Geronimo hatte nicht einmal aufgesehen, als Mario die Arme von der Lehne genommen, ihn angeblickt und gesagt hatte:»Du warst wie vom Erdboden verschwunden. «Ich glaubte, Geronimo beende nur den Abschnitt, bevor er sich erklären würde. Doch Mario nahm schon wieder seine vorherige Position ein, lehnte den Kopf an die Wand und diktierte weiter.
«Doch sehr bald schon mußte ich feststellen, daß die Uniformierten, mit den Knüppeln auf ihre Schilde schlagend, immer weiter vordrangen. Dabei kamen sie nun auch vom Busbahnhof aus in breiter Front die Straße entlang, so daß es kein Entrinnen gab. Drei oder vier Jugendliche wollten sich seitwärts entfernen. Auf einen stürzte ein Uniformierter zu und rannte ihn zielgerichtet aus vollem Lauf brutal um. Anschließend schlug er auf den sich nicht wehrenden Bürger erbarmungslos mit dem Gummiknüppel ein. Ein weiterer Uniformierter eilte ihm zu Hilfe. Gemeinsam schleppten sie das Bündel nach hinten. «Mario beschrieb die Aktionen der Uniformierten, das Hin und Her. Schließlich kam die Reihe an ihn.»Sturmtrupps begannen, die letzten verstreut umherstehenden Bürger zu jagen, einzufangen, zusammenzuschlagen und in die Einkreisung zu schleppen. Ich vernahm, wie jemand rief: ›Da ist noch einer!‹ Erst spät bemerkte ich, daß 3 Armisten auf mich zustürmten. Ich drehte mich um, sah um mich — keiner in meiner Nähe. Ich begriff — die jagten mich! Ich begann zu flüchten. Aufgrund meiner geistigen Schaltpause waren sie jedoch schneller heran, als ich weg war. Und so blieb ich stehen, hob die Arme und rief: ›Ich komme freiwillig mit, ich wehre mich nicht!‹ Zwei Uniformierte packten mich, einer nahm mich in den Schwitzkasten und drückte sehr fest zu. Der andere drehte mir meinen rechten Arm sehr schmerzhaft auf den Rücken. Dabei schlugen sie 4–5mal auf meinen Rücken ein und brüllten: ›Halt deine dreckige Schnauze! Noch ein Wort, und du sprichst tagelang nicht mehr!‹ Sie schleppten mich in die Einkreisung. ›Nicht so zaghaft! Sonst helfe ich nach!‹ schrie ein Uniformierter. Ich wurde auf die Straße geworfen, ein Stiefeltritt in den Rücken half nach. Dort lagen schon andere Bürger, etwa 10 Personen. Jemand brüllte: ›Gesicht auf die Erde, Arme breit und nach vorn, Beine breit, Arsch runter!‹ Ein Uniformierter trat mir kräftig auf das Hinterteil und rief dabei: ›Weiter runter, flacher!‹ Ich konnte dann auf die Uhr sehen. Es war 0.25 Uhr. Die Kälte des Erdbodens durchdrang langsam meine Kleidung, ich fror. Nach einer Weile fuhren LKWs (W50) vor. Eine Leibesvisitation erfolgte, bei der wir in der beschriebenen Stellung verharren mußten. Zu meiner rechten Seite warf ein Uniformierter nacheinander 2 Flaschen auf den Erdboden. Einzelne Splitter gingen bedenklich nahe unseren Köpfen nieder. Bald wurde von rechts her begonnen, jeden Liegenden einzeln hochzuzerren.«
Bisher hatte Mario monoton gesprochen und nur am Satzende die Stimme gesenkt. Bei allem Merkwürdigen, das diese Situation ohnehin schon besaß, fragte ich mich, warum die beiden einander nie ansahen. Als Mario die Torturen beschrieb, wurde seine Stimme lebhafter. Mitunter, etwa beim Tritt auf sein Hinterteil, lachte er sogar auf. Geronimo hingegen beugte sich dann wie ein schlechter Schüler tiefer über das Blatt. Ich habe Marios Erzählung, vor allem die folgenden Teile, weit weniger ungelenk in Erinnerung, als sie jetzt nachzulesen sind:
«Wir wurden zum LKW geführt und mußten aufsteigen. Dabei bekam ich abermals Schläge. Neben mir wurden weitere 4 Bürger plaziert. Uns gegenüber nahmen knüppelschwingend 2 Uniformierte Platz. Draußen brüllte ein Uniformierter: ›Euch Dreckschweinen werden wir’s zeigen!‹ Während der Fahrt durften wir nicht nach hinten hinaussehen und hatten die befohlene Haltung beizubehalten. Die Fahrt dauerte ca. 15 Minuten und war sehr kurvenreich. Warnend schlugen die 2 Bewacher mit ihren Knüppeln auf die Sitzbänke. Das Fahrzeug hielt. Wir mußten runter vom LKW. Dies sollte einzeln und nacheinander geschehen. Doch auf der anderen Seite ging es den Uniformierten nicht schnell genug, sie halfen nach. Wir befanden uns auf Kasernengelände. Es regnete. Wir 5 mußten uns in einer Reihe hintereinanderstellen, die Hände im Genick verschränkt, Beine auseinander. Wie lange wir so standen, weiß ich nicht. Dann mußten wir eine Treppe hinaufrennen in ein Gebäude, auch dabei die Hände im Nacken. Wir kamen in einen Raum. Jeder mußte sich mit der Stirn an die Wand lehnen, Beine weit weg von der Wand und breit gespreizt, Hände im Nacken. Zweite Leibesvisitation. Dabei nutzten die hinter uns stehenden Uniformierten lebhaft die Möglichkeit, der mit dem Körpergewicht belasteten Stirn Schmerzen zu bereiten. Taschenentleerung. Danach hatte jeder an einen Tisch zu treten und seine Personalangaben zu machen. Dann ging es in einen großen Raum (Klubsaal?) mit Parkettfußboden. Aufstellung: Beine breit, Gesicht zur Wand, Hände im Nacken. Der Saal füllte sich immer mehr. Ich konnte wieder auf die Uhr sehen. Es war 1.45 Uhr (7. 10. ›Tag der Republik‹). Wir wurden durch 2 Mann bewacht. Einer belehrte uns aus dem Hintergrund: ›Sie befinden sich in einem militärisch gesicherten Objekt. Bei Fluchtversuch wird geschossen!‹«
Bei den Zitaten entwickelte Mario nach und nach schauspielerische Qualitäten. Besonders schien ihn das» geschossen «zu reizen, das er mehrfach wiederholte. Von da an hatte ich den Eindruck, er wende sich zunehmend an mich.
