Krug entfernte sich eilig. Draußen, in der kalten Nachtluft kühlte sich seine Begeisterung ab. Einen Augenblick stand er ruhig da, genoß die schlanke, glitzernde Schönheit des Turms, der leuchtend vor dem schwarzen Hintergrund der dunklen Tundra stand. Er sah nach oben. Er sah die Sterne. Er ballte die Faust und schüttelte sie.
Krug! Krug! Krug! Krug!
Piep… Piep… Piep…
In die Transmatkabine. Koordinaten: Uganda. Am See Quenelle, sie erwartete ihn. Weicher Leib, große Brüste, geöffnete Schenkel. Ja! Ja! Ja! Ja! 2-5-1, 2-3-1, 2-1.
Im Glanz der fahlen Wintersonne marschierte ein Dutzend Alphas feierlich über den breiten Platz, der in Terrassen von der Vorderfront des Weltkongreßgebäudes in Genf abfiel. Jeder der Alphas trug einen Demonstrationsstrahler, jeder trug das Abzeichen der Androidengleichheitspartei. In den Ecken des Platzes standen Sicherheitsroboter bereit; die gedrungenen schwarzen Maschinen würden sofort vorwärtsrollen und lähmende Nervenstrahlenbündel schleudern, wenn die Demonstranten irgendwie von dem Programm abwichen, das sie beim Pförtner des Kongreßgebäudes eingereicht hatten. Doch es war höchst unwahrscheinlich, daß die Leute von der AGP etwas Unerwartetes taten. Sie überquerten den Platz einfach immer wieder, marschierten weder zu steif noch zu lässig, hielten ihre Blicke auf die über Ihnen schwebenden Holovisionskameras gerichtet. Von Zeit zu Zeit schaltete einer der Demonstranten auf ein Signal ihres Führers Siegfried Fileclerk seinen Demonstrationsstrahler ein. Aus der Düse des Strahlers stieg dann blauer Dampf bis zu einer Höhe von etwa zwanzig Metern auf, blieb dort hängen, verdichtete sich durch kinetische Verschmelzung zu einer kugelförmigen Wolke, auf der ein Text in großen goldenen Buchstaben aufleuchtete und langsam über ihre Oberfläche wanderte. Wenn die Worte die Wolke einmal umkreist hatten, löste sie sich auf, darauf gab Fileclerk dem nächsten Demonstranten das Signal, eine Botschaft aufsteigen zu lassen.
Obwohl der Kongreß nun seit Wochen tagte, war es unwahrscheinlich, daß einer der Delegierten in dem prächtigen Gebäude der Demonstration Beachtung schenkte. Sie hatten solche Demonstrationen schon zu oft gesehen. Die Absicht der AGP-Gruppe war es lediglich, die Leute von der Holovision zu veranlassen, die Demonstration aufzunehmen und den Zuschauern im Rahmen der Nachrichtensendungen zu übermitteln. Die Slogans lauteten:
GLEICHES RECHT FÜR ANDROIDEN!
VIERZIG JAHRE DER SKLAVEREI SIND GENUG!
IST KASSANDRA NUCLEUS UMSONST GESTORBEN?
WIR APPELLIEREN AN DAS GEWISSEN DER MENSCHHEIT!
FREIHEIT! GLEICHHEIT!
ANDROIDEN IN DEN KONGRESS!
DIE ZEIT IST GEKOMMEN!
AUCH WIR BLUTEN, WENN IHR UNS VERLETZT!
Thor Watchman kniete neben Lilith Meson in der Valhallavägen-Kapelle. Es war der Tag der Eröffnung der Zuchtkammern; neun Alphas waren anwesend, und Mazda Constructor, der der Übergängerkaste angehörte, leitete die Feier. Es war kein Ritual, das die Teilnahme eines Erhalters erforderte, und so spielte Watchman bei der Zeremonie keine besondere Rolle. Er wiederholte nur leise für sich selbst die Anrufungen der zelebrierenden Betas. Das Hologramm Krugs über dem Altar glitzerte und zuckte. Die Dreierbuchstabengruppen des genetischen Codes rundum an den Wänden schienen zu schmelzen und wirbelnd um ihn zu kreisen, als das Ritual sich seinem Höhepunkt näherte. Der Geruch von Wasserstoff hing in der Luft. Mazda Constructors Gesten, bis jetzt verhalten und innig, wurden ausladender, theatralischer.
»AUU GAU GGU GCU«, rief er.
»Harmonie!« sang der zweite.
»Wahrnehmung«, sagte Lilith.
»CAC CGC CCC CUC«, sang Mazda Constructor.
»Harmonie!«
»Einheit!«
»Leidenschaft«, sagte Lilith.
»UAA UGA UCA UUA«, rief der Übergänger.
