Ab dem nächsten Tag brachte mich nur noch Großmutter in den Kindergarten. Sie holte mich auch wieder ab, weil Mama und Papa plötzlich aus meinem Leben verschwunden waren. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, etwas zu erklären oder ein Wort zu sagen. Sie verschwanden einfach. Als ob es sie niemals in unserer Familie gegeben hätte. Verschwanden für immer aus dem Leben des kleinen Jungen, ihres Sohnes. Und eine Woche später fuhr ich mit Großmutter Alina auf einem kleinen Lastwagen zum Friedhof. Erst an diesem Tag erkannte ich, dass ich keinen Papa und keine Mama mehr hatte. Wir waren gekommen, um sie zu beerdigen.
Zusammen.
In einem gemeinsamen Grab.
Als wir anhielten, kamen drei Männer zum Auto. Zusammen mit dem Fahrer holten sie die Särge von der Ladefläche und stellten sie auf zwei mitgebrachten Hockern ab. Die Großmutter führte mich erst zu Mama, dann zu Papa. Weil sie sah, wie sehr ich vor ihren blassen und kalten Gesichtern erschrak, erlaubte sie mir nicht, sie zu umarmen und zu küssen. Ich drehte mich von den in Holzkisten liegenden steifen Menschen, die mir auf einmal fremd geworden waren, weg, steckte meinen Kopf in Großmutters Schoß und begann zu weinen.
Die Särge wurden zugenagelt und übereinander auf den Boden gestellt. Zuerst ließen sie in die schwarze, seitlich bröckelnde und feuchte Grube den Sarg mit Papa herunter. Obendrauf wurde der Sarg mit Mama gestellt. Wir standen davor, Großmutter und ich, uns fest umarmend wie ein Baum mit zwei zusammengewachsenen Stämmen.
„Mama ist leichter, deshalb ist ihr Platz oben, und ein gemeinsames Grab ist viel billiger“, erklärte mir leise die Großmutter.
„Zusammen wird es ihnen gutgehen“, dachte ich. Damals, als kleines Kind, konnte ich noch nicht verstehen, was „billiger“ hieß.
Ich wusste auch nicht, was „Tod“ bedeutet.
So blieb ich mit Großmutter Alina, zu zweit, in unserer großen Vierzimmerwohnung in Sankt Petersburg. In dem Haus, das ganz am Anfang meines lieben Newski Prospekts stand. Vor langer Zeit hatte einmal die ganze Wohnung unserer Familie gehört. Später bewohnten wir nur zwei Zimmer, eins Mama mit Papa, das andere Großmutter Alina und ich. Die restlichen zwei Zimmer besaßen fremde Leute. Die Nachbarn wechselten sich ab, zogen zusammen und auseinander, heirateten, ließen sich scheiden, schwirrten vor meinen Augen herum, störten mich aufgrund meines Alters damals aber nicht. Meine Eltern kamen ums Leben, als ich sechs war. Damals waren sie mit einer guten Nachricht unterwegs nach Hause: Papa wurde eine neue Arbeitsstelle angeboten. Wie sich dann herausstellte, kam die Nachricht zu spät. Diese Stelle konnte er nicht mehr antreten. Angesichts des betrunkenen Fahrers kam sein Tod dem frohen Ereignis zuvor.
Zerstörte unseren Lebensrhythmus.
Verletzte das Leben meiner Großmutter und das meine.
Stürzte auf uns mit der gesamten Last eines unvermeidlichen Unglücks.
Senkte unsere Köpfe.
Beugte unsere Knie.
Soweit ich mich erinnern kann, kamen meine Großmutter und ich die folgenden Jahre nach dem tragischen Geschehen sehr gut miteinander aus. Wir liebten uns, wie sich zwei verwandte Seelen, die als einzige von der ganzen Familie übrig geblieben sind, lieben können. Wir hatten niemanden mehr, außer uns. Großmutter, ich, die Grabstätten meiner Eltern und des Großvaters Nikolaj, Alinas Ehemann, den ich nie gekannt hatte. Außer kleinen Freuden und alltäglichen Sorgen hatten wir nichts zu teilen, nur unsere Liebe und Erinnerungen an die von uns gegangenen lieben Menschen.
Die Großmutter hatte zu ihrer Zeit eine Kunstschule absolviert. Danach arbeitete sie als Kunstlehrerin in der Schule. Nach der Arbeit und an den Wochenenden gab sie Privatstunden, um etwas dazuzuverdienen. Wenn sie Glück hatte, was aber nicht oft vorkam, blieb ihr genug Zeit, um mir, dem einzigen und liebsten Enkelkind, das Malen beizubringen. Darüber hinaus konnte sie nichts. Sie konnte nur malen und Menschen lieben, meine liebste Großmutter, eine sehr gutherzige und liebevolle Frau.
