Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Die Schmerzmacherin: краткое содержание, описание и аннотация

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Sie stand auf. Sie zwang sich, sich nicht abzuwenden. Sich nicht auf dem Sessel nach links zu drehen und ihm auszuweichen. Sie stand auf und streifte ihn. Die winzige Berührung. Brechreiz. Sie musste sich am Tisch festhalten. Dann begann sie, auf und ab zu gehen.»Das ist alles kindisch. «sagte sie. Kindisch. Immer wieder musste sie» kindisch «sagen und gehen dabei. Der Mann sah ihr nicht zu. Er saß mit dem Rücken zu ihr. Sie sagte» kindisch «vor sich hin und überlegte, ob sie ihn außer Gefecht setzen konnte. Aber sie wusste währenddessen schon. Er wartete darauf. Er hielt den Kopf angespannt nach vorne gebeugt und wartete. Sie setzte sich auf den anderen Sessel.

Der Mann ließ sich auf der anderen Seite des Tischs in den Sessel gleiten. Ob sie es nun endlich begriffen habe. Woran könne sie sich erinnern. Donnerstag. Freitag. Der 16. und 17. Dezember seien das gewesen. Sie solle sich konzentrieren und einfach beginnen. Mit dem Donnerstag. Wie sei sie denn zu dem Treffen damals gekommen. Wann. Sie habe wahrscheinlich hier gefrühstückt. Damals sei dieses Haus ja noch das Hotel gewesen. Damals habe sie ja noch in den compound fahren müssen. Damals habe Allsecura ja dieses Hotel noch nicht als Ausbildungs- und Administrationszentrum gekauft gehabt. Also. Wie sei das gewesen. Was habe sie zum Frühstück gegessen.

Sie schaute dem Mann ins Gesicht. Ließ ihn reden und schaute ihn an. Blickkontakt. Blickkontakt halten. Sie hörte nicht genau, was er sagte. Sie sah ihn reden. Der Ton war wie weit weg. Wodka. Ihr fiel Wodka ein. Sie konnte eine Flasche Wodka spüren. Wie sie die in der Hand hielt. Wie sie die öffnete. Aufschraubte. Ansetzte. Wie der Wodka über die Kehle. Kalt und glatt in der Kehle. Wie alles klar zu sehen und doch weit weg sein konnte. Sein hatte können. Mit Wodka. Sie konnte ja nicht mehr trinken. Sie konnte sich Wodka nur mehr vorstellen. Wenn sie einen Schluck nahm. Sie musste ihn ausspeien. Ausprusten. Der Geruch. Ekel. Es war aber kein Ekel, den sie fühlte. Es war ein Ekel, der für sich allein reagierte. Ein Ekel war das, der in ihr wohnte. Ein Ekel, den sie beherbergte und der reagierte, wenn der Reiz ausgelöst wurde. Sie war von Ekel befallen. Sie selbst. Sie hätte Wodka trinken mögen. Lange Züge nehmen und dann der Welt zusehen, wie sie wegrückte und alles so leicht wurde. Easy. Der Ekel. Der hatte ihr das genommen. Der Ekel hatte sich dazwischengeworfen. Sie wischte sich die Tränen ab. Der Mann hatte aufgehört zu reden und schaute sie an. Erwartungsvoll. Auffordernd. Sie suchte in ihren Jeanstaschen nach einem Taschentuch. Es war keines da. Sie wusste das. Sie wünschte sich, der Mann reichte ihr ein Tuch. Ein Taschentuch. Oder ein Kleenex. Er sah ihr ins Gesicht. Diese Ablenkungsmanöver würden ihr nicht helfen, sagte er. Das solle sie nicht glauben. Sie bräuchte ihn gar nicht so anzusehen. Sie solle sich die Tränen sparen. Oder wolle sie ihn anmachen. Wolle sie ihn verführen.

Er stand auf und kam um den Tisch neben sie. Er stand hinter ihr. Ein winziger Abstand. Sie solle ihm jetzt sagen, woran sie sich erinnern könne. Was geschehen sei. An diesem Donnerstag und Freitag. Es ginge um Vertrauen. Man könne Vertrauen in sie nur haben, wenn sie keine Geheimnisse habe. Überhaupt keine. Es wäre doch nicht zu verstehen, warum sie diese beiden Tage nicht erzählen wolle. Alle anderen. Da hätte sie doch sicherlich keine Probleme. Sie seufzte.»Warum. «fragte sie.»Warum diese Tage. «Sie musste den Kopf senken. Mit dieser Frage. Sie hatte das Gefühl, etwas preisgegeben zu haben. Sie fühlte eine Zerrissenheit. Sie hatte damit nichts gesagt. Sie hatte nichts damit gesagt. Sie war aber wütend auf sich. Sie hätte gar nichts sagen sollen. Wenn sie hier erstickte, dann erstickte dieser Mann auch.»Sagen Sie mir doch einmal Ihren Namen. «sagte sie und hasste sich dafür. Sie nahm Kontakt auf und wollte das nicht. Sie solle nicht seufzen, sagte der Mann. Und was sein Name damit zu tun habe, dass sie ein Geheimnis für sich behalten wolle und dass man kein Vertrauen zu ihr haben könne.

