Im Zuge der Umbaumaßnahmen von ihrem Gästehaus hatten sie sich auch Gedanken über ein neues Trinkwasserversorgungskonzept gemacht, zumal sie jetzt Touristen zu versorgen hatten und ihnen hygienisch einwandfreies Wasser zur Verfügung stellen mussten. So standen sie vor der schwierigen Entscheidung, entweder das Gehöft an das öffentliche Versorgungsnetz anzuschließen, oder in eine eigene autarke Wasseraufbereitung zu investieren. Nach reiflicher Überlegung hatten sie sich für Letzteres entschieden, zumal auch mehr und mehr durchsickerte, dass die öffentliche Trinkwasserversorgung auf den Kykladen in Kürze privatisiert werden sollte. Als dann noch der Vertreter der Firma OsmoTec einige Referenzen aufweisen konnte, war das Projekt besiegelt und wurde als eine der ersten Baumaßnahmen umgesetzt. Das war bereits im letzten Jahr erfolgt, und Louis war nach einer umfangreichen Schulung in der Lage, die Umkehrosmose-Anlage zu bedienen. Sie waren zufrieden mit ihrer Entscheidung, und bisher hatte es keinerlei Ausfälle gegeben. Die letzte Wartung bescheinigte ihnen einen einwandfreien Betrieb der Anlage, und das erwarteten sie auch von der zweiten Wartung, die in dieser Woche durchgeführt werden sollte. Die Module waren ausschließlich für die Hausversorgung ausgelegt, für die Bewässerung des großen Gartens und der Olivenhaine hatten sie ja noch den Anschluss an die alte Zisterne.
Das neu verlegte weitreichende Bewässerungssystem für den Garten hatte vier Verteiler, von denen jeweils kleinere Leitungen in die verschiedenen Bereiche der Anpflanzungen führten. Systematisch lief er von unten beginnend die einzelnen Verteilerstationen ab und musste schnell feststellen, dass an beiden unteren Knotenpunkten nur ein schwaches Rinnsal tröpfelte. Sophia hatte also Recht und demnach musste die Ursache wohl weiter oberhalb liegen, überlegte Georgios, während er schnell ein paar Tomaten und Gurken abpflückte, auf die Sofia bestimmt schon ungeduldig wartete. Aber auch die Überprüfung der oberen Verteiler brachte ihn nicht weiter, also konnte es eigentlich nur an dem großen Zwischenspeicher liegen, der bestimmt nur neu befüllt werden musste.
Kurzerhand lief er zu dem großen kreisförmigen Deckel, welcher einen Zugang zu dem unterirdischen Tank zuließ, und holte sich einen Maulschlüssel aus dem nahe gelegenen Geräteschuppen, um die schwere Stahlklappe zu öffnen. Er löste die vier großen Schrauben und klappte schwerfällig den Deckel nach oben. Mit Hilfe eines langen Stabes konnte er recht schnell erkennen, dass tatsächlich der gesamte Tank leergelaufen war, was zunächst für ihn kein größeres Problem darstellte. Jetzt kannte er die Ursache und musste nur noch den großen Schieber öffnen, um den Zwischentank mit frischem Wasser aus der alten Zisterne neu zu befüllen. Das würde eine ganze Weile in Anspruch nehmen, aber dann hätte er wieder genügend Wasser für die nächsten Monate. Geschwind holte er den klobigen Vierkant aus dem alten Schuppen.
Es wurde langsam heiß und er begann zu schwitzen, als er mit Kraft begann den verrosteten Schieber aufzudrehen. Ächzend drehte er Umdrehung um Umdrehung und der Spalt des schweren Ventils wurde langsam größer, während Georgios auf das zischende Geräusch des einströmenden Wassers wartete.
Doch es tat sich nichts, selbst als er den Absperrschieber vollständig geöffnet hatte, hörte er nur ein leichtes Glucksen, keine Spur eines rauschenden Wasserschwalls. Georgios wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Verdammt, hier musste etwas anderes vorliegen, was außerhalb seines Grundstückes lag. Vielleicht führte man gerade Wartungsarbeiten durch und hatte nur kurzfristig die Wasserversorgung unterbrochen, dachte er, als er ansetzte das schwergängige Ventil wieder zu schließen. Er würde sogleich in Parikia bei der zuständigen Behörde anrufen um den Grund der Unterbrechung zu erfahren, jetzt musste er aber zunächst schnellstens zurück um Sofia das angeforderte Gemüse zu bringen.
