Die Ohren mit seinen Schreien verstopfen.
Das Herz vor Mitgefühl zerreißen.
In den Wahnsinn treiben.
Um nach alledem nicht verrückt zu werden, ist man gezwungen, sich ihm zu unterwerfen und nach seinen Gesetzen zu handeln.
Und dann muss man zum Anfang zurückkehren. Wieder arm, aber ehrlich, um dabei unglücklich und schwach zu werden. Um eines der Sandkörnchen zu sein, die millionenfach unter den Füßen von tausenden Erfolgreichen liegen. Von denen, die nach den Sternen greifen konnten.
Reich und erfolgreich werden.
Anerkannt.
Ehrenvoll.
Berühmt.
Unter keinen Umständen möchte jemand freiwillig von der höchsten Stufe des Erfolgs nach unten springen. In die tiefe Schlucht des glücklosen, armen und ungeregelten Lebens. Diese kurze Flugreise nach unten bringt nur dann für ein paar Minuten den Genuss des freien Schwebens, wenn dich ein dickes Gummiband an deinen Füßen sofort wieder nach oben zieht.
Doch zum großen Bedauern ist das Leben kein Spiel mit Gummibändern. Es bietet keine solche Chance. Deshalb ist es so: Wenn man tief fällt, kommt man nicht mehr dorthin, wo man schon einmal war. Das wissen alle und riskieren deswegen nicht ihr Leben wie beim gefährlichen russischen Roulette.
Leben oder Tod.
Im leidenschaftlichen Spiel nicht auf das hohe Risiko setzen, ohne den Joker in der Tasche zu haben.
Niemand möchte seine hart erkämpfte Wegstrecke unter der Sonne riskieren. Dieses kleine Stück paradiesischen Glücks der Wohlhabenden gegen die große Menge der am Fuße eines hohen Berges Stehenden eintauschen. Und sich in die Nässe und Finsternis begeben.
Niemand möchte von unten nach oben schauen, um nur das Licht, das hinter den vorbeiziehenden großen Wolken als helle Sonne erscheint, zu erblicken.
Jeder sucht sich seinen Platz, der zu ihm passt. Er setzt sich bequem hin. Dabei presst er sein sattes Hinterteil in den Rahmen des harten Erfolgsstuhls. Allerdings nur dann, wenn er großes Glück hat und das Leben ihm diesen Stuhl rechtzeitig bereitstellt.
Wenn ja, dann lebt dieser Glückspilz und genießt seine Ruhe und seine Zufriedenheit. Ab und zu bewegt er dabei die beiden Hälften seines ausgebreiteten Gesäßes, um den Kreislauf zu beschleunigen und sich aufzumuntern. Dann scheint es ihm, zu wenig zu sein. Er möchte noch mehr, möchte es noch teurer, schöner und gemütlicher in seinem Leben haben. Und dann geht er weiter. Dorthin, wo die nächste Stufe des selbst erdachten und erfundenen Glücks auf ihn wartet.
Auf dem Weg zum nächsten Ziel werden die moralischen Prinzipien umstrukturiert, ausgetauscht und neu geschrieben. Den Streckenhindernissen und der modifizierten ethischen Form der Reichen entsprechend, zielen sie auf die nächste Erfolgsstufe ab. Jedenfalls kann man dabei eine rosarote Brille, die die Wirklichkeit verwischt, aufsetzen. Oder die Welt mit pragmatischem Blick als Zuschauer verfolgen und das warme Gefühl der Überlegenheit gegenüber der übrigen Welt in der Seele bewahren.
Geben Sie zu, dass die ganze Welt nicht unbedingt ein Gewissen hat, das zu allen und zu jedem passt. Es gibt kein gemeinsames Gewissen, wie es auch keine gemeinsame Freiheit gibt. Die Menschheit ist nicht bereit, Hosen von einer einzigen Fasson zu tragen oder Tabak der gleichen Sorte zu rauchen. Auch ist das Gewissen letztlich kein Blumenstrauß zum Geburtstag oder kein Eis zum Dessert, um mit diesem Geschenk jedem einen Gefallen zu tun. Der eine ist allergisch gegen Blumen, der andere mag kein Eis. Es reicht vollkommen aus, wenn sich das Gewissen beim kleineren Teil der nachdenklichen Bevölkerung des Planeten wohlfühlt. Die anderen müssen erst noch die Lebensweisheit beherrschen und denken lernen. Wenn es ihnen gelingt und wenn sie den Willen besitzen, können sie ihr begrenztes Gehirn zur Lösung einer sehr schweren Aufgabe heranziehen. Ist das möglich, ohne Gewissen zu leben? Und dann: Wie?
