Aber wie sollte er das machen, dachte sie, während sie mit einem Lappen den Küchentisch sauberwischte. Er müßte ein Auto haben. Und wie sollte er sich in der Zwischenzeit eines besorgt haben?
Sie erinnerte sich, daß Wolfgang gewarnt hatte, Robert in der Phantasie zu einem Übermenschen hochzustilisieren.»Er kann nicht durch Wände gehen, er kann nicht fliegen. Wir müssen sachlich und realistisch bleiben in allem, was wir ihm zutrauen und was nicht.«
Dennoch wurde sie schon wieder von dem unguten Gefühl beschlichen, Robert könnte es möglich gemacht haben. Ihm könnte es gelungen sein, ein Auto zu organisieren.
Sei nicht albern, ermahnte sie sich, sie fahnden nach ihm. Er ist nicht blöd. Er wird es nicht riskieren, in einem gestohlenen Wagen herumzufahren. Dann hätten sie ihn sofort.
In diesem Moment wurde von draußen an die Scheibe des Küchenfensters geklopft, und als Leona herumfuhr, sah sie ein Gesicht, das sich gegen das Glas preßte, Augen, die sie anstarrten.
Ihr Herz jagte los, als wolle es ihren Körper sprengen. Sie hatte einen jähen Schweißausbruch, der Bauch und Rücken mit Nässe überschwemmte, stand eine Sekunde lang wie erstarrt und wurde dann überwältigt von dem instinktiven Wunsch, hinauf in ihr Zimmer zu rennen, die Tür zuzuschlagen, den Schlüssel herumzudrehen und die Möbel vor die Tür zu rücken.
Aber im nächsten Moment hatte sie sich im Griff. Sie stürmte zur Vordertür hinaus und prallte fast mit einem jungen Mann zusammen, der ängstlich zurückwich. Sie sah ein blasses Kindergesicht und furchterfüllte Augen.
«Wer sind Sie?«brüllte sie.»Was tun Sie hier?«
Er wich noch weiter zurück. Er mochte höchstens achtzehn Jahre alt sein und sah trotz seiner Motorrad-Lederkleidung wie ein schüchterner Konfirmand aus.
«Ich… entschuldigen Sie bitte… ich wollte Sie nicht erschrecken…«, stotterte er.
Auf jeden Fall war es nicht Robert!
«Mein Gott«, sagte Leona,»mir ist fast das Herz stehengeblieben. Warum schleichen Sie denn hier herum?«
«Ich… wir haben Sie heute gesehen… am Weiher!«Er starrte sie ehrfürchtig an.»Sie waren ganz schön klasse, wie Sie geschwommen sind!«
Er mußte einer von den Jugendlichen sein, die sie beobachtet hatten. Seine offen gezeigte Bewunderung besänftigte Leona. Schließlich war sie alt genug, um seine Mutter zu sein.
«Und um mir das zu sagen, drücken Sie sich hier herum und erschrecken mich fast zu Tode?«
Er starrte auf den Boden. In den Händen hielt er seinen Motorradhelm und drehte ihn hin und her.
«Wir… wir dachten… wir wollten Sie fragen… wir machen am Samstag abend eine Grillparty am Weiher. So fünfzig, sechzig Leute. Wir wollten Sie fragen, ob Sie vielleicht auch kommen wollen?«
Er hob die Augen und sah sie hoffnungsvoll an. Leona fühlte sich so erleichtert, daß sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
«Ich überlege es mir«, sagte sie.»Jedenfalls vielen Dank für die Einladung!«
«Wir würden uns sehr freuen«, stammelte er.
Aus dem Küchenfenster fiel Licht in die nächtliche Dunkelheit, und Leona konnte sehen, daß er rote Wangen bekommen hatte.
«Also dann«, sagte er unbeholfen und wandte sich zum Gehen.
«Wo haben Sie denn Ihr Motorrad?«fragte Leona.»Ich habe gar nichts gehört!«
«Ich hab’s ein Stück weiter weg stehengelassen.«
Er grinste; zehn Schritte von Leona entfernt, schien er sich wieder sicher zu fühlen.»Wollte Sie nicht erschrecken.«
Leona erwiderte sein Grinsen.»Wie rücksichtsvoll von Ihnen. «Dann fiel ihr noch etwas ein.»Sind Sie vor ungefähr einer halben Stunde hinten im Garten herumgeschlichen?«
«Ich bin nicht geschlichen. Ich bin in den Garten gegangen, weil ich dachte, ich finde Sie vielleicht auf der Veranda. Aber da waren Sie gerade… mit dem Herrn beschäftigt, und da wollte ich nicht dazwischenplatzen.«
Sie atmete tief durch. Wieder ein paar graue Haare mehr umsonst gekriegt, dachte sie. Ich hätte Wolfgangs Worte ernster nehmen sollen: Robert kann nicht fliegen!
