»Brauch ich auch«, sagt Ljocha plötzlich und lächelt listig.
Doch ich habe den Eindruck, er ist nicht so schlau, wie er erscheinen möchte. Ich spüre, daß er grob, beschränkt und denkfaul ist. Eigenschaften, wie sie schwere, kräftige Menschen oft haben. Aber zugleich ist er mißtrauisch, und deshalb muß ich auf der Hut sein und mir jedes Wort, jede Intonation überlegen.
»Wieviel brauchst du?« frage ich.
»Hast du 'ne ganze Lagerhalle?« Ljocha grient, und mit seinen schwarzen Äuglein unter den geschwollenen Lidern durchbohrt er mich, als wären sie vom Alkohol kein bißchen getrübt gewesen, dabei hat der Schurke doppelt soviel wie Ilja Sacharowitsch und ich getrunken.
»Deine Sache ist es, zu sagen, wieviel du brauchst«, antworte ich, »aber ob ich eine ganze oder eine halbe Lagerhalle voll habe, das ist meine Sache. Deine Neugierde ist nicht gut! Kapiert?«
»Na, vielleicht fünfzig?« fragt er zögernd.
»Wollen sehen«, antworte ich. »Was für 'ne Kanone hast du?«
»Kanone?« Er kratzt sich das Genick, »'ne Walther, glaub ich...«
»... glaub ich.«, spotte ich. »Weißt du wenigstens, an - welchem Ende sie schießt, du Neunmalkluger?«
»Deine Sache ist es, zu beschaffen, was bestellt wird«, versucht Ljocha mich wütend nachzuäffen. »Kapiert?«
»Da kannst du sicher sein, Ljocha«, schaltet sich Ilja Sacharowitsch beschwichtigend ein. »Was Vitjok verspricht, das hält er. Morgen ist alles geritzt. Stimmt's, Vitjok?«
»Klar.« Ich nicke. »Meine blauen Bohnen, dein Zaster. Drei zu eins zu meinen Gunsten. Abgemacht?«
»Topp!« willigt Ljocha ein.
Wo hat er die Pistole? Und warum hat er nicht gleich das System genannt? So blöd kann er doch nicht sein, daß er nicht weiß, was er bei sich trägt! Hat er sie sich erst vor kurzem besorgt? Das ist die erste Frage. Um so mehr, wenn er schon damit geschossen hat. Aber vielleicht ist es gar nicht seine Pistole? Und vielleicht hat er auch nicht geschossen? Das muß geklärt werden, und wir dürfen uns weder Ljocha noch die Pistole entwischen lassen.
Es wird bereits dunkel, und ich verabschiede mich. »Keine Sorge, wird alles bestens erledigt. Wenn's drauf ankommt, schaffen wir dir ran, was du willst. Wir kennen hier alle Schliche. Hauptsache, du hältst dich an Onkel Ilja.«
»In meiner Stadt schaffe ich dir auch ran, was du willst«, sagt Ljocha.
»Und was ist das für 'ne Stadt? Vielleicht muß ich mal 'ne Fliege dorthin machen.«
Ljocha runzelt die Stirn. »Wenn's soweit ist, flüstre ich's dir.«
»Deinen Kopf vertraust du uns an, den Namen deiner Stadt nicht? Bist 'n seltsamer Vogel«, spotte ich.
»Den Kopf vertrau ich dir auch nicht an, und ihm ebensowenig«, entgegnet Ljocha und deutet auf Ilja Sacharowitsch, dann sieht er sich um und fügt hinzu: »Wenn hier was nicht hinhaut, ist er der erste, der vom elften Stock 'n Abgang durchs Fenster macht.« Ein ungutes Lächeln verzerrt seine dicken Lippen.
»Und du bist der zweite?« fragt Ilja Sacharowitsch.
»Na schön, halten wir das der Klarheit halber fest«, sage ich. »Bis morgen.«
Am nächsten Morgen, im Dienst, sehe ich den Tagesbericht über die Vorfälle in der Stadt durch. Doch da ist nichts, was auf Ljocha paßt. Lediglich ein Mord ist passiert, während einer Schlägerei zwischen Betrunkenen, und der Mörder ist sofort verhaftet worden. Um die Mittagszeit ist in drei Wohnungen eingebrochen worden, aber da speiste Ljocha im Restaurant oder saß schon mit uns zusammen. Am Abend sind zwei Überfälle auf der Straße passiert, einem Mann wurde die Mütze weggerissen, einer Frau die Handtasche mit dem Geld - da war Ljocha bereits bei Ilja Sacharowitsch. Eine Vergewaltigung ereignete sich spätabends, als Ljocha sicherlich schon schlief, die Frau hatte zunächst mit flüchtig bekannten Männern in einem Kesselhaus gesüffelt und dort, betrunken wie sie war, getanzt, nun, und anschließend war sie zur Miliz gerannt, um Anzeige zu erstatten. Und die drei Unfälle, bei denen Fußgänger von Autos angefahren wurden, der Motorraddiebstahl, die zwei kleinen Brände und die verlorenen Kinder hatten mit Ljocha selbstverständlich ebenfalls nichts zu tun.