Diese schwere Aufgabe muss unbedingt jeder für sich beantworten. Nicht für die anderen, sondern für sich selbst.
Jeder von uns möchte seinen Körper mit irgendeinem Kleidungsstück bedecken. Nein, nicht mit irgendeinem, sondern lieber mit einem guten, bequemen und modernen. Stimmen Sie mir zu, dass es unangenehm ist, sich in der Welt der Angezogenen nackt zu zeigen? Nicht jeder kann in der gesamten Buntheit der Kleider unbemerkt seine eigene Nacktheit offenbaren. Erlauben können sich dies nur diejenigen, die die anderen nicht sehen wollen, während sie sich nur im Spiegel des eigenen Wohlstandes sehen. Des eigenen persönlichen Egoismus’.
Kleider sind ein markantes Beispiel.
Im Gegensatz zum Gewissen, das man nicht unbedingt zur Schau stellen muss.
Nicht allen zeigen muss.
Bei dem man sich mit seiner Einstellung nicht großtun muss.
Das Gewissen ist viel intimer als Kleidung oder sogar Sex.
So, wie man über die Schönheit seiner Partnerin vielleicht mit einem Vertrauten diskutiert – es ist aber noch keinem in den Sinn gekommen, mit jemandem die Unbequemlichkeiten des eigenen Gewissens zu besprechen. Das ist das Gleiche, wie über seine Intelligenz zu sprechen – ein unhöfliches und oftmals auch wenig angenehmes Thema. Es ist ein höchst umstrittenes und wenig erforschtes Gebiet.
Genau deswegen verbleibt das Thema des Gewissens beim Gewissen eines jeden Einzelnen.
Es lieber nicht bewegen.
Am besten das Wort so selten wie möglich laut aussprechen.
Diese Lebensweisheit ist es, die meine Auftraggeber mich rückblickend lehrten...
Kapitel 1 Das enthüllte Gemälde
An einem heiteren Herbsttag kam ich zusammen mit meinem Vater und Lehrer, Nikolaj Lwowitsch, ins Studio, um dort vor dem Besuch eines weiteren Auftraggebers etwas Ordnung zu schaffen. Es würde eine Dame kommen, und Frauen sind besonders anspruchsvoll, was Unordnung im Studio angeht. Wir räumten schon immer zusammen auf. So war es bei uns von Anfang an üblich, seit dem gemeinsamen Leben unter einem Dach.
Während ich mit großer Sorgfalt die bunten Farbtuben in der Schublade ordnete, ging Nikolaj Lwowitsch zu der Wand gegenüber. Er befreite zwei schöne alte, auf dem Flohmarkt spontan von uns gekaufte Sessel von abgelegten Sachen und stellte sie in die Mitte des Zimmers auf den richtigen Platz. Fünf Minuten später wurde mir bewusst, dass von ihm kein einziger Ton herüberkam. Totale Stille. Merkwürdig. Ich drehte mich unwillkürlich in die Richtung, in die sich der Vater begeben hatte. Er stand schweigend und mit festem Blick vor dem Porträt meiner Großmutter Alina. Sein Rücken schien angespannt.
„Hast du etwas auf dem Porträt entdeckt, das es dort nicht gibt?“
Dabei lachte ich über meine absurde Vermutung. Nikolaj Lwowitsch aber zuckte nach meinen Worten heftig zusammen. Seine Schultern zogen sich schlagartig nach oben, fielen dann aber sofort wieder hinunter. Irgendetwas Unerwartetes und Merkwürdiges war geschehen. Als er sich zu mir drehte, sah ich seine entsetzt blickenden Augen, die entweder voller Angst oder voller Fragen waren.
„Antoscha, mein Sohn, du hast hier doch nichts hinzugemalt?“
Seine Stimme klang seltsam heiser und verzweifelt.
„Natürlich nicht. Wozu? Die Arbeit ist fertig und ich bin damit ganz zufrieden. Was ist denn los? Warum stehst du so komisch? Du sprichst so rätselhaft ...“
„Komm bitte her, Antoscha. Näher.“
Ich stellte den Karton mit den Farben zur Seite und machte ein Dutzend Schritte zur Wand, vor der der Vater stand. Ich fand die Situation ein wenig erheiternd, daher verzogen sich meine Lippen zu einem unfreiwilligen Lächeln. Ich kam näher und blickte schweigend auf das Bild. Wandte für eine Sekunde meinen Blick zur Seite, starrte aber sofort wieder begierig darauf. Mein Lächeln verschwand im selben Augenblick. Unvermittelt änderte sich die Stimmung, und mir lief ein Schauder über den Rücken.
Читать дальше