»Warum isst du nichts?«, fragte Michael Kober seinen alten Herren, während er sich hungrig eine große Portion Gemüse auf seinen Teller lud.
»Ich glaube, ich habe den kalten Cocktail zu schnell getrunken«, gab sein Vater leise zur Antwort und hielt sich dabei eine Hand auf seinem Bauch. »In meinem Alter sollte man doch etwas vernünftiger sein…« Er sah blass aus, und seine Augen schauten gequält in die Runde. Seiner Mutter machte der Zustand ihres Gatten schon einige Minuten länger Sorgen. Dann ging alles furchtbar schnell. „Ich glaube mir wird übel“, stöhnte Kobers Vater plötzlich und schwankte gefährlich, als er sich aus seinem Stuhl erheben wollte. „Lass dir helfen! Du bist ja kreidebleich“, bemerkte seine Frau, und mit einem leichten Schubs bugsierte sie ihn zurück in seinen Stuhl. „Michael Kober erschrak, als er in das fahle Gesicht seines Vaters blickte. Alle Warnungen ignorierend versuchte dieser erneut aufzustehen um zu der im hinteren Teil des Restaurants gelegenen Toilette zu gelangen. Er wankte, klammerte sich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Instinktiv ließ Kober sein Besteck fallen, sprang auf um ihm zur Hilfe zu eilen. »Vorsicht«, rief er und riss einen Teller mit sich. Aber es war schon zu spät. Der angeschlagene Mann sackte seitlich weg und schlug hart auf dem steinernen Terrassenboden auf.
»Oh Gott!« Fassungslos hatte Kobers Mutter den Zusammenbruch ihres Gatten miterlebt Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und schrie: »Einen Arzt! Wir brauchen einen Arzt«. Blut sickerte aus einer Wunde am Kopf des Gestürzten und bildete eine langsam größer werdende Lache. Michael Kober war einen Moment lang wie gelähmt, so schnell hatte sich alles abgespielt, doch dann besann er sich schnell auf seine Erste-Hilfe-Ausbildung. Mit sicherem Griff brachte er seinen Vater in die stabile Seitenlage. Einer seiner Angestellten rief unterdessen eine Kollegin hinzu, eine ehemalige Krankenschwester, die sich sogleich daran machte die blutende Kopfwunde notdürftig zu versorgen. Der alte Mann röchelte, und sein Körper wurde von starken Krämpfen geschüttelt, sein Puls war schwach, und der Hotelchef machte sich schwere Vorwürfe. War es ein Fehler gewesen, seine betagten Eltern hierher zu holen? Er hatte sie immer wieder bedrängt, ohne dabei ihr hohes Alter zu berücksichtigen. Nun hoffte er, dass es sich nur um ein Kreislaufproblem handelte. Hektisch suchte er nach seinem Handy und wählte die Nummer eines im Ort ansässigen Arztes, der stets zur Stelle war, wenn einer seiner Gäste medizinische Hilfe benötigte.
»Gibt es hier denn keinen Krankenwagen?« In Frau Kobers Augen stand die pure Verzweiflung.
»Mutti wir sind nicht in Europa!«. Er nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten, noch einen Zusammenbruch konnte er jetzt nicht gebrauchen. »Der Arzt ist schon unterwegs, mach dir keine Sorgen.«
Katharina Waldmann
Parikia, Paros
Katharina sah Angelikí schon von weitem, wie sie ihr vom Oberdeck ungestüm zuwinkte, als die Blue Star Naxos sich scheppernd der großen Kaimauer in Parikia näherte. Es war kurz vor zwölf am Mittag und die Kommissarin hatte vom ersten Stock des Polizeigebäudes die Fähre kommen sehen, wie sie majestätisch Kurs auf die Inselhauptstadt nahm. Ein lautes Tuten der Schiffssirene kündigte das Anlegemanöver an. Sie war zu Fuß zu der nahe gelegenen Anlegestelle gegangen, um ihre einstige Kollegin persönlich in Empfang zu nehmen. Freudig winkte diese ihr zurück. Angelikí war immer schon ein Geheimnis für sich, allein durch ihre Arbeit in der Gerichtsmedizin, aber diesmal hatte sie noch geschickter als sonst die Spannung bei Katharina hochgeschraubt. Es gab wohl einige Neuigkeiten und die Kommissarin war voller Erwartungen. Das ganze Wochenende hatten sie Zeit zum Quatschen, nur sie beide und der Wetterbericht sah fabelhaft aus. Auch einen Strandbesuch hatten sie eingeplant. Im September war das Wasser angenehm warm, und an den Stränden ging es wieder etwas geruhsamer zu als in den heißen Sommermonaten Juli und August.
