Sie richtete sich auf und wandte sich an die Kamera in der rechten Ecke von der Tür. Sie wartete auf eine Reaktion. Sie schob das Mikrophon im Ohr zurecht. Ein dumpfes Gefühl. Das stille Mikrophon in der Stille. Plötzlich kam ihr der Mann bekannt vor. Sie schaute ihn aufmerksam an. Aber im Liegen. Leute sahen im Liegen so anders aus. Sie ging wieder zur Tür. Sie ging an die Wand gegenüber der Tür. Ihr Gehen. Sie konnte davon nichts hören. Sie schaute auf ihre Füße hinunter. Der weiche Bodenbelag. Die Wand hinauf. Sie dachte kurz, wie sie auf diesem Bodenbelag an der Wand weitergehen sollte und dann, auf der Decke stehend, das Licht unter sich haben würde. Man konnte diesen Raum sicher drehen. Wahrscheinlich war das einer von diesen Räumen, in denen auch Erdbeben simuliert werden konnten. Sie konnte sich vorstellen, wie der Raum gekippt wurde. Gerüttelt. Herumgeworfen. Wie sie dabei auf diesen Mann fallen würde. Der war ja festgeschnallt. Dem würde nichts passieren. Der würde dann von der Decke hängen. Aber wie sollte sie die Drehung überstehen. Sie musste wenigstens wissen, in welche Richtung gedreht werden würde. Damit sie in diese Richtung gehend ihr Gewicht verlagern konnte. Sie lehnte sich gegen die Wand neben der Tür. Falls das mit der Drehung passieren sollte. Oder der Raum geschüttelt würde. Es konnte ja sein, dass die Tür aufging. Durch die Veränderungen. Und dann war sie gleich bei der Tür. Was wäre das für eine Tragödie, wenn sie da gerade an der anderen Wand herumkroch und nicht an die offene Tür kommen konnte.
Sie stieß sich von der Wand ab. Es täte ihr leid, sagte sie auf das Gesicht des Manns hinunter. Sie hätte keine Ahnung, was hier abliefe. Sie wäre so hilflos wie er. Ja. Sie gäbe zu, sie wäre nicht festgeschnallt. Aber in gewisser Weise doch. Es täte ihr alles schrecklich leid. Sie habe sich das alles anders vorgestellt. Sie habe immer gehört, dass es nicht anders ginge. Dass es nur so ginge. Sie wäre bereit, seine Unschuld zu glauben. Aber es hätte diese Attentate gegeben. Es gäbe sie. Das müsste er zugeben. Diese Attentate. Die wären eine Tatsache. Und dass er nun verdächtigt würde. Das wäre eine Folge dieser Tatsachen. Tatsachen, die viel Leid gebracht hätten. Und wenn Leid wiederum keine Folgen hätte, dann gäbe es nur noch die Tatsachen. Und wie solle das gehen. Die einen machten Attentate, und die anderen ließen sie machen. Wenn es um dieses extreme Leid ginge. Wenn Arme und Beine oder das Leben verlorengingen. Dann könne man das nicht so einfach geschehen lassen. Das müsste er doch verstehen.
Sie hatte vor sich hin geredet. Ohne Pause. Ohne Unterbrechung. Sie hatte vor sich hin gestrudelt. Nur ihre Stimme war immer höher geworden. Der Mann zeigte keine Reaktion.
Wenn sie nur glauben könnte, dass er es nicht machen würde. Dass er nicht seinen Gegner festschnallen würde und jedes sinnlichen Reizes berauben. Wenn sie das nur glauben könnte, sie würde ihn befreien. Sie würde hier toben und schreien und alles tun, dass sie herausgeholt werden würde. Sie wäre die Großnichte einer Aktionärin. Sie könne nicht so einfach verschwinden. Sie sprach ruhig. Langsam. Deutlich. Sie sagte das wieder auf Englisch. Damit es alle mitverstehen konnten. Sie stockte. Ging wieder an die Tür.
«Go on. «Hazels Stimme. Sachlich.»He is coming around and you don’t have to do anything. Your voice alone is hurt enough.«
Sie stellte sich wieder an die Liege. Ihr Kopf war leer. Sie wusste nichts zu sagen. Ihr Mund war trocken. Die Kehle rau. Die Wiener Sängerknaben fielen ihr ein. So, wie sie zur Kamera hinaufschaute. Wie sie den Kopf gehoben hatte. So sangen die. Sie legte die Hände auf dem Rücken ineinander und schaute in die Kamera. Ja. So standen die und sangen. Ihr fiel aber kein Lied ein.
