Sascha schluckte schwer. Langsam wandte er den Blick zur Wand. Über seinen Gesundheitszustand sprach er eindeutig nicht gern. Eine große Wahl hatte er allerdings auch nicht: Es war seine Bitte an das Personal gewesen, die Nachbarin ins Krankenhaus zu rufen. Schließlich sagte er mit zusammengebissenen Zähnen:
„Die Ärzte hier sind sehr nett zu mir. Aber sie haben gesagt, dass meine Wirbelsäule verletzt ist und ich wahrscheinlich nicht in der Lage sein werde, jemals wieder zu laufen ...“ Sascha gelang es, ein Schluchzen zu unterdrücken, das aus seinem tiefsten Inneren ausbrechen zu wollen schien. „Ich bin erst fünfundzwanzig! Dieses Urteil kann ich nicht akzeptieren … Liebe Frau Kantor, Sie haben mir damals Ihre traurige Geschichte erzählt. Bitte, unterstützen Sie mich! Helfen Sie mir! Ich möchte nicht als Behinderter weiterleben. Helfen Sie mir!“
„Was sagst du da, Sascha? … Mache dir keine Sorgen: Natürlich helfe ich dir, wo ich kann.“ Die Besucherin nahm einen Karton vom Nachttisch, zog einige Taschentücher heraus und begann, damit die feuchte Stirn des Patienten zu trocknen. „Wirf nicht alles so schnell hin. Du weißt doch, auch Ärzte sind nur Menschen, wie du oder ich. Einige von ihnen glauben vielleicht, sie seien allmächtig wie die Götter, und hoffen, die Menschen und ihre Krankheiten vollständig durchleuchten zu können.
So ist es aber nicht.
Ärzte machen oft Fehler. Deswegen musst du jeder Diagnose mit Skepsis begegnen. Ich weiß dies sehr gut. Sei nicht traurig vor der Zeit. Ich werde dich alle zwei Tage oder auch täglich besuchen kommen, wie du möchtest …“ Abrupt stand sie auf. „Doch jetzt muss ich gehen. Morgen komme ich wieder. Einverstanden?“
Sie vernahm das mit angespanntem Flüstern herausgepresste „Ja“ des jungen Mannes. Dann schloss sie den Knopf ihrer hübschen Strickjacke, der aufgrund seiner Größe fast wie der Boden eines Weinglases aussah, und ging zur Tür. Davor blieb Andrea Kantor stehen, drehte sich um, fing Saschas Blick auf, tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Nasenspitze und drückte sie leicht nach oben. Während dieser typisch russischen Geste, die den Optimismus des Gegenübers beschwören sollte, lächelte sie ihm milde zu. Es war Sascha selbst gewesen, der ihr diese aufmunternde Geste seiner Heimat einst erklärt hatte.
Nachdem seine Besucherin den Raum verlassen hatte, schloss Sascha die Augen und versuchte, sich an die Anfänge ihrer seltsamen Beziehung zu erinnern ...
Vor ungefähr zwei Jahren war der junge erfolgreiche Unternehmer Sascha Glebow – Glebow junior – während einer Geschäftsreise nach Deutschland gekommen. Sascha hatte zuvor in Sankt-Petersburg eine „Akademie der Genies“ eröffnet, die er nun in Europa fortzuführen gedachte. Nur zu gut erinnerte er sich an die Anfänge seiner Idee von einer eigenen Akademie und an den Disput mit seinem Adoptivvater, dem berühmten Maler Anton Glebow, dessen Lebenswerk, das „Museum des Gewissens“, er mit seiner neuen Akademie zu demontieren gedachte.
„… Du hast das Museum des Gewissens gegründet, das nach deinem Tod in Vergessenheit geraten wird.
Aus dem Gedächtnis gelöscht wird.
Und ich eröffne eine Akademie der Genies, die Kinder wohlhabender Eltern besuchen werden. In dieser Akademie werde ich mehrere Fakultäten vereinen, in denen man für Geld wertvolle Erfahrung im Umgang mit berühmten und erfolgreichen Menschen sammeln kann.
Mit Berühmtheiten.
Reichen.
Glückspilzen.
Mit denen, die den öffentlichen Ruhm heiß begehren.
Mit denen, die einen hohen materiellen Status erreicht haben und ihre Erfahrungen gerne mit Interessenten teilen, die mit offenem Mund zuhören.