«Regelmäßig wurden wir während der Stehzeit schikaniert und mißhandelt. Links von mir wurden einem Stehenden von hinten die Beine weggerissen, er fiel mit dem Gesicht auf das Parkett. Jede Bewegung wurde mit Schlägen eines Gummiknüppels beantwortet. Ein vierzehnjähriger junger Mann meldete sich, daß man bitte seine Eltern informieren möchte, und wies darauf hin, daß er nierenkrank sei, Medikamente einnehmen müsse. Daraufhin wurde er geschlagen und weggeführt. Wenn man nicht mehr konnte, mußte man sich mit den Knien auf die eigenen Handrücken knien, bis die Hände geschwollen waren. Einmal mußte ich hören: ›Das sind alles Rädelsführer, die gucken wir uns mal ’n bißchen genauer an!‹ Und: ›Das wär nicht der erste, dem ich den Schädel aufklatsche, und ooch nicht der letzte!‹ Wir wurden ›Nazischweine‹ genannt, und es fielen Worte wie ›Jetzt machen wir Chile mit euch!‹. Gegen ca. 5 Uhr, meine Uhr war durch die Schläge kaputtgegangen, wurden wir mehrmals umsortiert. Das große Fenster war geöffnet. Es zog. In den Armen und Beinen hatte ich kein Gefühl mehr. Einmal brach ich zusammen. Danach bekam ich einen Verband um den Kopf, mußte mich aber nach kurzer Zeit wieder in die Reihe stellen. Nach erneuter Umsortierung wurde meine Reihe in einen anderen Raum getrieben. Es gab einen Kübel Tee. Einer von uns mußte dann den verschmutzten Erdboden auf den Knien rutschend wischen. Danach bekamen wir eine Schmalzschnitte. Dann wurde umsortiert. Wir standen anschließend sehr lange auf dem Flur, nahe der Küche. Erneute Erfassung der Personalien. Dann Aussortierung einzelner Personen. Auch mein Name war dabei, mein richtiger Name. Sonst riefen sie mich nur Inder. ›Was denn, Inder hammer wohl ooch schon hier?‹ Ein auswärtiger Leutnant der Kriminalpolizei in Zivil nahm die Befragung vor. Dann ging es wieder runter in den Raum. Im Türeingang des Raumes standen wie zuvor 1–2 Bewacher. Sie achteten besonders auf die Einhaltung des Schlafverbotes. Wer irgendein Anzeichen dafür zeigte, auch nur im geringsten Ansatz, wurde hochgerissen und munter gemacht, das heißt, er bekam Sonderbehandlung auf dem Flur. ›Sind Sie müde? Na, dann aber auf!‹ Draußen ging es dann lautstark zur Sache. Von den Sonderbehandlungen kamen sie immer mit blutleeren Fingern zurück und waren minutenlang nicht in der Lage, einen Becher Tee zu halten. Ein gutgekleideter grauhaariger Herr saß bewegungslos auf seinem Stuhl und starrte apathisch geradeaus. Bei einem anderen war die eine Gesichtshälfte völlig zerschlagen, verquollen und blutunterlaufen. Ein älterer, einfach gekleideter Mann hatte total zerschundene Hände. Ich habe auch ein Protokoll unterschrieben, nach dem Verhör. Eine weibliche Uniformierte, sie war Hauptmann, gab mir meinen Ausweis zurück, händigte mir die Eröffnung eines Ordnungsverfahrens zur Unterschrift und Stellungnahme aus und erfragte die Vollständigkeit der persönlichen Dinge. Mit der Empfehlung, den Hauptbahnhof weiträumig zu umfahren, wurde ich gegen 18.30 Uhr entlassen.«
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