«Liebe Tante Trude, ich bin wie weggemauert. Ich fühle nichts, und ich habe keine Lust. Ich sitze vor den Wellen und bleibe draußen. Ich habe meinen Anzug neben mir liegen und das schickste Brett, das auszuborgen war, aber ich bin nicht am Leben. Es ist wie damals, aber heute würde es mir nicht helfen, alle Teller zu zerschlagen. Damals konnte ich dich erschrecken. Das war ein Ziel. Es war ein Ziel, dich und den Onkel Schottola dazu zu bringen, dass ich wieder zurückmusste. Damals wusste ich ja noch nicht, wie du bist. Ich wollte in dieser Wohngemeinschaft wohnen bleiben, obwohl ich da auch nicht sein hatte wollen und deshalb ja weggekommen bin. Damals wusste ich nicht, dass Dankbarkeit ein notwendiges Gefühl ist. Das waren alles Ziele damals. Das gibt es jetzt nicht. Ich finde kein Ziel für mich. Ich weiß keine Absicht. I don’t see any purpose. Vielleicht habe ich mir doch ein Kind gewünscht und wusste das nur nicht und bin jetzt traurig darüber, dass ich jetzt keines bekommen werde. Ich überlege manchmal, wie das wäre, wenn ich jetzt schwanger wäre. Ich bin eigentlich froh, dass es das Kind nicht gibt. Es wäre wieder ein Kind gewesen, das keinen Vater kennen hätte können. Dieses Kind hätte einen Vaterschaftstest als Vater gehabt und eine Gruppe von Männern, die man mit dem Test abgleichen hätte müssen. Aber das hätte auch nicht sicher ein Ergebnis gebracht. Das Kind wäre aus einer Zeit gekommen, die die Mutter vergessen gehabt hätte. Das Kind hätte ein Engel sein können oder nicht. Glaubst du, der Muttergottes Maria ist es auch so gegangen. Aber die hat nicht eine Flasche Wodka zum Frühstück getrunken. Obwohl wir das ja alles nicht wissen können. In jedem Fall wäre es ein Kind aus dem Chaos gewesen und besser nicht. Wenn ich es behalten hätte, dann wäre ich jetzt ungefähr im 5. oder 6. Monat, und mit dem Surfen wäre es total vorbei. Wenn du da wärst, könnten wir darüber lachen. Wir könnten zusammensitzen und darüber lachen. Kannst du dich erinnern, wie wir gekichert haben, weil wir beide Klavier spielen hätten wollen und uns nicht getraut haben, es zu lernen, weil wir beide Angst hatten, uns das nicht merken zu können. Deshalb haben wir gar nicht angefangen und haben es uns nur immer gewünscht. So geht es mir jetzt mit meinem ganzen Leben. Ich bin froh, wenn etwas nicht funktioniert, weil ich ohnehin sicher bin, dass ich es nicht kann. Aber ein Baby. Das kann jede. Das wäre dann dein Enkelkind gewesen, und ich hätte es nicht verlassen, wie meine Mutter das mit mir gemacht hat. Es ist aber trotzdem besser, dass es nicht funktioniert hat. Ich fühle mich ja doch überfallen, und das Baby wäre von da gekommen. Ich kann nicht so viele Gefühle nebeneinander haben. Du sagst, dass man das alles lernt, aber ich lerne das nicht so gut. Ich bin immer eingefangen in ein Gefühl, und jetzt ist es diese Ziellosigkeit. Das ist keine Sinnlosigkeit. Das habe ich von dir gelernt, dass es kein sinnloses Leben geben darf, und ich bemühe mich sehr. Vielleicht braucht das alles wirklich mehr Zeit, und ich muss noch einmal lernen, mit dem Verrat von meiner Mutter fertig zu werden. Manchmal denke ich, ich sollte doch dahin fahren und schauen, ob das alles stimmt. Die Adresse und so. Ich traue der Marina zu, dass sie das alles erfunden hat, damit sie an das Geld für die Bilder kommt. Dann wiederum muss ich denken, dass das eine Vermeidung von mir ist und dass ich lieber die Tante Marina als die Böse sehen will als meine eigene Mutter. Ich sollte mir Klarheit verschaffen. Ich weiß aber nicht, ob ich die Klarheit aushalten kann. Ich möchte noch viel weiter von diesen Dingen wegkommen. Wenn ich bei euch sein könnte und wir das gemeinsam machen, das wäre das Beste. Du musst gesund werden, damit wir das alles herausfinden können. Wir könnten als Detektivinnenduo auftreten und eine besonders sanfte Befragungsmethode entwickeln. Obwohl ich jetzt manchmal gar nichts mehr wissen will. Von niemandem und nichts. Aber ich muss das ja auch lernen. Befragen ist jetzt ein Unterrichtsgegenstand und die Befragungspsychologie Schulstoff. Ich reagiere wie immer antiautoritär und hasse es. Das ist der alte Mechanismus. Aber hat die Dr. Erlacher recht gehabt, mir diese Auflehnung abgewöhnen zu wollen. Ich muss jetzt immer gegen mich selbst vorgehen und mich zwingen. Ich verstehe schon, dass man eine Ausbildung braucht, und ich hätte bei der BWL bleiben sollen. Jetzt ist es halt so, und du hast schon recht. Jede Erfahrung ist ein Gewinn. Aber manchmal denke ich, dass das halt auch nur der Reichtum der kleinen Leute ist, die sich nichts anderes leisten können, als Erfahrungen zu machen. Ich weiß schon, dass du eigentlich deine Krankheit meinst, und ich werde das schon zu Ende bringen. Ich kann ja dann als Sicherheitsfachkraft immer noch im surfershop an der Côte d’Argent arbeiten. Gestohlen wird da auch. Sicherheit ist immer notwendig. Da hast du schon recht, dass das immer gebraucht werden wird. Ich bemühe mich auch wirklich. Versprochen. Du musst jetzt gesund werden. Du musst ganz dringend«.
