Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Sie war stehen geblieben. Sie. Sie konnte sich nicht aus dieser Szene wegdrehen. Hinausgehen. Sie war noch in dieser Szene gefangen. Sie war schweißverklebt. Aber auch vom Schreien. Sie konnte das Schreien noch in der Kehle spüren. Atmete noch für das Schreien. Sie hatte so laut wie alle mitgeschrien. Hatte sich über diesen Mann gebeugt. Sie erinnerte sich. Es war ihr nicht bewusst gewesen. Sie konnte sich an das Schreien nur erinnern. Sie hatte nichts von sich gespürt. Währenddessen.

Henry bewegte sich nicht. Sie trat an ihn heran. Er lag lang ausgestreckt. Die Arme weit ausgebreitet. Die Augen geschlossen. Langsam. Mit unendlicher Mühe. Der Mann zog seine Beine hoch. Zog seine Arme an den Körper. Er drehte den Kopf zur Seite und holte mit äußerster Anstrengung seinen Körper in die Seitenlage. Währenddessen atmete er hechelnd. Hoch in der Brust und hechelnd. Sie schaute sich um. Seine Kollegen. Sie waren alle auf dem Weg in das Hauptgebäude zurück. Sie gingen in Grüppchen und in Paaren. Redeten. Niemand schaute zurück. Eine Decke, dachte sie. Wasser. Sie beugte sich zu dem Mann hinunter. Was sie für ihn tun könne. Der Mann hörte sie. Das konnte sie sehen. Sie wartete.

Es war längst niemand mehr da. Sie waren allein. Sie setzte sich auf den Boden. Schaute den Mann an. Dann bewegte Henry sich wieder. Er hob den Kopf von der Brust weg. Sie fragte ihn wieder. Laut. Was er benötige. Der Mann machte die Augen auf. Sah nichts Genaues. War verwirrt. Wie nach einer Ohnmacht. Dann wurde sein Blick fester. Er begann sie in den Blick zu bekommen. Sie wahrzunehmen. Sie beugte sich vor. Ob sie etwas tun könne. Henry? Er schaute sie an. Lange. Er schloss die Augen. Schaute sie wieder an. Sie begann, ihn anzulächeln. Der Mann sah sie erstaunt an und begann, sich zu erinnern. Er schaute schnell weg. Aber sie hatte es gesehen. Den Wunsch, im Erdboden zu versinken. Die Scham. Die Erniedrigung. Sie wollte gerade anfangen zu sagen, dass er doch betrogen worden wäre. Dass die Zeit nicht eingehalten worden sei. Die Regeln nicht eingehalten. Plötzlich hatte sie aber deutsch gedacht und musste erst im Kopf übersetzen. Da flüsterte der Mann» fuck off«. Sie beugte sich vor, das genau zu verstehen. Der Mann sagte nichts mehr. Er hatte die Augen geschlossen. Sie stand auf und ging.

In der Dusche ärgerte sie sich über sich selbst. Warum war sie nicht einfach in ihr Zimmer gegangen. Das war weit weg vom Sportplatz. Aber jetzt. Das hier war eine Unisexdusche. Henry konnte hier jeden Augenblick auftauchen. Sie drehte sich zur Wand. Die Schamesröte stieg ihr wieder auf. Sie drehte das Wasser noch stärker auf. Sie stand unter Wasserbeschuss. Jeder Tropfen ein schmerzender Aufprall. Nadelspitzenhart. Nur der Gedanke, wie schädlich das für die Haut war, ließ sie die Dusche beenden. Sie zog ihre Kleider über die nasse Haut. Sie zog die Sportschuhe wieder an und ging zur Straße. Der Sportplatz war leer. Niemand lag in der Mitte des Kunstrasens. Die Sonne war durch die Wolken durchgebrochen, und es war stechend heiß.

«You fuck off. «dachte sie beim Vorbeigehen. Sie schaute auf ihr handy. Es war 14.30 Uhr. Der Unterricht hatte schon begonnen. Sie konnte in ihr Zimmer gehen. Da konnte man auf dem Bett liegen oder in der Dusche stehen. Sitzen konnte man nur auf der Toilette. Das Bett hing so durch, dass es einen zusammenklappte, wenn man da sitzen wollte. Sie ging zum Hauptgebäude. Sie fühlte sich frisch. Beschwingt. Entspannt. Wie nach einem richtig guten stretching. Sie konnte sich nicht vorstellen, woher das gute Gefühl kam. Die lange Dusche. Oder war sie genug gelaufen. Endlich einmal. Es machte ihr nicht einmal die Hitze etwas aus. Die feuchten Kleider waren kühl auf der Haut.