Angelikí sah total verändert aus, bemerkte Katharina, als ihr die schlanke Gerichtsmedizinerin aus dem dunklen Bauch des Schiffes entgegenkam. »Ich glaub es nicht, das ist nicht die Angelikí, die ich kenne!« Sie umarmte ihre langjährige Kollegin und Freundin. »Mein Gott siehst du gut aus, bei welcher Typberatung bist du denn gewesen?« Sie blickte sie von oben bis unten an und staunte. Angelikí löste sich aus der Umarmung, trat einen Schritt zurück und drehte sich keck einmal um ihre eigene Achse.
»Gefällt es dir?« Sie deutete auf ihre Frisur. Der frische Kurzhaarschnitt und ihre modische Kleidung ließen sie um Jahre jünger aussehen.
»Cool, einfach nur cool! Du siehst spitze aus. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch noch zum Frisör gegangen. Ich wirke jetzt neben dir wie eine alte Schachtel.« Katharina griff sich in ihr vom Wind zerzaustes Haar und lachte.
»Nun lass mal gut sein, meine starke Frau Kommissarin. Bei mir wurde eine Typveränderung ja höchste Zeit und nun…« Angelikí strahlte wie ein Honigkuchenpferd, die Komplimente taten ihr erkennbar gut.
»Ein neuer Lover?« unterbrach Katharina ihre Kollegin. »Ich habe da so eine Vermutung nach deinen geheimnisvollen Andeutungen. Oder steckt da vielleicht etwas Anderes dahinter?« Sie lachte laut los und blinzelte.
»Alles zu seiner Zeit.« Die dunkle markante Stimme von Angelikí klang mystisch, und sie spannte ihre Freundin geschickt weiter auf die Folter. »Jetzt lass uns erst einmal hier raus aus dem Trubel.«
»O.K., ich kann es kaum erwarten. Komm erst mal mit ins Büro, später fahren wir zu mir.«
Sie hatte sich bereits umgedreht und war zielstrebig in Richtung ihrer Dienststelle losgegangen, vorbei an ein paar Touristen, die von zahlreichen Griechen mit den Angeboten ihrer Unterkünfte umworben wurden. Angelikí folgte ihr leichten Schrittes den kleinen Schalenkoffer hinter sich herziehend.
Xenia, gerade in einem Gespräch mit der Bezirksverwaltung auf Syros, beendete sofort ihr Telefonat mit dem Hinweis später noch einmal durchzurufen. Auch sie hatte sich auf den Besuch aus Athen gefreut. »Aha, die Grand Dame des Verbrechens. Schön dich wieder einmal hier begrüßen zu dürfen«, empfing sie Angelikí. »Und diesmal ganz privat, so ganz ohne Mord.« In ihrem Gesicht spiegelte sich eine leichte Unsicherheit, es lag wohl daran, dass die Medizinerin so verändert aussah. Ohne zu fragen schenkte sie den beiden Frauen ein Glas kaltes Wasser ein.
Die Athenerin nahm einen Schluck, lächelte zurück, bevor sie mit ihrer rauen Stimme entgegnete: »Ja, kaum zu glauben, aber ich bin tatsächlich ganz privat hier, und wollen wir mal hoffen, dass es auch dabei bleibt«.
Gut gelaunt zogen sich die drei Frauen auf die großzügige Terrasse im ersten Stock des Gebäudes zurück. Lautes Gelächter ließ in keinster Weise vermuten, dass sie sich in einem Polizeirevier befanden. Bislang hatte die Sekretärin mit der Medizinerin immer nur dienstlich zu tun gehabt, zum ersten Mal als es den Mord an Jannis Kostatidis, dem Kellner aus dem Aliportas, aufzuklären galt und zu Ostern im letzten Jahr, als ihr Team von der Spurensicherung zu einem mysteriösen Todesfall im alten Hafen von Náoussa gerufen wurde. Bei diesen beiden Einsätzen hatte sie Katharinas Mannschaft mit ihren Technikern von Athen aus unterstützt und sich durch ihr couragiertes Auftreten großen Respekt verschafft. Xenia hing an den Lippen der Kollegin aus der Mordkommission in Athen, sie war fasziniert und gleichzeitig verängstigt, wenn diese ein paar spektakuläre Szenen aus ihrem Arbeitsleben mit rauer Stimme preisgab. »Mein Gott, ich könnte nachts nicht mehr schlafen. Das ist ja furchtbar!«, entglitt es ihr mehrfach. Trotzdem hätte sie noch stundenlang den schaurigen Geschichten zuhören können.
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