«Es waren einmal zwei Kinder. Ihr Name war Hänsel und Gretel. Die lebten mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter im Wald. Eines Nachts sagte die Stiefmutter zum Vater. Du. Mann. Wir müssen die Kinder in den Wald führen und dort aussetzen. Wir haben kein Essen mehr. Der Vater wollte das nicht zulassen, aber die Stiefmutter überzeugte ihn. Am nächsten Morgen gaben die Eltern den Kindern das letzte Stück Brot.«
Die Augenlider des Manns flatterten auf. Er behielt sie geschlossen. Aber auch sein Mund bewegte sich. Er krächzte. Fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Die zu befeuchten.
Sie begann zu schreien. Sie begann zu schreien. Sie lief zur Tür und schlug gegen die Tür.
«Think that this is the man who abandoned your mother. Think this is the man who treated your grandmother so badly. Think he is all the men who abandon pregnant women and hurt their children so much. «Hazel flüsterte in ihrem Ohr.
Sie hatte Angst vor diesem Mann. Wenn er sie ansah. Sie wollte nicht von ihm gesehen werden. Das war alles Wahnsinn. Sie schrie nach Hazel. Nach dem Techniker. Im Ohr war kein Laut. Plötzlich war da kein Ton mehr. Die hatten sie abgeschaltet. Vergessen. Eine Welle Hass. Sie hasste diesen Mann. Sie stellte sich wieder an seine Seite. Sie trat gegen die Beine der Liege. Der war schuld an allem. Sie riss an den Gurten. Sie trat gegen die Liege. Sie schlug gegen die Wände. Sie hätte diesem Mann weh tun wollen. Sie konnte fühlen, wie sie auf ihn einstach. Sie fühlte, wie die Stiche durch seine Haut. In den Körper. Wie sie immer wieder. Der nächste Stich vom Solarplexus her befohlen. Ein Drang zuzustechen. Zuzuschlagen. Reißen. Immer noch etwas hinzufügen. Geräte dafür. Messer. Nadeln. Am liebsten Nadeln. Nein. Doch Messer. Stanley-Messer. Jeder Stich den nächsten auslösend. Schnitte. Sie fand sich das sagen. Sie zischte diesem Mann zu, wie sie ihn zerfleischen wollte. Zerschneiden. Wie sie ihm die Augen. Den Mund. Wie sie ihm das Gesicht. Zerstören. In die Ohren. Das besonders. In die Ohren. Die hier nichts hörten. In dieser Stille. Was für ein Vergnügen, genau in so einer Stille das Gehör zu zerstören. Sie fand sich wieder ruhig. Sie stand an die Tür gelehnt und sprach vor sich hin. Sinnierend. Wie richtig es wäre, in der Stille so eine ewige Stille, und wenn sie schon so allein gelassen waren. Sollten sie dann nicht etwas Sinnvolles daraus machen.
Sie fiel nach hinten. Die Tür wurde aufgemacht. Sie fiel nach draußen. Sie schaute sich nicht um. Sie stolperte weg. Der Techniker nahm ihr das Mikrophon ab. Sie schaute ihn nicht an. Er sagte nichts. Sie ging hinaus. Die Schatten lang. Niemand. Sie ging an der Halle vorbei. Sie hörte ein Auto. Der Kleintransporter.
Der Wagen blieb neben ihr stehen. Sie stieg ein. Vorne. Auf dem Beifahrersitz. Sie schaute nach vorne hinaus. Der Mann, der fuhr. Er sagte kein Wort. Die Tore. Wieder das Warten. Hinausstarren. Dann die langsam aufgehenden Tore. Alle Tore gleich. Mattgraue Metallplatten. Die Tore wurden seitlich weggeschoben. Die Tore rollten auseinander. Der Fahrer fuhr los, sobald genug Platz war. Er wartete nicht, bis die Tore ganz offen waren. Sie konnte beim Vorbeifahren noch sehen, wie die Tore immer noch weiter auseinanderrollten, während sie schon durch waren. Sie fuhren in Richtung Hauptgebäude. Vor dem Hauptgebäude bog der Fahrer nach rechts ab und hielt vor dem Eingang zum Speisesaal. Sie stieg aus. Sie hielt die Sicherheitskarte an den scanner. Ging in das Gebäude. Sie ging zur Speisenausgabe. Tablett. Sie nahm eine Kanne Tee. Milch. Zucker. Ein cucumber sandwich. Einen Früchtekuchen. Tasse. Löffel. Kuchengabel. Serviette. Zur tea time gab es kein Personal an der Kasse. Es gab keine Getränke, die selbst bezahlt werden mussten. Sie nahm das Tablett und ging zu Tisch 43.
Ned und Bennie saßen da und kauten an ihren sandwiches. Hazel schaute auf und deutete auf ihren Sessel. Sie habe ihre Tasche vergessen. Sie stellte ihr Tablett hin. Sie nahm ihre Tasche und hängte sie an die Sessellehne. Setzte sich. Sie goss Milch in die Tasse. Warf den Zucker in die Milch. Dann goss sie den Tee darüber. So machte man das hier. Der Tee war heiß, aber sie war sehr durstig.
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