«Amy. You are too tense. «sagte Hazel. Sie zuckte wieder mit den Achseln und aß weiter. Sie füllte den Mund mit den chips und trank Coca-Cola darüber. Hazel lachte leise. Sie würde das schon lernen. Camouflage. Jede Cafeteria habe doch ihre eigenen Regeln. Es ginge aber doch nicht darum, diese Regeln zu lernen. Das würde doch nur Kraft kosten. Kostbare Kraft. Es ginge doch darum, in jeder Cafeteria zu funktionieren. Nicht mehr und nicht weniger. Es ginge längst nicht mehr darum, die Regeln zu lernen. Imitieren. Das wäre es. Schauspielern. Und jeden Auftritt improvisieren. Das wäre die Herausforderung. The challenge. Ned und Bennie hielten sich nicht an diese Philosophie, sagte sie. Sie schaute Hazel ins Gesicht. Hazel konnte zurückschauen. War das ein Teil der camouflage. In England war es unhöflich, eine Person direkt anzusehen. Hazel senkte den Blick aber dann doch. Ned und Bennie hätten andere Ziele als sie, sagte sie zu den Brokkoli auf ihrem Teller. Ned und Bennie. Die machten ihre Rechtskurse für den Innendienst. Sie würde meinen, Ned wäre ein sehr guter Vertreter für die company. In PR-Angelegenheiten und so. Und Bennie in der Buchhaltung. Sie selbst. Sie hatte immer andere Ziele gehabt.»More romantic. «sagte sie. Und sie hätte gedacht, dass Amy auch das Drama des wirklichen Lebens bevorzuge.»Real life drama. «sagte sie. Real life adventures. Und für die. Da brauche man eben diese camouflage. Invisibility. Nur wenn man unsichtbar wäre, könne man als operator einen guten Job machen.
Hazel sprach während des Essens. Hazel saß ruhig und sprach, und das Essen verschwand von ihrem Teller. Ihr eigener Teller war noch fast voll. Sie würde nicht genug Zeit haben, aufzuessen. Sie war froh, dass Coca-Cola so viele Kalorien hatte. Sie konnte dieses Essen nicht so schnell essen. Das war schon in der Moira House Girls School ein Problem gewesen. 20 Minuten für das Essen, das nicht hinunterzuwürgen gewesen war. Damals hatte sie noch kein Coca-Cola bekommen, das Essen hinunterzuspülen. Und wie damals. Es wurde kommentiert. Alles. Der Gang. Der Stand. Das Sitzen. Wie sie am Tisch saß. Wie sie das Essen trug. Wie sie sich über das Essen beugte. Sie war eine Ausländerin. Alle schauten ihr dabei zu, eine Ausländerin zu sein. Hazel hatte ihr beigestanden, mit ihrer Hand auf dem Arm und der Verhinderung ihrer middle class luxuries. Relax. Das war das Zauberwort. Hazel hatte sie gemustert und gewusst, dass ihr das schwerfallen würde. Sie hatte das kühl gesagt. Bedauernd. Hazel hatte das Ideal schon erreicht. Hazel war mittelblond. Mittelgroß. Mitteldünn. Unauffällig. Dabei war Hazel hübsch. Sehr hübsch. Aber man konnte Hazel das nicht ansehen. Man konnte Hazel eigentlich überhaupt nicht sehen. Wahrnehmen. Wenn sie in der Reihe an der Essensausgabe stand. Wenn sie über den Platz zwischen dem Hostel und dem Essenspavillon ging. Es ging irgendjemand. Hazels Bewegungen waren ruhig und bestimmt, und ihr Blick richtete sich nach außen und ließ nichts in sie hinein. Wenn sie mit Hazel aß, schaute Hazel sie an, und sie wusste, dass Hazel sie durchschaute und alles von ihr wusste. Sie wusste von Hazel nur, dass es Hazel gab, weil sie mit Hazel und Ned und Bennie an Tisch 43 essen musste. 13.00 bis 13.30 Uhr. Und bei jeder Mahlzeit ein neues Detail zur Osama-bin-Laden-action.
Sie schaute Hazel genau an. Sie musste nicken. Hazel konnte sich in alles verwandeln. In jede andere Person. Musste man dazu ohne Person sein. Sie wollte Hazel fragen. Aber die trank ihr Wasser schon im Stehen und stellte das Glas dann ab.»See you. «sagte sie und lief zum Ausgang des Speisesaals. Sie drehte sich an der Tür noch einmal zur Uhr an der Wand um und verglich die Zeit mit der Uhr an ihrem Handgelenk.
