"Lass uns jetzt bitte allein!" sagte der Vermummte zu dem anderen. Der sah ihn einen Augenblick finster an und fast glaubte Djurko schon, er würde ihm widersprechen, doch dann nickte er. Er beugte sich hinter Djurko und löste ihm die Handschellen, was diesen sehr überraschte. Er fragte sich, wie viel Bestechung wohl nötig gewesen war, damit man ihm die Schlüssel überlassen hatte? Dann ging der Fremde zur Tür und klopfte. Als die Riegel einen Augenblick später zurückgezogen wurden und die Tür danach geöffnet, schlüpfte er wortlos nach draußen.
"Also gut!" sagte der Vermummte, nachdem die Tür wieder verschlossen und verriegelt war, schob sich beide Ärmel seines Umhangs in die Höhe und legte damit seine Unterarme frei. Während Djurko seine Handgelenke rieb, starrte er auf die Kapuze, doch mehr als ein paar Schemen konnte er noch immer nicht erkennen. "Ihr seid sehr mutig!" sagte er dann.
"Warum?"
"Dass ihr hier allein mit mir bleibt!"
Djurko hörte ein leises Lachen. "Solltet ihr etwas Anderes im Sinn haben, als den Deal, wird euer Tod so sein, wie der eurer Opfer!"
"Und das wäre?"
"Qualvoll!"
Djurko sah sein Gegenüber mit säuerlicher Miene an, dann nickte er. "Wir haben uns verstanden!" sagte er.
"Gut!" Der Vermummte schien zufrieden. "Dann einen Moment bitte!" Er ballte seine Hände zu Fäusten.
Djurko schaute abwechselnd auf die Kapuze und auf die Unterarme des Fremden, konnte aber auch nach fast einer Minute noch immer nichts erkennen. Was soll der Scheiß! dachte er sich. "Passiert da auch irgendwann mal was?"
Der Vermummte stöhnte leise, aber schmerzhaft auf. "Moment noch!" Dann atmete er hörbar aus. "So, jetzt!"
Djurko sah in die Kapuze, dann senkte er seinen Blick auf die Unterarme - und war sogleich ziemlich geschockt, als er sehen konnte, wie sich direkt unter der Haut des Mannes wurmähnliche Ausbuchtungen zeigten, die gespenstisch umher schlängelten. Er stöhnte erstickt auf. "Was zum Teufel…?" Er betrachtete die unheimlichen Gebilde, war aber sofort auch fasziniert von ihnen. "…ist das?"
"Ich hatte gehofft, ihr könntet mir das sagen!?" erklärte Kuja, halb hoffnungsvoll, halb zweifelnd.
"Hm!" brummte Djurko, betrachtete die Würmer eingehend, dann nahm er Kujas rechten Unterarm sanft mit der linken Hand auf. Mit dem rechten Zeigefinger näherte er sich einem der Würmer und versuchte, darüberzustreichen. Doch sobald er ihn berührte, schlängelte er davon und verschwand in Kujas Körper. "Okay…es fühlt sich ziemlich weich an, allerdings…!" Er verstummte und wiederholte die Prozedur mit dem gleichen Ergebnis. "Hm…!" Djurko schien zu überlegen. "Wie lange habt ihr das schon?"
"Etwa vier Wochen!" erklärte Kuja wahrheitsgemäß. "Ich weiß auch, wo ich es herhabe...!"
"Und woher?"
"Ich war im Tandorini-Gebirge klettern und habe dort eine Höhle entdeckt. Als ich sie erkunden wollte, habe ich mich an einem merkwürdigen Stein geschrammt und mir eine Schnittwunde zugezogen!" Das war zwar nicht die Wahrheit, kam ihr aber schon ziemlich nahe. "Dabei muss es passiert sein!"
"Woher wisst ihr das?"
"Ich hatte ziemliche Schmerzen, als die Wunde verheilte. Außerdem habe ich diese… Dinger einen Tag später das erste Mal entdeckt. Direkt an der Wunde!"
"Okay!" Djurko nickte. "Ich verstehe!" Er überlegte. "Wisst ihr noch, wo diese Höhle zu finden ist?"
"Nein!" Kuja schüttelte den Kopf. "Leider nicht!"
"Schade!" Djurko verzog die Mundwinkel. "Wir hätten den Stein finden können. Das hätte die Sache sicherlich einfacher gemacht!"
"Tut mir leid!"
"Na ja, was nicht ist, ist eben nicht!" Djurko betrachtete nochmals die Würmer, dann sah er Kuja direkt an. "Wollt ihr wirklich wissen, was das ist?"
"Ja!" Kuja nickte. "Natürlich!"
"Dann…!" Djurko atmete einmal tief ein. "…werde ich euch wehtun müssen!"
