»Während der Freilegung des ›Halzi‹- und ›Adad‹-Tores fand man zahlreiche Skelette der gefallenen Verteidiger«, fuhr Atkins fort. »Am Palastrelief sind noch weitere Spuren der Eroberung sichtbar …«
»Die Eroberer haben die Gesichter ›Sanheribs‹ und ›Assurbanipals‹ absichtlich beschädigt. Damals war das ja durchaus üblich Bilder aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Erinnert an ausgekratzte Pharaonennamen aus Kartuschen.« Sally war in ihrem Element.
»Genau so üblich war es damals auch, dass gefangene feindliche Könige am Tor von › Niniveh ‹ zur Schau gestellt wurden«, ergänzte Atkins.
Immer wieder war Jacks Blick während der Unterhaltung über das Heiligengrab hinweggegangen. Er sah das Farnkraut, das aus dem Mauerwerk herauswuchs. Die niedrigen Zwergpappeln, die das Grab im Viereck umstanden, schimmerten silbrig.
Die Stille auf der Höhe schien vollkommen zu sein. Und in dieser Stille, die nur durch die Geräusche der Essenden, Sallys Fragen und den Ausführungen des Professors gestört wurde, erschienen die Ereignisse, die sie vor wenigen Stunden erlebt hatten, einfach unglaubhaft.
»So, das reicht bis heute Abend«, durchbrach die sonore Stimme Atkins das inzwischen eingetretene Schweigen. Er griff in die Hemdtasche und holte einen Zwilling der verkrumpelten Zigarette hervor. Nachdem er den Tabak entzündet hatte, lehnte er sich gewaltig paffend zurück.
»Aber, aber!« Jack schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Das wird Sie umbringen, Professor! Diese Zigaretten! Mit etwas Willenskraft wäre doch viel erreicht.«
»Ich zerreiße Sie noch in der Luft, Jack«, drohte Atkins und Sally konnte sich eines Lachens nicht erwehren.
»Wie wäre es denn, wenn wir nun eine kleine Wacheinteilung vornehmen, Professor, damit die übrigen ausruhen können. Sie werden doch …«
»Zuerst werde ich böse, wenn ihr mich weiterhin siezt, als würden wir uns das erste Mal sehen. Ich heiße John!«
»Nun gut, Prof … John! … Ich übernehme die erste Wache. Es ist gleich zwei Uhr nachmittags. Ich bleibe bis vier Uhr dort unten, wo die Seitenschlucht in die Hauptschlucht einbiegt. Bei Gefahr komme ich sofort zurück. Sollte das nicht mehr gehen, gebe ich einen kurzen Feuerstoß aus dem Gewehr ab.« Er sah Abu an. »Die zweite Wache übernimmt Abu, die dritte du, John. Sally bleibt hier.« Er warf seiner Schwester einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete, und fuhr fort: »Danach wird es auch Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Glaubst du, dass wir es in einer Nacht schaffen werden, John?«
»Bestimmt, Jack!«, nickte der Professor. »Die Erdwand kann höchstens noch zwei Yards dick sein.«
»Nur zwei Yards? Na, das sollten wir gemeinsam mit Abu spielend schaffen, oder?«
»Ich bin auch noch da, Jack!«, maulte Sally, die sich wie aus dem Spiel genommen fühlte.
»Verzeih, Sally«, lenkte er ein.
Jack nahm noch einen Schluck aus der Flasche, ehe er im Gewirr des Bewuchses verschwand. Kopfschüttelnd blickten Sally und Atkins ihm nach.

Kapitel 12
›Niniveh ‹,
Burgwachturm, auf dem Plateau der Ruine
V
or einer halben Stunde war Jack von seiner Wache zurückgekommen. Lang ausgestreckt, die zusammengerollte Jacke unter den Kopf geschoben, hatte er es sich im Schatten bequem gemacht, während sich Sally für sich und den Professor noch etwas ›Keschreh‹ zubereitete. »Entweder sind die Waffenschmuggler so dämlich, dass sie die Spuren des Packards nicht gefunden haben, oder sie haben sich aus dem Staub gemacht, John.«
»Vielleicht wollen sie uns nur in Sicherheit wiegen, Jack?«, meinte Sally.
»Mag sein. Und sobald wir in die Burg zurückkehren, fallen sie über uns her.« Mit einem freundlichen Kopfnicken nahm der Professor das Glas entgegen, das ihm Sally reichte.