Ich sitze in Kusmitschs Zimmer. Auch Valja Denissow ist da. Behutsam sagt er: »Vielleicht haben sie einen Zugereisten umgebracht und die Leiche versteckt?«
»Tja... Vielleicht...«, knurrt Kusmitsch, lehnt sich im Sessel zurück und reibt sich die grauen Stoppelhaare im Nacken. »Wir müssen rings um diesen Ljocha mal ein bißchen auf den Busch klopfen, meine Lieben. Mir scheint, da eröffnet sich keine besonders angenehme Perspektive für uns.«
»Wir haben doch bislang keinen einzigen Anhaltspunkt!« rufe ich ärgerlich aus. »Wenn man ihn wenigstens wegen 'ner Pistole festnageln könnte!«
»Wir müssen herausfinden, wo dieser Ljocha seine Sachen hat«, bemerkt Valja.
»Ja«, stimmt Kusmitsch zu. »Wir brauchen eine Kombination, damit er uns zu der Adresse führt, wo er übernachtet hat. Und die zweite Kombination brauchen wir, damit er uns zu der Pistole führt. Aber Patronen dürfen wir ihm nicht geben.«
»Aber doch wenigstens zeigen?« frage ich. »Was soll da schon passieren?«
»Und was hast du davon?«
»Weiß ich noch nicht«, bekenne ich ehrlich.
»Er kennt sich in Pistolen schlecht aus«, erinnert Valja. »Und in Kalibern auch.«
Da habe ich eine Idee. Hastig entwickle ich meinen Plan.
Kusmitsch schmunzelt sich in den Bart hinein. »Na bitte, versuch es«, sagt er. »Im großen und ganzen nicht schlecht ausgedacht. Bis auf eine schwache Stelle. Überleg dir, wo du alles her hast. Und dann laßt euch was zu der ersten Kombination einfallen. Die Adresse müssen wir unbedingt haben.«
»Vielleicht ist da auch die Pistole?« meint Valja.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, sagt Kusmitsch und wiegt den Kopf. »Außerdem müssen wir alles über den verübten Mord in Erfahrung bringen. Das ist der dritte Punkt.«
»Falls es überhaupt ein Mord ist«, sagt Valja.
»Ich bin überzeugt, daß sie etwas angestellt haben«, entgegne ich.
»Genau, es handelt sich um mehrere«, bemerkt Kusmitsch. »Der macht doch nicht allein einen Abstecher nach Moskau! Und das ist das vierte, was geklärt werden muß, ob er allein ist oder nicht, und wo die anderen sind. Wir müssen alle kriegen.«
Also muß viererlei geklärt werden: Wo ist die Pistole, wo hat sich Ljocha bisher in Moskau versteckt gehalten, was hat er verbrochen und wo, ist er allein nach Moskau gekommen, und wenn nicht - wo sind seine Komplizen?
Was die Pistole betrifft, da habe ich mir, glaube ich, eine gar nicht schlechte Kombination ausgedacht. Als wir Kusmitsch verlassen, sagt Valja Denissow zu meinem Plan: »Vielleicht führt uns die Pistole zu der Adresse, zu dem Verbrechen und zu den Mittätern. Meinst du nicht auch?«
»Man müßte es so machen«, antworte ich. Doch wie das zu machen ist, weiß ich einstweilen nicht, und das läßt mir keine Ruhe. Denn andere Anhaltspunkte haben wir vorläufig nicht.
Valja und ich gehen in mein Zimmer. Der Tisch meines Freundes Igor Otkalenko ist leer. Igor ist seit einer Woche auf Dienstreise.
»Ich denke, man muß ihn erschrecken«, schlägt Valja vor. »Damit er um Rat fragt, um Hilfe bittet.
Natürlich müßte man ihm vorher irgend etwas von sich selbst erzählen. Und dann...«
Ehe Valja ausgesprochen hat, klingelt das Telefon.
»Lossew«, sage ich in den Hörer.
»Tag, Vitjok«, antwortet lachend eine bekannte Stimme. »Schönen Gruß von Ljocha.«
»Guten Tag, Onkel Ilja«, gebe ich erfreut zurück, »was macht er denn?«
»Er hat wie ein Toter geschlafen. Und jetzt wartet er, daß ich mit Brot zurückkomme. Wir wollen frühstücken. In meiner Gegenwart hat er ein Weibsbild angerufen. Eine Musa Wladimirowna.«
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