Der Insasse strich um ihren Tisch. Er war jung. Orientalisch. Indien. Pakistan. Sie kannte sich da nicht aus. Hier wussten alle voneinander, woher jemand kam. Sie wurde als Schwedin geführt. Eine Wienerin. Eine Österreicherin. Da wusste keiner genau, was das bedeutete. Sie wurde dann als Deutsche behandelt. Das war ein Vorteil. Jeder dachte dann, sie käme von der Sicherheitsakademie in Lübeck, und wollte ihre Meinung zur Ausbildung hier in Nottingham hören. Natürlich wollte niemand wirklich etwas wissen. Das war in den Unterrichtsstunden gefragt worden. Da war es notwendig, genaue Auskunft zu geben. Sie sagte mittlerweile, dass sie kein Urteil abgeben könne. Sie wäre noch nicht lang genug hier. Zwei Wochen gäben keine Grundlage für Beurteilungen ab. Das schien das Richtige zu sein. Alle nickten und schauten an ihr vorbei. Sie konnte sich auch wieder erinnern. Das mit dem Schauen. Das machte jedes Mal Probleme. Niemand sah eine andere Person an. Dafür fühlten sich die meisten dann auch ungesehen, und deshalb gab es so viele Paare, die es in aller Öffentlichkeit. Die miteinander schmusten und einander ohne jede Zurückhaltung zwischen die Beine griffen. Die fühlten sich sicher vor jedem Blick. Sie war neidisch. Auf diese Ungeniertheit.
Sie trank die Cola aus. Sie legte die Flasche neben den Teller. Sie faltete die winzige Papierserviette der Länge nach und legte sie rechts vom Teller. Das war zur Erinnerung. Das Mammerl hatte von jeher darauf bestanden, dass die unbenutzte Serviette rechts vom Teller lag und am Ende des Essens links locker gefaltet hingelegt wurde. Bei den Schottolas war es umgekehrt gewesen.»Kleinbürger. «hatte das Mammerl dazu geseufzt. Das hätte sie Hazel sagen sollen. Dass das low class luxuries waren. Da, wo sie herkam. Lowest middle class war das wahrscheinlich. Der Insasse zog das Tablett weg und stellte es auf den Servierwagen, den er herumschob.
Sie stand auf. Sie nahm ihre Umhängetasche von der Sessellehne. Rundherum. Die anderen brachen auch alle auf. Sesselgeschiebe. Zurufe. Schritte. Tellerklappern. Die automatische Tür. Sicherheitskarte. Gleich in der Halle war der Geruch besser. Sie ging ins Freie. Sommerluft. Dunstig. Die Sonne hinter Wolken. Es konnte auch regnen. Sie ging zum Hauptgebäude. Von da musste sie zum Gebäude G. Infirmary. Der medical check. Sie hatte eine SMS bekommen. Man hatte einen Termin für sie einschieben können. Pünktlichkeit war angeordnet worden. Sie schaute auf ihr handy. Es war noch Zeit. Sie ging nach rechts. Die Gebäude ab D waren rechts vom Hauptgebäude. Sie waren in einem Bogen an der Straße angeordnet. Parknatur dazwischen. Die eigentlichen Gefängnisbauten hinter dem Essenspavillon. Die Mauer den Straßenbogen rechts entlang. Laufgänge über dem Gelände. Über das ganze Gelände führten Laufgänge auf Stelzen. Zwischen den Bäumen durch. Beobachtungstürme an der Mauer zum Gefängnistrakt. Hinter der Mauer. Keine Bäume oder Wiesen. Alles betoniert. CCTV überall. Überall Kameras. Jeder Zentimeter im Freien wurde aufgenommen. Hier. Auf der Campusseite. Es waren CCTV-Kameras auch in den Bäumen befestigt.
Sie atmete tief. Ging dahin. Sie wollte das nicht. Eigentlich wollte sie das nicht. Untersucht werden. Es hatte etwas Viehisches. Was wurde da festgestellt. Ihre Tauglichkeit. Wofür. Sie war hier für eine Kurseinheit. Warum wollten die einen medical check. Das musste ein Versehen sein. Bürokratie. Wer konnte Interesse an ihrem Gesundheitszustand haben. Und da gab es nichts. Das mit der Fehlgeburt. Das ging nur sie etwas an. Das war auch nicht mehr festzustellen. Das war alles lang vorbei. Oder war es diese dumme Geschichte. Behauptete Marina immer noch, sie wäre magersüchtig. Aber das war damals gewesen. Deswegen war sie dann nach Wien zurückgeschickt worden und zu den Schottolas gekommen. Dann. Ihre Aufpäppeleltern. Sie musste e-mailen. Sie musste der Tante Trude e-mailen, und sie sollte ihr eine Freude machen und ihr eine Postkarte schicken. Aber der Unterricht dauerte von 9.00 bis 18.00 Uhr. Danach noch eine Runde laufen oder ins gym. Es ging sich gerade aus, die Haare regelmäßig zu waschen. Sie hielt ihre Sicherheitskarte an den Türöffner und lächelte dabei in die Kamera. Die Tür klickte auf. Sie schob die Tür auf. Die Rezeptionistin erwiderte ihr Lächeln in die Kamera. Sie habe einen Termin bei Dr. Scarsdale. Ground floor. Room 14. Sie solle warten, bis sie aufgerufen werde.
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