Robert Silverberg - Kinder der Retorte

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Am Anfang war Krug
und er sprach: »Es seien Retorten«, und da waren Retorten.
Und Krug betrachtete die Retorten und fand sie gut.
Und Krug sprach: »Es seien Nukleotiden in den Retorten.« Und die Nukleotiden wurden in die Retorten gegossen, und Krug mischte sie, bis sie sich miteinander verbanden.
Und die Nukleotiden bildeten die großen Moleküle, und Krug sprach: »Es werde der Vater und werde die Mutter in den Retorten, und es teilen sich die Zellen, und Leben entsteht in den Retorten.«
Und es ward Leben, denn da war Reproduktion.
Und hierfür sei Krug gepriesen.

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»Nein«, sagte er. »Nie. Warum sollte ich? Was könnte ich dabei gewinnen außer Ärger?«

»Vergnügen«, erwiderte sie. »Krug schuf uns mit funktionalen Nervensystemen. Sex ist Vergnügen. Sex erregt mich. Es sollte auch dich erregen. Warum hast du es nie versucht?«

»Ich kenne keinen Alphamann, der es versucht hat oder überhaupt viel darüber nachdenkt.«

»Alphafrauen tun es.«

»Das ist etwas anderes. Ihr habt mehr Gelegenheit. Alle diese menschlichen Männer rennen hinter euch her. Menschliche Frauen rennen nicht hinter Androidenmännern her, ausgenommen vielleicht einige, die geistesgestört sind, nehme ich an. Und du kannst mit einem Menschen Geschlechtsverkehr ohne jedes Risiko haben. Ich aber werde mich nicht mit einer menschlichen Frau einlassen, nicht wenn jeder Mann, der glaubt, ich beeinträchtige seine Rechte, mich auf der Stelle zerstören kann.«

»Wie wäre es mit Sex zwischen Android und Androidin?«

»Wozu? Um Babys zu machen?«

»Sex und Fortpflanzung sind zwei ganz verschiedene Dinge, Thor. Das war schon immer so. Sex ist eine soziale Kraft. Ein Sport. Ein Spiel. Eine Art Magnetismus von Körper zu Körper. Es ist das, was mir Macht über Manuel Krug gibt.« Abrupt änderte sich der Ton ihrer Stimme, verlor seinen didaktischen Eifer, wurde weicher. »Willst du, daß ich dir zeige, was Sex ist? Lege deine Kleider ab.«

Er lachte nervös. »Meinst du das im Ernst? Willst du… das machen mit mir?«

»Warum nicht? Hast du Angst davor?«

»Sei nicht albern. Ich habe nicht erwartet… ich meine… es erscheint so widersinnig, daß zwei Androiden miteinander ins Bett gehen sollen, Lilith…«

»Weil wir Ersatzmenschen sind? Plastikwesen? Gegenstände?« sagte sie kalt.

»Das habe ich nicht gemeint. Wir sind aus Fleisch und Blut!«

»Aber es gibt bestimmte Dinge, die wir nicht tun dürfen, weil wir aus der Retorte kommen. Gewisse körperliche Funktionen bleiben für die Kinder des Leibes reserviert. Das meinst du doch?«

»Du unterstellst mir Anschauungen, die ich nicht habe.«

»Ich weiß, daß ich das tue. Ich will dich erziehen, Thor. Überzeugen. Du versuchst das Geschick einer ganzen Gesellschaft zu manipulieren und weißt nichts von einer der menschlichen Grundmotivationen. Komm, zieh dich aus. Hast du nie Verlangen nach einer Frau gefühlt?«

»Ich weiß nicht, was Verlangen ist, Lilith.«

»Wirklich nicht?«

»Wirklich nicht.«

Sie schüttelte den Kopf. »Und du denkst, wir sollten den Menschen gleichgestellt werden? Du willst wählen, Alphas in den Kongreß bringen, Bürgerrechte besitzen? Aber du lebst wie ein Roboter, wie eine Maschine. Du bist ein wandelndes Argument dafür, die Androiden an ihrem Platz zu belassen. Du ignorierst eine der wichtigsten Funktionen des menschlichen Lebens und sagst dir, diese Dinge seien nur für Menschen, Androiden hätten sich nicht darum zu kümmern. Ein gefährliches Denken, Thor. Wir sind menschlich. Wir haben Körper. Warum hat Krug uns Genitalien gegeben, wenn er nicht wollte, daß wir sie gebrauchen?«

»Ich stimme jedem Wort zu, das du gesagt hast, aber….«

»Aber was?«

»Aber Sex bedeutet mir nichts. Und ich weiß, das ist ein böses Argument gegen unsere Sache. Ich bin nicht der einzige Alpha, der so empfindet, Lilith. Wir reden nicht viel darüber, aber…« Er wich ihrem Blick aus. »Vielleicht haben die Menschen recht. Vielleicht sind wir eine mindere Rasse, künstlich durch und durch, nur eine organische Rasse von Robotern, gemacht aus Fleisch und…«

»Falsch. Steh auf, Thor. Komm her.«

Er ging auf sie zu. Sie nahm seine Hände und legte sie auf ihre nackten Brüste.