Sie löschte den Text.
Sie schrieb.»Es ist auch ein Vergnügen. Das musst du wissen. Es ist vergnüglich. Ein erfahrbares Vergnügen. Dieses Schälen. Herausschälen. Je nach Schale. Das Innere bloßlegen. Ganz kurz. Das Innerste und dann wieder zumachen. Es ist fast ein Verbrechen, es meistens auf Video zu haben. Es ist fast mehr ein Verbrechen als ein Porno. Es ist ein Augenblick. Diese Blöße ist nur einen Augenblick. Gleich nach dem Geständnis ist alles wieder normal. Aber in dem Augenblick. Da gibt es eine Nähe. Da senken sich die Augen. Die Stirn wird ganz entspannt. Da gibt es ein Lächeln. Süße Hilflosigkeit. Ein Band ist das. Ein Bund wird das. Es ist ein mindfuck. Ganz richtig so. Da ist mehr ineinander verhakt als bei jedem Fick. Das ist eine Aufgelöstheit. In dem Augenblick gibt es keinen Unterschied. Keinen Täter und kein Opfer. Das ist dann gleich wieder. Weil das nicht andauert. Es hat sich eine Bindung hergestellt. Es wäre nur richtig, wenn die beiden nicht mehr voneinander ließen. Sie sind ja weit außerhalb geraten und wissen nun doch, wie die Welt funktioniert. Es ist ja auf allen Ebenen so. We are fucked. Es ist am besten, wir geben es gleich zu. Das Leben tut ja ohnehin fast immer weh. Mir tut das Leben fast immer weh. Aber ich kann mich nicht rächen. Ich muss meinen Wunsch, Amok zu laufen, in diese Augenblicke auffädeln. Eine Perlenkette von Amoklauf. Dunkle Perlen. Die äußerste Einsamkeit. Die tiefste Verwirrung. Die kürzesten Augenblicke, das aufzuheben und wieder dahin zurückzufallen. In die äußerste Einsamkeit. In die tiefste Verwirrung. Die noch weiter außerhalb liegt und noch tiefer hinunterreißt als davor. Aber ein Vergnügen. Erwartung. Macht. Macht zu haben. Eine Zigarette zu rauchen und das glühende Ende der Zigarette gegen die Stirn zu halten, bis sie erschlafft und alles gesagt werden muss. Ich bin ein schlechter Mensch, Tante Trude. Ich bin der schlechteste Mensch, und ich hoffe, dass deine Krankheit nichts damit zu tun hat, und ich möchte nie, dass du das erfährst. Aber ich bin wie entfesselt und böse. «Sie löschte die ganze e-mail.
Der Wind fast kalt. Sie nahm den laptop und ging an den Rand des Strandes. Der Sand zur Grasnarbe da steil anstieg. Das alte Gras graumodrig über die Kante hing. Das neue Gras steil grün in die Höhe wuchs. Sie lehnte sich unter die Kante. Balancierte den laptop auf den Knien. Der Wind hier fast nicht. Der Sand von der Sonne noch warm. Sie rief die e-mail von der Tante Trude auf und klickte auf» Antworten «und schrieb.
«Ich habe Angst und weiß nicht, wovor oder warum.«
Sie schaute hinaus. Es war nichts los. Sie versäumte nichts. Sie schaute auf den Satz auf dem Bildschirm. Das stimmte nicht. Sie hatte keine Angst. Sie hatte das aber geschrieben. Sie hatte alles Mögliche geschrieben. Das alles war in den Bauch dieses Geräts verbannt worden. Das alles war in einer Zwischenablage. Wiederfindbar. Sie seufzte. Das war angenehm. Das war sehr angenehm. Alles war geschrieben und aufgehoben, und sie musste nichts mehr wissen davon. Sie war traurig. Sie hätte die Tante Trude wirklich gerne hiergehabt. Sie und der Onkel hätten schon zurückgehen müssen. Ins Hotel. Für die Tante wäre es schon zu kühl gewesen. Sie hätte sie zum Abendessen gesehen. Sie wäre an den Tisch gekommen, und sie hätten gegessen, und am nächsten Tag wären sie wieder an den Strand gezogen. Das würde es nicht geben.»Du darfst das nicht denken. «befahl sie sich. Aber sie dachte es. Es gab keine Berichte mehr. Sie musste anrufen. Die e-mails von der Tante gerade eine Zeile. Der Onkel meldete sich gar nicht mehr. Er hatte wohl Sorge, sich zu verraten. Dann waren wohl die Abendessen nach den Wanderungen mit ihm. Dann waren das wohl die Erinnerungen. Die Essen in irgendwelchen Gasthäusern da, wo sie hingeraten waren. Die Tante hatte sie abgeholt, und es wurde noch dort gegessen. Weil sie so lange gegangen waren. Sonst waren Gasthausbesuche nicht erlaubt. Frivol. Kostspielig und überflüssig. Die Tante hatte gesagt, dass das Kind auch einmal etwas erleben musste. Und das war es jetzt. Das war es, was das Kind erlebt hatte. Sie konnte es nicht zurückzahlen. Zurückschenken. Die Tante entzog sich dem mit ihrer Krankheit. Das hätte sie mit dem Geld aus der Restitution gemacht. Die Schottolas ans Meer einladen.
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