»Schnell, Abu! Hol etwas Benzin!«, herrschte Jack ihn an.
»Sofort, ›Sidi‹!«
Keine fünf Minuten später kam er mit einem der beiden Reservekanister Benzin angelaufen.
Sally folgte ihm auf dem Fuße. Auch sie musste ein Grinsen gewaltsam unterdrücken.
»So helfen Sie doch endlich!«, schrie der Dicke. »Wollen Sie etwa, dass mich diese Biester bei lebendigem Leibe auffressen?«
»Sie haben vielleicht einen sonnigen Humor!«, fuhr Jack ihn an. »Erst versuchen Sie, uns durch ihre Kumpane umbringen zu lassen, und nun sollen wir bei Ihnen die barmherzigen Samariter spielen, wie?« Jack half seine Schwester dabei den Körper des Mannes mit Benzin einzureiben. Der Dicke brüllte dabei, als würde er am Spieß über offener Flamme geröstet. Doch dann ergriffen die Ameisen die Flucht und das Geschrei des Mannes ließ nach. Mühevoll und benommen kam er auf die Beine.
»Haben Sie uns nichts zu sagen, Monsieur?«, fuhr ihn Sally in reinstem Schulfranzösisch an.
Der ›Levantiner‹ 53sah die drei mit seinen wasserblauen Augen an, die wie Froschaugen unter seinen wulstigen Brauen hervorquollen. Hass glomm darin und Furcht. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen? Warum belästigen Sie mich?« Seine Stimme kippte vor Erregung über.
»Sie hatten verdammt große Eile, von hier fortzukommen, nachdem Sie feststellen mussten, dass wir Ihre Handlanger gut empfangen haben!«
»Ich warne Sie, Hemsworth! Wenn Sie, Ihre Schwester und Professor Atkins irgendwo in unserem Lande unruhig leben wollen, dann sind › Niniveh ‹ und Mossul die richtigen Orte für Sie!«
»Manifique! Manifique, Monsieur!«, spottete Jack und sah den Drohenden kaltblütig an. »Ich bin es inzwischen gewohnt auf Kaktusstacheln zu schlafen!«
»Nun hören Sie mir einmal zehn Sekunden genau zu, Hemsworth!« Der Blick des Dicken richtete sich auf Sally, die dicht vor ihn getreten war. Der ›Levantiner‹ sah unmittelbar in das Gesicht der Frau, deren Bruder bisher alle ihre Pläne durchkreuzt hatte. »Was wollen Sie von mir, s’il vous plait? Ich bin Kaufmann und …«
»… handeln mit geschmuggelten Waffen!«, fiel sie ihm ins Wort. »Das Sonderdezernat in Mossul ist höllisch daran interessiert, die Drahtzieher und Waffenlieferanten der rebellischen Banden zu erwischen.« Sie wandte sich an ihren Bruder. »Was meinst du, Jack, sollen wir Kommissar Dschiluwi einen Tipp geben?«
»Ist vielleicht keine schlechte Idee«, erwiderte Jack. »Ihn könnten wir dabei gleich abliefern.«
Ohne jede Vorwarnung glitt Jacks Rechte mit schnellem Griff in das Jackett, dass der Dicke wieder übergezogen hatte. Als er sie wieder herauszog, hielt er eine prallgefüllte Brieftasche in der Hand.
Der Dicke griff nach ihr. Geifer stand ihm vor dem Mund. Seine Hände öffneten sich zu Krallen, die bereit waren, sich zu tödlicher Umklammerung um Jacks Hals zu schließen. Doch ein Schlag auf das Brustbein warf ihn drei Schritte zurück.
