»Kommen Sie her und probieren Sie. Sie werden es nicht bereuen;«
»Ausgezeichnet. Ich werde kommen und Freunde mitbringen. Wie nennen Sie sich, und wo befinden Sie sich? Diktieren Sie, ich notiere.«
Valja begab sich in das Restaurant, ohne in dem Gespräch mit der unbekannten Frau den Namen Musa Wladimirowna auch nur erwähnt zu haben. Er war im stillen zu dem Schluß gekommen, daß diese Frau auf keinen Fall Musa Wladimirowna sein könne, die hatte es, so mußte man annehmen, bis zur Großmutter noch weit.
Doch vorher fuhr Valja in die Verwaltung, der alle Moskauer Restaurants unterstehen, ging zu den Kaderleuten, stellte sich in aller Form vor und bat, ihm einen vorläufigen Ausweis zu geben, der ihn als Kaderinspektor legitimierte.
»Ich muß in zwei Bezirken etwas nachprüfen«, teilte Valja nebelhaft mit.
Die Kriminalmiliz ist nicht die OBChSS [1] Abteilung zur Bekämpfung von Vergehen an sozialistischem Eigentum
, und dieser Umstand wurde, wie Valja erwartet hatte, mit sichtlicher Erleichterung aufgenommen.
Dennoch fragte der Abteilungsleiter, zu dem Valja schließlich geschickt wurde, ein grauhaariger, fülliger, hochmütig aussehender Mann: »Haben Sie einen konkreten Verdacht?«
»Nein«, antwortete Valja kurz und zwinkerte mit seinen langen mädchenhaften Wimpern.
»Also gehen Sie aufs Geratewohl«, konstatierte der Dicke mehr, als daß er fragte, und schlug vor: »Wir können helfen, wenn's recht ist.«
»Schwerlich«, antwortete Valja.
»Ach, so ist das«, sagte der Dicke spöttisch. »Aber wir sind auch nicht von gestern, junger Mann. Ich, zum Beispiel, habe schon mit Menschen gearbeitet, als Sie sicherlich noch nicht auf der Welt waren. Ich rate Ihnen, nicht geringschätzig zu sein.«
Valja entgegnete kaltblütig: »Seien Sie so gut, halten Sie mich nicht auf.«
Der Dicke war wie vor den Kopf geschlagen. Er blickte Valja verwirrt und feindselig an und murmelte schließlich: »Nun, meinetwegen.«
Er unterschrieb eilig das Papier, das Valja vor ihn hingelegt hatte, lehnte sich im Sessel zurück und erklärte: »Ausnahmsweise. Nächstes Mal kümmern Sie sich rechtzeitig um ein spezielles Schreiben Ihrer Leitung. Ich wünsche Erfolg.« Er hatte die alte herablassende Selbstsicherheit zurückgewonnen.
»Ich danke Ihnen«, antwortete Valja höflich, als er das Papier nahm. »Nächstes Mal kümmere ich mich bestimmt darum. Alles Gute.«
Valja begab sich unverzüglich in das Restaurant, das sich keineswegs in dem Bezirk befand, den er in der Verwaltung genannt hatte. Er brauchte nicht weit zu fahren.
Es war bald Mittag, und Valja betrat mit sorgloser Miene das Restaurant. Er hatte beschlossen, sich zunächst einmal umzuschauen und vielleicht sogar zu essen. Warum auch nicht? Er kam ohnehin nicht jeden Tag zu einem Mittagessen! Das Restaurant wirkte unansehnlich, trotz seines prunkvollen Namens, der etwas ganz Überirdisches verhieß. Alles hier war langweilig, alltäglich, grau. Angeschmutzte Tischtücher, billige rosa Plastbecher für Papierservietten, trostlose, dunkel gemusterte Wände, geschmacklose Standardlüster, abgeschabte grüne Plüschvorhänge an den schmalen Fenstern.
Er mußte lange auf die Kellnerin warten, obwohl das Lokal halb leer war. Indessen konnte sich Valja akklimatisieren und ein wenig nachdenken. Wer mochte diese Musa Wladimirowna sein, eine Kellnerin? Wahrscheinlich. Dann hatten die zugereisten Kerle sie leicht kennenlernen können. Und sie hatte ihnen gleich ihre Telefonnummer gegeben und ein Treffen vereinbart? Das wunderte Valja nicht. Dergleichen war ihm nicht neu.
Endlich erschien die Kellnerin, dick, nicht mehr jung, schläfrig. Sie zog einen kleinen Notizblock aus der Tasche und stellte sich schweigend darauf ein, eine Bestellung zu hören.
»Erst einmal - guten Tag«, sagte Valja schmunzelnd.
