»Es geschah, als du mich berührtest.«
»Das ist nicht überraschend. Es gefällt dir also? Ja?« Ihre Finger bewegten sich kundig. Watchman mußte sich eingestehen, daß er diese Empfindung interessant fand, und daß dieses plötzliche Erwachen seiner Männlichkeit in ihren Händen ein bemerkenswertes Phänomen war. Doch er blieb außerhalb seiner selbst, ein distanzierter Beobachter, nicht mehr beteiligt, als wenn er eine Vorlesung über die Begattungsgewohnheiten der Centaurinen-Proteoiden anhörte.
Sie preßte sich wieder gegen ihn. Ihr Körper bewegte sich, glitt von einer Seite auf die andere, bäumte sich auf, erschauerte. Er legte seine Arme um sie, er glitt mit den Händen wieder über ihre Haut.
Sie zog ihn zu Boden.
Er lag über ihr, stützte sich mit Knien und Ellbogen ab, um nicht mit seinem vollen Gewicht auf ihr zu lasten. Ihre Beine umschlangen ihn; ihre Schenkel preßten sich gegen seine Hüften. Ihre Hand glitt zwischen ihre Körper, nahm sein Glied, führte es in Ihren Schoß. Sie begann ihr Becken zu heben und zu senken. Er erwiderte ihre Stöße, drang immer tiefer in sie ein, paßte sich ihrem Rhythmus an.
Das also ist Sex, dachte er.
Er fragte sich, wie eine Frau empfinden mochte, wenn etwas Langes und Hartes tief in ihren Körper gestoßen wurde. Offenbar genoß sie es; Lilith stöhnte und zitterte in einer Art von Entzücken. Doch es kam ihm seltsam, befremdend vor. Mit einem Teil seines Körpers in den einer Frau einzudringen, war es dies, was die Dichter besangen, war es dies, weswegen Männer Duelle ausgefochten und auf Königreiche verzichtet hatten?
Nach einer Weile sagte er: »Wie werden wir wissen, daß es vorüber ist?«
Ihre Augen öffneten sich. Er war nicht in der Lage zu unterscheiden, ob Wut oder Lust in ihnen funkelte. »Du wirst es schon merken«, antwortete sie, warf den Kopf zurück und lächelte.
Er machte weiter. Die Bewegungen ihrer Hüften wurden heftiger. Ihr Gesicht verzerrte sich, entstellte sich beängstigend, wurde fremd, beinahe häßlich; eine Art von innerem Sturm war losgebrochen und wütete in ihr. Alle ihre Muskeln schienen sich zu verkrampfen. Ihre Vagina schloß sich fest um seinen Penis und schien ihn in sich hineinsaugen zu wollen.
Plötzlich spürte auch er, wie sich die Muskeln seines Körpers unerträglich spannten. Sein Bewußtsein trübte sich, und er war nicht mehr in der Lage, die Wirkungen, die ihre Vereinigung in ihr ausgelöst hatte, zu registrieren. Er schloß die Augen. Er rang stöhnend nach Atem. Sein Herz hämmerte wild. Seine Haut glühte. Er drückte sie fester an sich, preßte sein Gesicht in die Grube zwischen ihrer Wange und ihrer Schulter. Eine Reihe von zuckenden Stößen schüttelte ihn.
Das war es also! Wie schnell die Ekstase dahinschwand! Er konnte sich jetzt kaum der mächtigen Empfindungen erinnern, die ihn vor wenigen Sekunden überschwemmt hatten. Er fühlte sich genarrt. War das alles? Wie die nach einem kurzen Aufwallen versickernde Brandung? Es ist überhaupt nichts, dachte Thor Watchman. Es ist ein Betrug.
Er löste sich von ihr.
Sie lag da mit nach hinten hängendem Kopf, die Augen geschlossen, der Mund schlaff; sie war schweißgebadet und sah blaß aus. Ihm war, als hätte er diese Frau nie zuvor gesehen. Einen Augenblick, nachdem er sich von ihr gelöst hatte, öffnete sie die Augen. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und lächelte ihn scheu an.
»Nun?« fragte sie.
»Was?« Er blickte sie nicht an.
