Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Juli

Müdigkeit ist auch nur eine Welle.

Sie sagte das laut vor sich hin. Sie lief.

«Müü-di-i-igk-eit-iis-sss-t-aauu-chch-nnnu-rrr-eeii-nnn-eee-www-ellll-eee.«

Sie lief und sagte sich diesen Satz vor. Es war heiß. Heiß und dunstig. Sie sah vor sich auf die Tartanbahn. Sie war allein draußen. Sie konnte nur sich hören. Keuchen. Diesen Satz vor sich hin summen. Die fünfte Runde. Wenn sie Meilen in Meter umwandeln hätte können, hätte sie gewusst, wie viel sie gelaufen war. Sie dachte in Runden. 11 Runden. Da war noch genug Zeit zum Duschen, und sie war zufrieden. Aber das Wichtigste war, nicht drinnen zu sein. Nicht im Haus. Sie schaute hinauf. Die Wolken dicht. Die Flugzeuge aber zu sehen. Immer Flugzeuge am Himmel. Hier.

«Müü-di-ig-keeiit-iis-tt-aauu-chchch-nnn-uuu-rr-eeii-nnn-eee-www-eellee.«

Das Laufen übernahm. Sie ließ sich laufen. Es dauerte ohnehin immer länger, bis diese Selbstverständlichkeit eintrat und jeder Schritt sich selber machte und sie sich nicht um sich kümmern musste. Sie hatte den Himmel über sich. Das Laufen rund um sich. Die Unruhe und die Leere. Die Angst wegen der Tante Trude. Die Familie. Jeder wollte da für sie bestimmen. Gino hatte gemailt. Die zerschmetterten Knie. Er war schon wieder operiert worden. Sie konnte nicht mehr surfen. Hatte Probleme. Mit der Vorstellung davon. War nicht locker. Nicht entspannt. Sie war kaum draußen gewesen. In Frankreich. Gerade.

Sie wollte eine einzige Linie haben. In ihrem Leben. Sie wollte einen einzigen Weg gehen. Aber sie wusste nichts mehr. Nicht, wie man leben sollte. Nicht, wie sie leben sollte. Das Leben in die Hand nehmen. Wie man so sagte. Das war das letzte Mal in Stockerau gesagt worden. Im Realgymnasium. Von der Frau von der Berufsberatung. Die hatte sie gefragt, warum sie alle Kästchen ausgefüllt hatte. In der Rubrik» Interessen«. Und sie hatte gesagt, dass das eben so sei. Es interessiere sie eben alles. Die Frau hatte auf ihren Fragebogen geschaut und gesagt, dann würde es wohl eine schwierige Aufgabe werden, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Sie lief. Murmelte ihren Zaubersatz gegen das Aufgeben. Und stellte sich vor, wie das war. Das Leben in die Hand nehmen. Wie das Leben sich anfühlte. Beim In-die-Hand-Nehmen. Wie sich das anfühlen könnte. Wenn das Leben dann in die Hand genommen war. Sofort fiel ihr die Wand in dem Containerzimmer ein. Sie konnte den weichen, schmutzigweißen Bodenbelag in der Handfläche spüren. Das Gefühl auf der Handfläche löste einen Geschmack aus. Sie musste den weichen, schmutzigweißen Bodenbelag an der Wand schmecken. Hatte einen trockenrau flauschigen Geschmack am Gaumen. In die Kehle hinunter. Sie musste husten. Sie bekam keine Luft. Sie musste innehalten. Warten. Vorgebeugt stehen und würgen. Bis sich genug Speichel gebildet hatte, die Kehle anzufeuchten. Ihr Wasser. Die Flasche hatte sie in der Garderobe. In ihrer Tasche. Eingesperrt. Es musste ja alles eingesperrt werden. Hier.

Sie ging dann weiter und begann, langsam wieder zu laufen. Sie steigerte das Tempo. Ihr Tantra. Es war nicht mehr gültig. Sie konnte sich an den Satz nicht einmal richtig erinnern. Es war ein Satz, wie ihn Trainer hier verwendeten. Hier war alles ein Vergleich. Alles war, als ob. Alles war Trainingsspiel. Wahrscheinlich war auch diese Szene da. Mit dem Bodenbelag die Wände hinauf. Wahrscheinlich war auch da alles Schauspielerei gewesen, und man hatte einen Test mit ihr gemacht. Mindfuckerei, sagte sie sich. Sie lief wieder schnell.

«Meeii-einnnnd-fffff- aaaaaaa-ckckckckckck-erei.«, murmelte sie.»Meeeii-nnnddddd-faaaaa-ck. You idiot.«

Es war ja jederzeit zu erwarten, dass jemand laut lachte. Hier. Weil man etwas ernst genommen hatte. Weil man Hilfe geschrien hatte. Sich aufgeregt. Erregt. Aber es war nur ein Scherz gewesen. Und man stand da. Blöd. Uncool. Alarmistisch. Bleeding heart Gutmensch. Hereingefallen. Nein. Sie wollte sich nicht genieren. Sie wollte sich nicht mehr genieren. Um Himmels willen. Konnte die Sache mit dem Genieren endlich aufhören.

