher und fröhlicher ist unsere Existenz. Je besser wir unsere innere Welt verstehen, desto ordentlicher wird unser Leben. Für dich ist es doch auch einfacher, ein Heft zu finden, wenn du Ordnung auf deinem Schreibtisch hast. Genau deswegen räumen wir regelmäßig auf. Nicht nur die äußere Umgebung, sondern unbedingt auch dein innerer Zustand muss in Ordnung sein. Die Seele bewahren und rein halten.“
Die Großmutter schaute mich an und wartete entweder auf meine Antwort oder auf meine Fragen. Ich wollte wissen, was „Lebensgepäck“ und „Verständnisebene“ bedeuteten, wo sich bei uns die Seele befand, wie man sie rein halten konnte und was sie mit meinem Schreibtisch gemeinsam hatte. Stattdessen schoss es plötzlich aus mir heraus:
„Warum hast du geweint? Wer hat dir wehgetan?“
Nach ein paar Sekunden des Schweigens holte die Großmutter ihr Spitzentuch hervor, wischte sich damit schnell über die Augen, versteckte es wieder in der Tasche und nahm meine Hände. Direkt in meine Augen schauend sagte sie:
„Mich kann man nicht verletzen, Antoscha, weil ich niemanden verletzt habe. Geweint habe ich, weil mir in der letzten Zeit die Atmosphäre in unserer großen Wohnung nicht mehr gefällt. Ich fühle mich nicht stark genug, um uns vor Veränderungen, die bevorstehen, zu beschützen. Ich bin sehr gespannt auf unsere Nachbarn. Raschid, mit dem wir uns die gemeinsame Küche teilen, hat sich heftig über uns geäußert. All das ist nicht gut und unangenehm. Mach dir aber keine Sorgen, den Konflikt mit den Nachbarn versuche ich friedlich zu regeln. Ich habe dich, und zusammen sind wir stark.“
„Ich bin derjenige, der dich als Mann verteidigen muss!“, fasste ich Mut, dort auf dem weichen, abgewetzten Stuhl sitzend. Das Licht der leuchtenden Tischlampe fiel seitlich auf meine rechte Hand und wärmte sie angenehm.
„Schon gut, mein Liebling. Wenn du groß bist und zum richtigen Mann wirst“, die Großmutter wuschelte wieder durch mein Haar, „dann kannst du uns beide beschützen. Und bis dahin schaffe ich es selbst. Dein Ziel ist es, groß zu werden und einen Beruf zu erlernen. Wenn du mit der Schule fertig bist, bringe ich dich zur Kunstschule, die ich selbst besucht habe. Vielleicht äußerst du den Wunsch, auf die Kunsthochschule oder die Kunstakademie zu gehen. Wer weiß? Die Zeit stellt alles auf seinen Platz. Bis dahin, mein Junge, hast du noch zu wachsen.“
Kurz vor meinem vierzehnten Lebensjahr bat ich die Großmutter, mir mehr über meine Eltern und Großvater Nikolaj zu erzählen. In der Schule hatten wir die Aufgabe bekommen, einen Aufsatz zum Thema „Meine Familie“ zu verfassen. Verzweifelt wusste ich überhaupt nicht, was ich schreiben sollte. Alle hatten Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Tanten, Onkel und andere Verwandte. Ich jedoch hatte niemanden. Mama und Papa waren umgekommen und hatten ihr einziges Kind ohne Geschwister hinterlassen. In der ganzen endlosen Welt hatte ich nur meine Großmutter. Aber für einen vollständigen Aufsatz war sie, die allerbeste und liebevollste Frau, auf keinen Fall genug. So dachte ich damals, als ich die traurigen Fakten meines freudlosen und einsamen Lebens zusammenstellte. Dabei konnte ich nicht ahnen, dass das folgende eines unser letzten, längsten und aufrichtigsten Gespräche sein würde.