»Guten Tag«, antwortete die Kellnerin gereizt. Und in demselben unliebenswürdigen Ton fragte sie: »Was wollen Sie essen?«
Valja musterte sie interessiert und sagte plötzlich: »Es ist langweilig bei Ihnen, stimmt's?«
»Was soll mittags hier schon los sein? Nehmen Sie dreihundert Gramm Kognak, dann wird's gleich lustiger.« Auf ihrem blassen schlaffen Gesicht erschien ein dreistes Lächeln.
»Und dann geh ich den Beschwerden auf den Grund«, sagte Valja seufzend.
Die Kellnerin stutzte. »Was für Beschwerden?«
»Die üblichen. Die bei uns in der Verwaltung einlaufen.«
»Natürlich! Die können immer bloß schreiben!« rief die Kellnerin empört. »Wissen Sie, was für'n Gelichter hier reinkommt? Für eine Kopeke trinken sie, verlangen aber eine Bedienung für hundert Rubel. Tun, als wären sie Barone von und zu, besonders, wenn sie 'ne Dame bei sich haben. Und wenn was nicht paßt, gleich schreiben sie. Sind alle mächtig schriftgelehrt heutzutage.«
»Dennoch ist unser Personal nicht immer Spitze«, bemerkte Valja belehrend. »Es fehlt an Selbstkritik.«
»An Nerven fehlt's!« brauste die Kellnerin auf. »Die Selbstkritik steht uns bis hier.« Sie führte die rundliche Hand zum Hals. Dann fragte sie neugierig: »Über wen hat man sich denn beschwert?«
»Darüber darf ich noch nicht sprechen«, antwortete Valja großspurig und griff nach der fleckigen Speisekarte. »Nun, was nehmen wir denn?« Er blickte zur Kellnerin auf. »Wie ist übrigens Ihr Name?«
»Katja. Lawotschkina...« Sie machte eine Pause, überwand sich und fragte: »Beschwert man sich zufällig auch über mich?«
Valja lächelte gutmütig. »Also meinetwegen, ich gebe Ihnen jetzt ein Dienstgeheimnis preis - über Sie nicht.«
»Oh, ich weiß, über wen«, Katja klatschte erfreut in die Hände. »Ganz genau. Bestimmt über Vera Woronina, nicht?«
»Nein.« Valja schüttelte geheimnisvoll den Kopf und stachelte sie damit zu neuen Mutmaßungen an.
»Dann Maria.«
»Auch nicht Maria.«
»Etwa Ljubka Spiridonowa?«
»Auch nicht Ljubka.« Valja lächelte und gab damit zu verstehen, daß er den Namen nicht nennen könne, aber nicht widersprechen werde, wenn Katja ihn erriete.
»Wen haben wir denn noch? Doch wohl nicht Musa? Mit der sind immer alle zufrieden.«
»Warum sind alle mit ihr zufrieden?« fragte Valja so gleichgültig wie möglich.
»Oh, die versteht's, man könnte neidisch werden.« Katja winkte ab. »Die macht es jedem recht. Jeden lächelt sie an. Muß das denn sein? Ich, zum Beispiel, kann das nicht. Und außerdem ist Musa hübsch. Das ist auch wichtig, wissen Sie.« Katja seufzte. »Ihr wird alles verziehen.«
»Ist sie Aktivistin der kommunistischen Arbeit?« erkundigte sich Valja sachlich.
»Klar. Und ins Betriebsgewerkschaftskomitee wurde sie auch gewählt.«
»Also beziehen sich die Beschwerden nicht auf Ihre Schicht«, schloß Valja und wandte sich wieder der Speisekarte zu. »Tja, was essen wir?«
»Bitte sehr«, reagierte Katja bereitwillig. »Als Vorspeise läßt sich Fisch organisieren. Wir haben Stör bekommen. Ganz frisch.«
»Aber auf der Speisekarte.«
»Lassen Sie mich nur machen«, unterbrach ihn Katja energisch. »Und dann Zunge.«
Kurz und gut, Valja kam zu einem überraschend guten Mittagessen, das ein großes Loch in sein Budget riß.
»Danke, Genossin Lawotschkina«, sagte Valja feierlich zum Schluß und ließ ihr das Wechselgeld. Dann ging er in das Zimmer des Direktors.
Dort traf er einen Mann in mittleren Jahren an, groß, braungebrannt, mit magerem Gesicht, dünner Adlernase und tiefen Geheimratsecken. Er trug einen modernen Anzug, ein schneeweißes Oberhemd und einen gestreiften Schlips. An seinem dicht behaarten Handgelenk prangte eine ungewöhnliche Uhr mit breitem goldenem Armband. Selbstherrlich rekelte er sich im Sessel.
»Bitte«, sagte er liebenswürdig und lud Valja mit einer großartigen Geste ein, in dem Sessel vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. »Was kann ich für Sie tun?«
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