Allein in seiner großen Wohnung.
Ohne Familie.
Ohne Liebe.
Das ist die traurige Geschichte eines glücklichen Lebens, das ein unbekannter Selbstmörder brach ... Was mir bleibt, sind die Erinnerungen an meine Familie und die gute finanzielle Unterstützung durch das Erbe meines Mannes ... Ich hoffe, dass ich deinen Abend mit meiner Beichte nicht ruiniert habe, Sascha?“
„Ach was, Andrea. Das Drama Ihrer Familie hat mir tiefe Einblicke gegeben. Alles ist so kompliziert und traurig ...“
„Nun, Sascha, es handelt sich nur um einen kleinen Teil meines Lebens. Für den vollständigen Roman bräuchten wir mehrere Abende. Trotzdem bin ich froh, dass du ein interessierter und aufmerksamer Zuhörer bist. Bei uns in Deutschland heißt es:
Einen Ehepartner gibt uns der Himmel, ein Talent müssen wir selber finden, die Nachbarschaft schickt uns das Schicksal.
Ich weiß noch nicht, an welchem Wendepunkt das Schicksal die Notwendigkeit unserer Begegnung entschieden hat, aber sie geschah bestimmt nicht zufällig ...
Und jetzt lass uns den Abend beenden. Morgen hast du einen langen Tag. Ruf mich an, wenn du wieder aus deinem Russland zurückkehrst. Wenn du möchtest, hole ich dich dann vom Flughafen ab.“
„Danke, Andrea, für Ihr großzügiges Angebot, das ich aber ablehnen muss. Mein Mitarbeiter wird mich abholen, aber ich werde bestimmt anrufen, wenn ich wieder da bin – versprochen. Ich plane, nicht länger als sechs, sieben Wochen daheim zu bleiben. Eine Gute Nacht wünsche ich Ihnen!“
Als sie sich verabschiedeten, wussten sie noch nicht, dass ihr nächstes Treffen in einem Krankenhaus stattfinden würde.
Palermo, Sizilien
Dante Alessandro Massey saß auf der großen Terrasse und blickte in die Ferne. Vor ihm breitete sich das Panorama seiner geliebten Stadt Palermo aus. Seine Hände lagen auf den Lehnen eines alten Sessels, sein Kopf ruhte auf der hohen, leicht gebogenen Rückenlehne.
Dante Alessandro dachte darüber nach, wie es hatte passieren können, dass ihm bei der letzten Auktion eine Bronze-Skulptur von Alberto Giacometti so plötzlich vor der Nase hatte weggeschnappt werden können. Der mächtige Don hatte den Makler dafür bereits bestraft; nur durch seine Behäbigkeit hatte der Angestellte der Auktion ihm solche Unannehmlichkeiten bereiten können. Jetzt würde dieser Mann kaum einen ähnlichen, gut dotierten Job finden, es sei denn, er wechselte den Beruf. Doch auch die schwere Bestrafung änderte nichts daran, dass der Platz, den Dante Alessandro mit viel Liebe für die Skulptur vorbereitet hatte, leer blieb.
Don Massey gehörte zu einer der mächtigsten Familien Siziliens. Von Kindheit an hatte er gelernt, dass seine und die Wünsche der männlichen Vertreter seiner Familie zu erfüllen waren. Solange der reiche Don zurückdachte, hatte es bislang keine Misserfolge gegeben. Das Fehlen dieser Skulptur in seiner großen Sammlung traf ihn wie ein harter Schlag. Sein Ehrgefühl als Sammler war zutiefst getroffen. Wann immer seine Freunde und andere in einer Notlage waren, hatte er sie unterstützt. Nun würde er selbst Hilfe brauchen.
Während Don Massey über die wechselhaften Ereignisse des Schicksals nachdachte, betrat seine Tochter Juliane tanzend die Terrasse. Diesen einzigen unbezahlbaren Schatz hatte ihm seine Frau Damiana hinterlassen, bevor sie mit der Geburt des letzten Sohnes plötzlich verstarb.
Gemeinsam mit Damiana hatte Dante Alessandro fünfzehn glückliche Jahre gehabt. Während dieser Zeit hatte sie eine Tochter und fünf Söhne zur Welt gebracht. Keiner der Söhne hatte überlebt. Damiana machte sich schwere Vorwürfe, dass sie ihrem Mann keinen Erben schenken konnte: die Jungen wurden tot geboren, starben kurz nach der Geburt oder lebten nicht länger als ein Jahr. Dem unglücklichen Vater war es nicht gelungen, seine Frau von ihren Vorwürfen abzubringen.
