„Nein! Das kann nicht sein! Was ist das? Wie kam DAS auf das Gemälde? Wer hat sich diese Frechheit erlaubt? Wozu?“
Plötzlich begannen meine Hände zu zittern. Angst umhüllte meinen Körper, fesselte ihn mit ihren rauen und stacheligen Armen. Der Vater, der selbst Ähnliches empfand, umarmte und drückte mich an sich. So standen wir beide und starrten, nicht begreifend, auf das Porträt meiner geliebten Großmutter, das ich sehr liebevoll gezeichnet hatte. Unter Nikolaj Lwowitschs warmen Händen spürte ich deutlich meine vor großer Aufregung zitternden Schultern.
Auf dem Bild saß Großmutter Alina nach wie vor am Tisch, auf welchem sich Äpfel und obenliegend Weintrauben befanden. Das Fensterlicht fiel noch immer auf ihren grauen Kopf und erzeugte einen leichten Schein von hinten. Und rechts, hinter einer dunklen Gardine, wo ich zuvor außer dem Hintergrund nichts gezeichnet hatte, ... schaute sie ein Mann an. So, als ob er für kurze Zeit aus seinem Versteck hervorgekommen sei! Er streckte seine weiße, gepflegte Hand zu Alina aus. Auf dem Ringfinger steckte ein massiver Goldring mit einem flachen schwarzen Stein, der mit einer goldenen Schlangenlinie verziert war. Aus dieser Hand tropfte Blut auf den Boden. Echtes, purpurrotes Blut. Der Mann fixierte mit starrem Blick Alinas Nacken, ohne das Geschehen um sich herum wahrzunehmen. Das Bild verbreitete eine durchdringende Todeskälte …
Wir drehten uns aneinander klammernd um, gingen durch den großen Flur und weiter in die Küche. Ich taumelte kurz zur Seite und fiel schwer auf den Stuhl. Nikolaj Lwowitsch ging zum Tisch und drückte auf den Knopf des Wasserkochers. Holte Tassen und Teebeutel. All das machte er schweigend und ohne Eile. Viel langsamer als sonst.
Wir waren beide schockiert. Hatten weder Lust zu reden noch zu denken. Erst nach einem Schluck Tee, bei dem ich die heiße Tasse mit kalten Händen umfasste, wandte ich mich an den Vater.
„Vater, was war das? Ich habe Angst ... Du weißt doch, dass ich hinter Großmutters Rücken nichts und niemanden außer der dunklen Gardine gemalt habe. Wer hat denn das gemacht? Du? Nein, natürlich nicht! Wenn nicht wir, wer dann? Sag es! Ich habe Angst ...“
„Beruhige dich, mein Junge. Alles ist gut, ruhig! Es gibt für alles eine vernünftige Erklärung.“
Ich spürte die warme Hand des Lehrers auf meinem Kopf. Nikolaj Lwowitsch streichelte mich wie ein kleines Kind, das sich vor einem plötzlich um die Ecke kommenden Elefanten erschrocken hat. Durch seine Berührung wurde ich etwas entspannter.
„Antoscha, es ist alles nicht so schlimm, wie du denkst. Erst war ich auch verblüfft angesichts dessen, was ich da gesehen habe. Aber jetzt, erst jetzt wird mir klar, wie diese fremde Erscheinung auf das Porträt kommt. Diesen Mann habe weder ich noch du gemalt. Wie soll ich dir das erklären ... Also, ich bin mir fast sicher, dass diese Silhouette nur deine Fantasie gemalt hat ...“
„Meine Fantasie? Aber du hast sie auch gesehen! Und was heißt: meine Fantasie hat sie gemalt? Das ist doch ungefähr das Gleiche wie Angst – die kann man nicht sehen und nicht anfassen. Wie kann sie denn malen? Machst du Witze?“
„Werde nicht nervös. Reiß dich zusammen. Trinke deinen Tee und hör mir genau zu. Kannst du dich noch an unser Gespräch erinnern, das wir vor mehr als einem Jahr führten? Damals, als du zum ersten Mal vorhattest, das Porträt der Großmutter zu zeichnen, sagtest du, dass du es mit dermaßen großer Liebe zeichnen wollest, dass sie dir, ihrem Enkel, den Namen ihres Mörders verraten würde. Von dieser Idee warst du so sehr entflammt und begeistert. Ich wunderte mich, woher du so viel Kraft und Energie schöpftest. Die Jugend, dachte ich damals ... Und als das Porträt fertig war, sagtest du mir, dass sich ...“
„... hinter der Gardine rechts der Mörder versteckt hat und dass er sich früher oder später dort zeigt. Weil er für sein begangenes Verbrechen bestraft werden muss ... Ja, ich kann mich sehr gut an dieses Gespräch erinnern. Aber ich habe doch nur meinen Wunsch geäußert, mein Verlangen nach einer Bestrafung ... Wie ist das möglich? Wir leben doch nicht zusammen in der Fantasie, sondern in einer realen Welt.“
