Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Sie schaffte den Schritt. Dann noch einen. Sie stand an die Tür gelehnt. Nein. Das stimme nicht, sagte sie. Das könne er nicht sagen.»Ich habe mich immerhin selbst angeboten. «Der Mann schnaubte verächtlich.»Ein Trick. Aber so etwas ist kein Problem. So etwas ist überhaupt kein Problem. «Er starrte ihr in die Augen.»Im Übrigen haben wir dafür die Hunde. «Er schaute sie unverwandt an. Sie starrte zurück und musste zuschauen, wie er sah, dass sie verstand. Sie brauchte lange. Sie schämte sich dafür. Sie schämte sich dafür, wie lange sie gebraucht hatte, zu verstehen, was er damit gemeint hatte. Die Hunde. Sie stand da wie das kleine Mädchen, das nicht verstand, was die Erwachsenen machten, und sich dann genieren musste. Dafür, dass sie nichts gewusst hatte davon, was die Erwachsenen so machten. Und dann wieder dafür, was die Erwachsenen da so machten, von dem sie vorher nichts begriffen hatte. Sie konnte zusehen, wie er sie dabei beobachtete. Sie fühlte sich nackt. Entblößt. Und er musterte sie.

Die Hunde. Es war immer nur der eine zu sehen gewesen. Der vom Heinz. Der in die Sitzungen mitgenommen wurde. Aber es mussten mehrere Hunde gewesen sein. Ihr Bellen war zu hören gewesen. Hinter einer der Baracken, die den Parkplatz abgegrenzt hatte, war Hundegebell zu hören gewesen. Sie hatte sich nichts gedacht. Wie immer. Sie hatte sich nie etwas gedacht. Und schon gar nicht so etwas. Sie hatte Pornobilder davon gesehen. Hunde. Sie musste erbrechen. Es reckte sie. Sie griff nach der Klinke um Halt. Und die Klinke ging auf. Sie stolperte auf den Gang hinaus.

Der Kellergang taghell erleuchtet. Eine Tür weit unten ging auf. Heinz und Cindy und einer der Psychologen kamen auf den Gang heraus. Sie applaudierten. Sie klatschten in die Hände.»Gut gemacht. «rief Cindy. Die 3 kamen auf sie zu. Sie wurde von ihnen erfasst und in das Zimmer zurückgeschoben. Der Mann hinter dem Tisch. Er war aufgestanden. Er wischte sich Schweiß von der Stirn ab. Auch er nickte ihr zu. Das wäre schon ganz gut gewesen. Cindy setzte sich mit einem Hüpfer auf den Tisch.»Du hast dich endlich geöffnet. «sagte sie. Besonders der Sexantrag sei richtig gelungen gewesen. Sie habe sehr gut durchgehalten, sagte der Psychologe. Er unterrichtete Kommunikationstechnik und Konfliktmanagement. Sie hatte seinen Namen vergessen. Sie habe es verstanden, den Rhythmus des Interrogators zu unterbrechen. Sie müsse gemerkt haben, dass das positive Gefühle bei ihr ausgelöst habe. Das müsse sie sich merken. Diese Selbsterfahrung würde nun dazu beitragen, dass sie ihre Befragungstechnik entwickeln könnte. Alle wandten sich dem Mann zu. Er habe eine schwierige Aufgabe gehabt. Alle nickten ihr wieder zu.»Ja. «sagte Cindy. Sie sei richtig stolz auf ihre Amy. Er müsse seinen Rhythmus besser finden. Er dürfe sich nicht so aus dem Rhythmus bringen lassen. So ein Verhör. Der Psychologe murmelte» Intensivbefragung«. Heinz schüttelte den Kopf. Er würde das nicht mehr lernen. Also so eine Intensivbefragung. Die müsse schon nach einem strengen Rhythmus ablaufen.»Bach?«Alle schauten wieder sie an. Der Psychologe ärgerlich. Heinz lachte. Ja. Das sei schon richtig. Bach. Das hätte sich in der Praxis bewährt. Heinz begann zu lachen. Der Psychologe lachte nicht mit. Der Mann nickte. Cindy lächelte. Sie rutschte vom Tisch. Ja. Es sei nicht leicht, aus der Stimmung herauszukommen. Sie würde anraten, joggen zu gehen. Oder in den Kraftraum.»Warum geht ihr zwei nicht auf einen Waldlauf. «sagte sie zu ihr und dem Mann. Sie nannte ihn André. André und sie. Amy. Sie hätten einander ja jetzt kennengelernt. André wäre neu zu ihnen gestoßen. André habe in seiner Polizeiarbeit wenig mit Befragungen zu tun gehabt. Er sei mehr ein Internetspezialist gewesen, und darin sei er eine sehr vielversprechende Ergänzung des Teams. Es grinsten alle. Heinz ging als Erster aus dem Zimmer. Die anderen drängelten nach. Sie wartete. Ging als Letzte.

Auf dem Gang. Cindy drehte sich um. Die anderen waren voraus. Cindy ging zu ihr gewandt rückwärts.»Klasse. «sagte sie. Es sei klasse gewesen, wie ruhig Amy den Vorschlag gemacht habe, doch einfach Sex zu haben.»Wie habt ihr denn überhaupt zugeschaut. «fragte sie. Cindy kicherte.»Nadelöhrvideokamera. Da kriegt man es hautnah mit. Das ist lustig. «sagte Cindy und ging den Männern nach.

