Wir müssen erst zivilisiert werden. Wir haben nicht unbedingt aus Charakterschwäche versagt, sondern weil unser ganzes Sensorium nicht stimmt.
Mit zweihundert D-Mark in der Tasche wurden die Schaufenster erst so richtig interessant. Stehenbleiben oder Weitergehen bedeuteten nun nicht mehr dasselbe wie zuvor. Warum wir ausgerechnet in einem Topfladen landeten, kann ich Dir nicht erklären. Ich mußte nur einen der schweren Deckel anheben, um der Faszination zu erliegen. Ich hielt den Topfrand für magnetisch, denn dieser schien den Deckel anzuziehen und automatisch für den perfekten Sitz zu sorgen.
Wir deckelten uns gerade durch den Laden, als Wolfgang, der Hüne, eintrat. Er ging auf unser Spiel ein, die Verkäuferin versuchte die jeweiligen Vorteile aufzuzählen, indem sie von Eintöpfen, Suppen, Gemüseaufläufen, Spätzle, Braten und überhaupt von allen Gerichten schwärmte, die je in dieser Stadt auf den Herd gekommen waren.
Wir lauschten. Wolfgang klopfte mit den Fingerknöcheln gegen die Töpfe, als prüfte er eine Glocke auf die Reinheit ihres Klangs.
Irgendwann war klar, wir würden unser Geld in diesem Laden lassen. Wir hatten uns schon auf zwei Töpfe ohne Deckel geeinigt, als uns Wolfgang einen Fünfziger zusteckte. Jetzt reichte es für das Sonderangebot: drei Töpfe inklusive Deckel für 249 D-Mark. Die Verkäuferin — niemals würden wir unsere Wahl bereuen — begleitete uns zur Tür. Erst dort händigte sie Michaela die dritte Plastetüte aus.
Ich suchte nach dem Autoschlüssel, als Michaela von einer Frau begrüßt wurde, die ich erst auf den zweiten Blick und dann auch nur an ihrem Mantel erkannte. Die Zeitungszarin hatte eine ganz andere Frisur. Sie fragte, wie es uns gehe, worauf mir nichts Besseres einfiel, als eine der Einkaufstüten aufzuhalten.»So schöne Töpfe!«sagte sie mit einer Inbrunst, als wären wir Kinder, nahm den Topf heraus und drehte ihn hin und her. Ich fürchtete, ihre Ringe könnten das Metall zerkratzen.
«So ein schöner Topf!«rief sie laut, überreichte ihn mir und verschwand mit einem Ade, das man in dieser Gegend auf der ersten Silbe betont.
Ach, Verotschka! Als gäbe es nichts Wichtigeres zu schreiben! Wenn doch wenigstens Dein Herr von B. endlich bei uns erscheinen würde! Hat er auch einen richtigen Namen? Ich will zur Post fahren, damit der Brief heute noch wegkommt.
Ich sehne mich so nach Dir!
Dein Heinrich
Lieber Jo!
Jan Steen hat unser Schicksal entschieden! Es war gruselig wie im Märchen, doch am Ende bekam der dumme Iwanuschka 25den Schatz!
Wäre uns klar gewesen, was für uns bei dieser Reise auf dem Spiel stand, hätten wir es wohl nicht ausgehalten, auf Michaela zu warten, die erst in der Nacht entschieden hatte mitzukommen und deshalb noch morgens Tante Trockel als Aufsicht für Robert herausklingeln mußte.
Von siebeneinhalb Fahrtstunden blieben uns knapp sechs, nur eine mehr, als Jan Steen mit seinem Flitzer für dieselbe Strecke braucht. Michaela behauptete, Roberts Schulatlas auf den Knien, die Beifahrerposition und tat überhaupt so, als gebe es weder Jörg und Georg im Auto noch Jan Steens Wegbeschreibung. Trotzdem war ich froh, daß sie dabei war.
An der Grenze in Schleiz mußte ich den Kofferraum öffnen. Der Zöllner griff nach dem Schuhkarton mit den Flugblättern und den» klartext«-Ausgaben 26, Michaela hatte auf deren Mitnahme bestanden. Der Zöllner hielt die» Druckerzeugnisse «zwischen seinen Handschuhhänden und las oder tat wenigstens so, während Auto für Auto an uns vorbeirollte. Was das denn sei, fragte er.»Steht doch drauf«, sagte ich,»ein Aufruf zur Demo nach der Besetzung der Staatssicherheitsvilla.«
Als er sie zurücklegen wollte, hatte sich der Stapel verschoben und paßte nicht mehr in den Karton. Er stopfte die Blätter zurück, erteilte mir einen Wink, der alles hätte bedeuten können, und schlurfte in seinen Stiefeln davon, die matt in der Morgenröte glänzten. Ich fuhr sehr langsam über die Brücke, damit wir die Schneise im Wald sehen konnten.
