»Ich werde direkt zum ›Mutasarrif‹ gehen, ›Sidi‹.«
Professor Atkins klemmte sich hinter das Steuer des schwarzen Packard und steuerte ihn um den Hügel. Abu hatte neben ihm Platz genommen, während Jack sich zu Sally nach hinten gesetzt hatte und sein Maschinengewehr schussbereit hielt. Er war fest entschlossen, auf das kleinste Anzeichen einer Feindseligkeit hin von der Waffe Gebrauch zu machen und ihrer aller Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Hier gab es nur eine Alternative, denn das hatte die Bande schon bewiesen: Sie oder wir!
Doch es geschah nichts. Der Burghügel, den sie jetzt zwischen sich und ihre Verfolger gebracht hatten, deckte sie. Sie fuhren so weit im Schutz des Hügels nach Norden und dann nach Nordosten, bis ein mit Büschen bestandenes weites Tal sie aufnahm. Tamarisken und Wacholder hatten den Weg, der nicht viel mehr als ein ausgetretener Pfad war, völlig überwuchert. Halbrechts von ihnen erhob sich über der niedrigen Höhe des Tales die dunkelgrüne Wand einer Dattelpalmen-Oase.
»Dies ist das ›Tal der Sklaven‹, ›Sidi‹«, erklärte Abu. »Hier lagerten die Männer, die ›Sargon‹ damals zum Bau seiner Burg benötigte.«
Links von ihnen erhoben sich ein paar Felsen, und als das niedrigere Felsband zu ihrer Rechten sich plötzlich höher hinaufschob, befanden sie sich in einer Schlucht, die sich sacht in die Höhe schwang.
»Die Hitze ist kaum auszuhalten«, stöhnte Sally. »Die Wände scheinen förmlich zu kochen.«
Glühend heiß stach die Sonne in die Schlucht hinunter. Nach rechts hinüberblickend, erkannte sie eine Gruppe scharlachroter und fast schwarzer Blumen, die sich fantastisch von dem dicht dahinter beginnenden Grüngürtel abhoben.
»Ist dort unten Wasser?«, wollte Jack wissen. Er deutete auf den Grüngürtel hinüber.
»Ja. ›Der kleine Fluss der Schlangen‹, ›Sidi‹. Er biegt hier in einer großen Schleife nach Südwesten ab und verschwindet dort hinter dem Burghügel«, erwiderte Abu. »Hinter der Burg kommt er wieder zutage und fließt in den Tigris.«
Die von der Sonne verbrannten Hügelkuppen links und rechts von ihnen waren vielleicht vierzig Yards hoch. In jähem Ansturm hatte das vom Wasser hervorgezauberte Grün von der Schlucht Besitz ergriffen. Wasser und Wärme hatten dieses Tal zu einer grünen Oase gemacht.
Immer noch führte der Weg bergauf und Atkins musste das Gaspedal voll durchtreten. Langsam schob sich der Packard hinauf. Ein gewaltiger Maulbeerbaum beschattete rechts von ihnen eine Fläche von zwanzig Yards im Durchmesser.
Steil stand die Sonne über ihnen. Wie flüssiges Gold fielen ihre Strahlen auf sie herunter.
Der rechte Vorderreifen des Packards rutschte in eine Vertiefung hinein. Der Motor brummte unter der Kraftanstrengung. Eine armlange Schlange wand sich mit verblüffender Schnelligkeit über den Pfad und verschwand im Gebüsch.
Einige Sekunden liefen die Räder ins Leere. Dann fassten sie wieder. Ruckartig schoss der Packard aus dem Loch heraus.
Das Dröhnen des Motors ließ Vögel aufflattern, die sich in den Schatten des dichten Grünstreifens am Bach vor der Glut der unbarmherzigen Sonne in Sicherheit gebracht hatten.
Aus dem ›Röhricht‹ 34, tiefer im Hintergrund der Schlucht, erklang ein Maunzen.
»Leoparden!«, flüsterte Abu mit zitternder Stimme.
Jack sah Atkins fragend an. Der Professor steuerte den Packard jetzt nach halblinks herum, wo sich ganz überraschend eine Seitenschlucht öffnete, in die er nun hineinfuhr. Ab jetzt entfernte sich der Wagen mit jedem Yard weiter von der ›Sargonsburg‹.
»Abu hat recht, Jack«, antwortete Atkins auf Jacks unausgesprochene Frage. »Hier könnten Sie tatsächlich auf Jagd gehen, wenn wir … ja, wenn wir Zeit dazu hätten.«
Atkins konzentrierte sich auf die Strecke vor ihm. Immer noch ging es bergauf. Der Weg machte einen Knick. Dann tauchte über ihnen die runde Kuppel eines Heiligengrabes auf, die halb von Büschen und Bäumen vergraben war.