Dezember 2012
Koh Samui, Provinz Surat Thani, Thailand
Michael Kober stand in der geschäftigen Lobby des Sun Flower Ressorts und winkte einen Kofferboy heran, der seinen Eltern bei dem Transport ihres Gepäcks behilflich sein sollte. Sie waren gerade eingetroffen, und er freute sich riesig, dass sie sich endlich einmal dazu durchgerungen hatten den Jahreswechseln bei ihrem Sohn auf Koh Samui zu verbringen. Gut gelaunt hatte er seine alten Herrschaften persönlich an dem liebevoll angelegten Inselflughafen abgeholt. Der lange Flug von Deutschland nach Bangkok mit anschließendem Weiterflug auf die Insel hatte das Ehepaar deutlich geschafft, und sie wollten sich zunächst etwas hinlegen, um sich von den Strapazen der langen Anreise zu erholen.
Fast ein Jahr war seit ihrem letzten Treffen vergangen, und Michael Kober hatte viel Zeit eingeplant, um ihnen seine Wahlheimat etwas näher bringen zu können. Irgendwie würde er das schon in seinem vollgestopften Terminkalender unterbringen, denn von Dezember bis Februar herrschte Hochsaison in Thailand, und in seinem Ressort gab es kein einziges freies Bett mehr. Die letzten Handwerker hatten wider allen Befürchtungen – Gott sei Dank – alle Renovierungsarbeiten fristgerecht abgeschlossen, sodass er sich jetzt voll auf das Wohlbefinden seiner Gäste konzentrieren konnte. Das gesamte Team war auf Spur, und sie hatten sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr bei den Hotelbewertungen mindestens eine 9,0 einzufahren, was für alle eine riesige Herausforderung bedeutete. So war dann auch die neue Trinkwasseraufbereitungsanlage pünktlich Ende November in Betrieb genommen worden, und seitdem konnten sie ihre Gäste mit frischem Wasser aus eigener Produktion versorgen. Daran hatte Michael Kober bis zuletzt nicht geglaubt, denn der Installationstermin war von Seiten der Firma OsmoTec mehrfach nach hinten verschoben worden. Es gäbe umfangreiche Umstrukturierungen, hatte man ihm per Mail mitgeteilt und alle Projekte wären um wenige Wochen verzögert. Diese Mitteilung traf den Hotelchef hart, hatte man ihm doch noch bei den Verkaufsverhandlungen fest zugesagt, bis Anfang Dezember mit allen Arbeiten fertig zu sein. Er hatte es sogar schriftlich und erst nach mehreren Telefonaten mit der Zentrale in Hamburg und der Androhung von dem Auftrag zurück zu treten, lenkte OsmoTec schließlich ein und man einigte sich auf den zugesagten Termin. Nun lief das Aggregat reibungslos, und der hoteleigene Haustechniker war nach einem zweitägigen Training in der Niederlassung in Bangkok auch in der Lage, die moderne Umkehrosmose-Anlage selbstständig zu bedienen. Stolz hatte ihm sein Mitarbeiter das während der Schulung erworbene Zertifikat präsentiert, das ihm eine erfolgreiche Teilnahme an der Fortbildung bescheinigte. Jedem gegenüber, der sich seinem neuen Spielzeug näherte, gab er dann auch gern das gelernte Fachwissen ungefragt zum Besten, so auch seinem Chef, der von technischen Anlagen wie dieser wenig verstand.
»Osmose basiert auf einem natürlichen Vorgang«, begann er, als würde er aus einem Lehrbuch vorlesen, und Michael Kober ahnte schon Schlimmes.
»Das weiß ich. Erklär mir ganz einfach, wie das Ding funktioniert!«, unterbrach er den Techniker daher sofort, für wissenschaftliche Referate hatte er weiß Gott keine Zeit.
»Pflanzen nehmen so über ihre Wurzelzellen Feuchtigkeit aus dem Boden auf«, setzte der allerdings unbeirrt seinen Vortrag fort. »Der gleiche Vorgang findet auch im menschlichen Körper statt und bewirkt einen Austausch von Stoffen über die Zellmembran.«
Kober nickte mechanisch, obwohl es ihn kein Stück interessierte. Naturwissenschaften hatte er schon in der Schule gehasst. »Hört sich ziemlich kompliziert an«, er schaute den Techniker ratlos an.
»Ist eigentlich ganz simpel.« fuhr der Angestellte begeistert fort. »Bei der Trinkwasseraufbereitung aus Meerwasser setzt man salzhaltiges Wasser einem Druck aus, sodass nur die Wassermoleküle über eine Membran austreten können und Verschmutzungen oder Salze wie zum Beispiel Natriumchlorid zurückgehalten werden.«
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