Meine drei Beifahrer waren bald eingenickt, ich hingegen genoß alles, den rosaroten Wintermorgen, das seltsam flatternde Geräusch, das die Reifen auf der Fahrbahn machten, die weiten Kurven, das Tempo, die Musik, die Verkehrsnachrichten, die Lastzüge und dahinjagenden Autos, die Felder und Dörfer und Hügel. Sogar der Schnee erschien mir an diesem Morgen westlich!
Den einzigen Stopp machten wir hinter Nürnberg. Um Tankstelle und Raststätte herum tummelten sich unsere Landsleute, die mit ihren Stullenpaketen und Thermosflaschen bei heruntergekurbelten Scheiben picknickten. Allein an ihren eifrigen Kaubewegungen und ruhelosen Blicken hätte man sie erkennen können. Nachdem ich einen Parkplatz gefunden und den Kofferraum geöffnet hatte, meuterte Michaela. Wenn es schon ein Restaurant gebe, wolle sie keinesfalls wie ein Hund vor der Tür bleiben. Sie lud uns ein.
Während ich mit Georg und Jörg noch unschlüssig an den Glaskästen mit den ausgestellten Speisen entlangschlich, drängte sich auf Michaelas Tablett schon rote Grütze mit Vanillesauce an Apfelstrudel, Obstsalat an Brötchen. Für jeden von uns hatte sie Rühreier bestellt, nur um Kaffee oder Tee sollten wir uns selbst kümmern.
Selbst Jörg, der, wie ich erst am Tisch sah, seine Brote mitgebracht hatte, kapitulierte vor diesem Tischlein-deck-dich und schmierte sich Butter aufs D-Mark-Brötchen und häufelte darauf Rührei mit Schinken.
Georg holte noch einen Teller Weißwürste mit süßem Senf, Michaela entdeckte Gurkensalat, Gurkensalat im Winter!
Wir füllten einen Kanister in den Tank und fuhren auf der Überholspur den Berg hinab. Ich freute mich an den Namen, die auf den Schildern auftauchten: Heilbronn, Karlsruhe, Strasbourg, Freiburg, Basel, Mailand. Ich hätte mich nicht mal gewundert, wenn wir plötzlich unter Palmen dahingebraust wären.
Kurz vor zwölf fuhren wir in Offenburg ein, fanden den» Ratskeller «und standen pünktlich vor Steen, der mit Wolfgang, dem Hünen, beim Bier saß. Alles drehte sich um Michaela. Steen lud sie ein, mit ihm zu fahren, Georg und Jörg wurden nach hinten verfrachtet, und ich tuckerte mit Wolfgang hinterher.
Der hatte mich bei der Begrüßung stumm umarmt, jetzt redete er ohne Punkt und Komma: wie wichtig es gewesen sei, pünktlich zu erscheinen, mit Bravour hätten wir das gemacht, mit Bravour, Steen halte viel von uns, endlich habe er jemanden, auf den Verlaß sei, Leute, die etwas wollten, es anpackten und nicht darauf warteten, daß ihnen gebratene Tauben in den Mund flögen. Steen habe seine gesamte Werbung für die Leipziger Messe storniert, die Anzeigen bekämen nun wir, ob das nicht eine Bravourleistung sei, diesmal von ihm? Er klatschte mir auf den Schenkel. Es ging den Schwarzwald hinauf. Ein paar Serpentinen genügten, um Steen zu verlieren. Erst als wir wieder abwärts fuhren, fanden wir Anschluß.»Verlangt tausend Mark, tausend De-eM pro Seite«, sagte Wolfgang, ohne den Kopf zu drehen.»Tausend D-Mark pro Seite«, antwortete ich.
Auf dem Parkplatz der» Sonne «standen Georg und Jörg, jeder für sich, als würden sie lauschen. Es war die Luft! So fein und kalt war sie, daß das Atmen weh tat.
Michaela, die mehr lag als saß, ließ die dunkle Scheibe auf und ab surren und stieg erst aus, als ein Angestellter des Hotels nach unserem Gepäck fragte. Sie folgte ihm, während wir von Steen ins Restaurant dirigiert wurden. Steen führte mehrere Unterhaltungen gleichzeitig, er hielt uns in Atem.»Tausend D-Mark«, flüsterte ich Jörg zu.
Das Restaurant schien geschlossen, wir waren die einzigen Gäste. Steen steuerte einen Ecktisch an, schob sich auf die Bank und blieb unter dem ausgestopften Kopf eines Rehbocks sitzen. Ich ging auf die Toilette. Ich war mir nicht sicher, ob Jörg mich verstanden hatte, und ließ mir Zeit, doch weder Georg noch Jörg kamen nach.
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