Lin Hendus
Michele
Mehr als nur ein Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel Lin Hendus Michele Mehr als nur ein Roman Dieses ebook wurde erstellt bei
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Erläuterungen.
Impressum neobooks
„Damit sich der ehrbare Name des Michelangelo Buonarroti nach seinem Tode nicht verflüchtigt, habe ich dich zu meinem Biographen ernannt. Du notierst nur die Fakten, die ich dir diktiere, und man wird sie schwerlich widerlegen können. Es werden diese Fakten sein, die künftigen Generationen die Wahrheit über mein Leben berichten. Meine Wahrheit …
So habe ich entschieden.
So wird es sein.
Vielleicht wirst du überrascht sein, wenn ich dir erzähle, dass ich mein ganzes Leben lang Auseinandersetzungen mit dem Schöpfer geführt habe.
Ich bat ihn, die menschliche Güte stets umgehend zu belohnen.
Ich verlangte von ihm die sofortige Vergeltung für das begangene Böse.
Dem Herrn folgend, habe ich versucht, ein Himmelreich auf Erden zu errichten.
In jedes meiner Werke legte ich großes Vertrauen in die Schönheit des irdischen Himmelreichs. Immer habe ich versucht, mehr zu geben als zu nehmen. Jeder, der mich gut kennt, kann dies bestätigen.“
Michelangelo schüttelt seinen grauen Kopf und spricht:
„ Ich werde der Menschheit ein Geheimnis hinterlassen.
Ich habe etwas geschaffen, das man nicht in die Hand nehmen kann.
Man kann es sich nicht auf die Zunge legen.
Es nicht anziehen.
Es weder schlagen noch zerstören.
Ich habe für alle Menschen der Welt eine Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens geformt.
An die Zerbrechlichkeit der Schönheit.
An ihre Harmonie.
An den Abgrund der Ewigkeit, zu der wir nach dem Tod gelangen.
An die Tatsache, dass Gott uns alle erschaffen hat, bis zum letzten Menschen, damit wir glücklich werden.
Für die Liebe und für die Anbetung der Schönheit.
Jede Schöpfung Gottes, in welchem Land auch immer er sein mag, wen auch immer eine Religion verehrt, sollte an das erinnern, was auch meine Schöpfung zeigen will:
Der liebe Gott schenkt dem Menschen den kurzen Moment, den sein Leben währt, für das Gute, nicht für das Böse.
Damit er die Vollkommenheit der Natur genieße, nicht die schlechten Taten.
Für die Liebe, nicht für den Hass, die Lüge oder den Neid.“
„Was ist es, was du geschaffen hast, Meister, was?“ Ascanio Condivi hat vor Aufregung seine Stimme verloren und kann das letzte Wort nur noch flüstern.
„Du bist so jung“, lächelt Michelangelo traurig, „aber auch bis zum Ende deines Lebens wirst du mein Rätsel nicht lösen können. Mein genialer Geist hat es für die nächsten Jahrhunderte geschaffen.
Die Welt muss erst zu meiner Weisheit reifen.
Sich beruhigen.
Die Kriege ruhen lassen.
Sich mit der Harmonie des Lebens füllen.
Der Liebe.
Des Guten.
‚ Die Liebe bewegt die Sonn’ und andre Sterne …‘ 1)
Mein Rätsel wird sich ganz von selbst offenbaren.
Und dann sofort eine Lösung anbieten.
Um zur Einsicht zu gelangen, gebe ich der Menschheit einen Zeitraum von eintausend Jahren.
Wenn sie sich nicht retten kann, wird niemand sie retten.
Denke daran, mein Junge: es gibt keinen Tod.
Es gibt nur ein unehrliches Leben, das um ein Vielfaches schlimmer ist als der Tod.
Es führt zu den Toren der Hölle, aus der es kein Entkommen gibt.