Sie lief an der Außenseite. Sie lief die äußere weiße Linie entlang. Sie war zu oft zur Seite gedrängt worden. In den letzten Tagen. Da lief sie gleich im Abseits. Alle anderen trainierten für den PFT Certification Letter. Sie hatte gefragt, ob denn alle zu den Marines wollten, und da war nur genickt worden. Die Instructorin hatte aufgeschaut und gefragt, wer das nicht wollen wolle. Wer das nicht wollen können wolle. Das war aber am Anfang gewesen. Da hatte sie noch so geredet. Da hatte sie sich gefragt, warum es keine britischen Regeln waren, sondern amerikanische. Aber das war dumm gewesen. Trisecura gehörte jetzt zur Greenground Group. Das war USA. Da waren US marine standards logisch. Für einen britischen contract konnte man die standards anpassen. Aber die US-Aufträge waren wichtiger.

Sie hatte zu den Morgentrainingssessions gehen wollen. Am Anfang. Jeden Morgen zum Morgentraining und richtig fit werden. Sie hatte dann zweimal verschlafen und war schon nicht mehr mitgekommen. Muscle failure. Sie hatte sich hinsetzen müssen. Rund um sie waren 50 Männer und Frauen gesprungen. Hatten schattengeboxt. Hatten sit-ups gemacht. Gestretcht. Waren im Stand gelaufen. Hatten ihre Beine in schwierigen seitlichen Positionen ewig lang stillhalten können. Sie war bei den Liegestützen ausgeschieden. Gleich das erste Mal. Als zwischen die schnellen Übungen im Stand die Liegestütze an die Reihe gekommen waren, war sie in sich zusammengesunken und nicht mehr in die Höhe gekommen. Sie hatte sich aufgerappelt und war dagesessen. Die Trainergruppe auf der Bühne oben hatte weitergezählt. Langgezogen. One. Langgezogen. Two. Three. Zwei Minuten wurde das so gemacht. In jedem Morgentraining waren die Prüfungseinheiten für die PFT Certification enthalten. Bis zum Ende der 6 Wochen wurde die Prüfung in jedem Morgentraining dreimal durchexerziert. Sie war nicht einmal bis zum ersten Mal gekommen. Mittlerweile wäre es wegen dieser Schlaftabletten nicht gegangen. Hazel hatte ihr ein Schlafmittel geborgt. Falls sie nicht schlafen könne, diese pills wären immer hilfreich. Sie hatte sie genommen und wirklich tief geschlafen. Aber am Morgen war dann mit Sport gar nichts anzufangen.

Sie hatte begonnen, in der Mittagspause zu laufen. Sie nahm beim Frühstück Obst und Muffins mit und ging auf den Sportplatz. Sie trug die Laufsachen unter dem Leinenkostüm. Sie musste nur duschen und ihre Sachen wieder anziehen. Die Schuhe hatte sie in der Umhängetasche. Sie wickelte die Muffins in Servietten und steckte sie in die Laufschuhe. Die Laufschuhe in die Schuhsäcke. Die Muffins waren dann bis zum Mittag nicht ganz zerbröselt. Vom Aufwachen an plante sie die Mittagspause. Von der Mittagspause an plante sie ihre Flucht.

Sie lief. War das die fünfte Runde. Oder die sechste. Sie lief. Sie wollte sich nichts überlegen. Keine Fragen der Personalentwicklung. Psychologische Stabilität und deren Messung. Versicherungspakete und wie sie die Motivation beeinflussten. Familienbande und wie Personalentwicklung sie einbeziehen sollte. Sie stellte sich vor, wie die Personalabteilung mit ihrer Tante Marina sprach. Über die benefits, wenn sie bei einem Auslandseinsatz umkommen würde. Es wäre gut, die Familie zu einem Treffen zusammenzuführen. Erklären, we don’t put your sons and daughters in harm’s way but … Bei ihr. Da wäre das ein nettes internationales Treffen. Die Marina konnte gleich eine Sitzung der Erbengemeinschaft anschließen. Und wenn sie tot war, dann konnten die sich die Versicherungssumme teilen. Consens building. Es würde nicht hilfreich sein, wenn die Familie die Motivation eines ihrer Mitglieder nicht verstehen würde. Es würde die Einsatzleistung mindern.

Würde das ihre Einsatzleistung mindern. Die Tante Trude. Der Onkel Schottola. Der Gino. Vielleicht. Aber die waren alle nicht Familie. Die würden da nicht aufscheinen. Ihre Mutter. Die Frau, die sie immer schon verlassen hatte. Die würde am Ende kassieren. Rein rechtlich. Aber vielleicht war das eine lustige Gelegenheit, ihre Mutter neu kennenzulernen. Ein Treffen zur Instruktion der Familie über die Versicherungsangelegenheiten bezüglich eines Auslandseinsatzes eines ihrer Familienmitglieder als Sicherheitsfachkraft. Das wäre genau richtig gewesen. Mit ihrer Mutter darüber zu reden, was ihr Tod wert war. Wert wäre. Diese Person hatte ihr das Leben geschenkt. Dann musste sie ihr ihren Tod zurückschenken.»Tit for tat «hieß das hier. Aber ihre Mutter. Die musste sie als Leihmutter ansehen. Die war ihre Leihmutter gewesen. Die hatte jetzt ihre eigenen Kinder, und sie war das leihweise Ausgetragene. Ihre Mutter war nicht bezahlt worden dafür. Das war es wahrscheinlich. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter nicht das Gefühl, belohnt genug zu sein. Für sie. Es war alles nur ein Geschäft. Schiefgegangen. Dieser deal war schiefgegangen. Und beide Geschäftspartner unzufrieden. Aber ihre Mutter war unzufrieden gewesen, bevor sie etwas hätte machen können.

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