»Drücke sie«, sagte sie. »Sanft. Siehst du die Warzen, wie sie hart werden, sich aufrichten? Das ist ein Zeichen, daß ich auf deine Berührung reagiere. Das beweist mir, daß ich eine Frau bin, kein Roboter. Es ist die Art, wie eine Frau Verlangen zeigt. Was empfindest du, wenn du meine Brüste berührst, Thor?«

»Ihre Glätte, die kühle Haut.«

»Was fühlst du innerlich?«

»Ich weiß nicht.«

»Eine Beschleunigung deines Pulses? Spannungen? Ein Knoten in deinem Leib. Hier, berühre meine Hüfte, streichle mich. Fühlst du jetzt etwas, Thor?«

»Ich bin nicht sicher. Das ist mir so neu, Lilith.«

»Zieh dich aus«, sagte sie.

»Es erscheint mir so mechanisch auf diese Weise. So kalt. Soll Sex nicht vorbereitet werden durch Werbung, weiches Licht, Flüstern, Musik, Poesie?«

»Dann weißt du also doch ein wenig darüber«, lächelte sie.

»Ein wenig. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich kenne das Ritual, das Präludium.«

»Wir können das Präludium versuchen; hier, ich habe das Licht gedämpft. Nimm einen Drink, Thor. Nein, keinen Whisky, nicht für das erstemal. Etwas Leichtes. Gut so. Und hier ist ein wenig Musik. Zieh dich aus.«

»Du wirst doch niemand etwas davon sagen?«

»Wie du dich anstellst, Thor! Wem sollte ich es sagen? Manuel? Liebling, werde ich ihm sagen, Liebling, ich habe dich mit Thor Watchman betrogen!« Sie lachte frivol. »Es wird unser Geheimnis bleiben. Nenn es eine Lektion in Menschlichkeit. Menschen haben Sex, und du willst doch menschlicher sein? Ich werde dir helfen, den Sex zu entdecken.« Sie lächelte schelmisch. Sie zerrte an seinen Kleidern.

Neugierde packte ihn. Er fühlte den Alkohol in seinem Gehirn wirken, ihn in Euphorie versetzen. Lilith hatte recht: die Sexlosigkeit der Alphas war ein Paradoxon bei Leuten, die so heftig forderten, den Menschen gleichgestellt zu werden. Oder war Sexlosigkeit gar nicht so allgemein unter den Alphas, wie er dachte? Vielleicht hatte er, weil er mit den ihm von Krug gestellten Aufgaben so sehr beschäftigt war, es einfach vernachlässigt, seine Gefühle sich entwickeln zu lassen? Er dachte an Siegfried Fileclerk, der im Schnee neben Cassandra Nukleus weinte, und wunderte sich.

Seine Kleider fielen, Lilith zog ihn in die Arme.

Sie rieb ihren Körper langsam an seinem. Er fühlte ihre Schenkel auf seinen Schenkeln, die kühle gespannte Trommel ihres Leibs, der sich gegen den seinen preßte, die harten Knoten ihrer Brustwarzen, die sich an seiner Brust rieben. Er forschte in sich nach einer Spur von Reaktion. Er war unsicher über das, was er entdeckte, doch er konnte nicht leugnen, daß er die durch ihre enge Berührung ausgelösten Empfindungen genoß. Ihre Augen waren geschlossen. Ihre Lippen waren geöffnet, sie suchten die seinen. Ihre Zunge glitt zwischen seine Zähne. Seine Handflächen glitten ihren Rücken hinunter, und in einem plötzlichen Impuls vergrub er seine Fingerspitzen in die Hügel ihres Gesäßes. Liliths Muskeln spannten sich, und ihr Körper preßte sich stärker gegen ihn, beschleunigte seine reibenden Bewegungen. Das dauerte eine kurze Weile. Dann entspannte sie sich und rückte von ihm ab.

»Nun?« fragte sie. »Etwas gefühlt?«

»Es hat mir gefallen«, sagte er zögernd.

»Hat es dich erregt?«

»Ich glaube ja.«

»Es sieht nicht so aus.«

»Woher willst du das wissen?«

»Es würde sich zeigen«, sagte sie spöttisch lächelnd.

Er kam sich unmöglich, tölpelhaft und blöd vor. Er fühlte sich von seiner eigenen Identität abgeschnitten, unfähig, In den Thor Watchman zurückzukehren, den er kannte und verstand. Von dem Augenblick an, da er die Zuchtkammer verließ, hatte er sich älter, weiser, begabter, selbstsicherer als seine Mitalphas betrachtet: als einen Mann, der die Welt und seinen Platz begriff. Aber nun? Lilith hatte ihn in einer halben Stunde vollkommen verändert, ihn plump, naiv, närrisch… und impotent gemacht.

Sie legte ihre Hand auf sein Geschlecht. »Da dein Penis nicht steif geworden ist«, sagte sie, »war es offensichtlich nicht sehr erregend für dich, als ich…« Sie unterbrach sich. »Oh. Ja. Siehst du es jetzt?«

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