Es führt zur ewigen Qual ...“
Michelangelo schweigt lange und fügt dann hinzu:
„ O ihr mit dem besitz gesunder sinne
Gebt acht auf die belehrung die sich decke
Unter dem sonderbaren vers-gespinne!! “ 2)
Frankfurt am Main, Deutschland
Der feuchte, nasskalte November stürzte sich wie ein zerrissener Nebel auf die Landstraßen Hessens. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens, ausgestattet mit grellweißen LEDs, blendeten die Augen eines russischen jungen Mannes, der mit kalten Fingern das Lenkrad seines BMW umklammert hielt. Der moderne Sportwagen raste, deutlich über der erlaubten Geschwindigkeit, mit einhundertsechzig Stundenkilometern über die Straße. Geblendet vom Licht des auf ihn zukommenden Fahrzeugs bemerkte der junge Russe zu spät die scharfe Kurve vor ihm.
Mit der Grazie einer Ballerina löste sich der silberne BMW vom nassen Asphalt und vollführte in der Luft einen komplizierten Pas 3). Es folgte ein Salto, bevor der schöne Wagen schwer auf dem von Bäumen bewachsenen Randstreifen der Landstraße aufschlug. Das Hupsignal ertönte, als der Fahrer schwer gegen das Lenkrad fiel, begleitet vom heftigen Knirschen berstender Äste. Dann verstummte das Signal abrupt hinter den nassen Zweigen. Stille. Seltsam anmutend lag der Wagen zwischen den Bäumen, fast gemütlich, auf der Seite, während die dicht bewaldete Umgebung vom Licht eines unbeschädigten Scheinwerfers beleuchtet wurde. Ein klebrig-nasses Spinnennetz, das nur vage an Regen erinnerte, bedeckte den Unfallort. Kein Laut war aus dem Inneren des Fahrzeugs zu vernehmen.
Eine Woche nach dem Unfall erschien vor dem Bett des in ein Korsett, Bandagen und Gips gekleideten jungen Russen eine ältere Dame. Nun, das Wort „ältere“ passte gewiss nicht ganz zu dieser gepflegten, schlanken, gutaussehenden Frau. Wer etwas genauer hinschaute, konnte zwar erkennen, dass sie schon weit über fünfzig sein musste, doch ihre schöne Haltung, das nahezu faltenlose Gesicht, ihr fliegender Gang und der hoch erhobene Kopf ließen an ihrem richtigen Alter zweifeln.
Die Frau stellte einen farbenfroh bemalten Topf mit einem Strauß zusammengesteckter rosa Alpenveilchen auf den Nachttisch des Zimmers. Dann nahm sie leise auf dem Stuhl Platz, der neben dem Krankenbett stand. Aufgeschreckt von der Bewegung an seiner Seite, erwachte der junge, regungslose Patient. Nur schwerlich gelang es ihm, die Augen zu öffnen und die Besucherin anzuschauen.
„Guten Tag, Sascha“, sagte sie zärtlich. „Du hast mich vielleicht erschreckt! Nach unserem letzten Gespräch habe ich auf Nachricht über den Tag deiner Ankunft gewartet. Du hast nicht angerufen. Ich dachte schon, deine Pläne hätten sich geändert und du würdest in Russland bleiben. Doch heute habe ich einen Anruf aus dem Krankenhaus erhalten ... Wie geht es dir?“
„Gut …“ Sascha Glebow keuchte, dann hustete er, um seinen Hals zu befreien. „Danke, Frau Kantor, für Ihren Besuch. In Deutschland habe ich keine Freunde, nur Geschäftspartner ... Die brauchen im Moment aber nicht zu wissen, was mit mir geschehen ist.“
„Das ist in Ordnung, Sascha. Aber wenn du möchtest, kann ich deine Eltern oder andere Verwandte benachrichtigen.“
„Auf keinen Fall! Es besteht keine Notwendigkeit, anderen Menschen Sorgen zu bereiten. Vor allem möchte ich weder Mitgefühl noch Mitleid ... Wenn es mir bessergeht, dann ... vielleicht.“
„Wie lange bleibst du im Krankenhaus? Sind wichtige Organe verletzt? Was überhaupt haben die Ärzte gesagt?“ Freundliche Augen voller Mitgefühl schauten den Patienten an.
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