Die ersten dreißig Meter der Tachyonstrahlsendeanlage sind praktisch fertig. Techniker testen täglich ihre Zuverlässigkeit. Es wird natürlich nicht möglich sein, Tachyone zu erzeugen, bevor die gesamte Beschleunigerstrecke vollendet ist, aber die Zusammensetzung der einzelnen Teile des gewaltigen Systems ist von höchster Wichtigkeit, und Krug verbringt den größten Teil seiner Zeit am Turm, um die Tests zu überwachen. Farbige Lichter blitzen auf, Indikatorentafeln summen und pfeifen, Zahlen glühen auf, Nadeln zittern. Krug begrüßt jedes positive Resultat mit Begeisterung. Er bringt Scharen von Gästen zum Turm. In den letzten drei Wochen ist er mit Niccolò Vargas gekommen, mit seiner Schwiegertochter Clarissa, mit neunundzwanzig Mitgliedem des Kongresses, mit elf Führern der Industrie, mit sechzehn weltberühmten Vertretern der Künste. Das Lob für den Turm ist einstimmig. Selbst diejenigen, die ihn vielleicht innerlich für eine titanische Torheit halten, können ihre Bewunderung für seine Eleganz, seine Schönheit, seine Großartigkeit nicht verhehlen. Auch eine Torheit kann schön sein, und keiner, der Krugs Turm gesehen hat, wird es bestreiten. Noch gibt es viele, die es für eine Torheit halten, die Sterne wissen zu lassen, daß der Mensch existiert.
Manuel Krug ist seit Anfang November nicht am Turm gesehen worden. Krug erklärt dies damit, daß sein Sohn sich mit der komplizierten Organisation des Krug-Konzerns vertraut macht. Er übernimmt jeden Monat größere Verantwortung. Er ist schließlich der Erbe seines Imperiums.
Das letztemal, als ich zu Lilith ging, sagte sie, das nächstemal, wenn du kommst, laß uns etwas anderes machen, einverstanden?
Wir beide nackt nach der Liebe. Meine Wange auf ihren Brüsten.
Etwas anderes?
Nicht nur in der Wohnung sitzen. Einen Spaziergang machen als Tourist und Stockholm besichtigen. Das Androidenviertel. Sehen, wie die Leute leben, die Androiden. Die Gammas. Würdest du das nicht gerne tun?
Und ich sagte, ein wenig unsicher, warum sollte ich? Möchtest du nicht lieber die Zeit mit mir verbringen?
Sie spielte mit den Haaren auf meiner Brust. Welch ein Tier bin ich, so primitiv.
Wir leben so zurückgezogen hier. Du kommst, wir gehen miteinander ins Bett, du gehst. Wir gehen nie aus. Ich möchte, daß du mit mir ausgehst. Als Teil deiner Erziehung. Ich habe den Drang, Leute zu erziehen, wußtest du das, Manuel? Ihren Geist auftun für neue Dinge. Bist du je in einer Gammasiedlung gewesen?
Nein.
Weißt du, was das ist?
Ein Ort, an dem Gammas leben, nehme ich an.
Das stimmt. Aber In Wirklichkeit weißt du es nicht. Nicht bevor du dort gewesen bist.
Ist es gefährlich?
Nicht wirklich. Niemand wird Alphas in der Gammastadt belästigen. Sie machen sich manchmal einander das Leben schwer, aber das ist etwas anderes. Wir gehören der höchsten Kaste an, und sie halten sich von uns fern.
Ich sagte, einen Alpha werden sie vielleicht nicht belästigen. Aber wie ist es mit mir? Sie haben vielleicht etwas gegen menschliche Touristen.
Lilith sagte, sie würde mich verkleiden. Einen Alpha aus mir machen. Das hätte einen gewissen Reiz. Versuchung, Geheimnis. Es wäre vielleicht eine romantische Abwechslung für Lilith und mich, ein solches Spiel zu spielen. Ich fragte, werden sie nicht erkennen, daß ich nicht echt bin? Und sie sagte, sie betrachten Alphas nicht so genau. Sie haben eine anerzogene soziale Distanz. Gammas beachten diese Distanz, Manuel.
Gut, gehen wir in die Gammastadt.
Wir planten den Ausflug für die nächste Woche. Ich arrangierte alles mit Clarissa: Ich muß zum Mond, sagte ich, würde erst in zwei Tagen zurück sein. Kein Problem. Clarissa würde die Zeit mit ihren Freunden in Neuseeland verbringen. Ich frage mich manchmal, ob Clarissa irgend etwas ahnt. Oder was sie sagen würde, wenn sie alles wüßte. Ich bin versucht, zu ihr zu sagen, Clarissa, ich habe in Stockholm eine Androidin als Mätresse, sie besitzt seltene Qualitäten im Bett und einen phantastischen Körper, wie gefällt dir das? Clarissa ist keine Kleinbürgerin, aber sie ist empfindsam. Vielleicht fühlt sie sich überflüssig. Oder vielleicht sagt sie bei ihrer großen Liebe für die unterdrückten Androiden, wie nett von dir, Manuel, eine von ihnen glücklich zu machen. Ich habe nichts dagegen, deine Liebe mit einer Androidin zu teilen. Bring sie einmal mit zum Tee. Ich frage mich, wie sie sich verhalten würde.
