»Was hat er zu ihr gesagt?«
»Nichts. Sie war nicht zu erreichen. Hoffentlich telefoniert er nicht in meiner Abwesenheit mit ihr. Wann kommst du?«
»So in anderthalb Stunden.«
»Habt ihr euch was überlegt?«
»Dies und das. Hat Ljocha was verlauten lassen?«
»Nichts. Er ist auf der Hut.«
»Na schön. Hast du dir die Nummer gemerkt, die er gewählt hat?«
»Klar. Schreib auf.« Ilja Sacharowitsch diktiert. Prachtkerl. Um seine Augen kann ihn ein Junger beneiden.
Wir verabschieden uns. Ich gebe Valja die Telefonnummer. »Stellt fest, um was für eine Institution es sich handelt und wer diese Musa Wladimirowna ist, wo sie wohnt und so weiter.«
Eine Stunde später fahre ich mit dem Auto zu Ilja Sacharowitsch. Unterwegs überlege ich, wie ich mich verhalten werde.
Wie ein Sturmwind fege ich in die kleine Wohnung. Kaum haben wir uns begrüßt, falle ich über Ljocha her. »Was hast du Blödmann bloß angerichtet? Die Leiche ist gefunden worden!«
Ljocha starrt mich sprachlos an, dann sagt er unsicher: »Ist sie nicht.«
»Denkst du! Die Kennzeichen stimmen!«
»Was für Kennzeichen?«
»Na deine, du Trottel, deine!«
»Wirklich?« Ljocha erschrickt. Doch seine schwarzen Äuglein unter den geschwollenen Lidern starren mich böse und mißtrauisch an.
»Immer mit der Ruhe«, sage ich. »Du bist hier in Moskau. Das ist was anderes als unterm Schlehenbaum liegen und sich den Wanst wärmen.« Und sachlich frage ich: »Wo hast du ihn umgelegt, in welchem Bezirk ungefähr?«
»Kenn ich eure Bezirke?« Ljocha hebt die Schultern.
»Dann beschreib die Stelle. Moskau kenne ich wie meine Westentasche.«
»Wozu brauchst du das eigentlich?«
»Der muß doch ein Brett vor dem Kopf haben!« Ich rufe Ilja Sacharowitsch als Zeugen an und wende mich wieder an Ljocha: »Begreifst du denn nicht, in was du reingerasselt bist? Wenn sie dich wegen Mord suchen, dann kommst du von hier nicht heil weg, ist dir das klar?«
»Allein auf keinen Fall!« bestätigt Ilja Sacharowitsch. »Bloß dann, wenn ihm einer hilft.«
»Was kann derjenige denn machen?« fragt Ljocha nervös. Er raucht hastig an, lehnt sich auf dem Stuhl zurück und betrachtet mich forschend.
»Alles, was notwendig ist. Zum Beispiel blaue Bohnen besorgen, wie wir es vereinbart haben. Oder hast du's dir anders überlegt?«
»Wieso denn?« ruft Ljocha lebhaft. »Immer her damit.«
»Nein, mein lieber Freund«, sage ich ruhig. »Ich warte noch, ehe ich das Geschäft mit dir mache. Meine blauen Bohnen wachsen nicht im Wald. Und die Freiheit hab ich auch noch nicht satt. Weißt du, was auf solche Geschäfte steht?«
»Warum willst du noch warten?«
»Weil ich wissen möchte, ob sie dich tatsächlich suchen oder ob hier ein Fehler vorliegt.«
»Du sagst doch, sie suchen«, entgegnet Ljocha düster, »oder faselst du bloß?«
»Ich fasle nicht. Und deine Kennzeichen stimmen mit denen überein, die man mir zugeflüstert hat.« Ich blicke in Ljochas Visage. »Es geht um die Leiche. Wo hast du den Mann umgelegt?«
»Ich sag dir doch, ich weiß es nicht.«
»Willst du mich für dumm verkaufen, Ljocha?« sage ich drohend. »Aus Moskau kommst du jetzt nicht mehr raus. Du sitzt fest.« Ich halte ihm die Faust vor die Nase.
Ljocha zieht nervös an der Zigarette und drückt sie, ohne sie zu Ende geraucht zu haben, wütend in den Aschenbecher. »Na schön«, sagt er entschlossen. »Erinnern wir uns mal.« Er kraust die Stirn und kratzt sich im Nacken. »Also folgendermaßen. Da war 'ne riesige Kirche. Die war sogar von dem Hof dort zu sehen. Außerdem waren Bahnhöfe in der Nähe. In dem Hof haben wir ihn. abends.«
Ljocha hat zum erstenmal »wir« gesagt.
»Habt ihr ihn wirklich abgeknallt?«, fragt Ilja Sacharowitsch.
»Was nicht noch«, antwortet Ljocha und grinst selbstzufrieden. »Wir haben ihn - zack! Und kein Schnaufer mehr. Dann hat ihm Pest noch mit einem Stein über die Rübe. Und wir sind abgehauen.«
»Dann ist er vielleicht gar nicht tot?« frage ich.