„Santa Rosalia“, hatte er fast unhörbar geflüstert, während er in der Kathedrale Santa Maria Assunta vor den Reliquien der Schutzpatronin von Palermo kniete und betete, „heile meine Frau, wie du irgendwann unsere Stadt von der verfluchten Pest geheilt und gerettet hast. Hilf mir! Gib mir doch nur einen einzigen Erben! Du weißt doch – für meine Geschäfte brauche ich Männer.
Meine Frau und ich quälen uns, weil alle unsere Söhne starben. Nimm diesen Fluch von meiner Frau, heile sie, du Beschützerin! Santa Rosalia, Göttin, verlange dafür, was du willst! Ich werde jede deiner Forderungen erfüllen. Jede! Erhöre mein Gebet, schenke mir einen Sohn. Nur einen einzigen!“
Ob die Gebete des mächtigen Dons nicht eindringlich genug gewesen waren oder ob er für seine ungleich schwereren Sünden keine Gnade erwarten durfte: Santa Rosalia holte, statt seine Frau gesund zu machen und sie von ihrem Verderben zu befreien, Damiana gemeinsam mit dem letzten, totgeborenen Sohn zu sich.
Nach dem Tod seiner Frau zog sich Dante Alessandro Massey zwei lange Jahre lang auf sein Landgut zurück. Er schränkte seine Geschäftsbeziehungen ein und verlor eine Menge Geld. Dieser Verlust jedoch bedeutete ihm nichts. Er wusste, dass es noch viel zu verdienen geben würde. Zwei Jahre lang suchte der unglückliche Witwer zu sich selbst. Er fragte sich, wie es mit dem Leben weitergehen würde und was er noch von ihm erwarten könne.
Die Fragen zerrissen sein Herz.
Unsicherheit machte sich breit.
Ihm wurde schwindelig vom Kreisen der Gedanken.
Seine Seele schmerzte, und sie fand keine Antworten.
In dieser Zeit näherte sich Don Massey nicht einmal der weiblichen Bewohnerin des Hauses, seiner Tochter Juliane. Betreut wurde sie von seiner kinderlosen Schwester, Perlite Massey, und der alten Amme, einer entfernten Verwandten der Familie.
„Alessandro, willst du deine Tochter wirklich nicht sehen?“, sprach Perlite ihn oft an. „Das Mädchen fragt regelmäßig nach dir. Verweigere ihr bitte nicht den Besuch. Das arme Kind hat schon ihre Mutter verloren und möchte nicht auch noch ohne Vater leben.“
„Liebe Schwester, ich danke dir sehr für deine Bemühungen und dass du versuchst, Juliane ihre tote Mutter zu ersetzen. Aber zwing mich jetzt nicht, meiner Tochter zu begegnen. Mit Damianas Tod habe ich nicht nur meine liebe Ehefrau, sondern auch die Hoffnung verloren, dass sie mir einen Erben schenkt. Was ist schlimmer und unbarmherziger, als die Hoffnung des Fortbestehens zu verlieren?“
„Aber dein Mädchen ...“
„Schweig, Perlite. Ich muss erst mich selbst wiederfinden.
Du kennst noch nicht alles, was mich so traurig macht.
Wenn ich die Entscheidung, wie mein Leben weitergehen soll, getroffen habe, werde ich dich informieren. Juliane hat einen Vater, der sie liebt und nie im Leben verlassen würde. Sie weiß das. Aber für heute ist es genug. Irgendwann werde ich ihr alles erklären können. Nur dann wird sie mich verstehen und mir auch verzeihen. Nicht aber vorher. Und jetzt lass mich in Ruhe. Sprich nicht mehr über meine Tochter. Meine Entscheidung werde ich dir als Erste mitteilen.“
Mehr als zwei Jahre danach traf Don Massey seine endgültige Entscheidung über das Leben seiner Familie. Das Wort, das er seiner Schwester gegeben hatte, hatte festen Bestand. Eines Abends lud er sie zu einem Gespräch in sein Arbeitszimmer ein.
„Liebe Perlite, du kennst mein Leben fast genauso gut wie ich. Jetzt aber möchte ich dir mein Geheimnis anvertrauen. Es fällt mir schwer, über solch eine unangenehme Geschichte zu sprechen, aber du bist meine Schwester und hast mein Vertrauen verdient.
Die ganze Familie weiß, wie ungeduldig ich all die Jahre einen Erben und meinen Nachfolger erwartet habe. Nach dem Tod meines zweiten Sohnes ging ich zur Beichte und bat um den Segen des Priesters. Er verstand mein Problem sehr gut. Vor allem sagte er, es sei keine Sünde, ein Kind mit einer fremden Frau zu zeugen, wenn die eigene Ehefrau keinen Sohn gebären kann.“
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