Mai

«Es kränkt mich, aber ich weiß nicht, wo. Ich weiß gar nicht, wie ich dir das beschreiben soll. Du weißt schon. Die Geschichte mit der Betsimammi. Ich bin so froh, dass ihr auch nichts davon gewusst habt. Jedenfalls nicht genau. Ich könnte es nicht aushalten, mir vorzustellen, ihr habt das gewusst und mir nichts gesagt, um mich zu schonen. Wenn ich nur beginne, mir vorzustellen, wie der Onkel mich anschaut und dabei weiß, dass meine Mami im 13. Bezirk lebt und bei ihren neuen Kindern zu Hause bleibt. Es gibt ihr so viel Macht. Findest du nicht. Aber ich will sie nicht verstehen. Ich verstehe, dass du das sagen musst. Aber ich will sie nicht verstehen. Ich weiß. Ich sollte. Aber die Vorstellung, ich ginge sie besuchen. Ich läute an ihrer Tür und schaue mir meine Halbgeschwister an. Glaubst du nicht, dass sie dann einen Rückfall haben müsste. Ich bin doch die Erinnerung an alles, was sie falsch gemacht hat. Ich erinnere sie an alles, was ihr passiert ist. Ich bin doch das Monster ihrer Vergangenheit. Ich bin das ganze Elend ihrer Jugend, und ich würde es ihr ins Haus bringen. Glaubst du nicht. Manchmal denke ich, dass ich zu feige bin und mich nicht traue. Aber das ist es nicht. Ich bin ja meine eigene Mutter geworden und muss mich vor gar nichts fürchten. Vor gar nichts. Wenn jetzt ein Drache über den Sand hier am Strand hergekrochen käme, ich würde ihn nur fragen, ob er sich nicht verirrt hat. Es wäre halt fair von ihr gewesen, wenn sie mir das erzählt hätte. Oder euch. Sie hätte ja einen Brief schreiben können. Denn eigentlich zwingt sie mich, mir das anschauen zu gehen und sie aus der Ruhe zu reißen. Ich bekomme immer die Rolle der Störerin. Ich kann ja gar nicht anders. Deshalb werde ich sie nicht treffen und sie strafen. Ich werde sie mit dem Geld strafen. Ich muss mich ja nur aus dieser Erbengemeinschaft raushalten, und die bekommen alle nichts. Obwohl ich es der Tante Marina zutraue, dass sie die Unterschrift fälscht und einfach weitermacht. Oder glaubst du, sie hat auch die Unterschrift von der Betsimammi gefälscht, und die lebt noch immer in Amsterdam und tut sich schwer, und ich lasse mich von der Tante Marina manipulieren. Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Aber das würde ja bedeuten, dass ich zu dieser Adresse fahren muss und nachschauen. Oder muss ich das nicht. Die Dr. Erlacher würde sagen, dass ich nicht verpflichtet bin, für meine Mutter mitzudenken. Das wäre die Sache von ihr. Aber es ist mein Leben davon betroffen. Hat mich meine Mutter verraten oder meine Großtante, und warum muss ich es zufällig herausfinden. Hat die Marina diese Dokumente absichtlich hingelegt, damit ich sie finde. Hat die Marina sich vorgestellt, dass ich das finde und mich dann in die Themse werfe oder auf dem Dachboden erhänge. Das ginge da nämlich gar nicht. Das ist alles viel zu niedrig da. Und ertrinken. Das mache ich lieber hier. Wir haben hier ein bisschen flaues Wetter, und die Wellen lassen sehr zu wünschen übrig. Dafür gibt es Sonne.«

Sie klickte auf» Alles markieren «und löschte alles. Sie ließ den laptop offen. Balancierte ihn offen auf das Badetuch. Legte sich hin. Sie lag seitlich und starrte auf den Bildschirm. Die Sonne war über dem Meer. Tief. Es gab keinen swell. Es war ihr recht. Das war falsch. Sie sollte sich hinauswünschen. Paddeln. Auf dem Brett liegend mit dem Meer verschmelzen. Love the surf and it will love you. Und das tat sie. Sie musste lächeln. Einen Augenblick. Eine Welle von Wohlgefühl. Es war alles so perfekt. Die Sonne. Für morgen war ein guter swell vorausgesagt. Stürme weit, weit draußen. Hier eine Brise und die Sonne. Sommeranfang. Der Sommer frisch. Alle sonnenhungrig und enthusiastisch. Es begann gerade. Die ernsthaften Surfer alle schon längst weitergezogen. In den winterswell auf der südlichen Halbkugel. Hier waren nur mehr die, die es schön haben wollten, und man konnte sich ohne Angst vor den Angriffen der Surfphilosophen tummeln. Ohne Angst vor den Rowdys. Den Promis. Den Pros. Draußen. Paddeln. Man wurde nicht angeschrien, wenn man eine Welle nicht sofort erkannte. Oder Platz machte. Platz machen. Die Unruhe sprang aus dem Satz. Platz machen. Sie musste sich aufsetzen. Sie dehnte den Rücken. Zog die Schulterblätter nach hinten zusammen.

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