Sie bog zum Hauptgebäude ab. Ihre Klasse war im 9. Stock. Sie kramte ihre Sicherheitskarte aus der Tasche und hielt sie an den scanner. Die Tür glitt auf. Drinnen kühl. Zu kühl mit den feuchten Kleidern. Sie ging an den Liften vorbei. Zum Haupteingang. Sie musste warten. Alle Sicherheitsbeamten an der Rezeption beschäftigt. Sie wartete. Sie wartete, bis der Sicherheitsmann sie an die Theke winkte. Sie wolle sich austragen. Sie bekam das Buch hingeschoben. Gab ihre Sicherheitskarte ab. Sie bekam eine Marke dafür. Der Mann klickte ihr das Drehkreuz auf. Sie ging hinaus. Sie ging zur Bushaltestelle. Wartete da. Sie war allein. Der Bus kam. Sie stieg ein. Vorne. Sie legte 1 Pfund 20 Pence hin. Bekam ihre Karte. Sie ging gleich nach hinten. An den Ausstieg. Stand da. Sie schaute vor sich hin. Wenn jemand sie vom Hauptgebäude aus beobachtete, dann war sie mit dem Bus nach Nottingham ins Zentrum gefahren. Sie drückte auf den grünen Knopf. Sie wollte aussteigen. Der Bus hielt. Die Türen gingen auf. Sie sprang die Stufen hinunter auf den Gehsteig. Sie ging langsam weg. Wartete, bis der Bus weggefahren war. Sie schaute sich wieder um. Sie lächelte. Das war ein schönes Spiel. Sie ging um die Ecke. Die Straße hinauf. In einer Sackgasse zwischen Lagerhäusern hatte sie das Auto stehen. Sie klickte das Auto von weitem auf. Lief zum Auto. Setzte sich hinein. Startete. Ließ alle Fenster aufgehen. Sie setzte sich hin. Sammelte sich. Links fahren. Sagte sie zu sich. Streng. Es muss links gefahren werden. Sie hatte wieder auf der falschen Seite einsteigen wollen. Dann fuhr sie los. Sie musste vor einer Einfahrt reversieren. Das GPS. Sie drückte auf» NAVI«.»Previous destinations«. Sie drückte auf das letzte Ziel. Sie hatte die Frauenstimme im Navigationsgerät beibehalten. Sie hatte aber auf Deutsch umgeschaltet. Sie ließ sich aus der Sackgasse hinausschleusen. Sie war beschäftigt, auf der linken Seite zu bleiben. Sie konnte nur auf die Straße starren und im Kopf alles umkehren. Langsam kam die Gewöhnung, und sie konnte sich umsehen.

Sie fuhr eine einzige lange verlassene high street entlang. Aus Nottingham hinaus. Die Straße in Richtung Peak District. Erst Industrie. Lagerhäuser. Hallen. Dazwischen Wohngegenden. Kleine Häuschen. Häuser in Gärten. Parks. Und immer wieder high streets. Geschlossene Geschäfte. Verklebte Auslagen. Dazwischen Supermärkte. Grau und staubig und leer. Es war sehr heiß. Das Thermometer im Auto gab 93 Grad Fahrenheit an. Die Hitzewelle dauerte schon 3 Wochen. Sie hatte die Fenster wieder geschlossen. Die Klimaanlage war auf die höchste Stufe gestellt. Das Fahren in diesem kühlen Schächtelchen. Der kleine weiße Golf. Es machte sie vergnügt, über diese Straßen zu steuern. Sie durfte aber nicht zu vergnügt werden. Sie musste sich an das Linksfahren erinnern. Mit der Automatik war das nicht so schwierig. Schalten hätte ihr Probleme gemacht. Sie konnte für ihre linke Hand nicht so gut mitdenken wie für die rechte.

Kreisverkehre. Kreuzungen. Zweispurige Straßen. Vierspurige Straßen. Sie konnte schneller fahren. Wieder durch kleine Ortschaften. Dann endlich unverbaute Gegenden. Brachliegende Felder. Baugründe. Schafweiden. Felder. Hügel. Wiesen. Bäume. Hecken rundherum. Sie fuhr Alleen entlang. Wäldchen. Wälder. Und dann die Abzweigung. Haversham Gardens. Riesige Eichen. Farne. Das Sonnenlicht. Tanzende Flecken.

Sie fuhr auf den Parkplatz. Zahlte ihren Eintritt. Sie kaufte einen Becher Tee im Kiosk. Gleich beim Eingang. Sie trug den Tee. Hatte ihre Tasche über der Schulter. Sie wäre am liebsten losgelaufen. Die Wege rote Erde. Übergrünes Gras an den Rändern. Sie bog nach links. Gleich in den Wald. Und sie wollte gehen. Diesen breiten Weg entlangspazieren und im Gehen glücklich sein. Total europäisch. Sie wollte total europäisch spazieren gehen. Wandeln. Und es war erst hier wieder gewesen. Sie hatte sich noch nie so gefühlt. So gerettet. So wissend, dass es wieder gut war. Sie musste gehen. Dieses Gefühl war nur im Gehen zu haben. In dieser Umgebung. Es gab nur sie. Für sich. Es war ein schamloses Gefühl. Beim Gehen. Im sonnenfleckigen Licht unter den Bäumen und im klirrenden Sonnenlicht in den Lichtungen und über den Wiesen. Hügelauf und hügelab. Sie hätte es gerne mitgeteilt. Tänzelnd hätte sie rufen mögen, schaut her, ich bin das. Ich bin wieder ganz und heil und werde wieder ganz oben auf der Welle reiten. Es war aber niemand da. Und mit dem Teebecher in der Hand ging das mit dem Tänzeln ohnehin nicht. Sie grinste sich selber zu.

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