Und gewiss mit jedem, der bereit ist, eine anständige Geldsumme für die Vorlesungen hinzulegen. Umsonst gibt es nichts im Leben – das ist ein Axiom. Dennoch zahlt der eine für die Erfahrung seines eigenen kaputten Lebens – und der zweite für die Erfahrung der anderen. Bei meinen Lehrenden kann man lernen, wie man richtig leben muss. Wie man das Leben genießen kann, ohne sich an seinen Mitmenschen zu stören, ohne Rücksicht auf sie nehmen zu müssen. Ich will es wiederholen, die Zuhörer würden für fremde Offenbarungen zahlen. Doch hier spreche ich mit Vorbehalt: Womöglich hören sie statt Offenbarungen fremde Fantasien, was übrigens auch nicht schlecht ist. Die Wahrheit kann sowieso keiner überprüfen. Im Leben zählt das Endergebnis – Erfolg. Und meine Schüler werden erfolgreich sein, das garantiere ich.
Die Zuhörer der Akademie kommen, um für elterliches Geld fremde Erfahrungen zu sammeln. Sie werden keine Vereinbarung mit dem eigenen Gewissen schließen müssen. Oder jedenfalls nicht darüber, dass ihr Gewissen, das als dunkle Flecken auf einer hellen Leinwand ihres Lebens erscheint, ihnen in Zukunft schlaflose Nächte bereitet.
Du kannst mir widersprechen und sagen, dass ich meine Zuhörer betrüge, indem ich solche Art Studium organisiere. Weil man fremde Erfahrungen nicht erlernen kann. Ja, das stimmt. Weder fremde Erfahrung noch fremden Schmerz oder Kummer kann man durch seinen Körper und seine Seele ziehen lassen. Die Erfahrung kommt nur durch den eigenen Schmerz und eigene Fehler. Aber warum müssen alle davon wissen? Menschen glauben gerne an das, was sie leidenschaftlich zu glauben wünschen. Gib zu, wir betrügen nur diejenigen, die von uns betrogen werden möchten. Beide Seiten wissen davon, bewahren aber die Illusion gegenseitigen Anstands. Gegenseitiger Intelligenz. So war es, ist es und wird es auch immer sein. Und das nennt man nicht Betrug, sondern höchste Klasse.
Geld für die Organisation dieser Akademie finde ich problemlos. Alle deine Kunden, auf deren Porträts weder das Blut noch das Weinen der Opfer verschwunden ist, zahlen mir gerne jede Summe, damit ihre Kinder und Enkel ein reines Gewissen haben. Sie sollen nicht an dem leiden, woran ihre Väter und Großväter gelitten haben.
Sie tun es sich selbst zuliebe.
Ihrem Gewissen.
Ihrer eigenen Ruhe.
Aber die Belohnung für die Reinigung des Gewissens ihrer zukünftigen Generation bekomme ich, nicht du.
Anton, deine Vorstellungen von der Welt sind längst veraltet. Sei nicht beleidigt, aber du hast noch immer nicht verstanden, dass der heutige Pragmatismus die letzten Spuren gestrigen Anstands ausgelöscht hat.
Der Egoismus besiegt den Altruismus und zerfrisst die menschlichen Beziehungen.
Und das Geld fällt auf natürliche Weise in das fehlende Glied des Teufelskreises.
Zieht ihn zusammen und befestigt an ihm die modernen menschlichen Beziehungen mit den robusten Metallschrauben des eigenen Vorteils.
Entweder du bist ein Egoist und Pragmatiker mit Geld im sicheren Kreis, oder du bist außerhalb des Kreises und existierst nicht mehr als Persönlichkeit. Das ist das eindeutige Urteil der heutigen Realität.
Der nächsten Generation von Menschen, die von ihrem eigenen Gewissen gehetzt werden, bereite ich eine klare und qualfreie Zukunft. All diejenigen, die ihre Erinnerungen an falsche Taten, an Betrug und Gemeinheiten vernichten, die diese Last zusammen mit sich begraben möchten, damit ihr Gewissen nicht in das Familienleben der zukünftigen Generation sickert, kommen zu mir.
Ich programmiere das Gehirn dieser Sprösslinge einfach um, damit sie die Welt mit gewissenlosen Augen betrachten.“
Der anspruchsvolle Titel des Projekts „Akademie der Genies“ hatte den jungen Sascha Glebow nicht abschrecken können. Wie er sich ausrechnete, würden nicht nur die Leistungen seiner Akademie, sondern auch ihr Name wohlhabende Kunden anziehen. Die Zweifel des Adoptivvaters bestätigten sich nicht, und so eröffnete Sascha kurze Zeit später eine weitere Niederlassung in Moskau. Auch hier trug seine Idee reichliche Früchte. Als erfolgreicher Geschäftsmann beschloss er daraufhin, seine Erfahrungen im Ausland zu erweitern. Er lud einige Bekannte ein, auf die er sich verlassen zu können glaubte. Nach mehreren Treffen und Diskussionen wählte Sascha für sein erstes Auslandsgeschäft Frankfurt am Main, stieß damit aber auf viel Gegenwind bei seinen Freunden.
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