»Wie fühlst du dich?«
Watchman hob die Schultern. Er suchte nach den richtigen Worten und konnte sie nicht finden. »Besiegt«, sagte er. »Müde. Leer. Ist das richtig? Ich fühle mich… leer.«
»Es ist normal. Nach dem Koitus ist jedes Tier traurig. Ein altes lateinisches Sprichwort. Du bist ein Lebewesen, Thor. Vergiß es nicht.«
»Ja, und ein müdes dazu.« Asche auf dem kalten Strand. Die Flut ist zurückgewichen. »Hast du es genossen, Lilith?«
»Konntest du es nicht sehen? Nein, ich nehme an, du hast es nicht gesehen. Ich habe es genossen. Sehr.«
Er legte seine Hand leicht auf ihren Schenkel. »Ich bin glücklich. Doch ich bin noch immer verblüfft.«
»Über was?«
»Über die ganze Sache. Über den Vorgang, die Reihenfolge der Ereignisse. Stoßen. Zurückziehen. Schwitzen. Stöhnen. Das Kitzeln in den Lenden, und dann ist es vorüber. Ich…«
»Nein«, sagte sie. »Du darfst die Sache nicht intellektuell betrachten. Nicht analysieren. Du mußt mehr erwartet haben, als wirklich dran ist. Es ist nur Spaß, Thor. Es ist das, was die Leute tun, um glücklich miteinander zu sein. Das ist alles. Das ist wirklich alles. Es ist keine kosmische Erfahrung.«
»Es tut mir leid. Ich bin nur ein dummer Androide, der nicht…«
»Sprich nicht weiter, Thor.«
Er begriff, daß er sie verletzte, indem er verneinte, durch Ihre Vereinigung überwältigt worden zu sein. Er verletzte sich selbst. Langsam stand er auf. Seine Stimmung war düster. Er fühlte sich wie ein leeres, im Schnee liegendes Gefäß. Er hatte einen winzigen Augenblick des Glücks empfunden, genau im Höhepunkt ihrer Vereinigung; doch war dieser Augenblick der Verzückung etwas wert, wenn ihm düstere Traurigkeit folgte?
Sie hatte es gut gemeint. Sie wollte ihn menschlicher machen. Er hob sie auf, zog sie wieder an sich, küßte sie flüchtig auf die Wange und sagte: »Wir werden es irgendwann noch einmal versuchen, willst du?«
»Wann immer du willst.«
»Es war sehr seltsam für mich, das erstemal. Es wird dann bestimmt besser gehen. Ich weiß es.«
»Es wird, Thor. Das erstemal ist es immer seltsam.«
»Ich denke, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.«
»Wenn du mußt.«
»Es ist besser. Aber wir sehen uns bald wieder.«
»Ja.« Sie berührte seinen Arm. »Und in der Zwischenzeit… werde ich verfahren, wie wir es besprochen haben. Ich nehme Manuel mit in die Gammastadt.«
»Gut.«
»Krug sei mit dir, Thor.«
»Krug sei mit dir.«
Er begann sich anzuziehen.
Und Krug sagte, es soll für euch immer dieser eine Unterschied bestehen.
Daß die Kinder des Leibes immer aus dem Leib kommen sollen und die Kinder der Retorte immer aus der Retorte. Und es soll euch nicht gegeben sein, Kinder aus euren Körpern hervorzubringen, wie es bei den Kindern des Leibes geschieht.
Und dies soll so sein, damit eure Leben nur von Krug kommen, daß Ihm allein der Ruhm eurer Schöpfung vorbehalten bleibt.
20. Dezember 2218
Mit seinen achthundert Metern macht der Turm einen überwältigenden Eindruck. Es ist unmöglich, sich diesem Eindruck zu entziehen: man tritt aus der Transmatkabine, bei Tag oder bei Nacht, und ist wie betäubt beim Anblick dieses in den Himmel stoßenden Speers aus leuchtendem Glas. Die Verlassenheit seiner Umgebung verleiht seiner Größe etwas Ehrfurchtgebietendes.
Der Turm hat jetzt die Hälfte seiner vorgesehenen Höhe überschritten.
In letzter Zeit ist es zu vielen, durch die Hast des Arbeitstempos verursachten Unfällen gekommen. Zwei Arbeiter fielen von der Spitze herab. Ein Elektriker, der beim Zusammenschweißen von Trennwänden einen Fehler machte, schickte einen Stromstoß durch die Kabel, die von fünf Gammas verlegt wurden. Sie waren auf der Stelle tot. Zwei aufsteigende Aufzüge kollidierten miteinander, wieder sechs Tote. Alpha Euklid Planners Gehirn wäre fast zerstört worden, als nach einer Stauung ein gewaltiger Strom von Entropiedaten durch den Hauptcomputer schoß, während er angeschlossen war. Drei Betas stürzten vierhundert Meter tief in den Innenschacht, als ein Gerüst zusammenbrach. Bei den Bauarbeiten sind schon mehr als dreißig Androiden ums Leben gekommen. Aber es sind Tausende am Turm beschäftigt, die Arbeit ist ungewöhnlich und gefährlich, und niemand betrachtet die Unfallrate als außergewöhnlich hoch.
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