»Sie wollen anscheinend nicht verstehen, dass wir es ernst meinen«, zischte Jack gefährlich. »Nun, wenn einer von der Bande des › Alten vom Berge ‹ will, dass es uns schlecht geht, dann soll er nur kommen. Ihnen aber möchte ich eines zur Warnung mit auf den Weg geben. Wir haben Ihre Papiere und könnten sofort nach Mossul zurückfahren und den Kommissar benachrichtigen, der dann innerhalb weniger Stunden das Waffenlager aushebt. Aber daran sind wir nicht interessiert. Haben Sie das verstanden?« In Jacks Augen blitzte es gefährlich auf. »Woran wir interessiert sind, ist, dass Sie und Ihresgleichen uns in Ruhe lassen, bis wir hier unsere Arbeit erledigt haben. Wenn Sie das tun, soll es uns gleich sein, was Sie machen. Sollten Sie es aber nicht, werden wir Mossul verständigen, Monsieur!«
»Glauben Sie nur nicht, dass Sie lebend nach Mossul kommen würden. Auch ihre Mitarbeiter haben die Stadt nicht erreicht.« Der Dicke lachte höhnisch. Er schien die Bösartigkeit förmlich aus allen Poren zu schwitzen.
Jack stieß ihm den Lauf des Maschinengewehrs unsanft in den Rücken. »Geben Sie mir nur einen Grund Sie zu töten und ich werde es liebend gern tun! Und jetzt vorwärts! Los!«
Sie gingen den Weg zum Heiligengrab hinauf. Als sie die Laubhütte erreichten und der Dicke seine beiden Kumpane sah, die dort am Packard angebunden saßen, stieß er einen Fluch aus.
Jack gab Abu und Atkins einen Wink. Von links und rechts traten sie an den Dicken heran und hielten ihn fest.
Gleich darauf schleiften sie ihn zu einer Palme und drückten ihn hinunter, so dass er auf seinem breiten Hintern zum Sitzen kam. Dabei brüllte er animalisch herum. In dem vergeblichen Versuch, seine Kumpane heranzurufen, schrie er, bis er, blaurot angelaufen, erschöpft aufgeben musste. »Das werden Sie mir büßen!«, heulte er. »Der › Alte vom Berge ‹ wird euch alle vernichten. Wir werden euch vierteilen, wir … wir …«
Zu mehr kam er nicht, denn Jack stopfte ihm ein Taschentuch in den Mund, dass er in der rechten Jackentasche des Mannes gefunden hatte. Eine Sekunde sah er den Dicken noch an, dann wandte er sich Atkins zu. »Sieh ihn dir an, John, diesen schmierigen Waffenschmuggler. Auf sein Konto kommen alle Morde, wenn auch nur unmittelbar. Dieses Häufchen Elend ist einer der Drahtzieher. Warum er sich hier raufgewagt hat, ist mir schleierhaft.«
»Für eine Weile wird er keine Schönheitskonkurrenz mehr gewinnen, Jack«, schmunzelte der Professor und ging auf den Packard zu. »Wir müssen so schnell wie möglich fort. Hör zu, Abu, weißt du, wo wir mit einiger Sicherheit den Einbruch der Dunkelheit abwarten können?«
Abu nicke und legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen. »Wir müssen die beiden auch an Palmen binden«, sagte er und deutete auf die am Wagen sitzenden Banditen.
Die Arbeit war schnell erledigt und ihre Sachen schnell im Wagen verstaut.
»Wir fahren nach ›Dar-es-karam‹«, erklärte Abu leise, kaum dass der Professor den Motor des Packard gestartet hatte.
»Na, dann los. Nichts wie weg, bevor die Bande in Kompaniestärke kommt. Um die Kerle hier werden die sich schon früh genug kümmern.«
Sally und Jack schwangen sich auf die hinteren Sitze. Atkins löste die Bremse, wendete den Wagen und schon rollte er wieder durch den Schluchtweg nach unten – hinein in die Abenddämmerung.
Während Abu dem Professor die Weisungen gab, wie er zu steuern hatte, durchforschte Jack das Dickicht links und rechts des Weges. Er war bereit, beim geringsten Anzeichen einer Gefahr zu feuern.
Doch diesmal hatten sie Glück. Niemand zeigte sich. Als sie die Schlucht hinter sich hatten und den dunklen Umriss der ›Sargonsburg‹ halblinks von sich erkannten, atmeten sie erleichtert auf.
Sie folgten dem Lauf des wiederauftauchenden Schlangenbaches. Durch ein Felsgewirr, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben schien, lotste Abu den Packard in eine kleine Schlucht. Kurz darauf nahm sie eine waagerecht in den Felsen hineinführende Höhle auf.

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