„Mein Sohn, es kann sein, dass die Wahrheit manchmal offen zutage tritt. Ich erkläre es, nur für dich: Unsere Worte und Gedanken können sich materialisieren, und Wünsche können die Fähigkeit haben, sich zu erfüllen. Besonders, wenn du Worte mit großem Gefühl aussprichst. Findest du das merkwürdig? Aber verstehen kannst du schon, dass das Leben voll seltsamer und unerklärlicher Dinge steckt. Und das ist eines aus dieser langen Reihe der Lebensrätsel, eines seiner Geheimnisse. So ein Rätsel ist nun in unser gemeinsames Leben gedrungen. Wie es geschah, darüber müssen wir nicht nachdenken – das werden wir niemals ergründen. Wir müssen uns einfach darüber freuen, dass sich dein Wunsch erfüllt hat. Auf irgendeine fantastische Weise, aber erfüllt. Der Mörder deiner Großmutter erschien auf dem Bild, genauso, wie du es dir die ganze Zeit gewünscht hast. Die ganzen Jahre. Jetzt haben wir sein Gesicht und ein besonderes Merkmal – einen seltsamen Ring an seiner Hand. Den Rest übernimmt die Polizei.“
„Vater, es fällt mir schwer, deinen Erklärungen zu folgen. Wünsche, Geheimnisse ... Es geht um ein Bild!“
„Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Nimm einfach das Geschehene als Gegebenheit an. Darüber, dass die Sonne jeden Morgen aufgeht und abends hinter dem Horizont verschwindet, wunderst du dich auch nicht. Fragst nicht, warum die Schlange nur aus Augen und einem Schwanz besteht und die Giraffe so einen langen Hals hat. Du hast niemals darüber nachgedacht, wie ein großes und schweres Flugzeug in der Luft schweben kann, und du, der viel leichter ist, aber nicht zu fliegen vermag. Erklären kann man alles. Verstehen nicht. Akzeptiere meine Ansicht und glaube mir. In meinem langen Leben habe ich genug Wissen und Weisheit gesammelt, die ich an dich weitergeben möchte. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ich Unerklärliches erklären kann. Lass uns nicht über das Thema des ‚Warum?‘ philosophieren, sondern lieber überlegen, was wir weiter tun.“
„Einverstanden. Ich akzeptiere deine Erklärungen und glaube dir, meinem Lehrer. Sag aber: Was meinst du, bleibt der Mörder für immer auf dem Porträt?“
„Ich weiß es nicht. Mit einem derartigen Phänomen habe ich zum ersten Mal zu tun. Ebenso wie du. Wenn mir gestern noch jemand gesagt hätte, dass auf diesem Bild eine solche Verwandlung stattfindet, hätte ich es nicht geglaubt. Aber wir müssen uns vor nichts fürchten. Dieser Mensch lebt nicht unter uns. Er ist nur auf dem Gemälde. Und dass wir ihn sahen, weiß er noch nicht.“
„Wenn er es aber erfährt? Was dann?“
„Von dem Geschehenen darf keiner etwas wissen. Besonders er nicht, der Existierende. Wir müssen darüber nachdenken und mit der neuen Entdeckung sehr vorsichtig umgehen. Am besten sollte sie unser Geheimnis bleiben.“
„Selbstverständlich, du hast Recht. Es stellt sich dann aber eine weitere Frage: Warum hast du ihn zuerst entdeckt, wenn ich, Alinas Enkelsohn, derjenige bin, der den Mörder finden wollte? Gestern Abend verließ ich gegen zehn Uhr das Studio und habe nichts gesehen. Und wenn ich gehe, verabschiede ich mich immer von Alina. Genauso, wie ich sie morgens begrüße.“
„Darauf kann ich dir keine Antwort geben. Vielleicht sah ich ihn zuerst, weil ich heute früher als du am Bild vorbeikam. Es kann auch sein, dass der Lichtstrahl dir zuvorkam und die Silhouette erst ein paar Minuten später, nachdem du vom Bild weggegangen warst, erscheinen ließ. Vielleicht auch deswegen, weil ich dich genauso liebe, wie dich deine Großmutter geliebt hat. Genauso dich und deine Verfassung spüre. Oder weil sie vor dem Sterben den Wunsch hatte, dass ich dir deine verlorene Familie ersetze. Ich weiß es nicht. Das können wir beide nicht enträtseln. Dies sind Fragen der göttlichen Macht, die über meine Kräfte hinausgehen. Mir fällt es ebenfalls so schwer wie dir, das alles zu verstehen. Andere Erklärungen finde ich aber nicht. Verzeih mir.“
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