Jack schüttelte den Kopf. »Das würde nur Sinn machen, wenn sie deine Helfer stoppen, John«, gab er zu bedenken. »Schließlich hätten wir ihnen ja einen Brief an Dschiluwi oder an den Präfekten mitgegeben können.«
»Verdammt«, entfuhr es dem Professor. »Dass ich daran nicht gedacht habe. Was, wenn die Schmuggler sie aufgehalten haben?«
»Dann ist daran nichts mehr zu ändern«, erwiderte Sally ernst. »Uns bleibt nur übrig zu warten.«
»Ein netter Trost!«, seufzte Atkins. »Gut … warten wir … Als ich den Keilschrifttext fand, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass sich mir solche Hindernisse in den Weg stellen.«
»Wie bist du überhaupt darauf gekommen, dort am Oberlauf des Tigris nach diesem Text zu suchen?«, wollte Sally von ihm wissen.
»Das war ganz einfach, Sally. Sie wollen es wirklich hören?«
Sally nickte heftig.
»Also gut … Paul-Emile Botta, ein französischer Archäologe, gelang es im Jahre 1844, ›Niniveh‹ anzustechen …, wenn ich mich einmal so ausdrücken darf. Er war es auch, der die ›Sargonsburg‹ ausgrub und aus der Bibliothek des Königs ganze Ladungen von Keilschrifttexten nach Frankreich schaffen ließ.
Diese Texte behandelten fast ausnahmslos die Feldzüge ›Sargons des Jüngeren‹. Einer der Texte jedoch beginnt mit der Schatzaufzählung ›Sargons‹, und bricht nach dem Nennen, der im Palast befindlichen Reichtümer und Statuen plötzlich im Anfang des Berichtes über die geheime Schatzkammer des Königs ab.«
»Laut Ferdinand Justi, einem deutschen Orientalisten – ich habe sein Buch ›Geschichte des alten Persiens‹ gelesen – gibt es dazu aber eine Angabe in einer armenischen Überlieferung«, lächelte Sally wissend. »Ich kann es nicht zitieren, doch inhaltlich hieß es in etwa: Und ›Sargon‹ kam mit einem Heere, wie eine Wolke von Heuschrecken über die Hauptstadt der ›Nairi‹ und ›Szirti‹. Er nötigte dem König in dessen Festung ›Chubuskia‹ einen Tribut ab, und die Männer der verbündeten Fürsten wurden deportiert. König ›Ullussun‹ durfte hingegen gegen eine Verdoppelung des Tributs auf seinem Thron bleiben. Danach eroberte er ›Musasir‹ und die Schatzkammer der ›Ursana‹: an die 700 Maultiere, 200 Schafe, gewebte feine Stoffe, mehrere Minen Gold. Er soll auch über 8000 Menschen versklavt haben. 45«
»Sie erstaunen mich, Sally«, gab Atkins zu. »Sie müssen eine brillante Studentin gewesen sein.«
»Mich würde interessieren, woher du wissen willst, dass der fehlende Text ausgerechnet im Tigris liegt«, meldete sich Jack.
»Das ist einfacher, als ihr euch das vorstellt. Ich besorgte mir Bottas fünfbändiges Werk 46über seine Ausgrabungen und quälte mich hindurch. Es enthält übrigens alles Wissenswertes über › Niniveh ‹.«
»Aha! Ich gebe zu Botta nicht gelesen zu haben«, gab Jack von sich. »Und wie geht es nun weiter?«
»Nun, ich fand dort eine Aufzeichnung über die Sendung von Keilschrifttexten, um die es mir geht. Ich las, dass in den reißenden Wassern des Flusses seinerzeit außer einem Floß mit Skulpturen auch eines mit Keilschrifttafeln untergegangen ist. An der Beschreibung konnte ich mit einiger Sicherheit die Untergangsstelle ausmachen. Und dort begann ich mit Hilfe eines Landsmannes, eines Marinesoldaten und Helmtauchers, zu suchen, bis wir die in Fellsäcken steckenden Tafeln gefunden hatten.«
»Konntest du auf den Tafeln noch etwas entziffern?«, erkundigte sich Sally gespannt.
»Die Ziegel sind gebrannt, Sally. Das macht die eingekerbte Schrift unverwüstlich.«
Читать дальше