»Also folgendes«, sage ich entschlossen, an Ljocha gewandt. »Willst du die Bohnen probieren oder nicht?«
»Natürlich«, antwortet er prompt.
»Dann komm. Ich seh mir eure Kanone mal an.«
»Ich soll mit dir fahren?«
»Mit mir. Was glotzt du so?« sage ich lächelnd. »Hab keine Angst, ich tu dir nichts.«
»Warum solltest du mir was tun«, brummt Ljocha, der sich von meinem plötzlichen Vorschlag noch nicht erholt hat. »Ohne Grund tun wir auch keinem was.«
»Also habt ihr dem, der jetzt hinter den Brettern liegt, auch nicht ohne Grund was getan«, meint Ilja Sacharowitsch.
»Genau«, antwortet Ljocha verdrossen.
»Wie haben sich denn eure Wege gekreuzt, wenn du zum erstenmal in Moskau bist und er, wie's aussieht, ein Hiesiger ist?« bohrt Ilja Sacharowitsch.
»Er ist auch aus unserer Gegend.«
»Weshalb habt ihr ihn dann nicht bei euch um die Ecke gebracht?« fragt Ilja Sacharowitsch verwundert. »Wäre das nicht viel einfacher gewesen, ihr Pinsel?«
»Es mußte so sein«, entgegnet Ljocha unzufrieden und warnt: »Laß mich endlich in Ruhe, Onkel Ilja. Über diese Sache quatsche ich nicht mehr. Ich darf nicht.«
»Oh!« Ilja Sacharowitsch wendet sich an mich. »Hast du gehört, Vitjok? Ich sage dir doch, der Junge ist echt.« Er weist auf Ljocha. »Du kannst ihm völlig vertrauen. Wie er uns.«
»Also fahren wir?« frage ich.
»Vorläufig fahren wir nirgends hin, klar?« antwortet Ljocha hitzig. »Pest hat sie, die Kanone. Sie gehört ihm. Bloß blaue Bohnen hat er nicht. Er gibt dir dafür, was du willst.«
»Nun, und worauf warten wir?«
»Auf Pest«, antwortet Ljocha ebenso hitzig. »Seit wir an dem Abend auseinandergelaufen sind, haben wir uns nicht mehr getroffen. Ich hatte Angst, zu der Adresse zu gehen, wo ich übernachten sollte. Zu einer Frau. Und da bin ich auf euch gestoßen. Pest hat mich verloren. Und vorläufig weiß ich nichts über ihn.«
»Und weiter?« frage ich kalt.
»Weiter? Ich hab Schokoladen-Musa angerufen, seine Kleine«, fährt Ljocha willig fort. »Am Telefon hat sie mir was vorgemacht. Will den Namen Pest nicht mal hören. Wir müssen uns treffen, sagt sie, in der Stadt. Zu ihr darf ich nicht.«
»Kennst du sie überhaupt?«
»Was heißt hier kennen? Von weitem hab ich sie zweimal gesehen.«
»Wohnt Pest bei ihr?«
»Weiß der Henker. Vielleicht.«
»Und wie willst du ihn finden?« frage ich.
»Ich treffe mich mit Schokoladen-Musa um vier, dann gibt sie mir Bescheid. Ist es von hier weit bis zum Belorussischen Bahnhof?«
»Von hier aus ist es überallhin weit«, antworte ich zerstreut. »Dies ist das Ende von Moskau.«
Ljocha ist redselig geworden. Warum plötzlich? Ist er so erschrocken? Seine Lage ist natürlich nicht beneidenswert. Das weiß er. Es qualmt schon, wenn's nicht sogar schon brennt. Aber er macht nicht den Eindruck, als wäre er in Panik. Fremdes Blut an den Händen verändert allerdings manches in der Psyche. Seinen augenblicklichen Zustand muß ich unbedingt ausnutzen.
»Vergiß nicht«, sage ich nachdrücklich zu ihm. »Wenn du einen Mord auf dem Kerbholz hast, dann kann das Höchststrafe bedeuten. Trau keinem. Gott nicht, und dem Teufel auch nicht. Pest zum Beispiel. Wie gut kennst du ihn?«
»Der hält bis ans Grab zu mir.«
»Bis ans Grab hält keiner zu dir, weder der Bruder noch der Freund. Nur die Mutter, klar? Hast du deine Mutter noch?«
»Ja«, antwortet Ljocha unwillig.
»Prächtig. Sonst haben wir nämlich keinen auf der Welt. Außer ihr weint niemand um dich.«
»Pest ist mein alter Kumpel«, sagt Ljocha eigensinnig, »der ist mir nie in den Rücken gefallen. Da kannst du ganz beruhigt sein.«
Anscheinend bereitet er mich auf eine Begegnung mit diesem Pest vor.