Kuja zögerte einen Moment, dann nickte er. "Okay!"
Djurko schien zufrieden. "Ich brauche ein Messer!" Er sah Kuja mit großen Augen an.
Langsam zog Kuja seines aus dem Gürtel und reichte es ihm. "Ihr wisst, was ich euch gesagt habe?"
Djurko grinste breit. "Keine Sorge. Wenn ich euch hätte töten wollen, wärt ihr es längst!" Er nahm das Messer an sich. Dann hielt er seine linke Hand dicht über Kujas linken Unterarm. "Achtung jetzt!" sagte er. "Nicht bewegen!" Er verfolgte konzentriert die Bewegungen der Würmer und fixierte schließlich einen der größeren an, der sich relativ ruhig verhielt. "Nicht…bewegen!" sagte er nochmals, dann drückte er Daumen und Zeigefinger an beiden Seiten des Wurms tief in Kujas Haut und drückte sie gleichzeitig kräftig zusammen. Dadurch gelangten sie unter den Wurm und drückten ihn fest gegen die Unterseite der Haut. Das Vieh begann sofort, sich zu wehren, doch war es quasi eingeklemmt. "Jetzt wird es wehtun!" sagte Djurko und schon hatte er direkt über dem Wurm einen etwa zwei Zentimeter langen Schnitt ausgeführt. Die Haut öffnete sich und der Wurm kam zum Vorschein. Dunkelgrün, fast schwarz und schleimig. Kuja stöhnte erschrocken auf. Djurko aber nahm das Messer, stach schnell und präzise in die Mitte des Wurms, drehte die Klinge dann seitlich weg und hebelte ihn damit quasi mit einem schmatzenden Geräusch aus Kujas Körper. "Hab dich!" sagte Djurko, griff am Knauf um und donnerte die Spitze dann in den Metalltisch, sodass das Messer tatsächlich aufrecht stecken blieb. Der Wurm, bei dem nicht zu erkennen war, wo sein Kopf war, zappelte umher, doch war er gefangen. Eine gelbliche Flüssigkeit sickerte aus der Wunde.
"Eklig, was?" Djurko grinste schief. "Aber…!" Er betrachtete den Wurm eingehend. "…interessant!" Dann aber setzte er sich wieder aufrecht, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Und?" fragte Kuja ungeduldig, während er sich die kleine Schnittwunde mit einem sauberen Tuch verband. "Wisst ihr, was das ist?"
"Nein!" Djurko schüttelte den Kopf.
"Was?" Kujas Stimme klang ein wenig verzweifelt.
"Na ja…!" fügte Djurko an. "Zumindest bin ich mir nicht sicher. Ich habe so etwas Ähnliches schon einmal gesehen, aber…da waren die Würmer lange nicht so groß und…!"
"Und was?"
"Der Infizierte sah sehr viel schlechter aus, als ihr es tut!" Djurko schüttelte den Kopf.
"Was heißt das?"
"Mein Patient hatte sich damals ebenfalls eine Schnittwunde zugezogen und sich dabei mit einem Virus infiziert, der Larven in seinem Körper gebildet hat. Sie sahen aus, wie Würmer und haben sich von seinem Fleisch und seinen Organen ernährt. Nach zwei Wochen schon sah er aus, wie eine lebende Leiche. Vier Wochen - so wie ihr - hätte er niemals überlebt!"
"Larven?" Kuja sah ihn ziemlich geschockt an. "Fleisch?"
Djurko nickte. "Ja. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch auf euch zutrifft, wenngleich sich natürlich die Frage stellt, wovon sie sich ernähren, wenn nicht von euch?" Er verzog die Mundwinkel. "Auf jeden Fall aber fürchte ich, dass die Zeit drängt!"
"Was? Wieso?" Kuja sah ihn mit großen Augen an.
"Das sind Larven!" Djurko fixierte Kujas Blick. "Und Larven haben die Eigenschaft, sich zu verpuppen!"
"Verpuppen? Und dann?"
Doch Djurko schüttelte mit ernster Meine den Kopf. "Das wollt ihr nicht wirklich wissen! Auf jeden Fall werdet ihr das nicht überleben!"
"Dann tut etwas dagegen!"
Djurko blickte nachdenklich. "Ich müsste ein paar Tests durchführen, einige Untersuchungen machen!"
"Und dann würdet ihr herausfinden, was mir fehlt?"
Djurko nickte. "Natürlich!"
"Und könntet ein Heilmittel herstellen!?"
Bevor Djurko antwortete, musterte er sein Gegenüber einen Moment. "Möglicherweise!" sagte er dann.
"Okay!" Kuja nickte mehrmals bedächtig. "Mehr kann ich nicht erwarten!" Unvermittelt hob er seine Hände an und schlug seine Kapuze zurück.
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