»Doch, doch«, antwortet Ljocha. »Er hat nicht mehr geatmet.«
»Aber ihr seid doch getürmt.«
»Wir sind noch mal zurückgegangen. Haben ihn in einen Schuppen geschleppt und hinter Brettern versteckt. Bis zum Frühling findet ihn da keiner.«
»Und wessen Schuppen ist das?«
»Weiß der Henker. Wir haben das Schloß aufgebrochen und dann wieder angehängt. Sie können ihn nicht gefunden haben, das ist alles Faselei«, schließt Ljocha überzeugt.
»War es nicht schrecklich für dich, Ljocha, jemanden umzubringen?« fragt Ilja Sacharowitsch.
»Was ist daran schrecklich?« entgegnet Ljocha forsch. »Zack - und fertig.«
»Da ist 'ne Menge schrecklich dran«, sagt Ilja Sacharowitsch und seufzt. »Natürlich nur, wenn es das erste Mal ist. Ein Menschenleben, Ljocha, hat seinen Wert. Möchtest du zum Beispiel abkratzen?«
»Wer möchte das schon?«
»Na siehst du. Und da sagst du, es wäre nicht schrecklich.«
»Ich war ja betrunken«, sagt Ljocha mürrisch.
»Aha, ich glaube, ich weiß, welcher Bezirk das ist. Berichtige mich, wenn ich mich irre«, sage ich zögernd, als wühlte ich in meinem Gedächtnis. »Ein Durchgangshof. Von dort ist die Jelochowskaja-Kirche zu sehen. Ein Eisentor, mit Kette, aber man kann durchgehen.«
»Das Tor ist im Haus, ein Zaun ist da nicht«, erklärt Ljocha.
»Genau. Der Hof ist nicht groß, ziemlich eng«, fahre ich fort, als erinnerte ich mich. »In der Mitte ein Spielplatz, rechts Schuppen, ungefähr sechs, stimmt's?«
»Genau!« Ljocha starrt mich verwundert an. »Bloß sind die Schuppen hinter dem Spielplatz. Und das Haus ist rechts.«
»Aha. Zweistöckig, ein Ziegelbau.«
»Nein. Vierstöckig. Und aus dem zweiten Stock kam der, den wir.« Ljocha stockt plötzlich, als sei ihm bewußt geworden, daß er zuviel gesagt hat, und grinsend, um meine Aufmerksamkeit abzulenken, fügt er hinzu: »Solche Idioten! Mitten im Winter fällt es ihnen ein, das Tor grün anzustreichen.«
»Schon gut.« Geringschätzig winke ich ab, als hätte ich es satt, mich mit diesem ganzen Quatsch zu belasten.
Jetzt dürfte der Hof zu finden sein. Doch die Pistole läßt mir keine Ruhe. Wenn ich die Waffe nicht finde, wenn einer der Banditen sie behält, kann Schlimmes passieren. Also muß ich das Gespräch auf die Pistole bringen, und da kommt mir zustatten, was wir »zu Hause« vorbereitet haben.
Verächtlich hole ich Patronen aus der Tasche und streue sie vor Ljocha auf den Tisch. Argwöhnisch betrachtet er sie.
»Erkennst du sie?« frage ich spöttisch.
»Was gibt's da zu erkennen?« antwortet Ljocha im gleichen Ton.
»Oh, heilige Einfalt! Das sind doch alles verschiedene Kaliber. Das sieht man mit bloßem Auge.« Ich lege zwei Patronen nebeneinander. »Das ist für die >Walther< Modell 3, und für einen Nagant. Und diese hier«, ich schiebe ihm die dritte Patrone hin, »ist für eine TT. Welche brauchst du, na?«
Ljocha reibt sich verdutzt die Nase. »Wahrscheinlich >Walther<.«
»Wahrscheinlich!« äffe ich ihn nach. »Und welche Nummer?«
»Weiß der Henker!«
»Also hol sie her, dann probieren wir.«
»Sieh mal an, so 'n >Probierer< «, sagt Ljocha mißtrauisch, beugt sich über den Tisch und betrachtet die Patronen, ohne sie anzufassen, dann lehnt er sich zurück, schiebt die Hände in die Taschen und erklärt: »Ich nehme sie mit, und dort werden sie probiert.«
»Dort sollen sie ihre eigenen probieren«, antworte ich scharf. »Diese gebe ich nicht aus der Hand, mein Freund. Es sind nicht meine.«
»Ich lasse dir Geld hier.«
Ich weiß, daß Ljocha dieses Haus nicht mehr ungesehen verlassen kann. Sobald er auf die Straße tritt, wird er beschattet, und dann führt er unsere Jungs zu dem Ort, wo die Pistole versteckt ist, oder zu dem wahren Besitzer. Vielleicht führt er uns zu Pest? Oder zu einem dritten, falls er existiert? Die Patronen darf ich Ljocha trotzdem nicht geben. Das fehlte gerade noch, daß wir diese Halunken mit Patronen versorgen! Das könnte ein Menschenleben kosten.
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