«Schon okay«, sagte sie,»ich dachte vorhin nur, ich hätte etwas gehört, und das waren offenbar Sie.«
«Kommen Sie am Samstag?«
«Ich denke schon. Gute Nacht.«
«Nacht!«erwiderte er knapp, winkte ihr lässig zu und verschwand in der Dunkelheit.
Kaum war er weg, klingelte das Telefon. Es war Wolfgang.
«Wo warst du denn?«fragte er sofort.»Ich habe es heute nachmittag mehrfach bei dir versucht!«
«Ich war schwimmen. Hallo — übrigens!«
«Hallo. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sagtest du schwimmen? Du mußt verrückt geworden sein!«
«Es hat großen Spaß gemacht. Und ich habe einen…«Sie stockte.
Sie hatte» Verehrer «sagen wollen, aber das war der Begriff, den Wolfgang immer für Robert verwendet hatte.
«Ich habe einen Mann kennengelernt, der noch keine zwanzig ist und mich toll findet«, sagte sie.»Stell dir das vor! Er hat mich für Samstag zu einer Party eingeladen.«
«Dann hast du wenigstens etwas Abwechslung«, sagte Wolfgang. Er klang verstimmt.
«Eben. Die kann ich wirklich brauchen.«
Sie sah zum Fenster hinaus auf die Veranda. Bernhard war aufgestanden. Er wandte ihr den Rücken zu, stand am Geländer und starrte in den Garten. Sein Glas hielt er fest umklammert. Selbst von hinten waren ihm Frustration und Wut deutlich anzusehen. Auf dieser Welt wimmelt es wirklich von Spinnern, dachte Leona.
«Ich hatte noch ein Abendessen. Geschäftlich«, sagte Wolfgang.»Ich bin jetzt auf dem Heimweg.«
Ein Abendessen mit deiner Exgeliebten etwa? hätte Leona fast gefragt, aber sie verbiß es sich. Seine Sache. Und die Wahrheit würde er ihr sowieso nicht sagen.
Er wartete einen Moment. Als von ihr nichts kam, sagte er leise:»Ich liebe dich, Leona«, und legte den Hörer auf.
Leona fand, daß dieser Tag eine Menge für ihr Selbstbewußtsein getan hatte. Ein Mann, der sich sinnlos betrank, weil sie ihn abgewiesen hatte. Ein Mann, der sie zu einer Grillparty eingeladen und sich dabei vor Verlegenheit gewunden hatte. Ein Mann, der ihr am Telefon sagte, daß er sie liebte. Wenn jetzt noch das Problem Robert gelöst wäre, könnte das Leben richtig schön sein, dachte sie.
Am nächsten Morgen tauchte Bernhard erst gegen zehn Uhr unten in der Küche auf. Er war sichtlich verkatert, sah grau und unausgeschlafen aus. Mit schmerzlich verzogenem Gesicht blinzelte er in das helle Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel.
«Hast du ein Aspirin?«fragte er, anstatt den obligatorischen» guten Morgen «zu wünschen.
Leona, die am Küchentisch saß und Zeitung las, stand auf, füllte ein Glas mit Wasser, warf die Tablette hinein.
«Hier. Du siehst wirklich ziemlich elend aus. Möchtest du einen Kaffee?«
«Bitte. Der Wein war wohl nicht in Ordnung.«
«Der Wein war schon in Ordnung. Du hast nur zuviel erwischt.«
«Kann sein.«
Mürrisch trank er sein Wasser, zog sich dann die Kaffeetasse heran, die Leona inzwischen gefüllt hatte. Er wehrte ab, als sie ihm den Brotkorb zuschob.
«Nein, um Gottes willen! Ich kann jetzt nichts essen!«
Sie saßen einander schweigend gegenüber.
Schließlich sagte Bernhard:»Ich fahre noch heute zurück.«
Leona nickte.»Das habe ich erwartet.«
«Tut mir leid. Du bleibst hier ziemlich einsam zurück.«
Er machte eine Handbewegung, die die sonnige Küche, die Stille, das leise Ticken der Wanduhr, die aufgeschlagene Zeitung umschrieb.
«Nicht deine Art, nicht wahr? An einem normalen Freitag um zehn Uhr noch am Frühstückstisch zu sitzen und Zeitung zu lesen.«
«Du sitzt ja auch gerade an einem normalen Freitag um zehn am Frühstückstisch.«
«Das ist etwas anderes. Ich habe mich losgeeist für zwei Tage… und dann geht es bei mir ganz normal weiter.«
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