»Harmonie!«
»Einheit!«
»Wille und Ziel«, sagte Lilith, und die Zeremonie war zu Ende. Mazda Constructor trat vom Altar zurück, erschöpft von der Erregung. Lilith berührte leicht seine Hand. Die Betas, offensichtlich dankbar, daß sie entlassen waren, verließen die Kapelle durch den Hinterausgang. Watchman erhob sich. Er erblickte Andromeda Quark in der hintersten, dunkelsten Ecke der Kapelle, die Gebete der Projektorkaste flüsternd. Sie war in sich versunken und schien niemand wahrzunehmen.
»Sollen wir gehen?« sagte Watchman zu Lilith. »Ich bringe dich nach Hause.«
»Nett von dir«, sagte sie. Ihre Teilnahme an der Zeremonie schien sie innerlich stark erregt zu haben; ihre Augen glänzten unnatürlich, ihre Brüste hoben und senkten sich unter ihrem dünnen Gewand, ihre Nasenflügel bebten. Sie verließen die Kapelle.
Während sie zu dem nächsten Transmat gingen, sagte er: »Ist die Personalanforderung in deinem Büro eingetroffen?«
»Gestern. Mit einer Notiz von Spaulding, ich solle sofort mit der Einstellung beginnen. Wo finde ich so viele ausgebildete Betas, Thor? Was geht vor sich?«
»Nichts weiter, als daß Krug uns immer härter bedrängt. Er ist besessen davon, den Turm zu vollenden.«
»Das ist nichts Neues«, sagte Lilith.
»Es wird schlimmer. Seine Ungeduld wächst täglich, sie beherrscht ihn immer mehr, wie eine innere Krankheit. Wenn ich ein Mensch wäre, würde ich diese Hast vielleicht verstehen. Er kommt jetzt zwei-, dreimal am Tage zum Turm, zählt die Stockwerke, zählt die neuverlegten Blockreihen. Hetzt die Tachyonenleute, sagt ihnen, sie sollen ihre Maschinen schneller installieren. Eine wilde Entschlossenheit ergreift von ihm Besitz, er schwitzt, er erregt sich leicht, stolpert über seine eigenen Worte. Jetzt verstärkt er die Arbeitstrupps, steckt weitere Millionen Dollar in das Unternehmen. Wozu? Wozu das alles? Und dann die Sache mit dem Raumschiff. Ich habe gestern mit Denver gesprochen. Weißt du, Lilith, daß er diese Fabrik das ganze letzte Jahr nicht beachtet hat und daß er sie jetzt täglich besucht? Das Raumschiff soll innerhalb von drei Monaten fertig sein für eine Interstellare Reise. Androidenbesatzung. Er schickt Androiden.«
»Wohin?«
»Dreihundert Lichtjahre weit.«
»Er wird doch nicht dich auffordern? Oder mich?«
»Zwei Alphas, zwei Betas und vier Gammas«, sagte Watchman. »Man hat mir nicht gesagt, wer dafür in Erwägung gezogen wird. Wenn er Spaulding entscheiden läßt, bin ich erledigt. Krug bewahre uns davor, dabeisein zu müssen.« Er wurde sich der Ironie seines Gebets bewußt und lachte, ein dünnes kicherndes Lachen. »Ja. Krug bewahre uns!«
Sie erreichten den Transmat. Watchman begann die Koordinaten einzustellen.
»Willst du für einen Augenblick mit hinaufkommen?« fragte Lilith.
»Gerne.«
Sie traten zusammen in den grünen Schein.
Ihre Wohnung war kleiner als die seine, lediglich ein Schlafzimmer, eine Kombination von Wohnzimmer, Eßzimmer und Küche. Man konnte sehen, daß eine größere Wohnung in mehrere kleine unterteilt worden war, angemessen für Androiden. Das Gebäude war ähnlich dem, in dem er wohnte: alt, abgenutzt, irgendwie Gemütlichkeit ausstrahlend. Neunzehntes Jahrhundert, schätzte er, obwohl die Ausstattung, die Stärke von Liliths Persönlichkeit reflektierend, ausgesprochen zeitgenössisch war: modern in den Boden montierte Möbel und winzige, zarte, freischwebende Kunstgegenstände. Watchman war nie zuvor in ihrer Wohnung gewesen, obwohl sie fast Nachbarn in Stockholm waren. Androiden, selbst Alphas, besuchten einander nicht in ihren Heimen; die Kapellen dienten als Treffpunkte für die meisten Gelegenheiten. Diejenigen, die nicht der Gemeinde angehörten, versammelten sich in AGP-Büros oder zogen die Einsamkeit vor.
Er ließ sich in einen federnden bequemen Sessel fallen.
»Möchtest du ein Stimulans?« fragte Lilith. »Ich kann dir alle Arten von angenehmen Stoffen anbieten. Tabak, allerlei Getränke, selbst Alkohol, Liköre, Kognak, Whisky.«
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