„Natürlich erzähle ich dir alles über unsere Familie. Aber eines musst du mir dabei versprechen: Dass du aus meinen Erzählungen nur das Wichtigste für die Klassenarbeit auswählst. Lügen und Unwahrheiten zu schreiben, ist nicht gut, aber man sollte gegenüber anderen Leuten auch nicht zu viel von sich preisgeben. Nicht alle von ihnen sind gut und ehrlich, so wie wir. Die betrügerische Natur der Menschen ist nicht so einfach zu erkennen, wie man denkt.“ In Großmutters Stimme hörte ich eine für mich unverständliche Traurigkeit. Erst jetzt bemerkte ich ihre tiefen Fältchen um die Augen, die sich auf der Stelle von fröhlichen in traurige verwandelten.
„Ich bin keine gebürtige Petersburgerin, mein Engelchen. Meine Eltern stammen aus dem Ural, aus dem Gebiet Kurgan. Und ihr Familienname ist für diese Gegend sehr typisch – Tschernych. Die Familie meines Vaters war wohlhabend. Das halbe Dorf arbeitete damals bei ihr. Die Menschen gaben sich damit zufrieden, dass sie Arbeit und ein Stück Brot hatten. Als die Kommunisten an die Macht kamen, flüchtete unsere Familie nach Karelien, um nicht erschossen zu werden. Ich selbst kann mich an diese Zeit nicht erinnern. Ich erfuhr es später von meiner Mutter.
Von Kindheit an liebte ich das Malen. Vor dem Krieg, als ich gerade mal siebzehn wurde, kam ich nach Leningrad und ging auf die Kunstschule. Auf dieser Schule lernte ich deinen Großvater Nikolaj Aleksandrowitsch kennen. Als junger Lehrer unterrichtete er bei den Studierenden Kunst. Ich war eine von ihnen. Du wirst es wahrscheinlich nicht glauben, aber es war Liebe auf den ersten Blick. Das passiert sehr oft zwischen jungen Menschen. Gewiss erwartet dich das auch, wenn du groß bist. So war es zwischen deinem Opa und mir. Und genauso verliebten sich deine Eltern ineinander.
Zu dieser Zeit fing schon der Krieg an, und wir konnten unser Glück nicht mehr genießen. Der Krieg brachte Elend für alle. Nikolaj wurde sofort eingezogen. Vor seiner Abreise zur Front gaben wir noch unsere Verlobung bekannt, und ich zog in das Haus seiner Eltern. Nikolajs Mutter, meine Schwiegermutter, stammte aus einer verarmten Generation der Ostseebarone. Nachdem sie einen reichen Kaufmann geheiratet hatte, kam sie zu einem Vermögen und ihr Mann zu einem Adelstitel. Das geschah noch vor der Revolution. Damals war dein Großvater noch nicht auf der Welt. Das ist eine durchaus interessante Begebenheit, eine besondere Geschichte, die nicht zum Thema deines Aufsatzes passt. Irgendwann erzähle ich dir mehr davon. Immerhin ist es nicht nur die Geschichte unserer Familie, es ist auch die Geschichte unseres Landes.
Nun, höre weiter. Ich zog also zu den Eltern meines Verlobten. In deren Familie lernte ich vieles kennen. Du weißt schon, dass meine Eltern trotz ihres Wohlstandes einfache Menschen waren. Deine Urgroßeltern väterlicherseits dagegen gehörten zum Kreis der gut gebildeten und intelligenten Leute. Nach vielen Jahren waren ihre Gefühle zueinander noch immer so zärtlich, als ob sie sich erst gestern begegnet wären. Für mich war es ein großes Vergnügen, in ihrer Nähe zu sein und ihre spannenden Erzählungen zu hören. Das waren sehr gute, nette, einfach die besten Menschen auf der Welt. Solch ein Ehepaar habe ich nie wieder im Leben getroffen. Außer vielleicht deine Eltern. Dein Vater ähnelte sehr seinem Großvater und deine Mutter meiner Schwiegermutter. Sie waren sich sehr ähnlich ...
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