Das Atmen ging nicht mehr. Die Brust ließ sich nicht heben, dem Einatmen Platz zu machen. Ein Flimmern fiel vom Scheitel über ihr Gesicht. Hinter ihr Gesicht. Rieselte in die Arme. Sie konnte die Arme nicht heben. Konnte die Arme nicht erreichen. Sie musste schlucken. Gegen die Atemlosigkeit schlucken. Aber kein Speichel. Die Kehle. Ein trockenes Reiben. Sie holte ihre Arme auf den Tisch. Gummibewegungen. Dann legte sie den Kopf auf die Arme. Sie hatte diese Anfälle. Oder was das war. Sie hatte das seit der Narkose. Überfälle waren das. Überfälle eines Verlassens. Einer Verlangsamung. Als schliefe ihr ganzer Körper ein. Als wäre ihr ganzer Körper eingeklemmt und nicht nur ein Bein oder ein Arm. Sie lag. Konnte in den Armen aber nichts spüren. Sie lag auf ihren Armen und fühlte die Arme nur in den Wangen. Wie Gummiwürste, auf denen sie lag.

Der Mann war über sie gebeugt. Das wäre die falsche Strategie. Er sagte das ganz ruhig. Gelassen. Er würde auf so etwas schon gar nicht reagieren. Und dann hatte sie Todesangst.

Die Angst vertrieb sie aus ihrem Körper. Sie musste sich sehen. Irgendwie von oben musste sie sich selber sehen. Wie sie schlaff dalag. Dahing. Wie ihr die Sinne schwanden. Wie sie schluchzend gegen die Atemnot anschluckte und wie es klar war, dass sie jetzt starb. Sie konnte nichts sagen. Nichts schreien. Keine Bewegung. Sie war gerade in der Lage, dieses Schlucken. Sie hätte nichts flüstern können. Sie wollte um Hilfe rufen. Um Hilfe flehen. Aber sie musste schlucken. Ihr Hals vor Schlucken verschlossen. Zugeschnürt. Und ein Elend. Im Bauch. Im Magen. Ein tobendes Elend. Der Magen krampfte und stieß Säure in die Kehle hinauf. Die Säure schnitt in die trockenen Häute. Schneidende Ränder in der Kehle. Aber dann auch schon weiter weg. Es rutschte ja alles weg. Sie sah sich nach sich selber greifen. Sah sich davongleiten. Versuchte, sich aufzuhalten. Sie müsse nur sagen, woran sie sich erinnern könne. Der Mann klang beruhigend. Sie solle das sagen, und sie käme sofort an die frische Luft.»Ins Freie. «sagte der Mann. Sie wusste nicht mehr, wo er stand. Seine Stimme. Von irgendwo im Raum. Sie wollte es sagen. Sie wollte sagen, dass sie sich nicht erinnern konnte. Sie wollte sagen, dass sie aber betrunken gewesen war. Dass sie offenkundig so betrunken gewesen war, dass sie mit irgendjemandem gefickt hatte. Oder jemand sie. Und dass sie das alles nur wusste, weil sie eine Fehlgeburt erlitten hatte, und dass sie gestehen musste, dass sie keinen Geschlechtsverkehr gehabt hatte seit dem August des vergangenen Jahres. Und dass die Daten. Dass die Daten diesen Verdacht bestätigten. Sie sagte das alles im Kopf. Sie formulierte alle diese Sätze weit oben im Kopf. In einem Rest von ihrem Kopf. Ganz oben unter der Schädeldecke vorne. Fiebrig. Fiebrig nebelig. Aber der Nebel flirrend und in schwarzen Pünktchen flimmernd. Sie spürte wieder Tränen auf der Wange. Die Wolle des Pullovers feucht. Sie fand sich atmen. Während sie die Wahrheit gedacht hatte, hatte sich der Panzer der Brust gehoben. Sie atmete flach. Sie zwang sich, die Luft tief in den Bauch zu holen. Sie schnappte dann doch nach Luft. Sie schämte sich. Die Scham erfüllte sie. Aber die Scham ließ dem Atmen Platz. Die Kehle war feuchter. Sie musste sich räuspern. Schnappte nach Luft. Räusperte sich. Der Kopf wurde wieder ganz. Sie schloss einen Augenblick die Augen. Es war schmerzhaft. Ihr wurde schwindelig, so fühlte der Kopf sich hin und her geworfen. Als schlüge das Blut den Kopf von innen von einer Seite zur anderen.

Sie musste den Kopf heben. Im Liegen würde das Elend wieder ansteigen. Sie lehnte sich zurück. Der Mann ging um den Tisch und schaute sie an. Er musterte sie. Sie konnte sehen, wie er sie einschätzte. Sie konnte wieder Luft bekommen. Sie saß ihm gegenüber. Sie schaute seinem abschätzigen Mustern zu. Wut stieg in ihr auf. Sie sah, wie der Mann das sehen konnte. Sie hasste sich dafür. Sie hasste ihr Gesicht, das kein Geheimnis behalten konnte. Der Mann begann zu grinsen. Sie hasste diesen Mann und sich. Rasende Wut. Jetzt schlüge sie ihn gerne, sagte er. Das könne er sehen.

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