Als sie das Plateau erreichten, sahen auch Sally und Jack, dass hier die Schlucht zu Ende war. Sie befanden sich auf dem Kamm des Hügels, in den sich die Seitenschlucht eingeschnitten hatte. Das mit Felsgeröll übersäte kleine Plateau wurde nach Norden und Nordosten von den Seitenwänden des Hügels überstiegen. Sie schützten den Platz vor den rauen Stürmen.
Hinter dem Heiligengrab stellte Professor Atkins den Packard ab, und sie stiegen aus. Sally und Jack erblickten die Überreste eins antiken Bauwerks.
»Das ist ein Wachturm. Er stammt noch aus ›Sargons‹ Zeit«, erklärte der Professor.
»Suchen wir erst einmal den Boden nach Spuren ab«, schlug Jack vor.
So eifrig sie auch suchten, sie fanden nicht die geringste Spur. Hier konnte seit Tagen kein Mensch mehr gewesen sein.
Aufatmend ging er mit seiner Schwester zum Wagen zurück. Sie sahen, dass Abu schon dabei war, sich den Proviantsäcken zu widmen und einiges daraus vor sich auf eine Felsplatte zu legen.
»Ein kräftiger Schluck würde mir guttun!« Jack nahm eine Flasche aus dem Sack. »Nun, Professor, wie wäre es mit einem kleinen Schluck? Wasser ist in den Schläuchen, falls Sie nicht für pure harte Sachen sind.«
»Oh, ›Sidi‹, das ist ›haram‹ 35. Alkohol tut Ihnen nicht gut«, bemerkte Abu, kaum das Jack die Flasche in der Hand hielt.
»Er hat recht, Jack. Whisky ist verdammt schlecht für diese Gegend!«, stimmte Sally zu. »Er ist überhaupt schlecht für alle Gegenden des Globus. Gib die Flasche her!«
Jack entzog die Flasche mit einer geschickten Körperdrehung seiner zufassenden Schwester.
»Weiß ich ja, Sally«, grinste er. »Und deshalb muss das Zeug auch vernichtet werden.«
Kopfschüttelnd war Professor Atkins zu ihnen getreten. Er griff in seine Hemdtasche und betrachtete mit einem Anflug von Wehmut die zerkrümelte filterlose Zigarette, während sich Jack einen Schluck Whisky direkt aus der Flasche genehmigte.
»Sie vereinen wohl alle Untugenden der Welt auf einmal, was?«
»Schon möglich, Professor«, erwiderte Jack. »Aber es tut verdammt gut. Jetzt noch eine Zigarette, dann ist alles wieder gut!«
Jack angelte seine Schachtel aus der Jacke, klappte sie auf und nahm eine Zigarette heraus. An der Steinplatte riss er ein Streichholz an und sog gleich darauf genießerisch den Rauch ein.
»Sie sollten sich das Rauchen abgewöhnen, Jack.«
»Aber Sie rauchen doch auch, Professor? … Es ist schwer, sich so etwas abzugewöhnen.«
»Ach was, schwer! Wenn man etwas will, ist gar nichts schwer«, überging der Professor seine Tabak-Leidenschaft. »Diese Willensschwäche der heutigen Jugend! Verdammt, da sind wir alten Hasen doch noch ganz andere Kerle. Nichts ist leichter, als sich das Rauchen abzugewöhnen. Sehen Sie mich an … Ich mache das schon seit dreißig Jahren.«
Verblüfft starrte Jack den Professor an. Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
»Verstehe, Professor! Es liegt an der Sonne!«
»Jetzt halten Sie aber mal die Luft an, junger Mann«, empörte sich Atkins, »sonst bekommen Sie von mir persönlich Ihre dritte Kopfnuss!«
»Hört sofort auf! Beide!«, mischte sich Sally ein. »Es gibt anderes, das jetzt wichtiger ist! Bevor wir gleich etwas essen, sollten wir nachsehen, ob die Luft rein ist!«
»Ich übernehme das, Sally«, nickte Jack.
»Dann nehmen Sie mein Fernrohr mit.« Atkins reichte es ihm.
Das Maschinengewehr in der einen Hand und das Fernrohr in der anderen, entfernte sich Jack und kletterte in die Höhe. Er hatte seine Schwächephase überwunden und fühlte sich jetzt wieder deutlich frischer.
Sallys, Atkins und Abus Blicke folgten dem Emporkletternden.
Geschickt nahm Jack die Hindernisse. Die Leichtigkeit, mit der er Yard um Yard emporstieg, war verblüffend. Der blonde Schopf verschwand über ihnen im Gewirr der Zacken und Schrunden.
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