Der Tag kommt. Ich gehe zu Lilith. Ich trete ein und sie ist nackt. Zieh deine Kleider aus, sagt sie. Ich lächle verlegen. Etwas plump. Gewiß. Gewiß. Ich ziehe mich aus und greife nach ihr. Sie macht einen kleinen Tanzschritt, und ich greife ins Leere.
Nicht jetzt, Dummkopf. Wenn wir zurückkommen. Wir müssen dich jetzt verkleiden.
Sie nimmt eine Spraytube. Sie stellt sie zuerst auf neutral ein und überdeckt die Spiegelplatte auf meiner Stirn. Androiden tragen so etwas nicht. Die Ohrläppchenpflöcke weg, befiehlt sie. Ich ziehe sie heraus, und sie füllt die Öffnung mit Gelatine. Dann beginnt sie, mich mit Rot einzusprühen. Muß ich meinen Körper rasieren, frage ich. Nein, sagt sie. Du wirst doch deine Kleider nicht in Gegenwart anderer ablegen. Sie färbt mich vollkommen ein mit einem mattschimmernden Rot. Ich sehe aus wie ein echter Android. Dann bedeckt sie mich von der Brust bis zu den Schenkeln mit einem Wärmespray. Es wird kalt draußen sein, sagt sie. Androiden tragen keine schweren Kleider. So, zieh dich an.
Sie reicht mir ein Gewand. Hochgeschlossenes Hemd, hautenge Hosen. Offensichtlich Androidenkleidung, und offensichtlich auch Alphastil. Legt sich an meinen Körper wie ein Trikot. Hoffentlich bekommst du keine Erektion, sagt sie. Du würdest dir die Hosen zerreißen. Sie lacht und streichelt mein Geschlecht.
Woher hast du die Kleider?
Ich habe sie mir von Thor Watchmann geliehen.
Hast du ihm gesagt, wofür du sie brauchst?
Nein, sagt sie, natürlich nicht. Ich sagte nur, ich brauche sie. Laß uns jetzt sehen, wie du aussiehst! Wunderbar, wunderbar! Ein vollkommener Alpha. Geh durchs Zimmer. Komm zurück. Gehe etwas stolzer. Bedenke, du bist das Endprodukt der menschlichen Evolution, die perfekteste Version des homo sapiens, die je aus einer Retorte gekommen ist, mit all den Stärken eines Menschen und ohne eine seiner Schwächen. Du bist ein Alpha… hm. Wir brauchen einen Namen, für den Fall, daß dich jemand fragt. Lilith denkt eine Weile nach. Alpha Leviticus Leaper, sagt sie. Wie heißt du?
Alpha Leviticus Leaper, sage ich.
Nein, wenn jemand dich fragt, sagst du Leviticus Leaper. Man kann sehen, daß du ein Alpha bist. Andere Leute werden dich Alpha Leaper nennen. Klar?
Klar!
Sie zieht sich an. Zuerst ein Wärmespray, dann eine Art von goldenem Netz über die Brüste bis hinunter zur Mitte der Sehenkel. Sonst nichts. Die Brustwarzen sind sichtbar durch die Maschen des Netzes. Auch unten ist nicht viel verborgen. Das entspricht nicht ganz meiner Vorstellung von Winterkleidung. Androiden müssen den Winter mehr genießen als wir Menschen.
Willst du dich selbst sehen, bevor wir gehen, Alpha Leaper?
Ja.
Sie wirft Spiegelstaub in die Luft. Nachdem die Moleküle sich geordnet haben, sehe ich mich in meiner ganzen Größe vor mir. Eindrucksvoll. Ein richtiger Alphastutzer, ein roter Teufel, der sich zurecht gemacht hat, auszugehen. Lilith hat recht. Kein Gamma würde es wagen, mich zu belästigen oder mir auch nur In die Augen zu schauen.
Gehen wir, Alpha Leaper! Machen wir einen Bummel durch die Gammastadt!
Wir gehen hinaus. Wir gehen bis zum Rand der City, schauen auf windgepeitschtes Wasser. Schaumkronen selbst im Hafen. Früher Nachmittag, doch bereits hereinbrechende Nacht. Eine schmutzige, graue Tageszeit, tiefhängende Wolken. Der trübe Schimmer von Straßenlaternen. Andere Lichter schimmern schmutzig an den Gebäuden oder schweben in der Luft: rote, grüne, blaue, orangefarbene, aufleuchtend und verlöschend, Beachtung heischend, ein Pfeil hier, das Zeichen einer Trompete dort. Erschütterungen. Dämpfe. Gerüche. Geräusche. Die Nähe vieler Leute. Ein Kreischen im grauen Zwielicht. Fernes Gelächter, gedämpft. Gesprächsfetzen dringen durch den Nebel:
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