»Ha!« rufe ich ironisch aus. »Was habt ihr denn schon groß angestellt? Mal einem die Fresse poliert? Oder als kleine Bengel aus einem Kiosk Bonbons geklaut?«
»Wir hatten was Beßres als Kioske«, erwidert Ljocha selbstzufrieden.
»Wo habt ihr gearbeitet?«
»Bei uns.«
»Und wo ist das?«
»In... Jushnomorsk.«
»Sieh an. Direkt am blauen Meer also?«
»Hmhm.«
»Und von dort haben sie dich zur Erholung weggeschickt?«
»Ich hatte mir was eingebrockt«, sagt Ljocha und seufzt unwillkürlich. »Zweimal haben sie mich geschnappt. Einmal haben sie mir zwei Jahre aufgebrummt, und dann fünf. Paragraph hundertvierundvierzig, Abschnitt zwei, und neunundachtzig, ebenfalls Abschnitt zwei.«
Bezüglich des ersten Paragraphen kommen mir keine Zweifel, höchstwahrscheinlich Einbruchsdiebstahl, das paßt durchaus zu Ljocha. Aber was den zweiten Paragraphen betrifft, da lügt er bestimmt, um seinen Wert, seine Autorität höherzuschrauben. Das ist bei denen so üblich. Dieser Paragraph ist nichts für ihn - schwerer Diebstahl von Staatseigentum durch eine Gruppe oder unter Anwendung technischer Mittel. Selbstverständlich lügt er.
»Wo hast du das letzte Mal gesessen?« frage ich weiter.
»In Mordwinien, verschärfte Bedingungen«, teilt Ljocha leicht prahlerisch mit. »Dort hab ich Pest kennengelernt. Und dort sind wir Kumpel geworden. Er ist auch aus unsrer Gegend. Dann sind wir zusammen rausgekommen.«
»Und wen hat er in Jushnomorsk?«
»Die Mutter, die Frau und die Tochter«, sagt Ljocha grinsend. »Drei Generationen von Weibsen heulen sich die Augen nach ihm aus.«
Ich schaue auf die Uhr und sage: »Bis zum Belorussischen Bahnhof brauchen wir lange. Es ist Zeit, Ljocha, daß wir aufbrechen.« Ich sage das in einem Ton, als wäre unsere gemeinsame Fahrt schon längst besprochen und entschieden.
»In Ordnung«, antwortet Ljocha unbekümmert und offenbar sogar erfreut. »Gehn wir. Ach, ich mache dich mit 'ner Puppe bekannt, da haut's dich um.«
Und aus irgendeinem Grunde scheint es mir, als treibe einer mit dem anderen sein Spiel, ein ernstes zudem.
Als Valja Denissow und ich uns an dem Morgen trennten, ging er in sein Zimmer zurück, zog sich die Jacke aus und machte sich an die Arbeit. Valja ist in allem, und besonders in der Arbeit, überaus penibel -wie ein alter Junggeselle. Niemals vergißt er etwas, alle in einer Sache gesammelten Angaben, selbst die geringfügigsten, ordnet er so genau und gewissenhaft, daß die Weiterarbeit hundertfach leichter wird. Auch gekleidet ist Valja immer sehr penibel, ein wenig geckenhaft sogar. Sein Äußeres führt manchen irre. Mittelgroß, schlank, elegant, die blonden Haare modisch geschnitten, nachdenkliche große blaue Augen im schmalen Gesicht, die Hände eines Musikers, die Stirn vornehm blaß. Nun, geradezu ein armer Werther mit seinen Leiden, nicht aber ein Fahnder der Miliz. Erst wenn man Valja gut kennt, verschwindet dieser Eindruck.
An diesem Morgen arbeitete Valja so gründlich wie immer. Er wählte sofort die Telefonnummer, die ich ihm gegeben hatte, und erkundigte sich höflich: »Entschuldigen Sie, junge Frau, ist dort die Poliklinik?«
Eine fröhliche Frauenstimme antwortete: »Ich werde bald Großmutter, junger Mann. Hier ist nicht die Poliklinik. In die Poliklinik wird gelegentlich einer gebracht, der bei uns gewesen ist. Oder zur Miliz.«
»Oho!« wunderte sich Valja. »Nun, junge Frauen und Großmütter sind am Telefon leicht zu verwechseln. Jedenfalls haben Sie eine erstaunlich junge Stimme. Aber wen schaffen Sie in die Poliklinik? Oder zur Miliz? Sie haben mich wirklich neugierig gemacht.«
»Darauf will ich Ihnen mit meiner jungen Stimme antworten«, sagte die Frau lachend. »Wer zuviel ißt, wird in die Poliklinik geschafft, wer zuviel trinkt, zur Miliz.«
»Alles klar«, antwortete Valja. »Und Sie bieten so schmackhafte Gerichte an, daß man zuviel davon essen kann? Beschönigen Sie nicht die rauhe Wirklichkeit?«
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