Während Alina mich mit einem kleinen Stück Kreide, Stift oder Pinsel in der Hand auf einen Hocker vor die Staffelei setzte und eine weitere Aufgabe stellte, wiederholte sie oft in verschiedenen Variationen:
„Ich bin sehr froh, dass ich mich heute nirgendwohin beeilen muss und dich wenigstens eine Stunde unterrichten kann. Obwohl du mein begabtester Schüler bist, kann ich dir nur die Grundlagen des großen Kunstzaubers beibringen. Aber ohne das Alphabet zu kennen, kann man kein Schriftsteller werden. Zuerst lernt man die Buchstaben, dann bemüht man sich, sie in Worte zusammenzufügen. Danach den Aufbau der Muttersprache zu fühlen, tief im Inneren zu spüren und ihn zu lieben. Nur dann kann man beginnen, selbst zu schreiben. Nicht früher. Genauso ist es beim Malen.
Du lernst, wie man den Stift richtig in der Hand hält.
Den Pinsel.
Wie man seine Härte und Weichheit fühlt.
Lernst die Farbpalette zu verstehen und zu spüren.
Die Farben zu mischen, um den richtigen Ton zu erhalten.
Den zu malenden Gegenstand nicht nur zu sehen, sondern auch wahrzunehmen.
Irgendwann wirst du ein großer und berühmter Künstler, auf den ich stolz sein werde. Mittlerweile machst du schon die ersten Schritte zu deinem Erfolg …
Zeichne doch bitte diese alte Vase. Die haben wir von den Eltern deines Großvaters Nikolaj Aleksandrowitsch geerbt. Wenn du daran denkst, dass in ihr vor fast hundert Jahren einmal Blumen standen, hilft dir das, die Stimmung der damaligen Zeit in dein Bild zu übertragen. Verbindest du das entstandene Gefühl mit dir, dem Menschen von heute, erscheint auf deinem Papier nicht nur eine Vase, sondern ein kleines Kunstwerk. Versuche es. Es ist sehr wichtig: Lerne, die Vergangenheit und die Gegenwart des malenden Gegenstandes oder Menschen in einem Bild zu verbinden. Nur dann kannst du sein inneres Wesen, seine Seele auf das Papier oder auf die Leinwand bringen. Und dann rücken die Erhabenheit des Raffael, die Berühmtheit des Brüllow und das Beseelte des Van Gogh an dich heran. Ich glaube an dich, Antoscha, an deine Zukunft … Komm, lass uns arbeiten.“
Ich liebte die Erzählungen meiner Großmutter sehr. Sie erklärte nicht alles in diesen gewöhnlichen grauen und alltäglichen Tönen, wie die Lehrer in der Schule, die Nachbarn in der Gemeinschaftsküche, die Eltern meiner Freunde. Ihre Sprache war lebhaft, interessant, leicht und irgendwie märchenhaft. Sie wusste, was ich wollte, und ich hatte keine Geheimnisse vor ihr. Wie auch sie nicht vor mir. Großmutter schimpfte niemals, und wenn jemand sie verletzt hatte, setzte sie sich ans Fenster und dachte sehr lange nach, während sie leise dabei weinte. Sie dachte, ich sähe ihre Tränen nicht. Ich wollte sie trösten, beruhigen, denjenigen bestrafen, der ihr wehgetan hatte, weil ich jetzt der einzige Mann in der Familie war.
Das wurde mir aber nicht gestattet.
„Antoscha“, wischte die Großmutter eines Tages ihre Tränen weg, als ich sie umarmte und mich an ihre warme Seite drückte, „es ist alles gut, mein Liebling. Setze dich hin und höre mir bitte zu, ich möchte dir etwas sagen.“
Sie setzte mich behutsam auf einen alten Polsterstuhl, trocknete ihre Augenwinkel mit einem alten Spitzentuch, legte es in die Tasche ihrer selbstgestrickten Hausjacke und schaute mich aufmerksam an.
„Siehst du, mein Lieber, wir leben in einer nicht einfachen Zeit. Nun ist dort“, sie machte eine unbestimmte Geste mit der Hand in Richtung des Fensters, „das Leben unruhig und voller Sorgen. Und wenn es im Land unruhig ist, ist auch die menschliche Seele mit Unruhen, Sorgen und Ängsten überfüllt.
Die Angst sitzt in jedem von uns.
Mit diesem Gefühl kommen wir zur Welt.
Füllt jedoch das Gefühl den ganzen Innenraum des Menschen aus, wird er wohl oder übel aggressiv und versucht, sich intuitiv von dem lästigen Gefühl zu befreien. Der Mensch hüllt sich in eine Hasswolke ein. Dann traut er sich nicht mehr aus diesem Kokon heraus. Dabei denkt er, dass man sich nur so in Sicherheit bringen kann. Dass er nur auf diese Art und Weise das, was ihn stört, aus sich herauspressen kann. Das ist ein großer Irrtum, aber er ahnt es nicht. Je länger der Mensch mit seinen Ängsten und Sorgen allein lebt, desto weniger Kraft bleibt ihm für das normale Leben – die gesamte Energie und Aufmerksamkeit wird für die Erhaltung des Hasskokons aufgebraucht, für die Selbsterhaltung in dieser unsichtbaren, harten und grausamen Wolke ...“
Читать дальше